Tadeusz Biernacki (geb. 1923)

Tadeusz Biernacki engagierte sich in Polen in der Pfadfinderorganisation, als er im Jahr 1940 als 17jähriger verhaftet und in verschiedene Arbeitslager nach Deutschland kam. 1943 brachte ihn die Gestapo in das KZ Dachau. Er musste in der Rüstungsfirma Messerschmitt in Kottern bei Kempten Zwangsarbeit leisten. Mit viel Glück überlebte Biernacki die Fliegerangriffe, konnte am Ende des Krieges vom Todesmarsch fliehen und arbeitete im DP-Lager in Kempten, bevor er wieder in seine Heimat zurückkehrte.

Zeitzeugen-Porträts zum Thema "KZ-Dachau"
(Videoaufnahmen des Hauses der Bayerischen Geschichte)


Andrej Korczak Branecki (geb. 1930)

"Ich wurde am 15. Januar 1930 in Warschau geboren. Mein Vater starb noch vor Kriegsbeginn, ich musste die Schule verlassen und meiner Mutter bei der Versorgung meiner drei Geschwister helfen.

1941 trat ich einer geheimen Pfadfinder-Organisation bei und engagierte mich in der Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer. Mit 14 Jahren führte ich im Rahmen des Warschauer Aufstandes harmlose Sabotageakte aus, die die Wehrmacht brutal bestrafte. Im September 1944 wurde ich als 'Bandit', und nicht etwa als Kriegsgefangener, verhaftet und zunächst in ein Sammellager, dann auf Viehwaggons ins KZ Dachau gebracht. Dort bekam ich dünne Häftlingskleidung mit einem Aufnäher mit dem Buchstaben 'P' als politischer Häftling und eine Nummer: die 106016.

Wir hatten da bereits von Auschwitz gehört und dass man dort Menschen vergaste, wenn sie unter die Dusche gingen. Ich hatte eine furchbare Angst, als das Duschen bei uns an der Reihe war. Es kam zum Glück nur Wasser. Nach zwei Wochen in Quarantäne wurde ich ins Lager Mannheim-Sandhofen geschickt, wo ich in einer Fabrik für Daimler-Benz arbeiten musste.

Ich wurde im Dezember '44 in das KZ Buchenwald und im Januar 1945 zur Zwangsarbeit in die Adlerwerke nach Frankfurt am Main gebracht. Dort musste ich, noch ein halbes Kind, die gleichen schweren Arbeiten bis zu 14 Stunden am Tag verrichten wie die Erwachsenen. Zu essen bekamen wir nur Suppe, jeden Tag Suppe, wenn wir Glück hatten, war da mal ein Stück Kartoffel drin.

"Wer zurückblieb, wurde erschossen"

Mitte März 1945 wurde ich auf einen zweiwöchigen 'Todesmarsch' ins KZ Buchenwald geschickt. Es war ein extrem harter Winter. Wir schliefen auf den Feldern in unserer dünnen Kleidung und nur mit einer Decke für jeden. Wir haben uns immer zu fünft zusammengetan und zwei Decken auf den Boden gelegt und uns mit drei Decken zugedeckt. Manche starben neben uns in der Nacht. Wir hatten immer Hunger und Tausende Läuse quälten uns.

Ich habe heute keine Ahnung mehr, wie ich das überleben konnte. Diese Minustemperaturen, die ungeschützten Übernachtungen und unsere Schwäche durch die Mangelernährung. Wer zurückblieb, wurde erschossen. In den Straßengräben war kein Wasser, sie waren mit Schnee überzogen und der war rot von Blut. Mein Freund legte sich vor Erschöpfung in den Graben. Sogleich kam ein SS-Mann und erschoss ihn. Sein Kopf zerplatzte. Ich weiß nicht, woher ich die Kraft nahm, aber als ich gesehen habe, wie er erschossen wurde, habe ich die gesamte Gruppe überholt an die Spitze des Zuges. Nur um nicht zurückblicken zu müssen.

Auf 28 Kilo abgemagert

Von unserem Zug, der mit 1000 Menschen gestartet war, kamen nur 300 in Buchenwald an. Von Buchenwald wurde ich ins KZ Flossenbürg verlegt und musste von dort meinen zweiten 'Todesmarsch' wieder ins KZ Dachau antreten. Es gab sadistische Aufseher und der Tod umringte uns überall. Manche, die psychisch labil waren, suchten den Freitod und rannten in den Elektrozaun, andere ließen sich erschießen.

