Junge Niederländer

Willemijn van Gurp

geboren 1918 in Den Haag/Niederlande.

Willemijn van GurpGefängnisse und Lager:
• Oranjehotel-Gefängnis Scheveningen, 11. Juni 1944
• Konzentrationslager Vught/Herzogenbusch, 17. Juni 1944
• Konzentrationslager Ravensbrück, 8. September 1944
• Dachauer Außenlager Agfa-Kamerawerke in München, 15. Oktober 1944
• Evakuierungsmarsch nach Österreich, 27. April 1945
Befreit in Wolfratshausen am 1. Mai 1945


 

Willemijn war Sekretärin. Sie lieferte Lebensmittelkarten, fälschte Ausweispapiere und schmuggelte einmal Dynamit für die Nationale Hilfsorganisation für versteckte Personen und die Widerstandsorganisation Landelijke Knokploegen. Sie wurde am 10. Juni 1944 verhaftet.

Willemijn musste Zeitzünder für FLAKs (Ftugzeugabwehrkanonen) in den Agfa-Kamerawerken in München herstellen. Die Gruppe von ungefähr 250 Frauen, die dieser Zwangsarbeit zugeteilt waren, tat ihr Bestes, um die Produktion zu sabotieren, wie z. B. durch Krankmeldung oder sehr langsames Arbeiten.

Die Fenster in den Unterkünften fehlten, und manchmal wachte Willemijn mit Schnee auf ihrer Decke auf. Die Essensrationen der Frauen wurden immer kleiner und schlechter. Ein Zustand, der zu einem einzigartigen Vorfall führte. Am 12. Januar 1945 legten sie aus Protest die Arbeit nieder. Zur Strafe mussten die Frauen stundenlang Appell stehen. Die SS drohte damit, 15 zufällig ausgewählte Frauen in den „KZ Bunker“, das berüchtigte Gefängnis in Dachau, zu überstellen, wenn die Frauen die Anstifter nicht nennen würden. Die Frauen schwiegen und blieben solidarisch. Letztendlich wurde eine Frau [ Maria Vaders ] für sieben Wochen in den Bunker gesperrt. Die Frauen waren mit Stolz erfüllt, als sie zurückkehrte.

Quelle: Sonderausstellung "Namen statt Nummern. Niederländische Politische Häftling im Konzentrationslager Dachau"

 

Maria Johanna Vaders

geboren 1922 in Den Haag/Niederlande.

Maria VadersDie kaum 18jährige Beamtin des Arbeitsamtes Den Haag unterstützte verschiedene Widerstandsbewegungen. Unter dem Decknamen »A.C. contact V.G.« (Beambten contact Freie Gruppe Den Haag) arbeitete die Widerstandsgruppe, der Maria Vaders angehörte: es wurden Ausweise und Kennkarten gefälscht und Kurierdienste ausgeführt.

1944 wird die Gruppe nach dreijähriger Widerstandsarbeit von einem Provokateur verraten. Maria Vaders wird am 20. 6.1944 in das Gefängnis Oranjehotel Scheveningen gebracht, danach in das Konzentrationslager Herzogenbusch, einer Abteilung des S.D. Lagers Vught, deportiert. Am 6. 9. 1944 werden die Häftlinge des Konzentrationslagers Vught im Viehwaggon in das Konzentrationslager Oranienburg, die Frauen in das KZ Ravensbrück verlegt. Die Gruppe von zweihundert holländischen Frauen, der Marie Vaders angehörte, wurde am 13. Oktober 1944 in das Außenkommando Agfa-Kamerawerk des Konzentrationslagers Dachau gebracht. Marie Vaders bekam die Häftlingsnummer 123145. Sie erlebte hier die Befreiung, um dann in die Niederlande zurückzukehren.

Heute berichtet sie vom Widerstand gegen die Unmenschlichkeit des Nazisystems, mit dem sich die holländischen Frauen in diesem Außenkommando gegen zu lange Arbeitszeit, Strafappelle und zu schlechte Ernährung zu wehren versuchten. Da man Marie Vaders für verantwortlich für diese Streikaktionen hielt, wurde sie für sieben Wochen im Bunker eingeschlossen. Zwischendurch erkrankte sie und kam für zwei Wochen in die Desinfektionsbaracke, um danach wieder in den Bunker zurückgebracht zu werden.

