Lehrplanbezüge – Allgemeine Aussagen am Beispiel des bayerischen Hauptschullehrplans

 

Die Lehrpläne der bayerischen Schulen nennen in ihren Grundlagen und Leitlinien zahlreiche Ziele für Erziehung und Unterricht. Darin finden sich vielfältige Begründungen dafür, die fächerübergreifende und handlungsorientierte Auseinandersetzung mit dem sog. „Dritten Reich“, auch in Form von Begegnungen vor Ort, im Unterricht zu realisieren – auch über die konkreten Lernziele der einzelnen Fächer hinaus, wie sie anschließend dargestellt sind. Beispielhaft seien im folgenden einige dieser grundlegenden Aufgaben aus dem aktuellen bayerischen Hauptschullehrplan (1998)genannt; in ähnlicher Form finden sich vergleichbare Aussagen auch in den allgemeinen Vorbemerkungen der anderen amtlichen Lehrpläne.

 

I. Grundlagen und Leitlinien

2. Der Auftrag der Hauptschule

2.1  Die Hauptschule vermittelt ihren Schülern eine fundierte Allgemeinbildung. ...

2.2  ... Sie (die Hauptschule) verhilft zur Orientierung in der Vielfalt widersprüchlicher Wertsetzungen, stärkt das Vertrauen in die Zukunft und unterstütz die Schüler bei der suche nach dem Sinn ihres Lebens. Wertorientierung und Sinnfindung richten sich gemäß der bayerischen Verfassung am christlichen Menschenbild aus. Die Begegnung mit anderen Wertvorstellungen und Sinngebungen verlangt Aufgeschlossenheit und Toleranz; sie trägt aber auch zur Klärung und Festigung des eigenen Standortes bei.

2.4       Drängende Probleme und Aufgaben der Zeit fordern Berücksichtigung auch in der Schule. Sie kann solche Probleme nicht allein lösen, zumal diese vorrangig in die Verantwortung der Erwachsenengesellschaft fallen. Sie kann und muss aber ihren Beitrag leisten, indem sie in der heranwachsenden Generation Verständnis für diese Anliegen und Bereitschaft zu Verantwortung weckt. Unter Klärung der historischen Dimension und im Blick auf die Zukunft der Gesellschaft mit ihren Risiken und Chancen werden die Schüler von der Schule hilfreich begleitet und auf die Wahrnehmung ihrer Rechte und Pflichten als mündige Bürger vorbereitet. Ziele von eigenem Gewicht sind dabei:       ...

- waches Bewusstsein für Fragen der sozialen Ordnung und Gerechtigkeit, der Achtung von Recht und Personenwürde im Verhältnis der Geschlechter, der Generationen, sozialer Gruppen wie auch im Zusammenleben mit Kranken und Behinderten;

- wechselseitige Offenheit für Wertvorstellungen von Angehörigen verschiedener Nationalitäten, Kulturen und Religionen in der Spannung zwischen notwendiger Integration und Erhaltung kultureller Eigenarten im Rahmen interkultureller Erziehung; Zusammenleben mit ausländischen Mitbürgern;

 - ...

- ... Bereitschaft zu friedlichem Zusammenleben und gewaltfreier Konfliktlösung im persönlichen wie auch im öffentlichen Leben;

- Bejahung der freiheitlich-demokratischen rechtsstaatlichen Grundordnung als Fundament aller gesellschaftlichen Entwicklungen.

3. Erziehung in der Hauptschule

3.3  Die Lehrer haben das Ziel vor Augen, die Schüler zu mündigen Bürgern zu erziehen, die von sittlicher Mitverantwortung sich, dem anderen und der Gesellschaft gegenüber geprägt sind, selbstständig, rück­sichtsvoll und hilfsbereit handeln, Initiative entwickeln und zur Mitgestaltung des Zusammenlebens bereit und fähig sind. Sie können diesen Erziehungsauftrag nur erfüllen, wenn sie ihn bejahen und die darin liegende Verantwortung für die Heranwachsenden auf sich nehmen; sie müssen sich ihrer Vorbildwirkung bewusst sein. Offenheit und Verständnis für die Jugendlichen sowie Fähigkeit und Willen zur erzieherischen Führung, aber auch das Wissen um die Grenzen der eigenen Möglichkeiten sind Voraussetzungen für den Erziehungserfolg.

