SS-Schießplatz Hebertshausen[1]

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Übersicht

1. Einleitung

2. Hintergrundinformationen für den Besuch des SS-Schießplatzes bei Hebertshausen

2.1 Vorbemerkung

2.2 Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener

2.3 Die Massenerschießungen im KZ-Dachau

2.3.1 Erschießungen im Bunkerhof

2.3.2 Erschießungen im SS-Schießplatz bei Hebertshausen

            - Der Ort der Erschießungen

            - Der Ablauf der Erschießungen

            - Teilnehmer an den Exekutionen seitens der SS:

2.4 Ideologischer (gewollter) Nebeneffekt der Erschießungen

2.5 Reale Reaktion der Beteiligten

2.6  Neuerer Forschungsstand über die Registrierung der russischen Kriegsgefangenen

2.6.1 Bisheriger Stand  der Forschung

2.6.2 Die Bestände der Wehrmachtauskunftstelle im Archiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation in Podolsk (ZAMO) und in der Deutschen Dienststelle Berlin

2.7 Die Geschichte des SS-Schießplatzes nach dem Krieg

2.8 Mögliche Gestaltung eines Besuches mit einer Klasse


Anlagen

  • Anlage 1
    Schemazeichnung des Pistolenschießstands

  • Anlage 2
    Bericht des Augenzeugen Josef Thora

  • Anlage 3
    Ergebnis von Ausgrabungen

  • Anlage 4
    Poetische Texte / Gedichte

 

1. Einleitung


Die KZ-Gedenkstätte Dachau als Lernort für verschiedene Themen in Bezug auf den Nationalsozialismus bietet nicht nur das Gelände des ehemaligen KZ mit dem Museum als „Anschauungsmaterial“. Vielmehr befinden sich in nächste Nähe noch weitere Orte, die mit Schülern zu besuchen durch aus Sinn machen, da sie vertiefend weitere Aspekte der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft im Allgemeinen und der SS im Besonderen aufzeigen. Gemeint sind hier die „Plantage“[2], auch „Kräutergarten“ genannt, und der SS-Schießplatz bei Hebertshausen. Die „Plantage“ bietet sich an als Beispiel für die Ausbeutung der Arbeitskraft der Häftlinge, der SS-Schießstand   als Beispiel für die mörderische, Moral und jedwedes Recht ignorierende Menschenverachtung des NS-Staates, der hier tausende von russischen Kriegsgefangenen durch die SS erschießen ließ.

Im Folgenden sollen Hintergrundinformationen und Anregungen zur Gestaltung eines wenigstens kurzen Besuches des SS-Schießplatzes angeführt werden.

Lage:

Die Gedenkstätte Schießplatz liegt etwa 2,5 km von der KZ-Gedenkstätte entfernt. Sie erreichen sie, wenn Sie der Alten Römerstraße entlang den Mauern der KZ-Gedenkstätte folgen bis sie in die Straße nach Hebertshausen/Freising mündet. Folgen Sie der Beschilderung und biegen Sie dann nach ca.100m links ab! Achtung: Schmale Zufahrt! Nur PKW-Parkplatz; keine Wendemöglichkeit für Busse! Diese bleiben besser auf der Hauptstraße stehen.

 

2. Hintergrundinformationen[3] für den Besuch des SS-Schießplatzes[4] bei Hebertshausen

 

2.1 Vorbemerkung

Die Behandlung von Kriegsgefangenen ist in der „Haager Landkriegsordnung“ von 1907 und der „Genfer Konvention“ von 1929 völkerrechtlich geregelt. An diese hielt sich auch das Deutsche Reich unter den Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs, ausgenommen der Krieg gegen Russland.

  2.2 Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener

Der Feldzug gegen Russland hatte nach Generaloberst Halder unter anderem die „Vernichtung der bolschewistischen Kommissare und der kommunistischen Intelligenz“[5] zum Ziel.
Um dieses Ziel zu erreichen, mussten die Kriegsgefangenen aus dem Kompetenzbereich der Wehrmacht - völkerrechtswidrig - in den der SS eingegliedert werden.  
Die „Einsatzbefehle Nr. 8 und Nr. 9“ - sog. Kommissarbefehl -  vom 17. bzw. 21 Juli 1941 von Heydrich für die Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei und des SD zeigen die Absicht der NS-Führung deutlich auf.
So heißt es im „Einsatzbefehl Nr. 8“, das Ziel sei die „politische Überprüfung aller Lagerinsassen (i.e. russische Kriegsgefangene (Anmerkung des Verfassers)) und weitere Behandlung“. Es sind unter den Kriegsgefangenen

„alle bedeutenden Funktionäre des Staates und der Partei, insbesondere die Funktionäre der Kommintern, alle maßgebenden Parteifunktionäre der KPdSU ..., alle Volkskommissare ..., alle ehemaligen Polit-Kommissare in der Roten Armee, ... die führenden Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens, die sowjetrussischen Intelligenzler, alle Juden , alle Personen die als Aufwiegler oder fanatische Kommunisten festgestellt werden, ausfindig zu machen.“

Der Hintergrund der Aussonderungen war die Angst, die sowjetischen Kriegsgefangenen, die auf Reichsgebiet in Lagern gefangenen g.ehalten wurden, könnten die deutsche Bevölkerung mit kommunistischen Gedankengut infiltrieren.
Im „Einsatzbefehl Nr.9“ wird deutlich, was nach der Aussonderung geschieht. Er besagt unter anderem, dass die Exekutionen der in Kriegsgefangenenlagern auf Reichsgebiet ausgesonderten Russen „unauffällig im nächsten Konzentrationslager“ durchgeführt werden sollen.

