Stefan Baumeister

Die institutionellen und rechtlichen Voraussetzungen des Holocaust

Um zu klären, welche ausgewählten Aspekte zu den institutionellen und rechtlichen Voraussetzungen für den Holocaust gehören, müssen eine Fülle verschiedener Faktoren betracht werden, die teils eng miteinander verknüpft waren, teils einander bedingten. Die staatlicherseits propagierte Ideologie des Antisemitismus, die von Hitlers Weltanschauung ausging und die gesamte Gesellschaft durchdringen sollte, ist natürlich der Ausgangs- und Endpunkt aller Überlegungen. Entscheidend ist, daß diese antisemitische Ideologie das Staats- und Verfassungssystem sowie dessen Aufbau und Institutionengefüge mitprägen konnte. Es wurde eine Grundstruktur geschaffen, in der die Gesetzgebung und die Reglementierung seitens des Staatsapparates jene Freiheiten erlangen konnten, die es ermöglichten, antisemitische Maßnahmen und Verfolgungsmaschinerien ungehindert zu realisieren. Es entstanden unzählige antijüdische, sonderrechtliche Bestimmungen, auf deren Höhepunkt die gänzliche Entfernung der Juden aus der "arischen" Gesellschaft eine "systemlogische" Folgerung und Schlußforderung wurde.

Die Verfassungswirklichkeit des Deutschen Reiches hatte sich insofern gegenüber der Weimarer Reichsverfassung geändert, als die klassischen Elemente der Gewaltenteilung und Selbstbeschränkung der Exekutive, Legislative und Judikative einer neuen "völkischen" Verfassung weichen mußten, die als "lebendige Gesamtordnung des deutschen Volkes" durchgesetzt wurde (Huber 1939) und die auf drei neuen "Normativen" beruhte: dem absoluten Führerprinzip, dem Prinzip des Sonderrechts der "völkischen Ungleichheit" sowie dem Prinzip der Einheitspartei und des ideologischen Monopols der NSDAP. Mit diesen Normativen konnte die NS-Führung ihre ideologischen Vorstellungen radikalisieren und mit Hilfe von Gesetzen und der "umdeutenden" Gleichsetzung von "Verwaltungsverordnungen" und "Rechtsverordnungen" in politische Zielvorstellungen und gesellschaftliche Verhaltensmaßregeln pressen.

Der Normenstaat stützte sich dabei auf einige wenige grundlegende Gesetze mit "gesetzesvertretenden Verordnungen" und überließ die Ausgestaltung einer parteiideologischen Ministerialbürokratie, einer willfährigen Beamtenschaft und den linientreuen Sicherheitsbehörden. Mit dem faktischen Übergang des Gesetzgebungsrechtes auf die Exekutive wurde der Ressortbereich der Minister gestärkt, und die Möglichkeit der Ministerialebene, Gesetze (in materieller Hinsicht) zu erlassen, wurde eine verfassungsrechtliche Besonderheit. Die Ministerien wurden in Fragen der Rechtssetzung immer autonomer. Bei "Judenangelegenheiten" wurde in Gesetzen nur noch die grundsätzliche Richtung fixiert, die Einzelheiten und 'tagespolitischen' Interpretationen durch freie Ermächtigungen jedoch den ministeriellen Durchführungserlassen zugeschoben bzw. überlassen. "Unterermächtigungen" ermöglichten weitere Kompetenzbefugnisse, die wiederum neues Ausnahmerecht schufen und eine neue "Verordnungs"- Rechtssetzung möglich werden ließen. Nachfolgende Durchführungs- und Ausführungsbestimmungen weiteten das Ausnahmerecht für die Juden immer mehr aus und verschärften es, so daß das eigentliche Gesetz angesichts der großen Anzahl von Spezialbestimmungen, die dem immer stärker radikalisierten antisemitischen Klima durch ein ausuferndes Verordnungsrecht entsprachen, selbst nahezu bedeutungslos wurde.
Materielles Recht begann immer schneller in ministerielle Verwaltungsvorschriften einzusickern und gab somit allen Instanzen inklusive Sicherheitsbehörden (das Hauptamt Sicherheitspolizei wurde einer Ministerialinstanz vergleichbar und dadurch aufgewertet, bis es 1939 zum RSHA umstrukturiert wurde) die Möglichkeit, ihre antisemitischen Intentionen voranzutreiben. Zudem gewann die "Polizeiverordnung" immer mehr an Bedeutung und hebelte das bisherige klassische und jetzt nur noch rudimentär geltende Rechtssystem aus, was mit der Unterstellung der Juden unter Polizeirecht gipfelte.

