< Gedenkstättenpädagogik Bayern - Sigmar Schollack: Das Mädchen aus Harrys Straße

 

Übersicht
 

A     Inhalt

B     Leseprobe

C     Einsatz des Buches

D     Vorschläge für die Besprechung


 

A  Inhalt

Harry steigt die ausgetretenden Stufen eines alten Mietshauses empor, als er plötzlich einen Schrei hört. Es poltert, und zu seinen Füßen liegt das Mädchen; jenes dunkeläugige, zierliche Mädchen, das Harry schon lange heimlich bewundert. Aus der Nähe jetzt erkennt er den gelben Stern an ihrem Kleid und erschrickt. Es ist nämlich verboten, mit solchen Menschen zu sprechen.

Die Juden sind Feinde, so hat es Harry in der Schule und bei der Hitlerjugend gelernt. Auch dieses Mädchen, Miriam Wasserstein, aus dem Haus gegenüber, soll ein Feind sein? Harry kann es nicht glauben. Irgend etwas an dem Mädchen zieht ihn an. Und heimlich, gegen den Willen der Eltern, versucht Harry, Miriam zu treffen und ihr zu helfen.

Dabei entfremdet er sich immer mehr auch von seinem besten Freund Klaus, der ganz von nationalsozialistischen Gedanken überzeugt ist. Harry begibt sich in Gefahr, um Miriam zu retten. Doch ihre Rettung kann für ihn nur ein Traum bleiben, denn am Ende der Erzählung ist die Familie Wasserstein verschwunden, wohl deportiert. Die Erlebnisse des Jungen in diesem Sommer 1942 in Berlin werden sich ihm aber fürs ganze Leben einprägen.

 

Foto aus einer Theateraufführung der Theater-AG der Peter-Petersen-Grundschule Neukölln, frei nach dem gleichnamigen Roman von Sigmar Schollack in einer dramatischen Bearbeitung von Norbert Meisenberg
Das Stück wurde vom 3.-5. Juni 2004 in der Turnhalle der Peter-Petersen-Grundschule aufgeführt und auch im Rahmen des Neuköllner Theatertreffens präsentiert.
(www.neukoellner-theatertreffen-grundschule.de)

 

 

 

 

 

 

 

B Leseprobe

 

In die letzte Schulstunde hinein heult die Sirene. Auf und nieder steigt ihr Warnton, dass es klingt wie das nächtliche Gejaule eines riesengroßen einsamen Dorfhundes.

„Fliegeralarm“, sagt Frau Winkler überflüssigerweise, und im Handumdrehen marschiert die Klasse in Dreierreihen hinab in den Luftschutzkeller. „Wir singen“, sagt Frau Winkler und stimmt ein Lied an. „Bomben, Bomben“, singt die Klasse, „Bomben auf Engeland“. Frau Winklers Lieblingslied ist das und sehr zackig. Sogar Harry reißt das Lied mit. In dem langgestreckten Kellergang, der als Luftschutzkeller dient, brausen und brodeln die Stimmen der gesamten Schülerschaft.

Die Klassenlehrer verstärken noch den Lärm, weil sie laut Ruhe fordern. „Ruhe!“ ruft es den Gang hinauf und hinab.

Allmählich senken sich die Stimmen, die Schüsse der Flak, der Flugabwehrkanonen, dringen in den Keller. Wie hohler Husten klingen sie, pflegt Klaus zu sagen. Harry späht zu ihm hinüber. Seit der Versammlung haben sie kein Wort miteinander gewechselt. Vor einer der Holzbänke steht Klaus, führt Zauberkunststücke vor und gibt sich lustig. Will er beweisen, wie wenig Angst in ihm steckt?

Näher dröhnen die Schüsse.

„Das ist unsere Flak“, raunt jemand neben Harry und meint die Flugabwehrkanonen, die sich nahebei auf dem Betonbunker im Friedrichshain befinden.