Später erfuhr sie, daß sie als »NN« (Nacht-und-Nebel-)Gefangene hätte nach Bergen-Belsen gebracht werden sollen, doch dazu kam es nicht mehr. Maria Vaders war eine der wenigen weiblichen Deportierten des Konzentrationslagers Dachau.

Über ihr Gedicht »Bunker Dachau« berichtet sie heute: »Im Bunker habe ich nicht geschrieben, das war zu gefährlich. Ich hatte einen Bleistift in meinen Haaren versteckt und konnte irgendwann eine kurze Notiz auf Toilettenpapier stenografieren. Später habe ich dann alle meine Gedanken aufgeschrieben . . .«
1993 veröffentlichte Marie Vaders ein Lyrikbändchen mit Gedichten über ihre Lagererfahrung.
[siehe Führungshilfe Bunker]

Mein Schatten in Dachau, Zusammengestellt und kommentiert von Dorothea Heiser, Hrsg. vom Comité International de Dachau, München 1993

 

Jaap van Mesdag (1922-2015)

Jaap van MesdagGefängnisse und Lager:
• Hauptquartier des Sicherheitsdienstes in Rotterdam, 31. August 1942
• Polizeiliches Durchgangslager Amersfoort. September 1942
• Konzentrationslager Vught/Herzogenbusch. 17. Januar 1943
• Polizeiliches Durchgangslager Amersfoort, 26. Juni
• Konzentrationslager Natzweiler-Struthof 10. Juli 1943
• Konzentrationslager Dachau. 22. September 1944
Befreit in Dachau

 

Der Medizinstudent Jaap versuchte mit seinem Freund Ernst Sillem, in einem Kanu nach Eng.ana zu gelangen, um sich der niederländischen Exilarmee anzuschließen. Er wurde am 31. August 1942 auf See verhaftet.

Jaap konnte seine Trompete während seiner Gefangenschaft behalten. Er überzeugte das Häftlingsorchester im Konzentrationslager Natzweiler davon, ihn aufzunehmen, obwohl er keine Noten lesen konnte. Für die Kommandanten waren Häftlingsorchester Statussymbole. Die Orchester spielten oft morgens, wenn die Häftlinge zur Arbeit gehen mussten, und abends, wenn sie zurückkehrten. In Natzweiler spielte das Orchester auch Sonntagnachmittags. Für viele Häftlinge war dies ein Moment, in dem sie das Elend vergessen konnten.

Die Essensrationen in Natzweiler waren viel zu knapp und Jaap hoffte, er würde als Trompetenspieler mehr zu essen bekommen. Ein einziges Mal erhielt er zusätzlich einen kleinen Topf Suppe, den er mit vier anderen Häftlingen teilte. Jaap konnte sich auch dem Lagerorchester von Dachau anschließen. In seiner Baracke spielten er und ein Mithäftling auf einer Posaune heimlich Jazz, Swing- und Tanzmusik. Dies war eine willkommene Ablenkung von dem überfüllten Lager, in dem viele Häftlinge während der letzten Monate des Krieges an einer Fleckfieberepidemie starben.

Quelle: Sonderausstellung "Namen statt Nummern. Niederländische Politische Häftling im Konzentrationslager Dachau"

 

Jan van Kuik (1922-2017)

Jan van KuikGefängnisse und Lager:
• Polizeigefängnis Bregenz, 23. März 1942
• Gefangenenlager Feldkirch, 1. April 1942
• Gefängnis Feldkirch, 22. Mai 1942
• Gefängnis Bruchsal, 4. September 1942
• Konzentrationslager Sachsenhausen, 19. September 1942
• Vernichtungslager Lublin/Majdanek, Februar/März 1944
• Konzentrationslager Natzweiler-Struthof, 8. April 1944
• Konzentrationslager Dachau, 6. September 1944
Befreit in Dachau

Jan arbeitete im Rahmen des Arbeitseinsatzes niederländischer Männer in der deutschen Industrie in der Fabrik Kienzle-Apparate in Villingen. Er wollte in die neutrale Schweiz fliehen und wurde am 22. März 1942 verhaftet.