4. Unterricht in der Hauptschule

4.2  In den einzelnen Schulfächern erfahren die Schüler den Unterricht als Hilfe zur Ordnung und Klärung der komplexen, oft verwirrenden Wirklichkeit. Sie lernen sachgerechte Fragestellungen kennen, gewinnen facheigene Erkenntnisse, üben fachgemäße Arbeitsweisen ein und entwickeln Einstellungen und Werthaltungen. Fachliche und systematische Vollständigkeit wird nicht angestrebt. Im sinnvollen Wechsel zwischen exemplarischem und orientie­rendem Lehren fördern die Lehrer das selbstständige, die geistigen, seelischen und körperlichen Kräfte ansprechende Lernen und Arbeiten. So weit möglich nutzen sie Querverbindungen zwischen den Fächern, verdeutlichen Vernetzungen und machen Erkenntnisgrenzen der Einzelfächer bewusst.

4.3  Drängende Aufgaben der Zeit, Anliegen und Probleme der Schüler sowie komplexe Unterrichtsinhalte können meist nicht einem einzelnen Fach zugeordnet werden, sondern erfordern themenorientiertes Arbeiten im fächerübergreifenden Unterricht. Dabei werden Sachverhalte von verschiedenen fachlichen Ansatzpunkten her betrachtet. Besondere Formen dieses Unterrichts stellen projektorientiertes Arbeiten und Projekte dar. Die Umsetzung des fächerübergreifenden Unterrichts erfordert die fachliche Kooperation der Lehrer, damit thematische Überschneidungen vermieden, die inhaltliche Stoffverteilung abgestimmt und organisatorische Maßnahmen frühzeitig geplant werden können.

4.4   Gemeinsame Aufgabe des fachbezogenen wie auch des fächer­übergrei­fen­den Unterrichts ist es, die fachliche, methodische, personale und soziale Kompetenz der Schüler zu fördern. Dazu gehört der Erwerb von fächerübergreifenden Fähigkeiten, Fertigkeiten und Haltungen wie selbstständiges Lernen, Problemlösen, Denken in Zusammenhängen, aber auch Leistungs- und Einsatzbereitschaft, Belastbarkeit und Durchhaltevermögen, Pflichtbewusstsein und Zuverlässigkeit, Bereit­schaft und Fähigkeit zur Zusammenar­beit und Mitverantwortung. Solche eher allgemeinen Schlüsselqualifikatio­nen sind nur an konkreten Inhalten und realen Handlungsfeldern zu erwer­ben, bedürfen aber eigener Aufmerksamkeit und Übung, um in zunehmendem Maße bewusst gemacht, bejaht und verlässlich angewandt zu werden.

4.6  Die Lehrer unterrichten nach anerkannten didaktischen Grund­sätzen. Sie bemühen sich um Ausgewogenheit zwischen Planung und Offenheit, Sachanspruch und Schülergemäßheit und ermöglichen in den einzelnen Fächern hauptschulgemäße Lernmethoden und Arbeitsweisen. Sie nützen die unterschiedlichen methodischen Möglichkeiten, die sich aus der inneren Struktur der Fächer, aber auch aus der Zielstellung des Unterrichts ergeben, knüpfen an den Erfahrungen der Schüler an, beziehen die Wirklichkeit mit ein und unterstützen den Lernprozess durch Medien. So lernen die Schüler erfahrungsorientiert und durch Medien vermittelt, handlungsbezogen und kognitiv, entdeckend und angeleitet, kreativ‑schöpferisch und nachahmend. Gebundener, lehrergeleiteter Unterricht wird durch freie und projektorientierte Lehr‑ und Lernformen ergänzt. ...

5. Schulleben, Schulkultur

5.4  Feste und Feiern, Schulgottesdienste, Tage der Orientierung, Wanderungen und Fahrten, Schullandheimaufenthalte, Aufführungen, Wettbewerbe, Ausstellungen, sportliche Veranstaltungen stellen Höhepunkte im Schulleben dar. Sie werden weitgehend gemeinsam von Lehrern, Schülern und auch den Eltern festgelegt, vorbereitet und durchgeführt.

6. Arbeit mit dem Lehrplan

6.5  In den Fachlehrplänen wird auf Querverbindungen zwischen den Fächern hingewiesen. Sie zeigen, dass korrespondierende Inhalte in anderen Fächern enthalten sind. Sie sollen zu Absprachen zwischen den Lehrern führen und eine zeit­liche Koordination ermöglichen. Weitere Querverbindungen sind dort zu nutzen, wo sie sich von der Sache und der Situation her anbieten.