 

2.3 Die Massenerschießungen im KZ-Dachau

 

2.3.1 Erschießungen im Bunkerhof

Die Massenexekutionen begannen im August / September 1941, nachdem die „Aussonderung“ unter anderem durch die Stapostelle Regensburg in den Wochen vorher angelaufen war. Die „Aussonderung“ basierte auf dem Prinzip der Denunziation, der immer wieder durch Folter „nachgeholfen“ wurde. „Ausgesondert“ und in das KZ-Dachau verbracht wurden russische Kriegsgefangene aus den Kriegsgefangenenlagern Hammelburg in der Rhön (höhere Offiziere und Mannschaften), Nürnberg-Langwasser, Memmingen, Moosburg und aus dem Wehrkreis Stuttgart. Von dem Offizierslager wurden 1100 Offiziere nach Dachau gebracht, von den Mannschaftslagern in Hammelburg und Nürnberg-Langwasser etwa 2000 Personen. Von den in den Gefangenenlagern „Ausgesonderten“ hat keiner überlebt, der nach Dachau gebracht wurde. Ihre Namen durften nach Anweisung durch die SS-Führung im KZ Dachau nicht in die Lagerliste aufgenommen werden, sondern nur die Nummern ihrer Erkennungsmarken notiert werden. So sollte ihre Identifizierung für immer unmöglich gemacht werden.

Die unregelmäßigen Transporte nach Dachau wurden von Gestapo-Männern begleitet. „Die russischen Kriegsgefangenen“, so der Leiter eines Einsatzkommandos, Paul Ohlers, „waren während des Transports mit Metall-Fesseln, je 2 Mann zusammengeschlossen ... . die Transporte fanden meistens nachts im Winter 1941 / 42 statt und dauerten durchschnittlich 12-18 Stunden, die Wagen waren nicht geheizt.[6]“ Die Gefangenen wurden mit (Güter-)Waggons der Reichsbahn und zum Teil mit LKWs transportiert.

Die ersten Massenerschießungen fanden im „Bunkerhof“ statt, i.e. der Hof zwischen dem Wirtschaftsgebäude und dem Arrestgebäude (= „Bunker“). Um die Erschießungen geheim zu halten, wurden die im Wirtschaftsgebäude und sonst in der Nähe arbeitenden Häftlinge in die Baracken beordert. Die Toten wurden im Krematorium des KZs, teilweise auch in München im Krematorium verbrannt.

 

2.3.2 Erschießungen im SS-Schießplatz bei Hebertshausen

Die SS sah die Geheimhaltung der Erschießungsaktionen innerhalb des KZ-Geländes nicht wirklich gewährleistet und verlegte die Exekutionen deshalb in den Übungsschießplatz bei Hebertshausen, der ca. eineinhalb Kilometer vom Konzentrationslager entfernt liegt. Die ersten Erschießungen fanden dort am 4.September 1941 statt.[7] Beendet wurden die Erschießungen im Schießplatz im Mai / Juni 1942. (Das bedeutet aber nicht das Ende von Exekutionen. In der Nähe des Krematoriums fanden weitere statt.)
Es wurden insgesamt ca. 4000 russische Kriegsgefangene erschossen, davon die Mehrzahl im SS-Schießplatz bei Hebertshausen.

Der Ort der Erschießungen

Der eigentliche Ort der Massenerschießungen war der Pistolenschießstand (siehe die Skizze in der Analge 1). Er war umgebeben von einem hohen Bretterzaun, um keine Beobachtungen von den umliegenden Feldern zu ermöglichen. An seinem östlichen Rand war ein Schuppen errichtet worden, der zur Aufbewahrung der Särge diente. Diese wurden zum Transport der Leichen in das Krematorium des Lagers benutzt und von dort wieder zurück gebracht. Die anfänglich einfachen Särge wurden später mit Zinkblech[8] ausgekleidet, um das Auslaufen von Blut zu verhindern.

 

Der Ablauf der Erschießungen

·       Nachdem die SS die russischen Kriegsgefangenen übernommen hatte, wurden diese mit Lastwagen zum Schießplatz gefahren.

·       Auf den Wällen um den Pistolenschießstand standen Wachposten der SS. Andere schirmten den gesamten Schießstand ab.

·       Dort wurden die Gefangenen zur östliche Schussbahn gebracht.

·       Es wurde ihnen befohlen sich auszuziehen.

·       Sie mussten sich in Reihen zu fünf Mann aufstellen.

·       Ihre Personalien wurden überprüft.

·       (Auf Grund eines Befehls Himmlers wurden kräftige Gefangene ausgewählt, um in Steinbrüchen zu arbeiten.)

·       Ein Dolmetscher erklärte den Gefangenen, dass sie nun erschossen werden.
(Diese Mitteilung führte bei den Gefangenen zu unterschiedlichen Reaktionen. Einige zeigten praktische gar keine, „stand(en) also wie gelähmt dort, andere stäubten sich, fingen an zu weinen und zu schreien .... daß sie Gegner des Bolschewismus seien, daß sie Mitglieder der russischen Kirche seien.“[9] Dass sie keinen Erfolg hatten, braucht nicht betont zu werden.)

