Myron Levoy

DER GELBE VOGEL

 

Roman. Aus dem Amerikanischen von Fred Schmitz

Deutscher Taschenbuch Verlag,
dtv junior 7842, 21. Auflage 2001;
191 Seiten

Übersicht

A  Inhalt

B  Leseprobe

B  Einsatz des Buches

C  Vorschläge für die Besprechung

 

A   Inhalt

Mit ihrer Mutter flieht die 8jährige Naomi aus dem von Deutschen besetzten Frankreich nach New York. Naomi hat mit ansehen müssen, wie ihr Vater von den Nationalsozialisten brutal ermordet wurde, weil er als französischer Jude aktiv in der Widerstandsbewegung war. Seit diesem schrecklichen Erlebnis ist Naomi völlig verstört. Sie spricht nicht mehr, spielt nur noch mit ihrer Puppe Yvette und sitzt teilnahmslos in ihrem Zimmer. Keiner der Erwachsenen schafft es, ihr zu helfen. Der gleichaltrige Alan Silverman, der im selben Haus wohnt, soll sich auf Bitten und Drängen seines Vaters um Naomi kümmern.

Alan gelingt es Schritt für Schritt, Naomis Vertrauen zu gewinnen. Mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen hilft er ihr aus ihrer Isolation. Alan entwickelt Phantasie, Einfühlungsvermögen und Verantwortungsgefühl. Es entsteht eine Freundschaft. Mit Alan verlässt Naomi sogar das Zimmer. Bei einem gemeinsamen Ausflug zu dem alten Flughafengelände lassen sie den gelben Vogel fliegen, Naomis Lebensfreude ist zurückgekehrt.

Aber alles wird wieder zerstört, als ein Junge auf der Straße die beiden als „dreckige Juden“ beschimpft und Alan verprügelt. Verängstigt läuft Naomi weg. Später findet man sie in einem völlig verstörten Zustand in einem Kohlenkeller. Es ist ein Rückfall und Naomi muss in eine psychiatrische Klinik gebracht werden. Nach einem Besuch in der Klinik zerstört Allan seinen gelben Vogel.

(aus: http://www.goethe.de/os/hon/naz/delev.htm#story)

 

B   Leseprobe

An diesem Abend spürte Alan gleich beim Eintreten, dass er eine andere Naomi vor sich hatte. Sie hatte klare Augen und lächelte schon halb, als sie Yvette die Schuhe anzog. Dennoch lagen noch überall Papierfetzen am Boden.

»Na, wie, Yvette?«, sagte Charlie, als Alan ihn auspackte.

»Nawie?«, fragte Yvette. »Was ist das?«

»Na, wie geht es?«, ließ Alan Charlie deutlich aussprechen.

Três bien. Ist Zeit für Tanz, Scharly«, sagte Yvette

mit der Puppenstimme. »Kommen Sie... aus le papier, nein... Zeitung, und wir tanzen Polka oder Walzer, oui?«

Das lief ja großartig. Naomi war völlig gelöst. Kein Zögern mehr, kein Zurückweichen. Sein Vater hatte doch Recht behalten. Rede weiter! Rede immer weiter!

»He, Yvette«, sagte Charlie, »ich kann so gut wie kein Französisch, aber für eine Puppe sprichst du ganz gut Englisch.«

Merci. Ich lerne von sie.«

»Von wem?«

»Sie! Sie!« Die Puppe deutete auf Naomi.

»Ach so, von ihr.«

»Von ihr, c'est le dativ, n 'est-ce -p as? «

Oui, ich meine ja«, sagte Charlie. »Das ist der Dativ, aber du musst ganz schön schlau sein, Yvette, dass du so viel Englisch kannst, was?«

Eh bien, ich lerne Englisch mit viel Fleiß drei Jahre in die Schweiz«, sagte die Puppe. »Aber ist difficile, ich will sagen, schwere Sprache.«

»Französisch auch. Er lernt Französisch in der Schule«, sagte Alan und richtete Charlies Arm auf sich selbst.

