Junge Juden

Im Laufe dieses selben Winters [1943/44] stellte mich Joseph Joos dem Stubenältesten der „Zugänge", Swida, vor. Eines Morgens ließ er mich vom Kommando holen, wo ich unter der platonischen Aufsicht von Fabing Strohsäcke in Ordnung brachte. Es mußte schon etwas ganz Außergewöhnliches vorliegen, damit man sich während der Arbeitsstunden auf die leeren Alleen des Lagers wagte, jederzeit einer unerwünschten Begegnung ausgesetzt. Ich war über diese ungewöhnliche Bestellung sehr erstaunt. Bei Swida angekommen, traf ich den guten Joos und Jakob, meinen Kapo. Alle drei unterhielten sich sehr gewichtig und, wie sie es immer in ernsten Fällen taten, setzten sie ohne weiteres voraus, daß ich genug Deutsch verstünde, und sie mir ihr Gespräch nicht zu übersetzen brauchten. Als ich mich umsah, entdeckte ich mit einem einzigen Blick [... ] den Gegenstand dieses Kriegsrates.

Die Stube von Swida hat sich heute nacht in einen Kindergarten verwandelt. [...] ihr Alter? Von fünf bis zehn Jahre, allerhöchstens zwölf. Sie kommen aus den baltisch-lettisch-litauischen Ländern. Sie spielen etwas geziert. Das Lager, von dem sie kamen, war voller Aufmerksamkeit für sie gewesen. Man hatte auf ihre Maße nette kleine Röcke und lange Hosen geschneidert, selbstverständlich aus Zebrastoff. Es sind Miniaturdeportierte. Man bemerkt aber trotzdem, daß sie schon eine alte Erfahrung haben. Sie halten fest gegen sich gepreßt wie kostbares Spielzeug ihr Kochgeschirr und den Holzlöffel. Sie sind auch schon alt und hartgesotten. Sie kennen die Musik und sind mißtrauisch wie kleine geprügelte Hunde.
Als ich des Abends wiederkommen wollte, um nachzusehen, war der Kindergarten von Swida, seine Pensionäre, nach anderen Himmeln entflogen. Wir fragten, in welches Kommando man dieses Pensionat geschickt habe. "Nach Auschwitz-Birkenau", antwortete Swida mit seiner Fistelstimme, " sie waren hier nur auf der Durchreise, mein lieber Mann."

Edmond Michelet, Die Freiheitsstraße, Stuttgart 1955, S. 109/110

80 jüdische Kinder waren für wenige Wochen in Dachau. Der jüngste acht Jahre alt, der älteste fünfzehn. Er fühlte sich als Sprecher für alle. Ungewöhnlich reif für seine Jahre und schon längst ausgebildet in einem Handwerk, setzte er uns sachlich auseinander, was er von diesem Transport und den mutmaßlichen Absichten der SS hielt: "Wir werden getötet , wie unsere Väter und Mütter. Wir wissen es. In dem Lager, aus dem wir kommen, rief man jeden Tag einige von uns aus der Reihe. Sie verschwanden und wir haben nie mehr von ihnen gehört. Nun ist die Reihe an uns. Man wird uns von hier abtransportieren und in die Gaskammern stoßen. Es soll wohl so sein." - 14 Tage später ging's richtig weiter.

Joseph Joos, Leben auf Widerruf, S.151f

 

An einem Februarmorgen kam ein Kamerad zu mir und sagte, daß in der Nacht ein Transport mit Kindern angekommen sei und daß man die Kinder im Block 21, dem Quarantäneblock, untergebracht habe. Obwohl der Zugang zu dieser Baracke strikt verboten war, rannte jeder, der irgendeinen Vorwand geltend machen konnte, zum Block 21, und viele Häftlinge, für deren Anwesenheit es nicht den geringsten Anlaß gab, erwiesen sich als äußerst findig, um auf Schleichwegen vom Krankenbau in die Quarantäneblöcke zu gelangen, in die man die Typhuskranken vorübergehend verlegt hatte.

Ich rief laut »Politische«, um an den Blockwärtern vorbeizukommen, denn wie alle Häftlinge fürchteten sich diese vor der geheimnisvollen und mächtigen Stelle, bei der alle Entscheidungen über das Schicksal eines jeden von uns getroffen wurden, und so gelangte ich mühelos durch die Sperre, die die Blockstraße von der Lagerstraße trennte.

Die Blockstraße war der im rechten Winkel zur »Straße der Freiheit« verlaufende Raum, der die Blöcke voneinander trennte. Da den Häftlingen der Aufenthalt in den Stuben tagsüber verboten war, es sei denn, ein Arzt und der Blockschreiber hatte es ihnen erlaubt, hielten sich auch die Bewohner der Quarantäneblöcke auf der Blockstraße auf. An diesem Tag war außer mir und anderen Besuchern niemand zu sehen: Die Kinder hatten Stubenarrest, und alle Türen waren geschlossen. Die Fenster jedoch standen offen, und wenn man nähertrat, konnte man im Innern Dutzende von kleinen Jungen hin- und herlaufen sehen. Die kleinsten waren vier bis fünf Jahre alt, die ältesten höchstens dreizehn bis vierzehn.

Es waren ganz offensichtlich jüdische Kinder, und viele von ihnen hatten einen ausgeprägten Habitus, große, mandelförmige, schwarze und melancholische Augen. Wenn ich heute an sie denke, sehe ich den kleinen jüdischen Jungen mit der Schiebermütze und dem gelben Stern, der mit erhobenen Armen an der Spitze einer Kolonne läuft, die von schwerbewaffneten, großen deutschen Soldaten bewacht wird - ein Foto, das nach 1945 unzählige Male durch die Presse ging.