Am 29. April 1945 wurde ich dort von amerikanischen Soldaten befreit. Nur bekam ich davon gar nichts mit. Ich litt unter Typhus und war von ursprünglich 70 Kilogramm auf 28 Kilo abgemagert. Die Amerikaner päppelten mich zwei Wochen lang auf. Ihnen habe ich mein Leben zu verdanken.

Als ich wieder einigermaßen bei Kräften war, bin ich zurück nach Warschau. Meine Mutter wartete ja auf mich. Unser Haus war zerstört, wie 85 Prozent aller Häuser meiner Heimatstadt. Meine Mutter lebte im Nachbarhaus bei Bekannten. Meine Schwester kam erst später vom Arbeitsdienst aus Deutschland zurück und wir erfuhren noch später, dass die Deutschen meine beiden Brüder getötet hatten.

Vielleicht habe ich das alles wegen meines Glaubens überlebt, weil ich so viel gebetet habe. Und wegen dem Wunsch, bei meiner Mutter zu sein, die das ja sonst nicht alleine geschafft hätte. Eigentlich möchte ich mich daran nicht mehr erinnern, obwohl ich es immer im Kopf habe.

Ich habe heute keinen Hass mehr auf die Deutschen, aber ich sehe es als meine Pflicht an, den jungen Deutschen davon zu berichten, was ich erlebt habe. Ich konnte danach weiterleben, habe 1950 geheiratet und meine Frau hat Zwillinge bekommen. Das ist das, was das Leben für mich ausmacht: Familie und Glauben. Liebeskummer? Habe ich nie gehabt."

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 29.04.2015


Sylvester Kukula (geb. 1922)

Sylvester Kukula wurde am 17. Dezember 1922 in Ostrow bei Poznan geboren. Im Mai 1940 wurde er in das KZ Dachau deportiert, dort medizinischen Experimenten des Prof. Schilling unterzogen. Im März 1943 kam er auf die von Deutschen besetzten Kanalinsel Alderney. Nach der Invasion wurde Kukula über Dresden nach Steyr gebracht und erlebte dort am 5. Mai 1945 die Befreiung.

Zeitzeugen-Porträts zum Thema "KZ-Dachau"
(Videoaufnahmen des Hauses der Bayerischen Geschichte)
 


Bronislaw Najnigier (geb. 1920)

Noch als Gymnasiast schloss sich Bronislaw Najnigier im Oktober 1939 polnischen Widerstandsgruppen an. Nach seiner Verhaftung kam er im April 1940 in das KZ Dachau. Er musste im Kommando "Straßenbau" und auf der "Plantage" arbeiten. Er schrieb Gedichte, die im Lager heimlich verbreitet wurden. Im April 1945 wurde er im KZ Dachau befreit.


8.6.44
Wir haben Neuzugänge, unter ihnen ist ein kleiner 15½ jähriger Pole, Graf Potocki.

Kupfer-Koberwitz, Dachauer Tagebücher, S. 301


Zygmunt Razniewski

Vom Gymnasium in das KZ Dachau

"Warum bin ich da, was habe ich gemacht?"

Über 40.000 Polen wurden in den Jahren 1939 bis 1945 in das KZ Dachau eingeliefert. 7.903 von Ihnen starben hier. Zygmunt Razniewski überlebte. "Dabei hatte ich wirklich viel Glück", sagt er selbst über die fünf Jahre im Konzentrationslager. Sein Lebensweg führte ihn vom Gymnasium in Lodz in das KZ Dachau, wo er auf der "Plantage" und in den Präzifix-Werken Zwangsarbeit leisten musste. Ende September 1945 kehrte er nach Lodz zurück, wo er heute noch lebt.

"Ich weiß bis jetzt nicht, warum ich verhaftet wurde. In meinen Papieren steht, dass es eine Prävention war, bis jetzt steht da "Prävention". Aber ich habe nie eine Vernehmung gehabt, nie. Niemand fragte mich, warum bin ich da, was habe ich gemacht?"