»Oh, da ich bin gut. Ich weiß viel Französisch.«

»Ah ja, natürlich.«

»Ich kann fluchen in Französisch, ich weiß viele Wörter«, sagte die Puppe Yvette.

Ah oui.«

»Sie auch?«, fragte Charlie und deutete auf Naomi.

Non. Non. Sie ist stupid. Dumm. Sie ist folle.«

Folle? Ist das ein Fluch?«

Non. Ist verrückt im Kopf.«

Alan wusste jetzt nicht, was Charlie darauf sagen sollte. War ihr denn klar, dass sie... also dass sie verrückt war?

»0. K., Yvette«, sagte Charlie. »Wollen wir tanzen?«

»Ukay.«

»Wie wär's mit einem Stepptanz?«

»Ukay.«

Alan stimmte einen Schlager an und ließ die Handpuppe im Takt hüpfen. Naomi ließ Yvette das nachmachen und bald tanzten die beiden Puppen in großen Sprüngen vom Bett zum Boden, auf die Kommode und wieder zurück. Dann ließ Alan Charlie auf dem Kopf tanzen. Sofort folgte ihm Yvette.

»Ich glaube, wir sind verkehrt herum«, sagte Charlie.

»Non, non, ich sehe das Gesicht von Scharly richtig. Wir sind richtig.«

»Du meinst, richtig herum.«

Oui, richtig herum. Die Zimmer ist verkehrt.«

»Genau. Das Haus steht auf dem Kopf.«

»Die Tisch ist auf dem Kopf.«

»Und das Bett.«

»Dumme Zimmer. Macht Schwindel.«

Das war das erste Mal, dass Naomi lachte.

»He«, ließ Alan Charlie sagen, »ich muss mal verschnaufen. Du tanzt ja wie der Teufel, Mädchen.«

»Du auch«, sagte Yvette.

»Jawohl. Ich bin sensationell. Denn ich bin der berühmte Charlie... Weißt du was, Yvette? Ich hab dich gern.«

»Ich hab dich gern, ich auch, Scharly. Du bist mein Freund, oui?«

»Sicher. Dann bist du... « Es fiel Alan schwer, es auszusprechen, selbst von Puppe zu Puppe. »Ehem ... also meine Freundin, stimmt's?«

»Ah oui. Aber du bist plus. Nicht nur Freund für Tanz...

»Wie meinst du das?«

»Du bist Freund. Bis jetzt ich habe keine Freund. Jetzt ich habe Freund.«

»Und ich habe eine Freundin«, sagte Charlie.

»Nächste Woche Sie lernen mir... »Du lehrst mich.«

»Du lehrst mich ... amerikanische Chanson, oui?«

»Lieder? Sicher. Zum Beispiel?«

»Alle. Beispiel die Mexikanische Serenade. So schöne Melodie. Und amerikanische Hymne. Schwere Lied, die Hymne.«

»Ich weiß«, sagte Charlie. »Selbst ich kann sie nicht richtig. Also gut. Ich bring sie dir bei und du lehrst mich ›La Marseillaise‹.« Alan musste gerade in der Schule die Marseillaise lernen, die französische Nationalhymne.

»Das ist nicht Lied.«

»Aber die französische National -«

»Tot«, kreischte die Puppe. »Ist tot. Ich weiß nicht tote Lied. Sie da, sie weiß. Aber sie auch ist tot.« Naomi schleuderte die Puppe auf den Boden. Dann stürzte sie aufs Bett, in eine Ecke und drückte sich gegen die Wand.

Alan fühlte seine Kopfhaut eiskalt werden, sie spannte sich wie elektrisch aufgeladen. Schon wieder. Schon wieder das Falsche. Was macht man jetzt? Was kann man jetzt tun?