Viele der Kinder hinter den Fenstern saßen dicht gedrängt auf den Doppelbetten. Die größeren hatten den kleinsten geholfen hinaufzuklettern; einige weinten leise, andere spielten still mit selbstgebasteltem Spielzeug, und in dieser kleinen Welt wurde geredet, diskutiert und gehandelt wie in einer Gesellschaft kleiner Menschen, die man in einen Affenkäfig eingesperrt hatte. Sobald sie der Besucher gewahr wurden, drängten sich die Kinder an den Fenstern zusammen; die einen fragten uns, was man mit ihnen vorhabe, die anderen baten um etwas zu essen. Und jeder von uns hatte etwas mitgebracht: Brot, Zucker, Kekse, all das, was sich als eiserne Reserve in unseren Spinden befand, jenen schmalen Militärschränken, die den Häftlingen in ihrer Stube zugewiesen wurden.

Wir reichten den Kindern unsere kümmerlichen Geschenke, und die Großen gingen sofort daran, sie zu erfassen, um sie an alle zu verteilen, was sehr geordnet vonstatten ging. Die Besucher sprachen polnisch, russisch oder deutsch zu den Kindern. Diese kamen aber aus Ungarn und waren von ihren Eltern und ihren großen Geschwistern getrennt worden, die man, wie es hieß, in Arbeitslager geschickt hatte.

Als wir sie so vor uns sahen, so schwach, so vernünftig, so fügsam und so elend, konnten viele von uns ihre Tränen nicht mehr zurückhalten und entfernten sich, damit die Kinder ihre Rührung nicht bemerkten. Als ich einem der großen Jungen das Brot und den Zucker übergab, die ich mitgebracht hatte, kamen auch einige der netten, verschmitzten Kleinen heran und fragten mich auf Jiddisch, ob ich wüßte, wohin man sie bringen würde. Ich wußte es natürlich nicht, sagte ihnen aber, daß sie wahrscheinlich ins Familienlager von Theresienstadt kommen würden, von dem man damals annahm, daß dessen Insassen von der Ausrottung verschont blieben.

Ein kleiner Junge mit kugelrundem Kopf und großen Ohren sagte zu mir mit schelmischer Miene: »Du bist auch ein Jude, nicht?« - »Aber nein«, antwortete ich ihm, »ich bin Franzose, kein Jude!« Der Junge lächelte mich an, noch schelmischer als zuvor, und meinte dann: »Natürlich bist du auch ein Jude, selbst wenn du es uns nicht sagen willst.«

Um uns herum standen viele Leute, und alle aus den östlichen Ländern stammenden Häftlinge verstanden einigermaßen gut Jiddisch, was nichts anderes ist als Mittelhochdeutsch, das mit einigen slawischen und hebräischen Wörtern angereichert worden war. In einem Lager wie Dachau, das offiziell als »judenrein« galt, war das eine brenzlige Situation für einen Gefangenen, der ganz augenscheinlich wie ein Jude aussah.

Ich verteilte rasch meine armseligen Mitbringsel und ging traurig von dannen. Indem ich vor diesen dem sicheren Tod geweihten Kindern mein Judentum leugnete, hatte ich ganz gewiß nicht unrecht gehandelt, und dennoch fühlte ich mich schuldig und unglücklich.

Ich werde niemals das halb ernste, halb amüsierte Gesicht des kleinen Jungen vergessen, das mir zu sagen schien: »Du hast recht, wenn du versuchst, dem allgemeinen Schicksal zu entgehen, und die anderen, die Goyim, die keine Ahnung haben, kannst du damit täuschen, aber uns nicht, uns kleine Juden, die die Unseren zu erkennen wissen.«

Joseph Rovan, Geschichten aus Dachau, München 1992, S. 208-11

 

Einmal kam eine Gruppe von 90 Jungen vom Konzentrationslager Dachau nach Auschwitz. Sie blieben ein paar Tage im Quarantänelager. Dann hielt eines Tages ein Lastwagen vor dem Block. SS-Männer befahlen den Jungen, aufzusteigen. Einer von ihnen, er war erst vierzehn Jahre alt, redete seinen Kameraden gut zu und bewog sie, sich nicht zu sträuben. Dennoch schrien die Kinder, weil sie ahnten, daß sie getötet werden sollten. Als der Vierzehnjährige nun selber auf dem Lastwagen stand, rief er den anderen zu: »Schreit doch nicht. Ihr habt doch schon gesehen, wie eure Eltern und Großeltern umgebracht wurden. Ihr werdet sie oben wiedersehen.« Der Junge wurde dafür von den SS-Leuten fürchterlich geprügelt.
Aber es schien ihm kaum etwas auszumachen. Er hatte in jener Minute das gesagt, was er für seine Pflicht hielt und was seiner innersten Überzeugung entsprach.

Dr. Otto Wolken, Arzt aus Wien. In Auschwitz von Mitte 1943 bis zur Auflösung des Lagers. Aussage am 24. 2. 1964 im Auschwitz-Prozeß.


Im Juli 1944 wurden aus Kaufering 131 jüdische Kinder nach Dachau und von hier nach Auschwitz gebracht [wo sie am 1. August eintrafen]. Unterwegs gelang es zweien zu fliehen. In Auschwitz wurden die Kinder einer Selektion unterworfen und 70 oder 75 von ihnen in der Gaskammer ermordet.

Stanislav Zamecnik, Das war Dachau, Herausgegeben von der Stiftung Comité International de Dachau, Luxemburg 2002, S.225


Jack Adler

was born in Pabianice, Poland on February 1, 1929. His immediate family consisted of his parents, two sisters a brother and himself. His extended family included grandparents, aunts, uncles and cousins and numbered 83. Life was simple. His family was very religious and spent much time at the local synagogue. His family owned and operated a successful textile business in the larger nearby city of Lodz.