Die Weiterentwicklung des diskriminierenden Sonderrechtes und die Absicherung der ideologischen Argumentation durch das omnipräsente "Absolutum" der "Volksgemeinschaft", insbesondere der Rechtsprechung, ließen gleich einer Einbahnstraße die Situation einer negativen Dynamik entstehen, die mit einem wachsenden Erfolgs- und Problemlösungsdruck konfrontiert wurde, der scheinbar nur noch durch immer konsequentere Verfolgung der Juden und durch die Suche nach einer endgültigen "Lösung der Judenfrage" aufgelöst werden konnte. Diese Suche war zunächst durch die Veränderung des Verfassungs- und Rechtssystems zeitweise kompensiert und erfolgreich vorangetrieben worden, doch mit der Zeit konnten die diskriminierenden Rechtsnormen, die zuletzt fast ausgeschöpft waren, das "Judenproblem" im Sinne Hitlers und seiner Anhänger nicht lösen. Die gänzliche Isolation der jüdischen Bevölkerung und ihre Auslieferung unter die exekutiven Sicherheitsbehörden waren die nächstmögliche Steigerung nach vorheriger "Ausschöpfung" der rechtlichen Diskriminierungsmöglichkeiten. Moralische Werte waren rechtstechnisch erfolgreich bekämpft, ausgehöhlt und vom Begriff der einigenden rassischen "Volksgemeinschaft" überlagert, ja absorbiert worden.

Zu den (herausragenden) Sicherheitsbehörden, die im Zusammenhang mit der Verfolgung und Vernichtung der Juden eines der wichtigsten Instrumente wurden, gehörten der Sicherheitsdienst (SD) des Reichsführers-SS und die Geheime Staatspolizei. Durch die Auswertung SD-interner Schriften und Berichte sowie Mitarbeiter-Schulungsunterlagen läßt sich nachweisen, daß der SD schon bald nach seiner Etablierung der "Judenfrage" eine immer größere Aufmerksamkeit schenkte, von Beginn an rational und systemsachlich arbeitete und dabei statistisch exakte Erfassungen anstrebte. Er lieferte der jeweiligen Situation gerechte aktualisierte Analysen zur "Lösung der Judenfrage" und erarbeitete hieraus selbständig politische Konzepte, die kompromißlos und in ihrer destruktiven Radikalität über die Spitzenvertreter des SD in die Handlungsoptionen der NS-Führung Eingang fanden. Es gelang dem SD, in enger Verbindung mit der politischen Polizei, sich einen immer größer werdenden institutionellen Vorteil zu verschaffen und seine exekutiven Funktionen zu erweitern, wodurch er vermehrt Kompetenzen und Informationsbereiche hinzugewann, die ihm als 'reiner Parteinachrichtendienst' verschlossen geblieben wären.
Der SD legte sich schon frühzeitig auf die Option der (Zwangs-) Aussiedlung fest, die eine realisierbare Konstellation der "Lösung der Judenfrage" anbot. Hitlers Maxime von der "Entfernung der Juden" aus der deutschen Gesellschaft war die Grundintention des SD, der die Realität gemäß der NS-Weltanschauung umformen wollte. Traten Schwierigkeiten auf, sollten diese nicht durch pragmatische Korrekturen in der Zielsetzung und somit also durch eine Zielkontrolle, sondern durch die Radikalisierung des Politikimplementationsprozesses gelöst werden. Dabei war die "wissenschaftliche" Tätigkeit der Anhäufung von Gegnerinformationen immer mit dem Anspruch auf eine Problemlösung in der Praxis verbunden. Hier prüften, koordinierten und befürworteten die SD-Judenreferenten Ideen zur Verschärfung der antisemitischen Politik zusammen mit anderen Behörden, um somit baldmöglichst behördenintern eine einheitliche Linie in der Behandlung der "Judenfrage" zu erreichen.

