Walter Adam - Eine Reise von Wien nach Dachau

Walter Adam
Walter Adam (1886-1947) war hoher Offizier, Journalist und Politiker.
Er kam als österreichischer Patriot und NS-Gegner am 2. April 1938 mit dem ersten Transport von Österreichern nach Dachau. Aufgrund von gesundheitlichen Schäden aus der KZ-Haft  starb Adam bereits 1947.

Frühjahr 1938. Der erste Transport gefangener Österreicher geht von Wien nach Dachau ab, etwa 130 Mann, zumeist ältere Herren, hohe politische Funktionäre und Verwaltungsbeamte, leitende Polizeibeamte, Offiziere und Journalisten, auch dreißig Juden. Um 4 Uhr Nachmittag hatte man den Gefangenen eine dünne Wassersuppe gegeben, dann ließ man sie antreten, setzte sie in Autos der Wiener Polizei und führte sie auf den Westbahnhof. Dort erwartete eine Halbkompanie der Dachauer SS den Transport. Sie bildet zwischen den ankommenden Autos und den Waggons eine Gasse, durch die nun die Häftlinge mit Fausthieben und Kolbenschlägen durchgeschleust werden. ln den Waggons warten andere SS-Männer auf ihre Opfer, treiben ihnen mit Faustschlägen die Hüte vom Kopf und stoßen sie in die Abteile.

Kaum sind die Kupees gefüllt und die Namen verlesen, als truppweise SS-Unteroffi- ziere erscheinen, die die Gefangenen einzeln aufstehen lassen, sie nach Namen und Stand fragen und bei dieser Gelegenheit mit Ohrfeigen und Faustschlägen mißhandeln, unter einer Flut bayrischer Schimpfworte. Einige dieser Burschen sind schon betrunken und riechen nach Bier, andere sind damit beschäftigt, einen ausreichenden Biervorrat für die Reise herbeizuschaffen.

Die Fenster der Kupees sind verhängt. Dennoch kann man durch einen Vorhangspalt den D-Zug sehen, der nebenan auf einem Geleise steht und an den später die zwei Waggons mit den Gefangenen angekoppelt wurden. Der Zug ist mit reichsdeutschen Offizieren und der dazugehörigen Weiblichkeit überfüllt. Man sieht ganze Berge von Koffern, Paketen und Schachteln - die Ausplünderung Wiens hat begonnen. Zum Abtransport waren wir schon im Gefängnis alphabetisch gruppiert worden und in dieser Ordnung sitzen wir jetzt in den Kupees, in strammer Haltung, die Hände flach auf den Knien, den Blick starr auf die grelle Deckenlampe gerichtet. Mein Nachbar ist der Schriftsteller Raoul Auernheimer - ich war ihm früher nie auf den Wegen oder auch nur auf den Seitenpfaden der Politik begegnet und weiß bis heute nicht, warum dieser kultivierte alte Herr so staatsgefährlich schien, daß er gleich mit dem ersten Transport nach Dachau mußte. In einer Ecke beim Fenster sitzt ein braver junger Polizeikommissär. Er empfängt jetzt und auch später während der Fahrt viel mehr Ohrfeigen, Fausthiebe und Tritte als die anderen Kupeegenossen. Aus den Schimpfworten, die die Mißhandlungen begleiten, erfahren wir den Grund: die SS-Leute halten den kleinen Polizeikommissär für den Polizeipräsidenten von Wien.

Nun setzt sich der Zug in Bewegung, aber die Hoffnung, daß während der Fahrt die Quälereien aussetzen werden, erweist sich als töricht. Vor jeder Kupeetür bleibt ein Posten mit Stahlhelm und geladenem Gewehr, das bedeutet Ohrfeigen, Kolbenstöße und Fußtritte ohne Ende. Zwischendurch gibt es kurze politische Vorträge, die ungefähr mit der Anrede „Ös verreckte Sauhund, ös verreckte“ beginnen, dann zu einer Charakteristik der Österreicher als faules, verjudetes und verpfafftes Kaffeehausgesindel übergehen und in der Beschwerde gipfeln, daß dir „System-Regierung alle Deutschen gemartert, gefoltert und ermordet habe. „In den Straßen Wiens“, berichtete uns ein bayrischer Unteroffizier, „liegen haufenweise die Leichen der Verhungerten. Jetzt kriegen die Wiener aus den deutschen Fahrküchen zu fressen, aber es wäre besser, wenn sie alle krepierten.“ (In der allgemeinen Charakteristik der Österreicher stimmten manche Häftlinge mit der SS überein.)