Everything changed during the first week of September, 1939 when Nazi soldiers marched into and occupied his hometown. The synagogue was converted into a horse stable. The Jewish residents were forced to move into a section designated as "the Jewish Quarter", or ghetto. All Jews were forced to wear yellow Star of Davids on the front and rear of all their clothing. All freedoms were removed. They had to follow a very strict curfew. They were fed a minimal ration of bread and soup. Many died or became ill. His older brother, Chaim, and his mother perished here. The Pabianice Ghetto was soon liquidated and those who survived were sent to the larger Lodz Ghetto, where their treatment was even worse. Again, many died from disease or mistreatment by the Nazis.

In 1944 the Lodz Ghetto was liquidated. Jack and his remaining family members (his father and two sisters) were sent to Auschwitz/Birkenau. His sisters were murdered in Auschwitz.
He and his father were selected to work at the Kaufering concentration camp in Germany and then to Dachau. Jack was the only member of his immediate family to survive the camps.
He was liberated on May 1, 1945 at the age of 16.

http://www.jackadler.com/pages/about..html

More information about Jack Adler: http://www.jackadler.com/pages/transcript.html

Interview with Jack Adler: http://multimedia.uwyo.edu/newsclips/adler2.mov

Video: Jack Adler


Izhak Akermann

Izhak Akermann wurde Ende 1927 in Danzig als Sohn polnisch-jüdischer Eltern geboren. Als die deutschen Besatzer im Frühjahr 1941 in Radom/Polen zwei Ghettos gründeten, waren die Akermanns unter den vielen Tausend jüdischen Familien, die dort eingewiesen wurden. Im August 1942 räumte die SS das Ghetto und deportierte die Mehrheit der dort lebenden Menschen direkt ins Vernichtungslager Treblinka - darunter auch Akermanns Mutter.

Izhak Akermann selbst musste mit seinem Vater und drei Cousins bis 1944 als Zwangsarbeiter in Radom bleiben. Später wurde er in zwei Außenlager des Konzentrationslagers Natzweiler transportiert. Das tägliche Leben dort war zunehmend von Hunger, Läusen, Misshandlungen und Demütigungen bestimmt. Anfang April 1945 kam Izhak Akermann schwer krank und entkräftet im Konzentrationslager Dachau an. Die Befreiung wenige Wochen später erlebte er - zu schwach, um aufzustehen - in der Baracke. Die nächsten eineinhalb Jahre verbrachte er in Kliniken. Seine anschließende Auswanderung nach Palästina beziehungsweise Israel gestaltete sich als ein langes, lebensgefährliches Unterfangen. Izhak Akermann lebt noch heute mit seiner Familie in Israel.

Süddeutsche Zeitung Dachau, 18.06.2012

 

Noch heute quält Izhak Akermann die Vergangenheit

Dachau - Izhak Akermann ist heute 84. Vor fast 70 Jahren war er im KZ Dachau inhaftiert. In einem Zeitzeugengespräch machte er nun seinen Zuhörern deutlich, welchen Überlebenskampf er führen musste. Und wie ihn die Vergangenheit noch heute quält. Er ist Zeitreisender: Izhak Akermann durchlebt die schlimmste Zeit seines Lebens immer wieder – um Frieden zu finden. hab Es ist April 1945. Izhak Akermann steht auf dem Appellplatz im Dachauer Konzentrationslager. Seit Stunden. Er friert jämmerlich unter seinem dünnen Häftlingshemd, immer wieder wird ihm schwarz vor Augen. Der Hunger, die Demütigungen, die Schläge - der 17-Jährige kann nicht mehr. Er bricht zusammen. Der Häftling neben ihm, zerrt ihn wieder auf die Beine. Immer wieder. "Halte durch", sagt er. "Morgen kommen die Amerikaner." Diesen einen Tag hat Izhak Akermann noch durchgehalten. Er hat seine letzte Kraft zusammengenommen. Am 29. April 1945 kann er nicht einmal mehr aufstehen. Als die Amerikaner das KZ Dachau befreien, liegt er in eine verlauste Decke gehüllt in seiner Baracke. Er hat nicht einmal mehr die Kraft, dankbar zu sein. "Wären sie einen Tag später gekommen, wäre ich heute nicht hier", sagt er.

Er sitzt im Besucherzentrum der Dachauer Gedenkstätte, streicht sich hin und wieder durch die schneeweißen Haare, rückt seine Brille zurecht. Äußerlich ist Izhak Akermann ein alter Mann geworden. Doch an Abenden wie heute erzählt der 17-Jährige in ihm seine Geschichte. So klar und mit so vielen furchtbaren Details, als wäre keine Zeit vergangen. Immer wieder bricht Akermanns Stimme, immer wieder muss er gegen Tränen ankämpfen. 67 Jahre sind nicht genug Zeit, um zu verarbeiten, was nicht zu verarbeiten ist. Izhak Akermann hat sich ein neues Leben in Israel aufgebaut. Doch der junge Mann in ihm ist nie aus dem KZ befreit worden. Ihm haben die Nazis damals nicht nur seine Träume, sondern auch seinen Glauben genommen.

Akermanns Kindheit war im Frühjahr 1941 von einem Tag auf den anderen vorbei. Damals marschierten die deutschen Besatzer in seiner Heimat Polen ein. Seine Familie war eine von tausenden, die in ein Ghetto gesperrt wurde. Er musste mit ansehen, wie seine Mutter in ein Vernichtungslager deportiert wurde, zwei Jahre später wurde sein Vater erschossen. Er war plötzlich ganz auf sich allein gestellt. Viele Erniedrigungen und Demütigungen musste er ertragen, doch das Schlimmste war für ihn der ständige Hunger. "So was kann sich niemand von Ihnen vorstellen", sagte er bei dem Zeitzeugengespräch in Dachau. "Hunger, das ist etwas ganz anders als fasten." Es frisst einen von innen auf, nimmt einem Kraft und Willen, um für sich selbst zu kämpfen.