Die internen Berichte des SD lassen sein Selbstverständnis erkennen, das in der Verbindung von radikaler Ideologie und Machtbewußtsein sowie theoretischer Weltanschauung und praxisrelevanter Lösungssuche die jeweils effektivste Alternative anstrebte. Der SD verstand sich als Elite, die bessere Analysen der jeweiligen aktuellen Entwicklung in der "Judenfrage" und entsprechende antijüdische Konzepte liefern konnte als jede andere Instanz im nationalsozialistischen System. In der politischen Zuständigkeit der Behandlung der "Judenfrage" erkämpfte sich der SD im Verbund mit der Gestapo erst die Vorreiterrolle und dann die Alleinkompetenz, die er mit dem Anspruch, daß Weltanschauungen praktiziert werden müssen, mit äußerster Radikalität in der Zielsetzung erfolgreich verteidigte.

Führende Mitarbeiter aus dem SD wurden kommandierende Offiziere der "Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD". Diese mobilen Rollkommandos begannen nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion im Juni 1941 hinter den Fronttruppen im Rahmen eines weitgefaßten "sicherheitspolizeilichen" Auftrages den Massenmord an den osteuropäischen Juden. Die Erschießungen der Einsatzkommandos weiteten sich während des Sommers 1941 sowie im Herbst/Winter 1941/42 in Form eines unterschiedlich ablaufenden und sich über mehrere Monate hinziehenden Prozesses immer weiter aus, nämlich von einem "sicherheitspolizeilichen" Konzept hin zur Strategie einer umfassenden ethnischen Vernichtung mit dem Kulminationspunkt der flächendeckenden "Säuberung" ganzer Regionen und unterschiedslosen Exekutionen von Männern, Frauen und Kindern jeden Alters.

Entgegen früheren Forschungen geschah dies nicht aufgrund einer uniformen Befehlslage, sondern innerhalb eines Befehls- und Auslegungsrahmens, der den einzelnen Kommandos einen ganz erheblichen Handlungsspielraum über einen gewissen Zeitraum hinweg einräumte. Von den Kommandoführern wurde je nach der vor Ort angetroffenen Situation eine zum Teil sogar sehr umfängliche Eigeninitiative gefordert, mit der sie nach entsprechender "Lageeinschätzung" reagieren konnten. Diese hing von mehreren Faktoren ab, wie etwa vom Kollaborationsgrad der einheimischen Bevölkerung sowie deren "Selbstreinigungsbestrebungen", ferner von der Anzahl der angetroffenen Juden, der Einsatzdichte der Kommandos und den zur Verfügung stehenden Hilfstruppen, dem Bedarf an Arbeitskräften und dem Grad der Ghettoisierung sowie der Ernährungssituation vor Ort. Solche und weitere Faktoren beeinflußten die Entscheidungsfindung, wie die verschiedenen Strategien als "Sicherheitssäuberungen" oder "Großaktionen" durchzuführen waren.

Ab Herbst 1941 wurde der Handlungsspielraum der Kommandoführer eingeschränkt, als zunehmend Einzelanweisungen und Inspektionen vor allem der regional zuständigen Höheren SS- und Polizeiführer als Vertreter Himmlers das Vorgehen der Kommandos im Sinne der Zielsetzung "judenfreier Räume" vereinheitlichen sollten. Die Höheren SS- und Polizeiführer übernahmen die Initiative und begannen, das bisherige Geschehen mit Hilfe von "Großaktionen" konsequent zu steuern. Eine entscheidende Rolle spielte hierbei nun der Reichsführer-SS, der diesen Prozeß während seiner unermüdlichen Inspektionsbesuche bei seinen Generalbevollmächtigten auslöste. Ihm war per Führererlaß vom 17. Juli 1941 die "polizeiliche Sicherung" des Ostraumes übertragen worden. Dies verband er mit seinen Plänen einer "Neuordnung" und "Neugestaltung" der eroberten Ostgebiete, so daß durch eine großangelegte "ethnische Säuberung" die Massenermordung der jüdischen Bevölkerung ihren Anfang nahm.

In einem qualifizierten und arbeitsteiligen Verbund mit dem SD sorgte die Geheime Staatspolizei für einen "negativen Selektionsprozeß" gegen die "Feinde des nationalsozialistischen Systems". Vor allem in ihrem lokalen Handeln kamen die Methoden und die hauptsächliche Verfolgungsmaschinerie der Gestapo gegen die Juden zum Tragen. Ihr oblag es, die staatlich verordneten antisemitischen Maßnahmen und Ziele in der Gesellschaft durchzusetzen und dadurch die Isolation der Juden voranzutreiben. Dabei hatte die Gestapo das weite Spektrum von Verhaltensweisen zu überwachen, die möglicherweise gegen den "Geist des Nationalsozialismus" verstießen, und Abweichungen insbesonders von der vorgegebenen NS-Juden- politik zu bekämpfen.