Er hob die Puppe auf und setzte sie behutsam auf die Bettkante. Naomi rührte sich nicht.

»He, Yvette«, ließ er Charlie zur Puppe sagen, »ich bringe dir ein großes Buch mit vielen Liedern aus der Bibliothek mit. 0. K.? Für dich. Zum Lesen. Oui, Yvette?«

Naomis Lippen zitterten, als sie zu sprechen versuchte. Sie hob die Hand vor den Mund.

»Yvette. Was glaubst du, was wir zusammen für einen Spaß mit den Liedern haben werden. O.K.?... O.K.?«

Die Hand noch vor dem Mund, sagte Naomi mit zittriger Stimme für ihre Puppe: »U ... ukay.«

»Also dann. Bis morgen, Yvette. Au revoir.. . Hör mal, sagst du nicht Auf Wiedersehen?«

Naomi rutschte auf dem Bett zu ihrer Puppe, zögerte, kroch dann näher und riss sie an sich. »Au... au revoir, Scharly«, ließ sie Yvette sagen, immer noch mit etwas bebender Stimme.

»Hör mal, Charlie spricht man mit ›Tsch‹ aus. Verstehst du, wie Tscharli.«

»Tsch.«

»Genau.«

»Charlie?« Naomis Puppenstimme klang schon etwas gefestigter.

»Sehr gut so.«

Au revoir, Charlie.«

»Au revoir, Yvette.«

Alan seufzte erleichtert. Naomi hatte jetzt keine Angst mehr. Er ließ Charlie zum Abschied winken und Yvette winkte zurück. Am Ende hatte er es doch richtig gemacht. Zur Abwechslung war ihm einmal ein Ziellauf über sämtliche Male gelungen.

(S. 68 – 73)

 

C    Einsatz des Buches

Das Buch kann in den Jahrgangsstufen 7 – 10 gelesen werden.

 

C    Vorschläge für die Besprechung

0 Lesepensum

Das Buch ist in 31 Kapitel eingeteilt. Je nach geplanter Vorgehensweise und Klassensituation kann das Buch im Zusammenhang als häusliche Lektüre gelesen und dann besprochen werden. Oder es lässt sich in Blöcken von Stunde zu Stunde lesen, was allerdings die Besprechung kleinschrittiger, den unterrichtlichen Zeitaufwand größer werden lässt.

1. Unterrichtsentwurf

Für diese Buch liegt ein kleiner, aber durchaus empfehlenswerter  Unterrichtsentwurf vor:

G. Haas (Hgb.), Lesen in der Schule mit dtv junior; Lehrertaschenbuch 2 für die Sekundarstufen 8102, 9. Auflage 2001, Seite 127 ff

Den Unterrichtsentwurf kann man über www.dtvjunior.de und dann über den Lehrerzugang und die dortige Suchfunktion finden und bestellen oder über den Buchhandel erhalten.

 In dem Entwurf wird eine knappe Analyse der beiden Protagonisten vorgenommen. Die Vorschläge für das Vorgehen im Unterricht einhalten einen interessanten Einstieg in die Lektüre und u.a. eine Idee, für eine abschließende kreative Zusammenfassung des Erarbeiteten mit Hilfe einer Text-Bild-Kollage.

2. Weiterführende Vorschläge

Es lassen sich Arbeitsblätter für Entwicklung der Beziehung Alan – Naomi und Alan – Shaun gestalten.

Die Entwicklung der Beziehung von Alan und Naomi

Mit dem sukzessiven Genesungsprozess Naomis festigt sich die Beziehung zwischen Alan und ihr im Laufe des Buches immer stärker, so dass ab einem bestimmten Zeitpunkt durchaus von einer zarten Liebesbeziehung geredet werden kann (S.111 o; S. 114 o; S.151ff).

Diese Entwicklung wird von den Schülern in Form einer „Kurve“ festgehalten, wobei sie auch das Auf und Ab widerspiegeln soll.