Immer wieder denkt der 84-Jährige an dieses Gefühl zurück. Akermann hatte eigentlich keine andere Wahl, als Zeitreisender zu werden. Er fühlt sich verpflichtet, immer wieder gedanklich zurückzugehen. Um aufzurütteln, um zu sensibilisieren. Für Toleranz. "Das kostet mich große Überwindung." Doch jedes Mal, wenn er in den Nachrichten wieder von Neonazis und deren Propaganda hört, weiß er, wofür er es macht. Für den 17-Jährigen in ihm, der endlich seinen Frieden finden will.

Quelle: merkur-online.de, 24.06.2012


Eugeniusz Bądzyński

Eugeniusz Bądzyński wurde 1928 in Wilno, heute Vilnius, geboren. Wie der gesamte Südosten Litauens gehörte die Stadt bis zum Zweiten Weltkrieg zu Polen. Später zog die Familie in das bei Warschau gelegene Zielonka. Von dort wurde Eugeniusz Bądzyński als 16-Jähriger Anfang September 1944 in das Durchgangslager 121 (Dulag 121) verschleppt. Die deutsche Besatzung richtete das Lager in Pruszków während des Warschauer Aufstands (1. August 1944 bis 2. Oktober 1944) ein, um die Zivilbevölkerung des Großraums Warschau gefangen zu halten. Die Zustände im Lager waren katastrophal: Überfüllung, Hunger und vollkommen unzureichende Hygiene führten zur Ausbreitung von Seuchen. Vom 6. August 1944 bis zum 16. Januar 1945 durchliefen rund 650.000 Menschen das Lager. Wie Eugeniusz Bądzyński selektierte die SS die meisten Gefangenen nach wenigen Tagen, um sie zur Zwangsarbeit nach Deutschland zu verschleppen oder in Konzentrationslager zu deportieren. So erreichte am 12. September 1944 ein Transport mit 3.042 Warschauern das KZ Dachau. Noch am selben Tag wurde Eugeniusz Bądzyński in Dachau als Nummer 106535 registriert. Er wurde dem „Kräutergarten“ zugeteilt, einem der größten Arbeitskommandos im Hauptlager Dachau. Während die offizielle Bezeichnung eine Verharmlosung war, traf die Häftlingssprache die brutale Wirklichkeit der Arbeitsbedingungen genau: Auf der „Plantage“ mussten 1944 rund 1.600 Gefangene Heil- und Gewürzkräuter für die Kriegswirtschaft anbauen, bei jeder Witterung, unterernährt und ständig von Misshandlungen bedroht. Nach der Befreiung stellte die US-Verwaltung das KZ Dachau aufgrund einer Typhusepidemie unter strikte Quarantäne. Eugeniusz Bądzyński kam in Quarantäne in das Lager München-Freimann. Im August 1945 kehrte er in seine Heimatstadt zurück.

http://www.liberation-dachau.de/#b%C4%85dzy%C5%84ski (Video)

David Ben-Dor

David (Faber) Ben-Dor wurde 1928 als Sohn eines jüdischen Arztes in Innsbruck geboren. Die Familie ließ einige Fluchtmöglichkeiten aus, bis sie 1938 nach Litauen ging. Vom Ghetto Kowno aus begann der Leidensweg des Jungen und seiner Familie durch mehrere Konzentrationslager.
50 Jahre nach seiner Befreiung aus dem KZ Dachau (Außenlager Utting und Schwifting bei Landsberg), nach langer Selbstbefragung, schrieb David Ben-Dor schließlich die Geschichte seines Überlebens nieder. Sie handelt auch von der Opferung menschlicher Werte, die nötig waren, um dieses Ziel zu erreichen, von Mittäterschaft und Kollaboration. David Ben-Dor schildert seinen Weg vom halbverhungerten Bauarbeiter zum privilegierten Lagerschlosser - zum Träger der schwarzen Mütze.

David Ben-Dor, Die schwarze Mütze. Geschichte eines Mitschuldigen, Reclam Verlag, Leipzig 2000, 157 Seiten


Hanna Birnfeld

"Ich war voller Pläne und Wünsche für meine persönliche Zukunft"
Aus dem Mädchen wird Häftling Nr. 86578
Plakatserie "Für eine Zeit Dachauer": Mit 18 Jahren kam Hanna Birnfeld ins KZ

Etwa 6800 Frauen wurden im KZ Dachau registriert, die tatsächliche Zahl dürfte aber höher liegen. Ab 1944 wurden in die Außenlager des KZ Dachau vermehrt Frauen deportiert, für viele führte der Weg über Auschwitz, Ravensbrück und Bergen-Belsen. Die meisten - etwa 4000 Frauen - wurden in die verschiedenen Außenlager bei Kaufering gebracht, so auch Hanna Birnfeld.

Sie wurde 1926 in Jerusalem geboren. Die Familie kehrt wegen der schwierigen Lebensbedingungen bald nach ihrer Geburt wieder nach Klausenburg/Siebenbürgen zurück. Hanna Birnfeld wächst in einem harmonischen Umfeld auf: "Ich war 18 Jahre jung, besuchte das Gymnasium und stand ein Jahr vor dem Abitur. Ich war voller Pläne und Wünsche für meine persönliche Zukunft."

Als die Deutschen ihre Heimat im März 1944 besetzen, ändert sich ihr Leben schlagartig. Ihre Familie wird in das Ghetto Klausenburg eingewiesen. Und von Mai 1944 an setzen sich Züge mit ungarischen Juden nach Auschwitz in Bewegung. Bis zum 9. Juli 1944 wurden nach offiziellen Angaben der Nationalsozialisten auf diesem Weg 437 402 Juden nach Auschwitz deportiert. Auch die Familie von Hanna Birnfeld trifft dieses Schicksal. Am 1. Juni 1944 kommt sie auf der Rampe im Lager Auschwitz-Birkenau an.