Mit der vernetzten informationstechnischen Hilfe sämtlicher staats- und parteieigener Institutionen und vor allem durch die konsequente Auswertung zahlreicher Denunziationen aus der Bevölkerung gelang es der für eigene Überwachungsaufgaben reichsweit personell selbst nicht ausreichend ausgestatteten Behörde daher dennoch zunehmend, geringste Verfehlungen von Juden und "Judenfreunden" zu entdecken, zu ahnden und somit die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung immer weiter voranzutreiben. Das immer größer werdende politische und polizeiliche Durchsetzungsvermögen der Exekutivbehörden, das in einem großen Maß von der freiwilligen Mitarbeit zahlreicher "Volksgenossen" abhing, unterstützte die Verbreitung einer Atmosphäre der Angst und dadurch eine gewollt wachsende Entwicklung der Gesellschaft zur Ignoranz und zum Schweigen gegenüber der Judenverfolgung, die letztlich dazu führten, bei den von den regionalen Gestapobehörden organisierten Judendeportationen wegzuschauen.

Mit der Errichtung eines Judenreferats im Geheimen Staatspolizeiamt Berlin (Gestapa) wurde eine Koordinationsinstanz geschaffen, die Maßnahmen gegen Juden nicht nur mit anderen Sicherheitsbehörden abzusprechen, sondern die mit allen Behörden und Ministerien wie dem Finanz-, dem Arbeits-, dem Justiz- oder dem Wirtschaftsministerium zusammenzuarbeiten hatte und das koordinierte Vorgehen dieser Behörden unterstützten sollte. Diese wiederum richteten in den meisten Fällen eigene "Judenreferate" ein. Dazu bediente sich das Gestapa ebenso regionaler Judenreferate, welche die gestapoeigenen Direktiven und Richtlinien aus Berlin umzusetzen hatten. Diese Bezirksstellen organisierten später unter Regie des zentralen Reichssicherheitshauptamtes die Deportationen der Juden aus den Städten und Gemeinden in den Osten mit Hilfe der deutschen Reichsbahn und der erzwungenen Unterstützung der jeweiligen jüdischen Gemeinden bzw. der Bezirksstellen der Reichsvereinigung der Juden.

Bis zur Errichtung des RSHA und dessen Referat IV B 4 (Judenangelegenheiten, Räumungsangelegenheiten) war das Judenreferat des Gestapa Berlin die Anlaufstelle für alle höheren Staats- und Parteiinstanzen, die sich an der zunehmenden Isolation und Verfolgung der Juden beteiligten und die reichsweiten Koordinierungsbedarf anzumelden hatten.
In Absprache mit den führenden Vertretern des Reiches, insbesondere Himmler, bemühte sich das RSHA-Referat IV B 4 im Rahmen seiner politischen Vorgaben verstärkt um die Koordination der gewaltigen "Umvolkungs-" bzw. Umsiedlungsbewegungen im Osten, um dadurch den wechselnden Forderungen der Reichs- und Gauleiter nach "Umsiedlungen" von "Volksdeutschen", Polen und vor allem von Juden gerecht zu werden. Aus den sich teils widerstreitenden Interessenlagen der verantwortlichen höheren und höchsten NS-Führer und den letztlich scheiternden Projekten einer immer weiter improvisierten Judenumsiedlungspolitik entwickelten sich Zielkonflikte, die bald nur noch im Sinne radikaler "endgültiger Lösungen" maximalistisch bewältigt werden sollten.
Eine menschenverachtende Besatzungsverwaltungspolitik drückte den ohnehin schon geringen Status der Juden im Osten immer weiter nach unten, so daß die Hemmschwelle für deren Liquidierung (Erschießungen, Nahrungsmangel, Krankheiten, erschöpfende Arbeit) auf den tiefstmöglichen Grad sinken konnte. Als mitverantwortlich im Vernichtungskrieg und Mitvollstrecker bei lokalen Geschehnissen war die Wehrmacht in diese Vernichtungspolitik eingebunden, in deren Kreis sich die Einsatzgruppen der Sipo und des SD sowie das "Herren-menschenverhalten" der Besatzungsverwaltung entfalten konnten. Zusammen mit der langjährigen "Judenpolitik" des SD und der Gestapo waren dadurch Voraussetzungen geschaffen worden, die den Völkermord an den Juden vorantrieben.