·       Die Gefangenen wurden dann zur westlichen Schussbahn geführt und dort an Pfähle, die extra für diesen Zweck dort in den Boden eingelassen waren, gebunden und erschossen.
(Anmerkungen:
1. Für die nachfolgenden Fünfergruppen von Gefangenen hieß das also, sie stehen auf von Blut getränktem und mit Haut- und Knochenteilen übersätem Boden.
2. Üblicherweise wird bei Exekutionen auf die Brust des Opfers gezielt; hier zielten die SS-Männer aber - zumindest bei einem Teil der Opfer - auf die Köpfe, was zu einer förmlichen „Explosion“ der Köpfe führt[10]. (So kann hier wohl mit Fug und Recht eher von Abschlachten als von Erschießen geredet werden.)

·       Waren die Gefangenen noch nicht ganz tot, wurden sie mit "Gnadenschüssen" von Offizieren getötet.

·       Ein Lagerarzt war bei den Erschießungen anwesend um den Tod festzustellen. (Es wurde aber kein Totenschein für die Erschossenen ausgestellt, sondern nur eine Sammelmeldung an den Kommandeur gemacht.)

·       Danach luden SS-Leute die Erschossenen auf Wagen, fuhren sie aus der Schießflucht und warfen sie „auf eine Haufen“ im Hof des Pistolenschießstands.
(Für die Gefangenen, die „noch nicht an der Reihe waren“, bedeutete dies, dass sie auf dem Weg zur Erschießung an den toten Kameraden vorbei mussten.)

·       Anschließend legten SS-Sanitäter die Leichen in die oben erwähnten Särge und luden diese auf LKW.

·       Die Leichen wurden entweder im KZ-eigenen Krematorium verbrannt oder bei Kapazitätsengpässen in Münchner Krematorien.

·       Je Exekution wurden 30 bis 40 Menschen getötet.

·       Die zusätzliche „Ausrüstung“ der beteiligten SS-Männer war: Fausthandschuhe, Handtücher, Arbeitsanzüge (alles wurden, weil Blut verschmiert, dann später in der Lagerwäscherei gewaschen).

·       Die Kleidung der Exekutierten wurde gereinigt und aufbewahrt bzw. weiter verendet als Häftlingsbekleidung.

 

Teilnehmer an den Exekutionen seitens der SS:

·       Der Kommandant oder sein Stellvertreter, der Schutzhaftlagerführer oder der Adjudant des Kommandanten als Aufsicht über die Erschießungen.

·       Gestapo-Beamte bzw. Wehrmachtspersonal die bzw. das die Transporte begleitete.

·       ein Protokollführer

·       ein Dolmetscher (zum Teil Angehöriger der Dachauer SS); er hatte den Befehl mitzuteilen, sich in fünfer Reihen aufzustellen und sich auszuziehen.

·       Vertreter des Arbeitseinsatzes, der (nach Himmlers Befehl) kräftige Gefangene für die Arbeit im Steinbruch auswählte.

 

2.4 Ideologischer (gewollter) Nebeneffekt der Erschießungen

Die Erschießungen bedeuteten - wie oben schon angeführt - ein ungeheures Blutbad. Durch die Kopfschüsse spritzte Blut und Hirnmasse meterweit umher und die Erschossenen verloren viel Blut.

Der Hintergrund für diese blutrünstige Erschießungsmethode:

·       Die SS-Leute sollten „abgehärtet“ und an das Schlimmste gewöhnt werden.

·       Sie sollten Bereitschaft entwickeln, auch härteste Befehle widerspruchslos auszuführen.

·       Sie sollten zusammengeschweißt werden.

·       Sie sollten durch Komplizenschaft an das Regime gebunden werden und damit wurde eine „Gemeinschaft“ der Täter hergestellt werden.

Fazit:

Die Erschießungen waren eine Erziehung der SS-Leute zur Grausamkeit. (Siehe hierzu auch Himmlers Geheimrede vor SS-Führern über die Judenvernichtung vom 4.Oktober 1943:

„Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 da liegen oder wenn 1000 daliegen und dies durchgehalten zu haben und dabei - abgesehen von menschlichen Ausnahmeschwächen - anständig geblieben zu sein, hat uns hart gemacht und ist ein niemals genanntes und niemals zu nennendes Ruhmesblatt.“

2.5 Reale Reaktion der Beteiligten

Nach den Erschießungen waren etliche SS-Leute sehr bedrückt und psychisch stark belastet.