In Erwartung der Massentransporte von ungarischen Juden waren in Auschwitz umfassende Vorbereitungen getroffen worden: Die Zeit drängte aufgrund der näher kommenden russischen Truppen und so wurden in aller Eile die Vernichtungsanlagen renoviert und verbessert. Die Rampe mit den direkten Bahngleisen nahe den Gaskammern wurde errichtet, um den Vorgang des "Entladens" und der späteren Vernichtung zu beschleunigen. Nur Hanna, ihre Schwester und eine Tante überleben die Selektion an der Rampe von Birkenau, der Rest ihrer Familie wird direkt in die Gaskammern geschickt. Als "arbeitsfähig" eingestuft, wird sie in das Lager überstellt, "aus dem lebenslustigen Mädchen wird über Nacht der kahlgeschorene Häftling Nr. 86578".

Nach einer Selektion wird sie wieder in einen Viehwagen verfrachtet und kommt am 1. August 1944 im Dachauer Außenlager Kaufering IV. an. Ab März 1944 soll eine eigene Behörde, der so genannte "Jägerstab", die deutsche Flugzeugproduktion durch die Verlegung der Fertigung in unterirdische Fabrikhallen von Luftangriffen unabhängig machen.

Im Bereich des KZ Dachau werden zu diesem Zweck zwei große Lagerkomplexe errichtet: bei Landsberg am Lech und bei Kaufering. Insgesamt elf Lager, die sich zwar in der Größe, aber nicht in der Ausstattung unterscheiden. Die Häftlinge hausen entweder in Erdhütten oder in "Schwedenzelten" aus Sperrholz.

Um den 25. April 1945 wird das Lager evakuiert und Hanna und ihre Angehörigen finden sich in einem der gefürchteten Todesmärsche wider (siehe Kasten). Erst später erfährt sie Ort und Zeitpunkt ihrer Befreiung: Buchberg bei Wolfratshausen am 30. April 1945. Heute lebt Hanna Birnfeld in Hamburg. SZ

Dachauer SZ, 28.06.05
 

 


Uri Chanoch

Er war seelisch erfroren, hatte keine Gefühle mehr. Noch heute beklagt Uri Chanoch, Überlebender des Dachauer KZ-Außenlagers Kaufering I, den „geistigen Schmerz“, der ihn regelmäßig überkommt.

16 Jahre war er alt, als er, aus dem Ghetto Kaunas in Litauen kommend, 1944 am Kauferinger Bahnhof aus dem Zug stieg und den Marsch ins Lager I antrat. Nur ein Jahr später endete für ihn und zwei Freunde der berüchtigte Todesmarsch nach Tirol bereits nach wenigen Stunden in Schwabhausen mit der Flucht. Uri Chanoch lebt heute in Israel und ist Vorsitzender der Vereinigung Überlebender der KZ-Außenlager Kaufering/Landsberg des Konzentrationslagers Dachau.

Der Angriff amerikanischer Tiefflieger auf den Häftlingszug, der die Insassen der Kauferinger und Landsberger KZ-Außenlager am 27. April 1945 nach Dachau bringen sollte, brachte für Uri Chanoch und ein befreundetes Brüderpaar die Chance zur Flucht. „Aber schon einige Tage vor der Evakuierung der Lager haben wir mitbekommen, dass sich der Krieg dem Ende zuneigt“, erinnert sich Chanoch an heimliche Gespräche der Häftlinge untereinander. „Wir fragten uns tatsächlich, was wir tun sollten, wenn alles vorbei ist, machten in unserer immer noch verzweifelten Lage Zukunftspläne.“ Dabei waren viele der durch Zwangsarbeit am Bunker in Landsberg gequälten Häftlinge bereits so schwach, dass sie den nächsten Tag kaum mehr überleben würden.

Als die Amerikaner den Transportzug nach Dachau bei Schwabhausen beschossen, nutzten Uri Chanoch und die beiden mit ihm befreundeten Brüder die Gelegenheit und schlugen sich in das nächstgelegene Waldstück durch. Unter dem Beschuss eines SS-Wachmanns gelang den Dreien die Flucht in den Wald, in die vermeintliche Freiheit. Zwar hatte jeder von ihnen einen Laib Brot mit dabei, die sie für die Zugfahrt bekommen hatten, doch der Durst war beinahe übermächtig. Da kam ihnen erneut der Zufall zu Hilfe: „Ein alter Mann radelte auf einem Weg daher, eine Kanne Milch hing an seinem Fahrrad.“ Die ausgemergelten Häftlinge sprangen aus ihrer Deckung, nahmen dem Mann die Milch ab und versteckten sich wieder im Wald, wo sie dann eingeschlafen sind. Nun war guter Rat teuer. Wie sollten sie die eine oder zwei Wochen überleben, die ihrer Meinung nach der Krieg noch dauern würde?

Irgendwie kamen die drei nach Penzing zum dortigen Fliegerhorst, wo sie sich in einer Luftschutzkammer versteckten. Dort schlossen sie sich ein, in eine vermeintliche Sicherheit, der sie allerdings nicht so recht trauten. So losten sie einen unter sich aus, der nur einen Tag später rausgehen und die Lage sondieren sollte. „Wir wussten nicht mehr, ob es nun Tag oder Nacht war. Ich ging raus und konnte einige wenige Soldaten sehen und einen Panzer mit einem Stern drauf.“ Uri Chanoch nahm an, dass es sich dabei um einen russischen Tank handelte, bis er bemerkte, dass es amerikanische Truppen waren, viele davon jüdischer Abstammung, wie sich nur wenig später herausstellen sollte.

„Die wussten gleich, wie sie mit uns umgehen sollten, denn sie hatten bereits erste Erfahrungen mit befreiten KZ-Häftlingen hinter sich.“ So etwa das Essen für die Drei streng kontrolliert, was sich als überlebenswichtig für die ausgehungerten Häftlinge herausstellen sollte. Vielen Leidensgenossen hatten die Soldaten bei der Befreiung der KZ-Außenlager in bester Absicht reichlich feste Nahrung gegeben, die die ausgehungerten Menschen sofort gierig verschlangen. Wenig später starben sie dann unter qualvollen Krämpfen am anaphylaktischen Schock.