Die Posten vor den Kupeetüren sind leider nicht unsere einzige Gesellschaft aus dem Reich. Immer wieder tauchen andere SS-Männer auf und jeder trägt mit Faust und Kolben seinen Teil zu unserer Umschulung bei. In St. Pölten ist Aufenthalt. Er bringt uns eine kleine Erheiterung. Die Vorhänge werden beiseite geschoben und wir sehen auf dem öden, nachtdunklen Perron etwa acht oder zehn Weiber, die beim Anblick der SS-Männer näher herankommen und in kreischende Heil-Hitler-Rufe ausbrechen. Da dreht sich der Posten um und schleudert uns im schönsten Hochdeutsch, das einem Münchner Bierführer zu Gebote steht, die vorwurfsvollen Worte zu: „Da sechts es, wie das deutsche Volk über euch Drecksäue denkt.“

Nach dieser Kundgebung geht die Fahrt weiter - Amstetten, Linz - es dauert schon Stunden, aber die SS wird nicht müde und die Prügel nehmen kein Ende. Bei manchem Gefangenen stellt sich die Notwendigkeit ein, einem natürlichen Bedürfnis Folge zu geben. Das bedeutet eine peinliche Verschärfung der Tortur. Hat nämlich der Posten bei der Kupeetür endlich die Erlaubnis erteilt, das Klosett aufzusuchen, dann muß der Häftling die Postenreihe auf dem Korridor passieren und kann daher nur getreten und geohrfeigt sein Ziel erreichen.

Hinter Salzburg flaute die Stimmung der SS-Männer ein wenig ab. Angetrunken oder infolge der Nachtwache übermüdet, wollten sie ein wenig schlummern, um dann die bevorstehenden Veranstaltungen in Dachau besser genießen zu können. In München gab es langen Aufenthalt. Es bestand ganz gewiß nicht die Gefahr, daß die 120 oder 130 österreichischen Herren die Hauptstadt der Bewegung stürmen könnten, aber für alle Fälle hatte man doch eine Kompanie der Münchner Waffen-SS mit Maschinengewehren auf den Bahnhof beordert. Die SS-Männer der Eskorte aber wurden als heimkehrende Sieger begrüßt.

Am 2. April 1938, um 10 Uhr vormittag, kam der Transport endlich in Dachau an. Auf dem Bahnhof erwartete uns eine Abteilung der Totenkopf-SS mit einem Stab höherer Offiziere, darunter der Lagerkommandant in Person. Einige Lastautos mit improvisierten Sitzbänken standen neben den Geleisen. Den Einsatz frischer, ausgeruhter SS- Reserven bekamen wir sogleich zu spüren. Wer nicht blitzschnell aus dem Waggon herauskam und auf ein Lastauto aufsprang, hatte einen Faustschlag im Genick oder einen Kolbenstoß in den Rippen. Mit Miene und Gesten eines Triumphators bestieg dann der Lagerkommandant seinen Wagen, um den Zug der gefangenen Österreicher persönlich anzuführen. Wenige Minuten später schloß sich das Lagerhaupttor hinter unserem Transport. Das war die Reise von Wien nach Dachau. Einige Wochen lang meinten wir, daß es kaum möglich sei, noch unbequemer und ungemütlicher zu reisen. Später mußten wir diese Meinung korrigieren. Im ersten Österreichertransport wurde niemand unterwegs ermordet und auch die erlittenen Verletzungen waren zumeist leichter Natur. Später ging es nicht mehr so glimpflich ab. Man ließ die Gefangenen, vornehmlich die Wiener Juden, während der Fahrt „tiefe Kniebeuge“ üben und stieß ihnen dabei ein Bajonett ins Gesäß, oder man befahl ihnen, ein Waggonfenster zu öffnen, und behandelte dann dieses Tun als Fluchtversuch. So brachte jeder spätere Transport auch Tote mit. Man getraute sich nicht, diese Fracht auf dem Ortsbahnhof in Dachau auszuladen, sondern ließ die Waggons auf einem Wirtschaftsgeleise in das Lager hineinschieben. Die Ermordeten wurden gleich verscharrt und eine aus älteren Lagerhäftlingen zusammengestellte Arbeitspartie mußte das Blut in den Waggons aufwaschen.

So geschehen im tiefsten Frieden, im Frühjahr 1938, mit Wissen und unter Aufsicht der höchsten Lagerinstanzen.


Quelle: Walter Adam, Nacht über Deutschland. Erinnerungen an Dachau, Österreichischer Verlag, Wien 1947

Eine um Adams Biographie ergänzte Neuauflage ist beim KZ-Verband/VdA Österreich erhältlich.

Bruno Heilig, der ebenfalls bei diesem Transport dabei war, veröffentlichte seine Erinnerungen unter dem Titel  "Menschen am Kreuz Dachau - Buchenwald".

Rudolf Kalmar hat seine Erlebnisse in "Zeit ohne Gnade" beschrieben.

Alfons Gorbach kam ebenfalls mit dem sogenannten Prominententransport ins KZ Dachau und 1944 in das KZ Flossenbürg, wo er bis Kriegsende inhaftiert blieb. Er war von 1961 bis 1964 österreichischer Bundeskanzler.