Um die Motivation der SS-Männer zu erhöhen, setzte die SS-Führung „Belohnungen“ aus:

 

2.6  Neuerer Forschungsstand über die Registrierung der russischen Kriegsgefangenen

 

2.6.1 Bisheriger Stand

Nach der bislang herrschenden Meinung der historischen Forschung wurde vor allem 1941/42 ein großer Teil der sowjetischen Kriegsgefangenen aus ideologisch bedingter Gleichgültigkeit gegenüber ihrem Schicksal bzw. der dezidierten Vernichtungsabsicht nicht registriert. Das habe zur Folge gehabt, dass diese Gefangenen in einem rechtsfreien Raum lebten und man daher bei ihrem Tod keinerlei Rechenschaft schuldig gewesen sei, denn in formaler Hinsicht hätten sie überhaupt nicht existiert. Dementsprechend sei der Tod vieler Rotarmisten nicht vermerkt worden; sie seien einfach in Massengräbern verscharrt worden, so dass im Gegensatz zu den Verstorbenen anderer Nationen im Nachhinein ein Nachweis über ihren Verbleib und ihre Grablage nicht möglich sei. Infolgedessen ruhe auf den sowjetischen Kriegsgräberstätten in Deutschland eine unbekannte, auf jeden Fall immens hohe Anzahl von Toten. Für den Friedhof des Stalag 326 (VI K) Senne beispielsweise nennt der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge die Zahl von 66 186 Toten, von ihnen mehr als 65 000 unbekannt.

 

2.6.2. Die Bestände der Wehrmachtauskunftstelle im Archiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation in Podolsk (ZAMO) und in der Deutschen Dienststelle Berlin

Tatsächlich jedoch sind bis auf wenige Ausnahmen sämtliche sowjetischen Kriegsgefangenen, zumindest soweit sie ins Deutsche Reich gebracht wurden, mit allen ihren persönlichen und militärischen Daten (Orte des Arbeitseinsatzes, Krankheiten und Lazarettaufenthalte, Impfungen, Fluchten, Bestrafungen u. ä.) in den Lagern auf sog. Personalkarten registriert und in Form von Zugangslisten an die Wehrmachtauskunftstelle (WASt) in Berlin gemeldet worden. Im Todesfall gingen diese Personalkarten zusammen mit anderen Unterlagen (z. B. Erkennungsmarken, Sterbefallnachweise, Abgangslisten usw.) nach Berlin, so daß die WASt jederzeit einen Überblick über sämtliche verstorbenen Kriegsgefangenen besaß, auch über die an die SS ausgelieferten Personen, die in Dachau ermordet wurden.. Diese Unterlagen sowie weitere die Gefangenen betreffende Bestände wurden 1943 nach Meiningen ausgelagert und 1945 den sowjetischen Truppen übergeben; seither galten sie als verschollen.

Es ist dem Historiker Dr. Reinhard Otto und Rolf Keller (Niedersächs. Landeszentrale für politische Bildung) gelungen, diese Karteiunterlagen aufzufinden; einige Fragmente liegen in der Deutschen Dienststelle in Berlin, der Nachfolgerin der WASt, der weitaus größte Teil aber im Archiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation in Podolsk (ZAMO); dieses wurde von den beiden Historikern bei mehreren Besuchen einer ersten Sichtung unterzogen. Dabei stellte sich das Folgende heraus:

* Die Personalkarten der im Reich verstorbenen sowjetischen Soldaten (ca. 370.000) liegen offensichtlich vollständig in diesem Archiv, dazu weitere Karteiunterlagen betr. Lazarettaufenthalte, Listen über Transporte in die bzw. aus den Kriegsgefangenenlager(n) sowie von Verstorbenen. Hinzu kommt eine gesonderte Kartei von 80.000 Offizieren. Über die Personalkarten sind auch umfangreiche Überstellungen in die verschiedenen Konzentrationslager nachweisbar. Die Karteiunterlagen erlauben in jedem Fall einen genauen Nachweis über den Verbleib eines jeden Gefangenen.

* Diese Unterlagen wurden nach dem Krieg aus ihrer ursprünglichen Ordnung gerissen und völlig willkürlich zu neuen, jeweils etwa 100 Karteikarten umfassenden Aktenbänden zusammengebunden. Eine Ordnung etwa nach Lagern oder nach dem Alphabet besteht nicht; die Offizierskartei ist nach dem russischen Alphabet neu geordnet worden.

* Der Zugriff von russischer Seite ist über eine nach dem Krieg erstellte Kartothek ausschließlich personenbezogen möglich, so daß sich eine Suche etwa nach Verstorbenen, die auf einem bestimmten Friedhof liegen, undurchführbar ist. Eine Übersicht über den Verbleib von Verstorbenen läßt sich nur erstellen, wenn der gesamte Bestand systematisch erschlossen wird. Da auf russischer Seite - wie im übrigen auch auf der deutschen - keinerlei Kenntnis der Wehrmachtbürokratie vorhanden ist, konnten Anfragen von Angehörigen sowjetischer vermißter Soldaten - monatlich gehen etwa 7000 Anfragen in Podolsk ein - deswegen in den meisten Fällen bisher nur unzureichend beantwortet werden.

 

Die geplante Erschließung der Bestände

Nach jahrelangen Verhandlungen sind die russische und deutsche Regierung 2004 übereingekommen, die Unterlagen über die sowjetischen Kriegsgefangenen in Berlin und Podolsk systematisch zu erschließen, auf EDV-Anlagen zu speichern und Angehörigen und Historikern zugänglich zu machen. Dabei werden in einem Pilotprojekt zuerst die Daten der 80.000 Offiziere ausgewertet, weil hier der Bestand besser geordnet und leichter zugänglich ist. Von deutscher Seite ist das Kulturministerium federführend. Dr. Reinhard Otto und Rolf Keller werden von den Kultusministerien von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen für die wissenschaftliche Begleitung der Arbeit freigestellt. Damit werden in absehbarer Zeit die Namen und Schicksale der über 1.000 auf dem ehemaligen Schießplatz Hebertshausen ermordeten sowjetischen Offiziere bekannt sein.