Für Uri Chanoch war essen in diesem Augenblick allerdings zweitrangig. Er, der junge Mann, dessen Vater und Bruder aus Landsberg nach Auschwitz deportiert worden waren, wollte Rache für das, was er und seine Familie erleiden mussten. „Ich ging nach Schwabhausen und wollte Leute schlagen, den ganzen Tag lang.“ Als sich der junge Bursche abreagiert hatte, ging er zurück nach Landsberg – und stand plötzlich wieder in Lager I. Es bot sich ihm, der monatelang in dem Lager misshandelt und gequält worden war, ein furchtbarer Anblick. Noch immer lagen und befanden sich dort Häftlinge, die ausgehalten hatten. Er traf auch auf einen Freund, der „total verrückte Augen hatte“ und ihn nicht mehr erkannte.

In Landsberg ging Uri Chanoch ganz bewusst auf Passanten zu, wenngleich er zugibt, vor diesem Augenblick Angst verspürt zu haben. Doch was er erlebte, war eine ihm unerklärliche Angst der Landsberger vor ihm, dem „Untermenschen“, dem KZ-Häftling, der so lange Zeit weniger wert schien, als irgendein anderes Lebewesen auf dieser Welt. Uri Chanoch fragte sie immer wieder: „Wo ist eure Dreistigkeit geblieben? Warum kämpft ihr nicht?“. Anders wusste er offensichtlich nicht mit seiner Verzweiflung umzugehen.

Der von den Amerikanern eingesetzte Gouverneur, der „ebenfalls jiddisch war“, umarmte Uri Chanoch beim ersten Aufeinandertreffen in der Kommandantur mit den Worten: „Kinder, alles wird jetzt in Ordnung kommen.“ Von nun an kümmerten sich die amerikanischen Besatzer um den ehemaligen KZ-Häftling. Uri Chanoch bekam eine Wohnung zugeteilt. „Ein 27-jähriger Major brachte mich zum Georg-Hellmair-Platz. Dort, im Haus Ludwigstraße 170, konnte ich wohnen.“

Die Besitzer, zwei ältere Damen, mussten im oberen Stock wohnen. Einmal am Tag ging nun Uri Chanoch zu den Amerikanern, um Verpflegung zu empfangen. „Der Major verbot mir aber, den Mitbewohnern irgendetwas abzugeben, obwohl die Damen absolut nichts zu essen hatten.“ Am dritten Tag seiner Einquartierung machte Uri Chanoch mit einem kleinen Buben aus dem Haus Bekanntschaft: „Ich glaube, der hieß Wörsching.“ Nur einen Tag später hatte er sich bereits über das Verbot, Deutschen zu essen zu geben, hinweggesetzt. „Ich bin halt ein Tiger ohne Zähne“, verdeutlicht er seine damalige innere Zerrissenheit.

Doch außer dem Buben gegenüber, den er von da an regelmäßig verpflegte, lebte Chanoch seine Rache tagtäglich aus – und dies auf eine sonderbare Art und Weise. Weil er eines Tages das Essenspaket nicht mehr tragen wollte, hielt er auf offener Straße kurzerhand einen Mann an und nahm diesem das Fahrrad ab. Immer wieder bemächtigte sich Uri Chanoch der Fahrräder von Passanten, willkürlich und ohne Grund, wie er zugibt. Für ihn war es aber eine weitere Möglichkeit, die Vergangenheit und das große Leid, dass ihm die Deutschen angetan hatten, zu kompensieren. „Zeitweilig standen Dutzende Fahrräder vor dem Haus. Keiner wagte aber, sein Eigentum zurückzuholen. „Ich war der Lord der Ludwigstraße 170.“

Dennoch gab ihm dieses Leben keine große Erfüllung. Beinahe apathisch lebte er in den Tag hinein, lief in Landsberg umher und „requirierte“ weiterhin Fahrräder. „Wir waren so dumm, denn in München hatten sich zu diesem Zeitpunkt die Juden bereits organisiert.“ Inzwischen hatte aber auch er einen Pass mit der Registrier-Nummer 23 erhalten, abgestempelt und unterschrieben vom damaligen Landrat. Als er sein Vorhaben letztlich in die Tat umsetzte und in München im Jüdischen Zentrum ankam, habe er zum ersten Mal seit Beginn seiner Leidenszeit geweint.

Nur wenig später begab sich Uri Chanoch auf die Reise, die ihn zunächst nach Italien führte. Unterwegs bemerkte er eine jüdische Brigade, die am Straßenrand gestoppt hatte. Er sprach einen Fahrer an und plötzlich blieb ihm das Herz stehen: Bei der jüdischen Brigade befand sich sein Bruder Daniel, der in Auschwitz befreit worden war und den Uri Chanoch längst tot wähnte. Doch das zunächst für ihn Unerklärliche erzählt er wie folgt: „Wir hatten keine Gefühle.“ Sie hätten aber zwei Decken gehabt, die sie beschlossen zu verkaufen, um dann von dem Geld ins Kino zu gehen.

Zum Foto: Auf ihrem Weg nach Palästina trafen Uri Chanoch und sein Bruder Daniel (links) im italienischen Bologna wieder zusammen.

Quelle: http://multimedia.augsburger-allgemeine.de/70-jahre-kriegsende#14532

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Born in 1928 in Kovno, Lithuania, Uri studied at the local Jewish school and was a member of the Betar Youth Movement. In August 1941, Uri’s family entered the ghetto. Uri, at the age of 13, began to work as a messenger in the German Work Office. He was recruited into the underground movement and risked his life stealing work permits that enabled many people to escape the ghetto and join the Partisans. During the German Aktions against the ghetto’s children, Uri hid his 9-year-old brother in a hiding place, and despite receiving severe beatings he did not divulge his brother’s whereabouts, thus saving his life.

