Max von der Grün

WIE WAR DAS EIGENTLICH?


Kindheit und Jugend im Dritten Reich

Deutscher Taschenbuch Verlag
München, 4. Auflage April 2000, Nr.1850, 263 Seiten (inkl. Anhang)

Übersicht

A  Inhalt

B  Einsatz des Buches

C  Besonderheiten

C  Leseprobe

C  Tipps für den Einsatz im Unterricht

 

Inhalt

Eine Inhaltsangabe im eigentlichen Sinne lässt sich von diesem Buch nicht geben, denn es ist keine herkömmliche Erzählung o.ä.. Max von der Grün verbindet seine persönliche Biographie ab dem Jahr 1926, seinem Geburtsjahr, bis zum Jahre 1945 mit der Darstellung der historischen Ereignisse dieser Zeit. Jedem dieser Jahre ist ein eigenes Kapitel gewidmet, indem die „kleinen“ Geschehnisse seines privaten Lebens stets in Bezug auf die politischen Ereignisse gesetzt werden. Als Beispiel sei das Jahr 1933 herausgegriffen: Von der Grün wird eingeschult – sein Onkel macht Karriere in der SA -  Ernennung Hitlers zum Reichskanzler – Reichstagsbrand mit Einrichtung der ersten KZs – Bücherverbrennung –  Erlebnisse in der Familie zwischen Bejahung der „neuen Zeit“ und tiefer Ablehnung.

B   Einsatz des Buches

Einsetzbar ist das Buch als „Begleitlektüre“ und in gewissem Sinne Nachschlagewerk ab dem 9. Schuljahr

C    Besonderheiten

Max von der Grün bedient sich einer Sprache, die auf einem dem Thema angemessenen Niveau liegt, ohne jedoch seine jugendlichen Leser aus dem Auge zu verlieren. Der Wert diese Buches für den Unterricht wird noch gesteigert durch die geschickt ausgewählten Fotos und vor allem durch die vielen Originaldokumente, seien es z.B. NS-Akten oder ausführliche Zitate von Zeitzeugen. Beides stärkt die Authentizität und Glaubwürdigkeit des Berichteten und verhindert den Eindruck einer nur subjektiven biographischen Darstellung. Das Buch wird abgerundet durch eine Liste von damals üblichen Abkürzungen, eine Literaturliste, die Hinweise gibt auf weitere Kinder- und Jungendliteratur, Romane, Erzählungen und Sachbücher, und durch ein kombiniertes Namens- und (knappes) Sachregister.

D  Leseprobe

Hier ein Beispiel für die Verbindung von persönlichem Erleben Max von der Grüns und darüber hinaus gehenden Ereignissen und seine schlichte und trotzdem eindringliche Erzählweise. Es sind die Seiten 141 und 142 wiedergegeben:

„1939  Ein Schulkamerad von mir war von einem Fähnleinführer, dem Führer einer Hitlerjugendformation auf offener Straße zusammengeschlagen worden. Was war passiert? Die Hitlerjugend unserer Kleinstadt zog im Marschtritt durch den Ort, vorweg der Spielmannszug mit Fanfaren und Trommeln, dahinter der Fahnenträger, dann die drei Züge. Mein Schulkamerad, selbst Hitlerjunge, konnte an diesem Tag nicht mitmarschieren, denn seine Mutter war krank, und er mußte für sie einkaufen gehen. Bevor er die Straße überquerte, ließ er die braune Kolonne, in der er nur zufällig nicht mitmarschierte, vorbei. Es war Pflicht, die Fahne mit erhobenem Arm zu grüßen. Er vergaß es. Daraufhin rannte der Fähnleinführer aus der Kolonne und streckte den Jungen mit zwei Faustschlägen nieder, so daß er aus Mund und Nase blutete. Kein Wunder, denn der Fähnleinführer war achtzehn Jahre und stark, mein Schulkamerad gerade dreizehn und schmächtig.
Nirgendwo konnte er sich darüber beschweren, geschweige denn den Fähnleinführer wegen Körperverletzung anzeigen. Niemand hätte dem Jungen Recht gegeben - nicht umsonst hieß es in einem Lied der HJ: »... denn die Fahne ist mehr als der Tod.«
Die Fahne im Dritten Reich nicht zu grüßen war kein Vergehen, es war ein Verbrechen. Ein Nachspiel hatte die ganze Sache aber doch, nämlich in der Schule. Wir lasen gerade »Wilhelm Tell« von Schiller. In diesem Schauspiel erläßt der tyrannische Landvogt Geßler eine Verordnung, daß nicht nur er zu grüßen sei, sondern auch sein Hut, wenn er durch die Straßen der Stadt getragen werde. Der vom Fähnleinführer niedergeschlagene Junge fragte unseren Lehrer, warum in unserer Schule gelehrt würde, daß es Unterdrückung sei, wenn man den Hut des Herrn Geßler grüßen müsse, und wollte wissen, warum man niedergeschlagen würde, wenn man die Fahne nicht grüße, schließlich sei es doch dasselbe. Wir saßen alle mucksmäuschenstill. Wir warteten auf Antwort, aber unser Lehrer sagte nur: »Bestelle deinem Vater, er soll sich morgen Mittag beim Rektor melden."
Ich habe nie erfahren, was bei der Unterredung herauskam. Mein Schulkamerad schwieg hartnäckig, wenn wir ihn darauf ansprachen und als ich einmal merkte, wie er heimlich weinte, hörten wir mit den Fragen auf. Es wurde darüber getuschelt, der Rektor habe dem Vater gedroht, daß er ihn wegen Verunglimpfung hoheitlicher Symbole anzeigen werde, wenn er weiterhin darauf bestehen würde, für seinen Sohn Genugtuung zu fordern. Daß es sogar lebensgefährlich war, die Hakenkreuzfahne nicht zu grüßen, beweist der Fall des evangelischen Pfarrers Paul Schneider.

Paul Schneider, am 29. August 189 7 in Pferdsfeld bei Kreuznach geboren, evangelischer Pfarrer in Hochelheim und Dickenachied, kam mit seiner aufrechten Haftung und seiner liberalen Gesinnung frühzeitig in Konflikt mit den nazistischen Machthabern. Nach mehrmaligen Inhaftierungen wurde Pfarrer Paul Schneider 1937 in das KZ Buchenwald verschleppt. Weil er sich weigerte, die Hakenkreuzfahne zu grüßen, wurde er von der SS im Bunker eingesperrt, unmenschlich geschlagen und schließlich am 18. Juli 1939 ermordet.“

 

E  Tipps für den Einsatz im Unterricht

Das Buch eignet sich besonders als Begleitlektüre zum Geschichtsunterricht, da es durch seine Erzählung wie auch durch die Fülle an Originaldokumenten den zwangsläufig auf die historische Fakten ausgerichteten Unterricht anschaulich ergänzt.

Aber auch im Deutsch- oder Religionsunterricht ist es einsetzbar.

Im Deutschunterricht lassen sich z.B. die Informationen und Dokumente zur Bücherverbrennung wie auch allgemein zur Kulturpolitik des NS-Regimes heranziehen, so die Seiten 54 bis 63 (Literatur - Bücherverbrennung), die Seiten 96 bis 99 (bildende Knust – „entartete Kunst“).

Für den Religionsunterricht bietet sich an, das Menschenbild des NS (Rasseideologie, Idealisierung des Heldenhaften, des Übermenschen und der Umgang mit anders Denkenden) herauszuarbeiten. Das Kapitel „1936“ bietet hier einiges Material.

Die Aufgliederung des Buches nach Jahren ermöglicht einen auszugsweisen Einsatz.

An den biographischen Teilen des Buches lässt sich der Alltag im Dritten Reich und die Reaktion auf die Geschehnisse und Erfahrungen der Menschen damals rekonstruieren. Und da Max von der Grün nicht in beschönigender Absicht schreibt, sondern durchaus auch die Schwächen und den Überlebenskampf durch Anpassung selbst jener, die dem Regime kritisch gegenüberstanden, aufzeigt, ergibt sich ein realistisches Bild.

Hier einige Stellen, die sich eignen das oben Genannte zu illustrieren: S. 129 unten bis 131 unten : Verhaftung des Vaters, Reaktion des Umfeldes auf die Verhaftung, Durchreise Hitlers.

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