 

2.7 Die Geschichte des SS-Schießplatzes nach dem Krieg

Das über 8 ha. große Gelände wurde nach dem Krieg von den amerikanischen Truppen in Besitz genommen und weiter als Schießübungsplatz benutzt. In den fünfziger Jahren wurde das Gelände an den Freistaat Bayern abgegeben und vom Finanzministerium verwaltet. Dessen Absicht war es anscheinend, den Gedenkort und damit auch die Geschehnisse an diesem Ort in Vergessenheit geraten zu lassen. Denn man ließ im Laufe der Jahrzehnte den Platz dermaßen verwildern, daß er schließlich als "Wildbienenbiotop" unter Naturschutz gestellt werden konnte. Im ehemaligen Wachhaus der SS wurden von der Stadt Dachau obdachlose Männer einquartiert, die bis vor kurzem dort wohnten und die Schießbahnen als Auslauf für ihre Hunde betrachteten.

1964 wurde vor den Kugelfängen ein Gedenkstein des Künstlers Will Elfers aufgestellt, den die Lagergemeinschaft Dachau gestiftet hatte. Er wurde vom Finanzministerium nach kurzer Zeit von dort entfernt und am Eingangstor zum Schießplatz aufgestellt. Alle Hinweistafeln zum Gelände ließ man beseitigen und die Schießbunker verfallen. Bereits 1966 wandte sich die sowjetische Botschaft mit einem offiziellen Schreiben an das Auswärtige Amt und beklagte vergeblich die Verwahrlosung des ehemaligen Schießplatzes. Das Gedenken an das Geschehen wurde in der Zeit des Kalten Krieges vor allem von kleinen kommunistischen Gruppen wachgehalten. In den achtziger Jahren kamen dann viele Gruppen aus der Friedensbewegung dazu, die den "Friedensweg Dachau-Hebertshausen" bildeten.

Aber erst 1997 gelang es einer Gruppe engagierter Bürger, diese Politik des Vergessens und Verdrängens von Seiten der staatlichen Stellen aufzuhalten. Das Finanzministerium reagierte schließlich auf den Druck und das Gelände wurde an das Kultusministerium übertragen, welches es in die Obhut der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit gegeben hat. Als erste Maßnahme wurde der Schießbunker vor dem drohenden Einsturz bewahrt, indem die Betondecken mit einer aufwendigen Stahlkonstruktion abgestützt wurden. Der Wildwuchs von Bäumen und Sträuchern um den Kugelfang wurde zurückgeschnitten und vor allem wurde der 4 Tonnen schwere Gedenkstein wieder an seinen ursprünglichen Aufstellungsort zurückversetzt. Damit war ein deutliches Zeichen gesetzt, daß die staatliche Politik in Bezug auf den Gedenkort ehemaliger Schießplatz Hebertshausen sich verändert hat.
Im Jahr 2014 wurde die Anlageneu gestaltet und eine Reihe von Hinweistafeln aufgestellt, die die Besucher in russischer, deutscher und englischer Sprache über die Geschehnisse informieren. Außerdem wurden die Namen der bisher bekannten erschossenen Kriegsgefangenen in auf dem Boden liegende Stelen eingraviert.

Die Generalkonsulate von Rußland, Weißrußland und der Ukraine in München haben den ehemaligen Schießplatz Hebertshausen inzwischen als Gedenkort für ihre gefallenen Soldaten angenommen und veranstalten die jährlichen Gedenkfeiern am 23. Februar zum Tag der Soldaten an diesem Platz. Aber es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis der ehemalige Schießplatz Hebertshausen von der benachbarten Gemeinde dieses Namens in gleicher Weise in ihre Geschichte aufgenommen wird, wie es in Dachau nach vielen Mühen gelungen ist.

 

2.8 Mögliche Gestaltung eines Besuchs der Schießstätte mit einer Klasse

Für diesen Besuch sollte etwa eine halbe Stunde eingeplant werden.

  1. Vorinformationen über die Behandlung von russischen Kriegsgefangenen im 3. Reich (siehe Punkte 2.1 und 2.2) im Unterricht mit ersten Hinweisen auf das Geschehen in Dachau

  2. Als Einstimmung (nicht nur des Besuchs der Schießstätte) eignet sich der Text von Helmut Heißenbüttel „Endlösung“ (siehe Anlage 4,I). Er sollte im Untericht besprochen zunächst aber laut von Schülern  vorgetragen werden. (Hinweis an diese, ihn eher wie ein Gedicht als einen Prosatext lesen.)
    Auch das Gedicht von Horst Bienek „Sagen Schweigen Sagen“ kann als einstieg verwendet werden, wenn man mit der Frage des Warum eines Gedenkstätten Besuches beginnen will.

  3. Im Rahmen des Besuchs der KZ-Gedenkstätte knappe Information der Schüler im Bunkerhof (s.a. Hinweistafeln dort) über den Beginn der Erschießungen (siehe 2.3.1)

  4. Fahrt zur Gedenkstätte „Schießplatz Hebertshausen“
    Lage: Die Gedenkstätte Schießplatz liegt etwa 2,5 km von der KZ-Gedenkstätte entfernt. Sie erreichen sie, wenn Sie der Alten Römerstraße entlang den Mauern der KZ-Gedenkstätte folgen, bis sie in die Straße nach Hebertshausen/Freising mündet. Folgen Sie der Beschilderung und biegen Sie dann nach ca.100m links ab!
    Achtung: Schmale Zufahrt! Nur PKW-Parkplatz; keine Wendemöglichkeit für Busse! Diese bleiben besser auf der Hauptstraße stehen.