In July 1994, the ghetto was liquidated and the few people remaining after the Aktions were moved in deportation trains to Germany. On the way, the women and children were removed in Stutthoff, Poland – including Uri’s mother and sister. This was the last time that Uri saw them. The men were transported to the Landsberg/Kaufering labor camp in Dachau. Several days later, all the remaining young children were sent to Auschwitz – Uri’s brother, Dani, among them. Due to the oppressive work, starvation and beating, Uri’s father’s health deteriorated, and in October 1944 he was sent to Auschwitz. Uri was now left alone and tried to satisfy his hunger by eating salt and drinking water. As a result, his body swelled and he weakened, losing the will to live. At sick call, he stepped forward, knowing full well that this meant almost certain death. Fortunately, the Jewish assistants to the camp commander who recognized him from the Ghetto intervened on his behalf, and the commander ordered Uri removed from the line and assigned him the job of cleaning the office. Later on, this allowed Uri to save the life of his good friend Chaim Konfitz, who had been seriously wounded in a work accident. Uri struck a deal with the camp physician, Dr. Zachrin, who agreed to save his life in exchange for a supply of tobacco for his pipe. Uri stole cigarettes and tobacco from the pockets of Germans who worked in the office at great risk to his life, and Chaim recovered.

In April 1945, the remaining camp survivors were placed on a train to Dachau. During the journey, the train was blown up, and Uri managed to jump off and flee to the forest under fire. He hid in the forest until he was liberated by American soldiers.

In 1946, Uri and his brother Dani, who had survived Auschwitz, came to Israel illegally on the ship “Wedgwood”. He was recruited into the Palmach and fought in the 4th battalion freeing Jerusalem from the siege. He then became an officer in the IDF. For most of his life, he was an industrialist, and since retiring has been engaged in public service. Uri is married to Yehudit and has 3 children and 5 grandchildren.

http://www1.yadvashem.org/about_yad/magazine/magazine_41/data_41/Torchlighters.html

Weitere Informationen: http://www.das-andere-leben.de/chanoch.html

Anlässlich des Todes von Uri Chanoch am 1. September 2015 erschienen eine Reihe von Nachrufen, die sein Wirken würdigten.
Hier eine Auswahl:

  • haGalil, 06.09.2015
    Uri Chanoch s“l
  • Jüdische Allgemeine, 3.09.2015
    Uri Chanoch gestorben
    Zentralrat der Juden und Claims Conference würdigen den Holocaust-Überlebenden
  • Augsburger Allgemeine, 02.09.2015
    Kauferinger KZ-Überlebender Uri Chanoch in Israel gestorben
    Der Holocaust-Überlebende Uri Chanoch ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Chanoch war Vorsitzender der Vereinigung der Überlebenden der KZ-Außenlager Dachau und sprach als Stiftungsratsmitglied immer wieder über das Grauen, das er als Jugendlicher erleben musste.
  • Süddeutsche Zeitung, 2.09.2015
    Ein Mann mit einem Augenzwinkern
    Er warb mit Charme für das Gedenken: Uri Chanoch, Häftling in einem Außenlager des KZ Dachau und später Sprecher der Überlebenden, ist gestorben.

  • Maurice Cling

    Maurice Cling wurde am 4. Mai 1944, seinem 15. Geburtstag, zusammen mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder in das zentrale Sammel- und Durchgangslager Drancy im besetzten Frankreich gebracht. Von dort deportierte die SS insgesamt 65.000 Juden nach Auschwitz-Birkenau, darunter auch die Familie von Maurice Cling. In dem Vernichtungslager ermordete die SS alle seine Angehörigen. Maurice Cling selbst wurde dem Kommando zugeteilt, das im Stammlager Auschwitz die Häftlingslatrinen säubern musste. Vor der Befreiung durch die sowjetische Armee im Januar 1945 wurde er mit einem der mörderischen „Evakuierungstransporte“ in das KZ Dachau verschleppt. Ab dem 22. April 1945 begann die SS die Häftlinge in mehreren Todesmärschen Richtung Tiroler Ötztal zu treiben, darunter auch Maurice Cling. Schließlich wurde er in Mittenwald von US-Truppen befreit und zusammen mit anderen Überlebenden in einer Kaserne in Garmisch-Partenkirchen provisorisch untergebracht. Mitte Mai 1945 kehrte Maurice Cling in seine Heimatstadt Paris zurück. Er studierte Englisch und erhielt eine Professur für Linguistik und Phonetik, später für Komparatistik in Metz und Paris. 1999 veröffentlichte er seine Erinnerungen unter dem Titel „Vous qui entrez ici . . . Un enfant á Auschwitz“.

    Video: http://www.liberation-dachau.de/#cling


    At the ripe old age of fifteen I arrived in Auschwitz, the infamous human extermination camp. We were pushed like cattle into freight train cars. After a five-day, unbelievable hard journey we arrived in Auschwitz. As we were being removed from the train our first view was SS men with guns and guard dogs. The SS guards told us to leave the little belongings we had on the ground and line up. Little did we know that at the time that we were about to be selected for life or for death. As I stood in line a stranger tapped me on the shoulders from behind and told me in Yiddish: "Little boy, stand on your feet. Stand on your toes when you come up to the German SS. Make yourself taller." I stretched and strained, somehow knowing that my life depended upon the stranger's advice. I was selected to work in a road gang while my parents and my younger brother were taken to the gas chambers. After they selected me for work we were taken near the showers. There we relinquished all our clothing and what little personal belongings we carried with us. We were all completely disrobed and had our hair shorn off. As I looked about I could see mountains and mountains of personal belongings such as eyeglasses, shoes, clothing of every description, and piles and piles of human hair. Now we were being led to the showers. Apprehension and fear was present among all since we had heard rumours that the showers were gas chambers. We were reluctant to enter and had to be pushed and shoved with force into the showers. To our amazement they were real showers. It was a miracle that our lives had been spared and we had survived this ordeal. We were then disinfected with some kind of chemicals and issued one set of striped work clothes. As we were being led away to the living quarters we could see smoke and flames rising out of the chimneys. The talk among us was disbelief of the horrors that were occurring. Words cannot describe or furnish anyone with any accurate picture of what went on there.