6.6  Neben dem gefächerten Unterricht sieht der Lehrplan auch fächer­übergreifendes Arbeiten vor und gibt Raum für Projekte. Diese können nur orts- und situa­tionsbezogen geplant und verwirklicht werden und bedürfen der Kooperation.

6.9  Der Lehrplan ist auf 28 Wochen, in den Jahrgangsstufen 9 und 10 auf 25 Wochen ausgelegt. Bei insgesamt etwa 37 Unterrichtswochen steht ein entsprechender Freiraum zur Verfügung, der nicht von vornherein verplant werden darf. Er kann zur vertieften Behandlung einzelner Unterrichtsinhalte, zum Eingehen auf Schüler­interessen, zum erzieherischen Gespräch und für die Gestaltung des Schullebens verwendet werden. ...

Kapitel II. Fächerübergreifende und fachbezogene Unterrichts- und Erziehungsaufgaben

1. Grundsätzliches

1.2  Schule strebt nach Allgemeinbildung. Dazu gehört auch die erzie­herische Aufgabe, das Bewusstsein für gesellschaftliche und persönliche Grund- und Zeitfragen zu entfalten und Hilfen für deren Bewäl­tigung zu geben. Dies kann nicht allein im gefächerten Unterricht geschehen. Die Komplexität der Gegenstände und der Zusammenhang der Einzelaspekte erfordern fächerübergreifende Behandlung.

1.3  Viele dieser Unterrichts- und Erziehungsaufgaben werden in den Lehrplänen der einzelnen Fächer dargestellt. Manche können im pädagogischen Freiraum, aber auch bei außerunterrichtlichen Aktivitäten aufgegriffen werden. Im fächerübergreifenden Unterricht geht es darum, die Komplexität und Vernetzung wichtiger Lebensfragen zu verdeutlichen und die Schüler zu einem Denken in Zusammenhängen anzuleiten. Dies vollzieht sich in der Polarität von Einzelbetrachtung und Zusammenschau, von Spezialisierung und Generalisierung, von Vergangenheit und Gegenwart. Der fächerübergreifende Unterricht stützt sich auf das Spezialwissen der Fächer; der gefächer­te Unterricht wird in der fächerübergreifenden Behandlung zusammengeführt.

1.5  Manche der anzusprechenden gesellschaftlichen Grund- und Zeit­fragen lie­gen abseits vom unmittelbaren Erleben der Schüler. Vieles ist als Forderung leicht zu formulieren, aber schwer zu realisieren. Die Gefahr einer Behandlung "über die Köpfe der Schüler hinweg" ist groß. Deshalb ist es ratsam, konkrete Situationen im Zusammenleben der Schüler, aktuelle politische, soziale oder wirtschaftliche Ereignisse, Beispiele aus der unmittelbaren Lebens- und Erfahrungswelt oder Einzelschicksale zur Grundlage der Unterrichtsgestaltung zu machen.

1.6  Die Lösung von Problemen, seien es die Zeitprobleme oder die Sorgen der Schüler, erfordert Entscheidungen; Entscheidungen wiederum sind gebunden an Werte, die die Schule vermitteln soll. Beim Nachdenken und Sprechen über Wer­te darf es nicht bleiben; es ist notwendig, dass Werthaltungen vorgelebt werden.

1.7  Manche Probleme liegen weit außerhalb des Zugriffs der Schüler, z. B. der Weltfriede; sie können diesen nicht schaffen, aber sie sollen erkennen, dass er im Zusammenhang mit ihrer eigenen Friedfertigkeit steht; sie können nicht weltweit den Menschenrechten zur Durchsetzung verhelfen, sie können aber men­schenwürdig mit ihrer Mitwelt umgehen. Es kommt also darauf an, dass die allgemeinen Prinzipien "in kleine Münze umgewechselt" werden. Dies gelingt am ehesten durch die Einbeziehung von Schülern in Entscheidungs- und Gestaltungsprozesse, durch das Handeln in Realsituationen und durch die Übernahme von Verantwortung in Teilbereichen der Schule.