  5. Weg zu den Informationstafeln.
    Kurze Information Über das Gelände und Hinweis auf den eigentlichen Ort der Erschießungen (siehe 2.3.2 Anfang)

  6. Gang zum Pistolenschießstand
    Information über das Gelände (siehe Skizze Anhang 1)

  7. Vorlesen des Augenzeugenberichts (siehe Anlage 2) (gegebenenfalls durch einen Schüler) und Ergänzung von Informationen durch den Lehrer (siehe 2.3.2: Ablauf der Erschießungen / Teilnehmer an den Exkursionen seitens der SS und Anlage 3 Grabungsergebnisse)

  8. Als Abschluss kann eine Gedenkminute eingelegt werden, die mit dem Vortrag des Brecht Gedichts (siehe Anlage 4,IV) beendet wird.

  9. Nach dem Besuch bietet sich die Besprechung der Informationen der Punkte 2.4 und 2.5 im Unterricht an, da sie über das Thema Schießstätte hinaus Einblick in die Mentalität und das Menschenbild der SS gewähren.
    Ergänzender Hinweis:
    Für diesen Zusammenhang bietet sich einen Verknüpfung mit den Arbeitsblättern zum Museumsbesuch an: „Die SS und die Lagerordnung“

    Die Reaktion  der Bevölkerung nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches in Bezug auf das grausame Geschehen kann an Hand des Gedichts von Reinhart Döhl „bewältigte vergangenheit“ thematisiert werden.

 

G-R Penn


 

Anlagen

 

Anlage 1

Schemazeichnung des Pistolenschießstands

 

 

Anlage 2

Bericht des Augenzeugen Josef Thora

Über den Hergang der Morde in Dachau berichtet der Augenzeuge Josef Thora bei seiner Vernehmung vor dem Landgericht Nürnberg im Jahre 1950. Er hatte sich als Dolmetscher des Kriegsgefangenenlagers Moosburg freiwillig als Begleiter eines Transportes mit „Ausgesonderten“ gemeldet, um zu erfahren, was mit ihnen in Dachau geschah. Er schildert seine Erlebnisse so:

„In eine der Schießfluchten (des Schießplatzes Hebertshausen) fuhren die LKW mit den russischen Kriegsgefangenen rückwärts hinein. Die Kriegsgefangenen mußten aus den LKWs herausspringen und sich in der Flucht in der Reihe von 5 Personen aufstellen. Darauf wurde die Anordnung gegeben, daß sich alle Kriegsgefangenen nackt ausziehen mußten. Auf den Wällen standen einige SS-Soldaten mit bereitgestelltem Maschinengewehr.

Die russischen Kriegsgefangenen merkten in dem Zeitpunkt, wo sie sich entkleiden mußten, was mit ihnen geschehen sollte. Die Reaktion darauf war bei ihnen sehr verschieden. Eine Anzahl führte den Befehl schweigend aus und stand wie gelähmt dort, andere sträubten sich, fingen an zu weinen und zu schreien, riefen vor allem nach mir als dem Dolmetscher. Ich sollte den SS- Leuten verdeutschen, daß sie Gegner des Bolschewismus seien, daß sie Mitglieder der russischen Kirche seien. Zum Beweis dafür zeigten sie mir das auf ihrer Brust hängende russische Kreuz. Da ich natürlich nichts ausrichten konnte, entfernte ich mich in eine andere Ecke des Schießplatzes. Nach kurzer Zeit begann die Exekution der Kriegsgefangenen. Eine Gruppe von 5 SS-Leuten faßte je einen Kriegsgefangenen bei der Hand und führte diesen im Laufschritt aus der einen Schießflucht in die andere hinein, um sie an die im vorderen Teil der Schießflucht befindlichen etwa 1 m hohen Holzpflöcke anzubinden. Hierfür waren offenbar eigene Vorrichtungen getroffen, denn das ging sehr schnell. Darauf entfernten sich die SS- Leute und es stellte sich in einer Entfernung von etwa 15 m eine Gruppe von meines Wissens 20 bewaffneten SS-Leuten auf. Auf ein Kommando feuerte jeder dieser SS-Leute einen Schuß ab. Ein großer Teil der 5 Gefangenen sank sofort, aber langsam zu Boden. Wenn noch einer stehenblieb, lief der Leiter des Kommandos nach vorne und gab dem betreffenden Gefangenen einen Genickschuß. Dann trat das Exekutionskommando beiseite und es fuhr eine weitere Gruppe von SS-Leuten zu den erschossenen Gefangenen, um diese auf einen Rollwagen zu verladen. Man fuhr dann die Leichen aus der Schießflucht heraus und warf sie auf einen Haufen.“

 

 

Anlage 3

Ergebnis von Ausgrabungen

[Bei Ausgrabungen] Zutage gefördert wurden „165 bis zu handtellergroße Reste von menschlichen Schädeln und Kieferfragmente mit Zähnen“ [Der Grabungsleiter] David vermutet, dass sich die dreifache Anzahl von menschlichen Schädelteilen noch im Boden befindet. Die Funde schockierten und überraschten die Archäologen gleichzeitig. Denn bei „normalen“ Exekutionen wird üblicherweise auf die Brust gezielt. Doch auch der Kopf wäre mit den damals verwendeten Hochgeschwindigkeitsgeschossen nur durchschlagen worden, nicht aber zersplittert. Eine Untersuchung in der Anthropologischen Staatssammlung in München durch Olav Röhrer-Ertl zeigte dann, „dass zumindest bei einem Teil der Erschießungen mit nochmals gesteigerter Grausamkeit vorgegangen wurde“.

