Ullrich Reuter:

Lernziele und pädagogische Prämissen des Projekts

Bei der Planung unseres Unterrichtsvorhabens „Begegnungen mit dem Nationalsozialismus“ orientierten wir uns zunächst an den allgemeinen Zielen für Erziehung und Unterricht, wie sie im „Lehrplan zur individuellen Lernförderung“ in den Kapiteln „Der Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schulen, in denen der Lehrplan zur individuellen Lernförderung gilt“ und „Der Erziehungs-, Unterrichts- und Förderauftrag der Lernbereiche“ festgelegt sind. Ähnliche Aussagen im Hinblick auf eine ganzheitliche, demokratische und auf Toleranz und Friedenserziehung gerichtete Pädagogik finden sich auch in den Grundlagen und Leitbildern der anderen bayerischen Lehrpläne. Exemplarisch finden sich geeignete Auszüge aus den Vorbemerkungen zum bayerischen Hauptschullehrplan in unserer Materialkiste im Anhang. Auf Grund unserer früheren Erfahrungen und der Überlegungen, die im Abschnitt 5 ausführlich dargestellt sind, entschieden wir uns für folgende Ziele, die wir mit unserem Projekt vorrangig verfolgen wollten: Unser Projekt „Begegnungen mit dem Nationalsozialismus und Lernen vor Ort in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg“ sollte ...

(1) den Schülerinnen und Schülern geschichtliches Wissen vermitteln,

(2) die Schülerinnen und Schüler “stärker machen”, d.h. ihnen helfen, Selbstbewusstsein zu entwickeln und eine eigene Position gegenüber selbst erlebter Ausgrenzung und „Anmache“ zu finden,

(3) ihnen Hilfen zur Wertorientierung geben,

(4) sie sensibilisieren für eigenes Handeln (Ausgrenzen u.ä.) gegenüber anderen und

(5) vorbeugend wirken, also die Schülerinnen und Schüler vor der Gefahr einer Identifikation mit rechtsradikalem Gedankengut, “starken Sprüchen” usw. schützen.

Dabei war es uns wichtig, folgende Prinzipien soweit möglich zu beachten:

a) Ziel der Begegnungen mit einem schwierigen Kapitel unserer Vergangenheit darf es nicht sein, bloße Betroffenheit zu erzeugen, die zwar momentane Wirkungen zeigt, aber nicht geeignet ist, längerfristige Wertorientierungen und Handlungsmöglichkeiten zu initiieren.

b) Die vielfältigen geplanten Aktivitäten dürfen nicht in einen „Aktionismus um des Handelns willen“ münden, sondern müssen jeweils zum einen an den sachlichen Erfordernissen, zum andern an den individuellen Handlungsvoraussetzungen und den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler sowie im Hinblick auf die formulierten Ziele geplant und reflektiert werden.

c) Die Begegnungen der Schülerinnen und Schüler mit verschiedenen „Fachleuten“, also Zeitzeugen, Gedenkstätten-Experten usw., und mit historischen Quellen und Dokumenten bedürfen jeweils einer vermittelnden Begleitung durch uns als verantwortliche Pädagogen.

d) Da die Auseinandersetzung mit den Schrecken der NS-Zeit in hohem Maße „unter die Haut“ gehen kann, muss immer ein großes Maß an Freiwilligkeit gewährleistet sein, vor allem im Zusammenhang mit Begegnungen vor Ort in der Gedenkstätte und in der Konfrontation mit Bildern, Filmen, Texten und sonstigen Zeugnissen des Terrors.

Notwendig war es also, Planung, Verlauf und Ergebnisse des Projekts immer wieder kritisch zu reflektieren und gegebenenfalls entsprechend darauf zu reagieren, Maßnahmen und Vorhaben zu modifizieren, Ziele zu ergänzen oder auch zu relativieren. Dazu wollten wir die einzelnen Schülerinnen und Schüler möglichst regelmäßig und differenziert beobachten, den Jugendlichen häufig Gelegenheit geben, über ihre Erfahrungen und neuen Erkenntnisse zu sprechen und diese in Form von Berichten, Fragebögen oder sonstigen eigenen Ausdrucksformen selbst zu dokumentieren. Während des gesamten Projekts führten die Schüler ihre persönliche Projektmappe, in der alle relevanten Arbeitsblätter, Lieder, Notizen usw. gesammelt wurden. Auch wir, die pädagogisch Verantwortlichen, versuchten, unsere Beobachtungen kontinuierlich zu dokumentieren und zu reflektieren.

Uns war klar, dass eine objektive Überprüfung der genannten Lernziele für den einzelnen Schüler nur sehr begrenzt möglich ist. Am ehesten gelingt dies noch im Bereich des quantifizierbaren Zuwachses an Fachwissen (Projektziel 1); dazu sollten neben der Beurteilung der Tätigkeiten der Schüler während des Projekts (Referate, Gestaltung von Ausstellungsplakaten usw.) gelegentliche überschaubare Leistungsfeststellungen dienen. Diese sollten aber in der Gesamtbeurteilung der Schülerleistungen (etwa auch im Hinblick auf die spätere Zeugnisnote) nur einen deutlich untergeordneten Raum einnehmen.

Wichtiger war uns festzustellen, ob und wie sich die Jugendlichen tatsächlich mit der Thematik persönlich auseinandersetzen und bereit sind, Verantwortung für das Projekt zu übernehmen. Eine objektive Beurteilung, in wie weit die affektiven Lernziele (Nr. 2 bis 5) individuell erreicht werden, muss sich vor allem auf die gezielte Verhaltensbeobachtung der Schülerinnen und Schüler beschränken. Ergänzend dazu sollten Fragebögen in Form einer Vor- und Nachuntersuchung überprüfen, wie sich die Jugendlichen vor bzw. nach dem Projekt spontan zu Fragen wie: „Was fällt dir zu ‚Hitler’ ein?“ Oder „Was denkst du, wenn jemand die Worte ‚Heil Hitler!’ sagt?“, äußern. Auf diese Weise wollten wir die Schüler veranlassen, konkret ihre Erfahrungen und Einstellungen zu formulieren und festzuhalten.

Den Projektplan (im Anhang) entwickelten wir im Januar 2000, also vor dem unterrichtlichen Einstieg ins Thema. Zentraler Fixpunkt war der durch die Buchung der Unterkunft festgelegte Termin des Besuches der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Auf diese Kernphase des Projektes hin mussten die weiteren Inhalte und Aktivitäten geplant und terminiert werden. Gleichzeitig war uns bewusst, dass die Planung offen genug sein musste, um Raum für zusätzliche oder veränderte Impulse, Fragestellungen und Entwicklungen - vor allem von Seiten der Schüler - zu lassen.

Im Hinblick auf den fächerübergreifenden Charakter des Vorhabens war es wichtig, frühzeitig beteiligte Fachlehrer einzubinden; der ganzheitliche, themenzentrierte Ansatz des Lehrplans zur individuellen Lernförderung erleichterte die Planung und Umsetzung ebenso wie die Tatsache, dass die Leitfächer des Projekts (Geschichte, Deutsch, Sozialkunde, Musik und Kunst) von mir bzw. Tamara Landwehr unterrichtet wurden.

Das klare Votum der Schüler für ein großes Halbjahresprojekt war grundlegende Voraussetzung für Planung und Durchführung. Die Schulleitung erklärte sich sofort bereit, das Projekt zu unterstützen, und auch von Seiten der Eltern gab es keine Vorbehalte gegen das geplante Vorhaben.

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