Trotz aller Einsicht in diese Diskriminierungs- und Vernichtungsmechanismen drängt sich die Frage auf, wie es den deutschen Sicherheitsbehörden gleichwohl gelang, aus einem 70- Millionen-Volk (1933) die ideologisch "negative Auslese" technisch zu realisieren (1933 lag der Anteil der Menschen, die sich zum Judentum bekannten, bei 0,76 % der Gesamtbevölkerung, ca. 500.000). "Rasse- und Glaubensjuden" sollten aus der Bevölkerung umfassend selektiert werden. Somit war der erste Schritt, die Erfassung und Kartierung der Juden, die Grundvoraussetzung für spätere behördliche Überwachungsmaßnahmen. Mittels eines bürokratischen Verwaltungsnetzwerkes, durch Volkszählungen und durch die Inanspruchnahme der internen Listen jüdischer Vereinigungen und Gemeinden konnte umfangreiches Datenmaterial gesammelt werden, das die umfängliche Kartierung der Juden mit jeweils aktuellen Angaben ermöglichte. Durch die Einführung von Kennkartensystemen sowie Wohn- und Meldekarteien, die ständig aktualisiert wurden, konnte eine quantitative Bevölkerungserhebung verwirklicht werden, die darüber hinaus eine qualitative Ausgrenzungsklassifizierung ermöglichte.

Innerhalb dieses Verwaltungsnetzwerkes spielten die Arbeits- und die Gesundheitsämter eine besondere Rolle. Die Arbeitsverwaltung vollzog erste Trennungen zwischen "arbeitsfähigen" und "nichtarbeitsfähigen" sowie "kriegswichtigen" Juden und selektierte somit unter anderem auch persönlich in den Betrieben für zusätzliche "Freimachungen" die ersten Juden für Deportationen in den Osten. Durch die Überwachungsmechanismen, die mit der streng kontrollierten Ausgabe von Arbeitsbüchern durch die lokalen Arbeitsämter und deren Führung durch die einzelnen Betriebe verbunden waren, gelang eine zusätzliche Registratur der Juden im Reich, die jeweils auf dem neuesten Stand gehalten werden konnte, da Juden ohne Arbeitsbücher sofort der Gestapo zur Deportationsfreigabe gemeldet wurden.

Die reformierte nationalsozialistische Gesundheitsverwaltung realisierte eine neue Qualität der Erfassung der deutschen Bevölkerung. Durch umfangreiche Behördenvernetzungen zwischen Standesämtern, Meldebehörden, Parteieinrichtungen, Gesundheitsinstitutionen sowie Ärzten und internen Datenaustausch sollte eine flächendeckende, qualitative Bevölkerungserhebung erreicht werden, so daß ein weiteres Netz von ausführlich geführten Karteikarten erstellt werden konnte. Gerade die "Erb- und Rassenpflege" erfaßte insbesondere die Nichtarier und deren vollständige Familienstruktur durch Verweise auf Angehörige und Vorfahren. Die qualitative "Negativauslese" erleichterte den späteren sicherheitspolizeilichen Zugriff durch doppelt geführte und weitergemeldete Wohnregister bisher unauffälliger "Rassejuden" und somit den organisierten Abtransport. Dieser erfolgte wiederum im Einklang mit den Bedürfnissen der Arbeitsämter nach noch nicht offiziell gemeldeten "arbeitsfähigen" Juden.

Dazu kommen Personen, die als Wirtschaftsführer und Bevölkerungstheoretiker halfen, mit wirtschaftspolitischen Studien, zukunftsweisenden Szenarien und ökonomischen Optimierungsversprechen ein politisch-wirtschaftsorientiertes Klima aufzubauen und zu stabilisieren, in dem die jüdische Bevölkerung nur noch als möglicher Wirtschaftsfaktor angesehen und bewertet wurde. Dessen Dezimierung durch Massenvernichtung wurde ökonomisch abgesichert und als wirtschaftspolitisch wünschenswert vorangetrieben.