            David schreibt: „Die Schädelreste stammen demnach ausschließlich von Exekutionen, bei denen von mehreren Schützen gleichzeitig gezielt auf den Kopf ... der Opfer geschossen wurde. Durch die infolge des gleichzeitigen Eintritts mehrerer Projektile im Gehirn sich überlagernden Druckwellen erfolgte ein regelrechtes Zerplatzen des Schädels. Schädelteile mit anhaftendem Gewebe wurden dabei vom Kopf abgerissen und fortgeschleudert.“ Diese Brutalität gleiche einer „Enthauptung“. Die auf diese Weise Getöteten verloren durch die Öffnung der Halsarterien in kürzester Zeit jeweils mehrere Liter Blut. Dies erklärt auch, warum beteiligten SS-Männern besondere Arbeitsanzüge, Schürzen und Handschuhe zur Verfügung standen. Einige 100 Angehörige der Roten Armee wurden nach David bei diesen „regelrechten Blutbädern“ hingerichtet.

Süddeutsche Zeitung, 06.07.02

 

 

Anlage 4

Poetische Texte / Gedicht

I

HELMUT HEISSENBÜTTEL

 

Endlösung

 

die haben sich das einfach mal so ausgedacht

wer hat sich das einfach mal so ausgedacht

das ist denen einfach mal eingefallen

wem ist das einfach mal eingefallen

irgendeinem von denen ist das einfach mal eingefallen

irgendeiner von denen hat sich das einfach mal ausgedacht

das hat sich einfach irgendeiner von denen einfach mal ausgedacht

oder vielleicht haben mehrere von denen sich das zugleich ausgedacht

vielleicht ist das mehreren von denen zusammen eingefallen und wie haben die das dann gemacht was ihnen da eingefallen ist wenn man überhaupt was machen will muß man für was sein und nicht bloß was was man sich so ausdenkt sondern schon was wofür man auch sein kann oder wenigstens was wofür viele Lust haben zu sein oder wenigstens was wofür man sich vorstellt daß viele Lust haben dafür zu sein

und das haben die sich einfach mal so ausgedacht

das haben die sich ausgedacht und da sind sie drauf gekommen als sie was anfangen wollten zu machen aber auf was sie dann gekommen sind das war nicht was wofür man sein kann sondern wogegen man sein kann oder noch besser was wozu man die meisten rumkriegen kann dagegen zu sein denn wenn man die meisten rumkriegen kann gegen was zu sein braucht man nicht mehr so genau mit dem zu sein wofür man sein kann und daß man damit nicht mehr so genau sein braucht hat seine Vorteile denn wenn die meisten sich nur austoben können ist es ihnen meistens ganz egal wofür sie sind

und da sind die drauf gekommen als sie angefangen hatten sich einfach sowas auszudenken

da sind die draufgekommen daß das wogegen man ist auch was sein muß was man sehn anfassen beschimpfen erniedrigen anspucken einsperren niederschlagen vernichten kann denn was man nicht sehn anfassen beschimpfen erniedrigen anspucken einsperren niederschlagen vernichten kann kann man nur sagen und was man nur sagen kann das kann sich verändern und man weiß nie genau wohin sich das noch wenden wird was man auch dagegen sagen kann

und da sind die draufgekommen und haben das getan

da sind die draufgekommen und haben das getan und als sie das getan hatten da haben sie versucht die meisten rumzukriegen und als sie die meisten rumgekriegt hatten mitzumachen da kamen sie drauf daß das wogegen man ist solange es noch da ist auch noch veränderbar bleibt und daß erst das was weg ist unveränderbar wird und so zwangen sie die die sie rumgekriegt hatten mitzumachen das wogegen zu sein sie rumgekriegt worden waren zu vernichten es anzusehen wie Malariafliegen oder Franzosenkraut oder Kartoffelkäfer die man ausrotten muß und als sie das geschafft hatten nannten sie die die sie dazu rumgekriegt hatten das zu tun Mörder und machten die selber zu Malariafliegen und Franzosenkraut und Kartoffelkäfern und hielten sie bei der Stange bei der sie die halten wollten ohne für oder gegen was zu sein sondern einfach nur so um sie bei der Stange zu halten auf alle Zeit

und das ist denen einfach mal so eingefallen als sie drauf kamen daß man sowas alles machen kann

das ist denen einfach mal so eingefallen als sie was machen wollten und da sind sie drauf gekommen daß man welche einfach nur dazu rumkriegen muß erst für und dann gegen was zu sein und dann immer weiter his sie nicht mehr raus können und nun im Kreis rennen bis in alle Ewigkeit das heißt his keiner mehr übrig ist denn das wird wohl nicht bis in alle Ewigkeit dauern

aber wozu haben die sich das denn ausgedacht oder haben sie sich gar nichts dabei gedacht außer daß sie was tun wollten weil es ihnen vielleicht zu langweilig war so wie es war ehe ihnen das eingefallen ist und sie drauf gekommen sind

ja natürlich haben sies nur so weit getrieben damit sie sich schließlich selber reinstürzen und sich und alles zuende bringen können denn solche sind immer solche dies zuende bringen wollen aber sie wollen nicht allein weg sondern alle mit