Das heißt im einzelnen:

  1. die „Kurve“ beginnt beim „Nullpunkt“ des ersten Treffens (S.14 (zufälliges Treffen im Treppenhaus); S.25/26 (Versuch Alans Kontakt aufzunehmen von Fenster zu Fenster); S.37ff (erste Begegnung in Naomis Zimmer)),
  2. verläuft dann mit Allans „Erfolgen“ langsam steigend (z.B. S. 54 (Naomi bricht ihr Schweigen)
  3. mit kleinen Einbrüchen (z.B. S.71 u (ein „falsches“ Wort Alans versetzt Naomi in Schrecken; S. 81f (Naomi versetzt Alan in Schrecken)),
  4. um dann weiter zu steigen (S. 113 m (Naomi besucht Alan und nennt ihn beim Namen, ohne die Puppe dazwischen zu schalten)
  5. bis zum „Höhepunkt“ (S.133 bis 146 (gemeinsamer Ausflug von Alan und Naomi, Naomi erzählt ihr schreckliches Erlebnis);
  6. hier bleibt die Kurve auf gleicher Höhe (S. 163 – 172 (Naomis Schulbesuch und die als Aufsatz getarnte wechselseitige „Liebeserklärung“). Es folgt
  7. der radikale Absturz der Kurve (S. 172 ff (Alan wird in eine Schlägerei verwickelt, als er Naomi verteidigt, Naomi fällt zurück in ihren traumatischen Zustand und kommt in eine Heilanstalt, Alan ist zutiefst verzweifelt)

 

Die Schüler tragen die entsprechenden Seiten mit stichwortartigen Anmerkungen in ein Arbeitsblatt ein. Dieses kann vom Lehrer vorgegeben (s. u.) oder im Unterricht von den Schülern erarbeitet werden.

 

Die Entwicklung der Beziehung von Alan und Naomi (zugleich Naomis Heilungsprozess)

Die Entwicklung der Freundschaft zwischen Alan und Shaun

Parallel zur Entwicklung der Beziehung von Alan und Naomi kann die Entwicklung der Freundschaft zwischen Alan und Shaun dargestellt werden:

  1. Einen raue aber herzliche Verbindung und die Vergewisserung der Freundschaft (S. 9 u bis 12 o)

  2. Ein leichter Einbruch, da Alan meint, Shaun wegen Naomi nicht vertrauen zu können. (S. 32 /33)

  3. Unsicherheit Alans über Shauns Verhalten (S. 53 u)

  4. Alan vertraut Shaun immer noch nicht und „verleugnet“ Naomi erneut (zum Teil auch auf Shauns mangelnde Sensibilität zurückzuführen.) (S. 67 / 68).

  5. Alan spürt, wie wichtig ihm die Freundschaft mit Shaun ist. (S. 79 m bis S. 81 o)

  6. Shaun entdeckt die Beziehung von Alan und Naomi und reagiert agressiv. (S.149 u bis S. 151)

  7. Das Zerwürfnis zwischen Alan und Shaun. Shaun wirft Alan Vertrauensbruch vor. (S. 151 bis S. 156)

  8. Shaun als Retter in der Not. Der Neubeginn der Freundschaft. (S. 174 m bis S. 178 o)

 Die Arbeitsaufträge für die Schüler sind die gleichen wie oben bei Alan / Naomi.

 

Werden beide Schaubilder auf einem Blatt dargestellt, d.h. in der oberen Hälfte Alan / Naomi und in der unteren Hälfte Alan / Shaun, wird die gegenläufige Entwicklung der Beziehungen deutlich. Je näher sich Alan und Naomi kommen, je mehr entfernen sich Alan und Shaun. Erst in der Katastrophe, die über Naomi und Alan hereinbricht, finden, durch Shauns Initiative, die beiden Jungen wieder zusammen.

 

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