Im Deutschen Reich wurde unter dem Druck aufkommender Gerüchte und Diskussionen über die geheimen und schrecklichen Vorgänge im Osten eine Reaktionsstrategie aufgebaut, die vor allem bei der Partei und der Justizverwaltung jeweils extrem ambivalent ausgeführt wurde. Die Partei versuchte den Völkermord an den Juden für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, indem sie einerseits das Wissen der Bevölkerung von den Verbrechen als Motivation für verstärkte Kriegsanstrengungen benutzte und gezielt die Angst vor einer "schrecklichen jüdischen Vergeltung" schürte. Andererseits versuchte die Partei die Deutschen in den eigenen Verantwortungsbereich als Mitschuldige miteinzubeziehen, indem sie wiederholt die Vorteile geltend machte, welche die Deutschen durch die Entfernung der Juden aus der Gesellschaft genossen hätten. Eine Stärkung der Moral des deutschen Volkes für den totalen Kriegseinsatz aus Angst vor jüdischer Vergeltung und eine Politik der propagierten kollektiven Verantwortung für 'zu viele verübte Greueltaten im Namen des deutschen Volkes' (Göring 1942) durch die langjährige Bestätigung des Führers sollten dem einen Ziel dienen: die Bevölkerung weiterhin bzw. noch geschlossener hinter Hitler zu einen.

Widersprüchlich war auch das Verhalten der Justiz, das in zwei gegensätzliche Handlungsvarianten unterschieden werden kann. Die Zensurtätigkeit der Justiz bei der Beurteilung von öffentlichen Äußerungen über den Völkermord an den Juden zeigt das prinzipielle Dilemma der Justiz und des gesamten Sicherheitsapparates. Jede Meinungsäußerung und öffentlich diskutierte Gerücht über den Mord an den Juden, das ungestraft verbreitet wurde, hätte den Eindruck verstärken können, es handle sich um eine Teilwahrheit der "Geheimen Reichssache". Dagegen konnte eine strenge strafrechtliche Verfolgung (bis zur Todesstrafe) aller Gerüchte und denunzierten Meinungsäußerungen jenem Thema eine wiederum diskutable Aufmerksamkeit zukommen lassen. Diese Aufmerksamkeit allerdings lief den Geheimhaltungsabsichten der Partei zuwider, was zu einem ähnlichen Dilemma führen konnte wie schon Jahre zuvor bei der Sanktionierung von Äußerungen über die geheimen "Euthanasie"-Morde, die letztlich öffentliche Bevölkerungsproteste ausgelöst hatten.

Die Mitverantwortung und Mitarbeit der Justiz am Völkermord liegt jedoch in folgendem begründet: Die Verfolgung von Personen, die sich über den Mord an den Juden äußerten, wurde in "Heimtücke-" und "Wehrkraftzersetzungsverfahren" angestrengt und diese dann als "Lüg- ner" und "Hetzer" verurteilt. Mit diesem Sanktionsinstrumentarium wurde der Ausweitung der Völkermordgerüchte generalpräventiv entgegengewirkt und dadurch wurden mögliche Impulse für oppositionelle Gegenmaßnahmen behindert. Im Gegensatz dazu wurde dann bei gezielten Verfahrenseinstellungen, durch die Herausnahme von verdachtsauslösenden Aussagen in Anklageschriften und Urteilen, eine Erörterung über den Genozid bewußt vermieden und durch diese Zensurtätigkeit zu vertuschen versucht. Die zusätzliche Verfolgung von "Judenfreunden" oder daraus resultierenden "Sabotagehandlungen" unterstützten die ungehinderte Fortführung des Völkermordes.

Bei der Justiz kollidierte der Wunsch nach einer Vermeidungsstrategie der öffentlichen Erörterung der Judenmordpolitik und der Errichtung einer Mauer des Schweigens um die Vernichtungsvorgänge im Osten mit der staatspolitischen Anordnung, daß Gerüchte und dadurch vermutete Opposition strafrechtlich streng zu verfolgen seien. Das Schwanken zwischen beiden Handlungsmöglichkeiten diente jedoch nur einem einzigen Ziel, den reibungslosen Fortgang der "Endlösung der Judenfrage" in keinem Fall zu behindern oder gar zu gefährden.
Eine Vielzahl von teils äußerst komplexen Faktoren, die miteinander in Verbindung standen und sich untereinander teilweise bedingten, zeigen die Strukturen eines Prozesses auf, dessen schrittweiser Ablauf abhängig war von rechtlichen, institutionellen, organisatorischen und verwaltungstechnischen Voraussetzungen, die zum Massenmord an den europäischen Juden führten.

Von Stefan Baumeister
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Ausführlich dazu:

Stefan Baumeister: Zur Organisation und Realisation der Schoáh.
Rechtliche, institutionelle, organisatorische und verwaltungstechnische Voraussetzungen des Massenmords an den europäischen Juden. Konstanz 2001, 528 Seiten.