Zygmunt Razniewski besucht das Gymnasium in Lodz, als die Deutschen im September 1939 Polen überfallen. Im Dezember wird das Gymnasium geschlossen. Im Rahmen der "Germanisierung" geht man in Polen hart gegen die gesellschaftliche Oberschicht vor. So verfügt Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, im September 1939 über die Aufgaben der Sicherheitspolizei auf dem besetzten polnischen Gebiet: "Die führende Bevölkerungsschicht in Polen soll so gut wie möglich unschädlich gemacht werden. Die restlich verbleibende niedrige Bevölkerung wird keine besonderen Schulen erhalten, sondern in irgendeiner Form heruntergedrückt werden ... Es wird entschieden, dass die Führerschicht, die auf keinen Fall in Polen bleiben darf, in deutsche KZs kommt ..."

Am 21.Mai 1940 wird Razniewski um fünf Uhr früh verhaftet. Nach einigen Tagen wird er gemeinsam mit ca. 1700 Polen nach Deutschland deportiert. Seinen Aussagen nach vor allem junge Leute wie er - er war damals gerade 18 Jahre alt. Am 26. Mai 1940 erreicht der Transport den Bahnhof Dachau und Razniewski hört einen Satz, der "immer in meinen Ohren geblieben ist", ausgesprochen von einem SS-Mann: "Bei uns gibt es nur einen Weg, entweder gesund oder Krematorium."

Von Anfang an arbeitet Razniewski in verschiedenen Arbeitskommandos, auch auf der gefürchteten "Plantage". Auf dieser fast 80 ha großen Anbaufläche sind ab 1941 täglich zwischen 800 und 1200 Häftlinge beschäftigt. Die Häftlinge dort sind der Witterung besonders ausgesetzt. "Ob die Sonne scheint oder es regnet, man musste auf dem Platz bleiben und wir hatten ganz dünne Uniformen. Das war sehr kalt und wir waren durchnässt und hatten keine Möglichkeiten uns abzutrocknen. Wir mussten die nassen Uniformen bis in die späteren Abendstunden auf dem Leib tragen.", beschreibt Razniewski die Arbeitsbedingungen.

In der Mitte des Jahres 1942 kommt er in das Arbeitskommando "Präzifix", eines der größten Kommandos im KZ Dachau. Die Firma war Hersteller von Flugzeugmotorenteilen und -schrauben und Zuliefererbetrieb der Messerschmittwerke. Eine Werkstätte wurde innerhalb des Lagerbereichs eingerichtet, eine zweite in Johann-Ziegler-Straße in der Stadt, unweit des Konzentrationslagers. Bis zur Befreiung leistet Razniewski dort Zwangsarbeit. Die Arbeit dort habe sein Leben gerettet, meint er heute. Denn trotz zwölf Stunden Arbeit pro Tag hätten sie doch nicht im Freien arbeiten müssen. "Ich überlebte das KZ Dachau, weil ich jung war und mich an die schweren Lagerbedingungen angepasst habe", so Razniewski.

7.903 andere polnische Häftlinge starben hingegen im KZ Dachau und seinen Außenlagern oder im Rahmen der Invalidentransporte von Dachau nach Hartheim. Die Polen stellten mit ca. 40.400 Häftlingen die größte nationale Gruppe in Dachau dar. Im Jahr 1940, dem Jahr der Einlieferung von Zygmunt Razniewski, wurden allein über 13.000 Polen eingeliefert. Die meisten von ihnen waren so genannte "Schutzhäftlinge" wie Razniewski. Aber auch viele Geistliche wurden ins KZ Dachau eingeliefert. Ca. 65% aller Geistlichen in Dachau kamen aus Polen. Jüdische polnische Häftlinge wurden in großer Zahl ab 1944 eingeliefert.
Für über 16.000 Polen stellte Dachau in den Jahren 1939-1945 hingegen nur eine Station von vielen dar. Sie wurden weiter transportiert: nach Mauthausen, Buchenwald oder Auschwitz.

Etwa 13.604 polnische Häftlinge erlebten die Befreiung in Dachau. Einer von Ihnen war Zygmunt Razniewski. Ende April wird er mit seinem Arbeitskommando ins Stammlager gebracht. Dort erlebt er den 29. April 1945, die Befreiung: "Das war ungefähr 15 Uhr und ich erinnere mich, dass durch dieses Tor, das Haupttor, wo stand "Arbeit macht frei" erst der Jeep reingekommen ist und auf diesem Jeep saßen vier Personen: ein Chauffeur, ein amerikanischer Oberst, ein Pfarrer und eine Journalistin, eine Frau, und ich habe mich gewundert, weil sie hatte keine Angst. Auf den Türmen waren deutsche SS-Wächter ... und ich gucke etwas nach links, rechts und die Infanteriegruppen, amerikanische, sind schon ins Lager gefahren."