1.10     Schule strebt auch Unterrichts- und Erziehungsziele an, denen die Lebenswirklichkeit entgegensteht. Die Schule soll z. B. zur Friedfertigkeit erziehen, die Wirklichkeit aber präsentiert häufig den Sieg der Gewalt. Die Schule will sinnvolle Freizeitgestaltung anbahnen, in der Wirklichkeit wird die Zeit allzu oft vergeudet. Wir können den Schülern das Leben in solchen Widersprüchen nicht ersparen, können ihnen aber helfen, ihren Weg in eigener Verantwortung zu finden. Dazu müssen sich die für die Erziehung Verantwortlichen um Über­einstimmung in den Zielvorstellungen bemühen.

2. Die Bildungsaufgaben im Einzelnen

2.4  Die jungen Menschen sind teils unmittelbar von den großen Herausforderungen und Aufgaben betroffen, die unserer Gesellschaft insgesamt gestellt sind, teils erfahren sie über die Medien von ihnen. Sie sollen lernen, sich in der Vielfalt gesellschaftlichen und politischen Lebens zurecht zu finden, sich mit Vorurteilen auseinander zu setzen, eigene Beurteilungen politischer Sachverhalte begründet zu vertreten und Möglichkeiten eigener praktischer Mitwirkung zu entdecken und wahrzunehmen.

2.5  Achtung vor der Würde jedes Menschen und Anerkennung der Men­schen­rechte sind Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Zusammenleben. Die Kenntnis der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und der Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten, der Aussagen des Grundgesetzes sowie von Beispielen für den Kampf um Menschenrechte ist notwendig, doch reicht bloßes Wissen keineswegs aus. In der Schule und im alltäglichen Verhalten zwischen Buben und Mädchen, Jungen und Alten, Gesunden, Kranken und Hilfsbedürftigen, Menschen aus verschiedenen sozialen Gruppen, Ländern, Kulturkreisen und Religionen kann eingeübt werden, was die Achtung vor der Würde des Menschen praktisch bedeutet: Hinhören und Eingehen auf den anderen, Umgang mit eigenen und mit fremden Vorurteilen, Vertreten eigener Meinungen, Wahrnehmen und Bekämpfen von Diskriminierungen. So kann das Bewusstsein dafür wachsen, dass Menschen, wo immer sie leben, den gleichen Anspruch auf menschliche Würde und Freiheit haben.

2.6  Leben in Freiheit, Vertrauen auf Gerechtigkeit und Toleranz sind Bedingungen friedlichen Zusammenlebens in unserem Land, in Europa und in der gesamten Welt. Deshalb ist es wichtig, dass die Schüler Erfahrungen mit Selbstbestimmung in sozialer Verantwortung in der Schule machen und so zu der Bereitschaft finden, für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung einzutreten. Sie sollen erkennen, dass der Friede gefährdet ist durch soziale Ungerechtigkeit, Missachtung von Menschenrechten, Hunger und Armut in weiten Teilen der Welt, aber auch durch Gewaltbereitschaft und ‑anwendung aus nationalen, rassistischen, ideologischen Gründen. Zur politischen Bildung der Schüler gehört es, dass sie einerseits gewaltfreie Konfliktlösungen kennen lernen und einüben, andererseits verstehen, dass der Staat Freiheit und menschenwürdiges Zusammenleben gegen gewalttätige Angreifer notfalls mit Gewalt verteidigen muss.

2.7  Schüler aus verschiedenen Herkunftskulturen und mit unter­schiedlichen Muttersprachen besuchen die Schule. Lehrkräfte und Lernende können daraus Lernchancen entwickeln und Schule als interkulturellen Begegnungsort gestalten. Interkulturelle Erziehung wendet sich an alle Schüler gleichermaßen. Durch Einblicke in andere Kulturen und deren Geschichte kann es gelingen, kulturelle Identität zu stärken und Vorurteile abzubauen. Jeder kann sensibilisiert werden, die eigene Kultur zu bejahen, andere Lebensgewohnheiten zu tolerieren und die Kultur des anderen anzuerkennen. Dabei geht es nicht allein um Erziehung zur Toleranz oder um intellektuelles Verstehen, sondern darüber hinaus um das Erleben, das Begreifen und das Verarbeiten anderer kultureller Werte. Schüler können lernen, Fremdes wahrzu­nehmen, ohne es als Bedrohung zu empfinden und kulturelle Vielfalt als eine wechselseitig bereichernde Chance zu erkennen. Durch die Entwicklung von Kompetenz, mit dem Fremden umzugehen, wird ein lebenslanger Lernprozess eingeleitet, der Feindseligkeiten abbaut und ein positives Zusammenleben ermöglicht.

 

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