„Bomben auf Engeland“, zischelt Rolf Pieske spöttisch. Er kann Frau Winkler nicht leiden. Und da hat Harry mit einemmal einen seltsamen Gedanken. Über den staunt er selber: Wenn Bomben auf England fallen sollen, wie es im Lied heißt, werden dann die Engländer ihre Bomben vielleicht nur auf Deutschland, um sich zu wehren? Kaum hat Harry diesen Gedanken gedacht, überrollt ihn gleich ein neuer. So seltsam ist er, dass harry die Männer mit den Luftschutzhelmen nicht wahrnimmt, die nervös hinter einer Stahltür im Kommandoraum verschwinden. Wie denn, was hat der Fähnleinführer ihm gestern erklärt? Alle juden sind Verschwörer, hat er gesagt. Ach, dass sie alle zusammenhalten. Aber wenn das stimmte, dann müssten die Juden den Engländern doch das Bombenwerfen verbieten. Das dürft ihr nicht, müssten sie sagen. So eine Bombe könnte die Miriam Wasserstein treffen oder ihre Eltern. Und auch die Tante könnte getroffen werden und überhaupt alle unsere Freunde.

Fast reißt es Harry von der Holzbank. Der Fähnleinführer hat gelogen. Ganz dumm erlogen ist die Sache mit der Verschwörung, denn wenn die Juden so mächtig sind, wie alle sagen, würden die Engländer gewiss auf sie hören.

S. 43 - 48


C Einsatz des Buches

Das Mädchen aus Harrys Straße" von Sigmar Schollak, zunächst in der DDR erschienen, stellt einen der vielleicht einfühlsamsten Texte für eine Erstbegegnung von Kindern mit dem Thema "Judenverfolgung" dar. Die Perspektive bleibt radikal kind-subjektiv. Dabei wird das Wesentliche, die Inhumanität im Alltag, für den "kleinen" Leser deutlich.

Das Buch verzichtet auf dramatische und beängstigende Situationsschilderungen, sondern gibt vor allem die Gedanken und Gefühle eines Jungen wieder, die sich ihm angesichts der Widersprüchlichkeiten und Menschenverachtung des Nazi-Terrors in den Sinn kommen. Sein vermeintlich „kleiner“, aber umso bedeutsamerer Akt des Widerstands (er klaut aus Mutters streng gehüteter Sammlung einige Lebensmittelmarken, um sie heimlich Miriam und ihrer Familie zuzustecken; außerdem bereitet er ein Versteck für das Mädchen im Keller des Miethauses vor), macht Mut und erleichtert eine positive Identifikation mit dem „Helden“ des Buches, auch wenn seine Unterstützungsversuche letztlich hilflos bleiben.

Die Sprache ist durchaus kindgerecht, müsste aber für Schüler mit Lernschwierigkeiten an einigen Stellen vereinfacht oder (etwa beim Vorlesen des Textes) erläutert werden.

Erfreulicherweise ist der Text in großer, klarer Schrift gedruckt. Die Erzählung ist in kurze Kapitel untergliedert, so dass überschaubare Einheiten erlesen werden können.

In den schwarz-weissen, karikaturenhaften Illustrationen von Horst Rudolph werden die Hauptfigur und die Umwelt relativ vereinfachend dargestellt. Problematisch ist dabei, dass manche Phänomene dadurch überzeichnet wiedergegeben werden, etwa die Brutalität eines Nazischergen, der in der Jungvolkstunde über die Juden herzieht. Das Kinn ist grob vorgestreckt, die Gesichtszüge brutal und der Scheitel sehr stark akzentuiert. „Insgesamt nicht an allen Stellen, aber an markanten Punkten der Auseinandersetzung wird die Illustration den Zwischentönen der Geschichte gerade bei der Zeichnung der Personen nicht gerecht. Sie verführt manchmal zu einem klischeehaften Schwarz-Weiß-Denken.“ (Benedikt Lüdke Sunderhaus: Zur Rolle von Illustration in Kinder- und Jugendmedien zum Holocaust. 2000. online unter: www.sunderhaus.de/hausarbeitendownload/illustrationholocaust.pdf)

Die Geschichte eignet sich sehr gut auch als Grundlage für szenische Darstellungen. Siehe dazu die Informationen der Theater-AG der Peter-Petersen-Grundschule Neukölln unter: http://www.pps.cidsnet.de/theater.htm

Im Integrations-Film über die Fläming-Grundschule Berlin „Klassenleben“ erarbeiten die Schüler der vorgestellten integrativen Klasse ebenfalls ein Theaterstück nach Schollacks Erzählung – siehe: http://www.klassenleben.de 

 

D Vorschläge für die Besprechung

siehe unter C

 

Ullrich Reuter