Jan erkrankte im Konzentrationslager Sachsenhausen an Tuberkulose. Er wurde mit einer punktierten Lunge in das Krankenrevier verlegt. In seinen Unterleib wurden dicke Nadeln eingeführt und ihm wurden Injektionen in die Brust verabreicht. Er musste auch Stoffe inhalieren, die ihn sehr krank machten. Die wöchentlichen Röntgenaufnahmen zeigten, dass sich sein Zustand verschlechterte und die Punktion in seiner Lunge größer wurde. In Sachsenhausen wurden medizinische Experimente an Häftlingen durchgeführt und es ist wahrscheinlich, dass diese Experimente auch an Jan durchgeführt wurden.

Nach seiner Zeit in Sachsenhausen wurde Jan von Lager zu Lager gebracht und blieb krank. Er erlebte auch die Befreiung von Dachau, seinem letzten Konzentrationslager, vom Krankenrevier aus. Kurz danach erkrankte er an Fleckfieber. Er konnte erst am 21. Juni 1945 nach Hause in die Niederlande reisen, fast zwei Monate nach seiner Befreiung. Jan erholte sich physisch wie psychisch nie vollständig von seinerzeit im Konzentrationslager.

Quelle: Sonderausstellung "Namen statt Nummern. Niederländische Politische Häftling im Konzentrationslager Dachau"

 

Pim Reijntjes (1919-2014)

Pim ReijntnesGefängnisse und Lager:
• Oranjehotel-Gefängnis Scheveningen, 20. Mai 1943
• Konzentrationslager Vught/Herzogenbusch, 3. September 1943
• Polizeiliches Durchgangslager Amersfoort, 24. Februar 1944
• Konzentrationslager Natzweiler-Struthof, 26. Februar 1944
• Konzentrationslager Dachau. 6. September 1944
• Dachauer Außenlager Augsburg-Pfersee. 24. September 1944
• Dachauer Außenlager Lauingen, 6. November 1944
• Konzentrationslager Dachau, 12. Januar 1945
Befreit in Dachau

Pim war Buchhalter. Er versuchte, in einem Fischerboot nach England zu gelangen, um sich der niederländischen Exilarmee anzuschließen. Am 20. Mai 1943 wurde er verhaftet.

Im Lager Vught/Herzogenbusch lernte Pim schnell, wie man am besten in einem Konzentrationslager überlebt: Finde eine gute Arbeit, denn je härter man arbeitet, desto schwächer wird man. Deswegen gab sich Pim als Kalkulator aus. Pim wusste nicht genau, was das bedeutete, aber es machte Eindruck und er landete hinter einem Schreibtisch in der Schreinerei.

Er lernte auch andere wertvolle Lektionen an seinem ersten Tag im Konzentrationslager Natzweiler. Hebe dein Brot für später auf, weil es zwangsläufig gestohlen wird. Stelle sicher, dass du nicht auffällst, gehe in der Menge unter. Das war für Pim bei einer Körpergröße von 1,86 Meter nicht einfach, passende Lagerkleidung zu finden war ebenfalls nicht leicht, obwohl warme Kleidung überlebensnotwendig war.