Im September 1945 kehrt Razniewski nach Polen zurück, wo er das Gymnasium und ein Jurastudium beendet. Er gründet eine Familie und arbeitet bis 1988 in einem Industrieunternehmen, heute ist er in Pension. Das ehemalige KZ Dachau hat er bereits mehrfach besucht, um "nachzugucken, was sich geändert hat, wie es aussieht. Zwischen dem polnischen und deutschem Volk hat sich Gott sei Dank zugunsten beider Völker viel geändert und diese Versöhnung muss man pflegen. Die junge Generation soll wissen, wie die Kriegszeit war, die schlechte Kriegszeit und was für Schäden gemacht wurden für alle Völker. Und um diese schlechten Zeiten zu beseitigen, sollen wir Europäer immer in Frieden leben. Ja, so kann man das sagen, und jedem anderen helfen und unterstützen."

http://www.foerderverein-dachau.de/proj_dachauer.php?m=01


Rückkehr mit 86 Jahren

Witold Scibak

Witold Scibak überlebte als Junge mehrere Konzentrationslager. In Dachau erzählt er das erste Mal davon

Dachau - "Bitte verzeihen Sie. Ich bin etwas aufgeregt", sagt Witold Scibak. Er sitzt im Besucherzentrum der KZ-Gedenkstätte und blickt in die gespannten Gesichter von 80 Zuhörern. Sie alle sind gekommen, um seine Geschichte zu erfahren. Eigentlich ist es für den 86-jährigen Polen nichts Besonderes, vor vielen Menschen zu sprechen. Er war sein Leben lang an der Technischen Universität Warschau tätig. Doch diese Situation ist neu. Es geht nicht um wissenschaftliche Theorien. Es geht um ihn, um seine Vergangenheit. Und viel wichtiger: Es ist das erste Mal, dass er zurückkehrt und vor einem Publikum von seinen Erlebnissen berichtet.

Scibak hat Aufenthalte in mehreren Konzentrationslagern überlebt. Nach seiner Befreiung und der Rückkehr nach Polen wollte er alles vergessen. Vor wenigen Monaten erst kam er wieder mit diesem dunklen Kapitel seiner Vergangenheit in Berührung. Durch Zufall traf er die Zeitgeschichtsforscherin Anna Andlauer, die ihn prompt überredete, für ein Zeitzeugengespräch mit ihr nach Dachau zu kommen.

Die Nervosität ist ihm in keiner Weise anzumerken. Mit roter Krawatte und in beigefarbenem Anzug sitzt Scibak ruhig auf seinem Stuhl und richtet seinen Blick unentwegt ins Publikum. Er erzählt auf Polnisch, seiner Muttersprache. Seine Worte werden übersetzt.

Die Erzählung beginnt mit dem 1. August 1944. Der Tag, an dem sich die polnische Heimatarmee im Warschauer Aufstand gegen die deutschen Besatzungstruppen erhob. Der Widerstand war aussichtslos und forderte viele Opfer. Zahlreiche Aufständische und Zivilisten wurden in Gefangenschaft genommen, darunter auch der damals 15-jährige Scibak und seine Familie. Sie wurden zusammen mit anderen Gefangen in Viehwaggons gequetscht und deportiert. Niemand wusste, wohin die Fahrt sie führen würde. Bald wurde die Familie getrennt. Scibaks Mutter und Schwester wurden in das KZ Ravensbrück gebracht, er selbst und sein Vater landeten in Sachsenhausen in Oranienburg. "Der Weg durch diese Stadt war für mich das schlimmste Erlebnis", sagt Scibak. Sie seien als Banditen beschimpft, bespuckt und mit Steinen beworfen worden. "Seit wann bist du ein Bandit, Papa?", habe er gefragt. Der junge Scibak verstand damals überhaupt nicht, was vor sich ging. Schlimme Erinnerungen wie diese spart Scibak beim Erzählen nicht aus. Er erinnert sich erstaunlich gut und schildert seine Erlebnisse mit vielen Details.

