Junge Tschechen

"Ich bin doch noch jung"

Vladimir Feierabend im KZ Dachau

Nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich am 27. Mai 1942 werden Tausende Tschechen verhaftet oder hingerichtet. Durch diese Maßnahme wird auch die gesamte Familie des tschechischen Politikers Ladislav Feierabend schwer getroffen, der im Februar 1940 nach London emigrierte und dort Minister in Benes" Exilregierung wurde. Über Theresienstadt werden im September 1942 insgesamt drei Männergenerationen dieser Familie nach Dachau eingeliefert. Die weiblichen Familienangehörigen werden in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert.

Nach Dachau kommt neben dem 81 Jahre alten Vater des Ministers, Professor Karel Feierabend, auch der Bruder des Ministers zusammen mit seinen beiden Söhnen - einer davon ist Vladimir Feierabend, 18 Jahre alt. Am 11. September 1942 wird er ins KZ Dachau eingeliefert Sein Großvater ist der älteste Häftling im Lager, immer gefährdet, auf die so genannten Invalidentransporte zu gehen oder im Krankenrevier ermordet zu werden. Der Großvater wird im Revier versteckt, wenn Transporte und Selektionen bevorstehen. "Und dort waren so gute Leute im Revier, das war die Solidarität der Häftlinge. Sie haben ihn aufbewahrt bis zum Ende des Krieges. Also lebend! Leider ist er fünf Tage nach der Rückkehr gestorben", so Vladimir Feierabend.

Er selbst wird in das Arbeitskommando Baulager II und in das Bekleidungslager eingeteilt, später wird er als Schreiber in die politische Abteilung versetzt. Er gewinnt Einblicke in die Lagerorganisation, kennt die Gefahren des Alltags: "Das Schlimmste war, auf Transport zu gehen. Weil wenn einer ein Jahr im Lager war, dann weiß der schon, was los ist."

Ab 1943 ist das Lager hoffnungslos überfüllt, die hygienischen Zustände werden immer schlimmer: "Und dann sind die Läuse gekommen. Wir konnten die Hemden und Wäsche nicht wechseln." Im Januar 1943 erkrankt Feierabend an Bauchtyphus, vier Wochen lang hat er Fieber, ist längere Zeit im Revier. Für ihn die schlimmste Zeit im Lager, er denkt, "jetzt geht das Leben. Man sagt sich, ich bin doch noch jung, warum soll ich? Es waren ja so viele junge, die gestorben sind. Und das war am schlimmsten in diesen drei Jahren."

Die Befreiung des Lagers kündigt sich Tage vorher an, Feierabend hört Gefechtslärm. "Alle haben gespürt, dass es aufs Ende zuging, aber wir wussten ja nicht, was die SS für uns vorbereitet hat. Ich war nicht so nervös, weil ich so jung war." Als am 29. April 1945 das Lager von den Amerikanern befreit wird, sind etwa 30 000 Häftlinge im Hauptlager, unter ihnen Vladimir Feierabend: "Jeder hat die Befreiung anders gespürt. Am Tag der Befreiung war ich in der 1. Baracke, weil ich dort gearbeitet habe. Dann bin ich raus, der Appellplatz war schon voll, weil man die Amerikaner durch das Lagertor sah. Das war eine Lawine, und ich war in dieser Lawine. Ich habe geschaut, geschaut, geschaut. Und war einfach froh." Vladimir Feierabend kehrte nach Prag zurück, wurde Arzt und lebt auch heute noch dort.SZ

Süddeutsche Zeitung,15.07.05



Foto: Erkennungsdienst KZ Auschwitz

Miroslav Kubik

Miroslav Kubik (geb. 1925) wurde am 20. Juli 1942 in der 10. Klasse des Gymnasiums in Roudnice, Tschechoslowakei zusammen mit 16 Mitschülern direkt aus dem Unterricht wegen "feindlicher Gesinnung gegen das Reich" verhaftet. Zugleich nahm die Gestapo 30 Schüler der 7. Klasse und 38 Schüler der Technischen Fachschule fest. Kubik wurde nach Auschwitz gebracht, am 4. September 1943 kam er in das KZ Dachau, wo er bis Kriegsende blieb.

Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Dachau

Weitere Informationen in englischer Sprache finden Sie hier.


Radovan Dražan

Drazan, wurde 1923 in Dobruska in der Tschechoslowakei geboren. (..) Er wurde am 14. Januar 1941 in Spielfeld/Österreich verhaftet und am 23. März 1941 in das KZ Dachau gebracht.