Quelle: Sonderausstellung "Namen statt Nummern. Niederländische Politische Häftling im Konzentrationslager Dachau"

 

Ernst Sillem

14. Juli 1923 in Baarn

Ernst SillemGefängnisse und Lager:
• Hauptquartier des Sicherheitsdienstes in Rotterdam, 31. August 1942
• Polizeiliches Durchgangslager Amersf September 1942
• Konzentrationslager Vught/Herzogenbusch, 17. Januar 1943
• Polizeiliches Durchgangslager Amersfoort, 26. Juni 1943
• Konzentrationslager Natzweiler-Struthof, 11. Juli 1943
• Konzentrationslager Dachau, 6. September 1944
• Dachauer Außenlager Allach, 8. September 1944
• Konzentrationslager Dachau, 22. Januar 1945
Befreit in Dachau

Als er ein Schuljunge war, stahl Ernst Munition aus einem deutschen Lagerhaus und schrieb Anti-Nazi-Slogans an die Wände seiner Schule. Später studierte Ernst an der Kolonialen Landwirtschaftsschule in Deventer. Er versuchte Ende August 1942 mit seinem Freund Jaap van Mesdag, in einem Kanu nach England zu gelangen, um sich der niederländischen Exilarmee anzuschließen. Er wurde auf See verhaftet.

Im Lager Natzweiler wurden Häftlinge regelmäßig dazu gezwungen, den Hinrichtungen ihrer Mithäftlinge beizuwohnen. Ernst sah dabei zu, wie Kommandant Josef Kramer mit dem Fuß einen Stuhl unter einem jungen Mann wegstieß, der eine Schlinge um den Hals hatte. Als der Junge sich nicht mehr bewegte, schrie Kramer auf Deutsch: „Jetzt seht ihr was passiert, wenn ihr versucht zu fliehen. Und falls alle 2.000 einen Fluchtversuch unternehmen, werde ich alle 2.000 hängen. Es ist mir egal!"

Ernst hat versucht, dies alles nicht an sich herankommen zu lassen. Trotz allem verlor er nie die Hoffnung, was teilweise den Gerüchten über die deutsche Niederlage in Stalingrad im Februar 1943 zu verdanken war. Der Krieg würde bestimmt bald zu Ende sein!

Quelle: Sonderausstellung "Namen statt Nummern. Niederländische Politische Häftling im Konzentrationslager Dachau"

 

Henk van de Water lag im Sterben – dann kamen die Befreier

Henk van de Water wurde am 29. Januar 1924 im niederländischen Eindhoven geboren. Er arbeitete bei dem Technologieunternehmen Philips, nach dem Krieg machte er sich als Kaufmann selbständig. Von Februar 1945 bis zur Befreiung war van de Water im KZ Dachau inhaftiert.

Schon früh hatte ich meine Mutter und Geschwister verloren. In der neuen Familie meines Vaters war ich nicht willkommen und wurde ins Internat geschickt. Ich war noch zu jung, 16 erst, um unterzutauchen, als ich zum Arbeitsdienst in das Deutsche Reich musste. Ich musste Bahngleise reparieren. Es ging mir ganz gut, nur meinen Vater vermisste ich schrecklich und flüchtete deshalb mehrmals. Einmal nahm ich einen Zug in die Schweiz, der aber in Garmisch-Patenkirchen hielt. Schließlich hieß es: „Van der Wasser, morgen ab nach Dachau.“ Bei meiner Ankunft im KZ am 3. Februar 1945 sagte mir ein Wächter, ich wäre in einer Woche wieder frei, wenn ich mich anständig benehme würde.

Ich verbrachte mehr als drei Monate in Dachau, die meiste Zeit davon auf der Quarantänestation. In der Kälte, nur spärlich bekleidet und hungernd, bekam ich eine schlimme Ohrentzündung. Ein Häftling operierte mich. Danach aber erkrankte ich an Flecktyphus, die Seuche grassierte im Lager. Ein Häftling aus der Küche versorgte mich heimlich mit Essen und hielt mich am Leben. Am 29. April kamen die Alliierten. Sie gaben mir die notwendigen Medikamente. Wären sie einen Tag später gekommen, wäre ich vielleicht nicht mehr da gewesen. Nach der Rückkehr in die Nieder-lande konnte ich endlich meinen Vater wieder in die Arme schließen.

Jeder Tag ist ein Festtag. Das Leben ist so kostbar. Bei meinen Vorträgen in den Schulen sage ich den Schülern: Genießt euer Leben. Denkt an mich. Foto: Das Leben ist kostbar“, sagt Henk van de Water.

Süddeutsche Zeitung, 2015