 

also solche sind das denen sowas einfach so einfällt

 

II

REINHARD DÖHL

 

bewältigte vergangenheit

 

wahrscheinliche rede

 

man hatte mit hand anzulegen

man hatte zuzusehen

man hatte zu gehorchen

man hatte zu schweigen

 

man hatte wirklich nichts damit zu tun

 

man konnte nichts dagegen machen

man war befehlsempfänger

man hatte frau und kind

man mußte rücksicht nehmen

 

man hätte kopf und kragen riskiert

man wäre in teufels küche gekommen

man hätte dem tod ins auge gesehen

man wäre über die klinge gesprungen

 

mögliche rede

 

man hätte etwas dagegen tun können

man hätte den befehl verweigern können

man hätte auf frau und kind pfeifen können

man hätte alle rücksichten fallen lassen können

 

man hätte nicht mit hand anlegen dürfen

man hätte nicht zusehen dürfen

man hätte nicht schweigen dürfen

man hätte nicht gehorchen dürfen

 

man hätte nichts damit zu tun haben müssen

man wäre in teufels küche gekommen

man hätte kopf und kragen riskiert

man hätte dem tod ins auge gesehen

man wäre über die klinge gesprungen

üble nachrede

 

man war in teufels küche

 

man hat um kopf und kragen gebracht

man hat dem tod ins auge gesehen

man hat über die klinge springen lassen

 

man hat mit hand angelegt

man hat zugesehen

man hat geschwiegen

man hat gehorcht

 

man hat nichts dagegen getan

man war gehaltsempfänger

man hat nicht an frauen und kinder gedacht

man hat keine rücksicht genommen

 

man hat mitgemacht

 

III

HORST BIENEK

Sagen Schweigen Sagen

 

Wenn wir alles gesagt haben werden

wird immer noch etwas zu sagen sein

wenn noch etwas zu sagen ist

werden wir nicht aufhören dürfen

zu sagen was zu sagen ist

wenn wir anfangen werden zu schweigen

werden andere über uns sagen

was zu sagen ist

so wird nicht aufhören

das Sagen und das Sagen über das Sagen

 

Ohne das Sagen gibt es nichts

wenn ich nicht das

was geschehen ist

sage erzähle oder beschreibe

ist das Geschehen

überhaupt nicht geschehen

das Sagen wird fortgesetzt

Stück für Stück

besser: Bruchstück für Bruchstück

 

Niemals wird es das Ganze sein

niemals also wird alles gesagt sein

 

IV

BERTOLT BRECHT

Epilog

 

Ihr aber lernet, wie man sieht statt stiert

Und handelt, statt zu reden noch und noch.

So was hätt einmal fast die Welt regiert!

Die Völker wurden seiner Herr, jedoch

Daß keiner uns zu früh da triumphiert

Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

 

 

Aus:

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland
Deportation und Vernichtung in poetischen Zeugnissen 

Herausgegeben von Bernd Jentzsch
Kindler Verlag München, 1979

 

Die Texte der Anlagen können Sie auch im Word-Format herunterladen.


Fußnoten

[1] Gebaut ca. 1937 im Rahmen der Erweiterung des KZs und des SS-Lagers

[2] Deren Hauptgebäude und noch einige Reste der Gewächshäuser befinden sich etwas oberhalb des KZ-Geländes (vom Parkplatz aus gesehen) wenige Meter rechts ab von der Römerstraße (= Weg zum Schießplatz) in der Straße „Am Kräutergarten“.

[3] Grundlage der Ausführungen ist die Magisterarbeit von Chr. Riedelsheimer, Bericht zu den Massenexekutionen von sowjetischen Kriegsgefangenen im Konzentrationslager Dachau 1941/42, Augsburg, 2001

[4] Gebaut ca. 1937 im Rahmen der Erweiterung des KZs und des SS-Lagers

[5] Generaloberst Halder, Kriegstagebuch, Bd. II (1.7.1941 - 26.6.1941)

[6] Eidesstattliche Erklärung vom 15.8.1947

[7] Zeitgleich wurde im KZ-Dachau ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet. Es umfasste die Blöcke 17 bis 25 (die Angaben schwanken) und sollte als „Zwischenlager“ dienen, falls die Zahl der zum Erschießen bestimmten russischen Gefangenen zu groß war oder zu viele Transporte auf einmal in Dachau ankamen.

[8] Diese Särge, wie auch die Handschellen wurden im KZ-Dachau durch KZ-Häftlinge hergestellt.

[9] Vernehmungsaussagen des Augenzeugen Josef Thora vor dem Landgericht Nürnberg 1950; ausführlicher kann sein Bericht in der Anlage 2 nachgelesen werden.

[10] Siehe hierzu den Bericht aus der Süddeutschen Zeitung vom 06.06.2002 über die Ausgrabungen am Schießplatz in der Anlage 3