PC-Station im Bunker der KZ-Gedenkstätte Dachau

Radovan Dražan hatte im Herbst 1940 Kontakt zu einem Offizier der ehemaligen tschechoslowakischen Armee geknüpft, welcher ihn für die ausländischen Einheiten dieser Truppen anwerben konnte. Von ihm erhielt er aktuelle Informationen über mögliche Fluchtwege aus dem Protektorat, die von dem in der Illegalität wirkenden Turnverein "Sokol" vorbereitet worden waren. Radovan Dražan entschloss sich für die Route über Österreich nach Jugoslawien und brach, ohne zuvor seine Eltern informiert zu haben, am 12. Januar 1941 alleine auf Skiern auf. Über Znojmo, Wien, Graz und Leibnitz kam er bis auf wenige Meter an die jugoslawische Grenze heran, wo seine Tarnung unglücklicherweise aufflog und er von den Grenzposten verhaftet wurde. Es folgten zwei Monate von unbeschreiblichen Misshandlungen und Folter in verschiedenen Polizei- und Gestapogefängnissen in Österreich bis auch Radovan Dražan seinen Schutzhaftbefehl erhielt und in den nächsten Wochen in das Konzentrationslager Dachau überstellt wurde. (..) Alle drei Neuankömmlinge wurden im Block Nummer 10 untergebracht, wo seit dem Frühjahr 1940 alle tschechischen Häftlinge konzentriert worden waren.

Wie jede Art der Subversion der totalen Herrschaft war auch das Abhören von "Feindsendern" extrem gefährlich und konnte beim Aufdecken mit der Todesstrafe geahndet werden. Doch einige Häftlinge schafften es auch unter einem solchen Risiko, einen Radioempfänger ausfindig zu machen, oder sogar einen zu basteln, und mit diesem heimlich einen Sender abzuhören. Die überwiegend von BBC und Radio Moskau empfangenen Informationen verbreiteten sich im Lager wie ein Lauffeuer. Da das Abhören des Rundfunks in den Blöcken wegen der ständigen Kontrolle nicht möglich war, lauschten die wissensdurstigen Gefangenen nahezu ausschließlich in ihren Arbeitskommandos. Radovan Dražan und seinem Mithäftling, dem tschechischen Radioingenieur Dalibor Vitoul, gelang es, in ihrem Kommando "Besoldungsstelle" einen winzigen etwa 6x6 cm großen Radiosender zu bauen. Nachdem sie sich dazu von einem russischen Häftling aus dem Kommando "Kabelzerlegung" einen kleinen Kopfhöher "organisiert" hatten, konnten sie dem Radio, welches in einer, einen kleinen Spalt breit geöffneten Tischschublade versteckt lag, leise zuhören. Vitoul notierte sich daraufhin die Neuigkeiten auf einen winzigen Zettel und schmuggelte diesen jeden Abend ins Lager. "Diese Nachrichten brachte man dann den tschechischen Offizieren und Generälen auf den tschechischen Block und sie analysierten danach die neue Lage. Samstag nachmittag wurde dann darüber im Block ein Vortrag gehalten und es wurden Überlegungen angestellt, wie lange der Krieg wohl noch dauern wird." Während des Bombardements im Juni 1944, bei dem die "SS-Besoldungsstelle" schwer getroffen wurde, wurde der Empfänger zerstört.

In seinem Arbeitskommando "Besoldungsstelle" konnte auch Radovan Dražan mit Hilfe von Zivilangestellten mehrere unzensierte Briefe nach Hause senden. Als nach einem Bombenangriff im Juni 1944 ein solcher Brief von der SS entdeckt wurde, musste er wegen des gewagten Inhalts um sein Leben fürchten. Doch weil der tschechische Dolmetscher, der den Brief für die SS-Führung übersetzen sollte, Dražan kannte, gab er ihm die Möglichkeit, alle Stellen, die für ihn zu gefährlich werden konnten, mit Hilfe von Radiergummi zu verbessern. "In dem Brief an meine Eltern schrieb ich nämlich, dass der Krieg bald vorbei sei und dass die Deutschen bald gehängt werden würden und ähnliches. Diese Stellen haben wir im Revier nacheinander entschärft, so dass nur noch übrig blieb, dass ich meine Mama vermisse." Nur aufgrund dieser Maßnahme konnte das Leben von Radovan Dražan, gleichwohl er acht Tage "Stehbunker" erleiden musste, gerettet werden.

Die obigen Zitate entstammen einer Arbeit  von Zuzana Mosnáková über "Tschechische Häftlinge im Konzentrationslager Dachau", die Sie unter http://www.hagalil.com/czech/dachau/dachau-2.htm finden.