Während der Zeitzeuge berichtet, zeigt Andlauer Fotos. Als ein Familienbild aus Scibaks Kindheit auf der Leinwand erscheint, sagt er: "Das ist mein Lieblingsfoto." Auf der Aufnahme hält der Vater die Hand des kleinen Witold. "Mein Vater war sehr streng, aber immer gerecht", sagt Scibak. "Meine Mutter hatte ein goldenes Herz. Und meine Schwester, die war einfach nur ein eingebildetes Mädchen." Die Besucher lachen. Scibak macht immer wieder solche scherzhaften Bemerkungen und lockert die Stimmung auf, kehrt dann aber wieder zum bedrückenden Teil der Geschichte zurück.

Im KZ Sachsenhausen angekommen, musste Scibak zuallererst in die Schreibstube. Dort wurden ihm die Haare abgeschnitten, seine Klamotten und jegliche Wertsachen wurden ihm abgenommen und er bekam einen Häftlingsanzug. "Von diesem Moment an war ich kein Mensch mehr", sagt Scibak. "Ich war nur noch eine Nummer." 95 233. "An diese Nummer erinnere ich mich genau." Scibak wiederholt sie einige Male, auf Deutsch.

Am schlimmsten an der Gefangenschaft empfand der Pole die Bestrafung von Häftlingen auf dem Appellplatz. Vor allen anderen wurden sie mit Ledergürteln nackt auf einer Holzvorrichtung festgebunden und geschlagen. Scibak wurde immer schwächer. Seinen Tiefpunkt hatte er im Lager Bergen-Belsen. Dorthin wurde er verlegt, als das KZ Sachsenhausen aufgelöst wurde, weil die Ostfront näher kam. "Bergen-Belsen war ein Todeslager", sagt er. Es gab kein Essen und keine Möglichkeit zu schlafen. Auf dem Appellplatz häuften sich die Leichen, stündlich kamen neue hinzu. "Ich dachte ich würde nicht überleben. Also wollte ich mich umbringen", berichtet Scibak. "Ich wollte mich einfach auf den Stacheldraht werfen oder versuchen, dem Zaun so nahe zu kommen, dass ich erschossen werde." Doch er bekam wieder Hoffnung, als ein SS-Mann eines Morgens eine Selektion durchführte und alle Gefangenen darauf überprüfte, ob sie arbeiten konnten. Die meisten waren nicht mehr imstande zu laufen, doch Scibak war noch arbeitsfähig. Er kam in eines der Augsburger Außenlager des KZ Dachau und musste für die Firma Messerschmitt Zwangsarbeit leisten, bis er schließlich von den Amerikanern befreit wurde. "Man muss sich das mal aus der Sicht der Amerikaner vorstellen", sagt Scibak. "Unzählige Skelette kamen auf sie zugerannt und wollten sie einfach nur umarmen. Die Amerikaner haben geweint, als sie uns gesehen haben." Scibak wurde in einem Kinderzentrum im Kloster Indersdorf aufgenommen, wo er schließlich erfuhr, dass seine ganze Familie überlebt hatte. Im Sommer des Jahres 1946 kehrte er nach Warschau zu ihr zurück.

Quelle: SZ vom 25.07.2015


Jerzy Skrzypzek (geb. 1920)

Jerzy Skrzypzek wurde 1920 in Warschau geboren und wollte Opernsänger werden. Nach einer schweren Lungenentzündung war diese Laufbahn versperrt und er begann eine Ausbildung im Bereich Ökonomie.
Nach dem Überfall der deutschen Truppen 1939 ging Jerzy in eine Untergrundbewegung, wurde im September 1940 verhaftet und wenig später nach Auschwitz deportiert. Im Stammlager Auschwitz I wurde er zu verschiedenen Arbeitskommandos eingeteilt. Er versuchte, einer schwangeren Frau mit Verbandsmaterial zu helfen; aufgrund dieser 'illegalen' Hilfe wurde er in die Strafkompanie versetzt. Anfang 1943 kam Jerzy mit tausend anderen Häftlingen in das KZ Flossenbürg. Nach seiner Überführung in das KZ Dachau machte Jerzy die Bekanntschaft mit dem berüchtigten SS-Arzt Rascher, der an ihm medizinische Versuche vornahm. Mit viel Glück gelang es Jerzy, sich zur Rüstungsproduktion bei der Firma Messerschmitt in Augsburg überstellen zu lassen. Er überstand dort die zahlreichen Bombardierungen gegen Ende des Krieges und erlebte schließlich die Befreiung in Dachau.

Zeitzeugen-Porträts zum Thema "KZ-Dachau"
(Videoaufnahmen des Hauses der Bayerischen Geschichte)