    Quelle: Yad Vashem Archives O.3-8521


    Solly Ganor

    Solly GanorSolly ist dreizehn Jahre alt, als die deutschen Truppen im Sommer 1941 in seine Heimatstadt Kaunas/Litauen einfallen. Von einem Tag auf den anderen ist die Kindheit des jüdischen Jungen zu Ende. Er wird mit seiner Familie ins Ghetto getrieben und muß zusehen, wie Freunde und Verwandte bei zahlreichen sogenannten Aktionen der neuen Machthaber zur Vernichtung selektiert oder auf der Stelle ermordet werden.
    Der Junge lernt zu überleben und ist doch schon hundertmal gestorben, ehe er nach der Auflösung des Ghettos im Sommer 1944 zunächst ins Lager Stutthof (bei Danzig) und von dort in ein Außenlager des KZ Dachau deportiert wird. Inmitten einer bayerischen Bilderbuchlandschaft, im Lager X (Utting am Ammersee), erfährt Solly am eigenen Leibe, was Nationalsozialisten unter »Vernichtung durch Arbeit« verstehen.
    Vor den anrückenden Alliierten wird er mit den wenigen noch lebenden Häftlingen auf einem der berüchtigten Todesmärsche in Richtung Alpen getrieben und unterwegs von amerikanischen Soldaten befreit.
    Es ist die Geschichte eines gejagten Jungen, der fünfzig Jahre lang im Überlebenden Solly Ganor geschwiegen hat und der sich jetzt mit aller Kraft zu Wort meldet: die Stimme aus einem anderen Leben.


    Solly Ganor, Das andere Leben. Kindheit im Holocaust, Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1997, 221 Seiten, Euro 9,66

    In seiner Autobiographie berichtet Solly Ganor über ein schreckliches Erlebnis, das ihn fast das Leben kostete.
    "Ich habe versucht, es wegzublenden, doch je mehr ich mich bemühe, desto schärfer ätzt es sich in mein Gedächtnis." MEHR

    Weitere Schriften von Solly Ganor finden Sie auf den Seiten des Center for Holocaust&Genocide Studies und der Website von Solly Ganor


    Jehuda Garai

    Andreas Jehuda Garai kommt 1928 als Sohn einer jüdischen Familie zur Welt. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Ungarn folgt der 16-Jährige im Mai 1944 seiner Jugendliebe Agi in das Ghetto von Pécs. Zwei Monate später wird er nach Auschwitz deportiert und von dort mit einem Arbeitskommando in das Dachauer Außenlager Kaufering IV. Unter unmenschlichen Bedingungen leistet er im unterirdischen Bunkerbau Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie. 1945 durch die Amerikaner befreit, kehrt Jehuda Garai zunächst in seine Heimat zurück, ehe er 1949 nach Israel auswandert.

    Quelle: Dachauer SZ, 22.02.07

    Weitere Informationen in: Jehuda Garai, Pécs - Auschwitz - Kaufering, Metropol Verlag 2006


    Jack Garfein - Flossenbürg

    Es ist der Geruch des Todes. Eine Mischung aus Körperausdünstungen und Angstschweiß. Er durchdringt jede Ritze in dem völlig überfüllten Eisenbahnwaggon. Die Menschen wimmern, stöhnen, weinen. Der beißende Gestank trübt die Sinne, nimmt dem Körper die letzte Kraft. Ist das nun das Ende? Bis heute trägt Jakob Garfein diese Bilder in sich. 14Jahre war er damals alt, als er in dem Zug nach Flossenbürg saß. Er hatte es geschafft, das KZ Auschwitz zu überleben, auch den folgenden Todesmarsch. Er wusste nicht, wohin er jetzt gebracht wurde. "Mein Gefühl sagte mir, dass die Erwachsenen mit dem Tod rechneten." Doch er wollte nicht sterben. "Meine Gedanken in Flossenbürg kreisten darum, jeden Tag zu überstehen, ja nichts zu tun, wodurch ich aufgefallen wäre." Das sei damals seine größte schauspielerische Leistung gewesen. Seine Fahrt nach Flossenbürg führte nicht in den Tod.

    Aus Jakob wurde Jack Garfein, ein gefeierter Regisseur. Jack Garfein ist Jude. Im Mai 1944 wurde er zunächst nach Auschwitz deportiert. "Mein Weg nach Flossenbürg begann mit dem Todesmarsch von Schlesien in Richtung Reichsmitte", erinnert er sich im MZ-Interview. Während der Deportation musste der in Mukatschewe (damals Tschechoslowakei, heute Ukraine) geborene Jakob Todesangst durchleben. So bückte sich der entkräftete Junge auf dem Marsch, um aus einer Pfütze zu trinken. Ein SS-Mann hielt ihm eine Waffe an den Kopf und befahl ihm, sofort wieder aufzustehen, sonst würde er abdrücken. "Bis heute weiß ich exakt die Stelle, wo der Lauf der Waffe meinen Kopf berührte." Irgendwann erreichten sie einen Bahnhof und Garfein stieg mit den anderen Gefangenen in die Waggons. Dann setzte sich der Zug in Bewegung – für die Reise ins Ungewisse. ... Er beschreibt ihn als "Viehwaggon, der mit 80 bis 100 Menschen besetzt, brechend voll war." Es sei unmöglich gewesen, die Beine auszustrecken. "Ich setzte mich auf den Boden – mit den Knien angezogen bis zur Brust." In seiner Hosentasche bewahrte Jack Garfein bei seiner Fahrt nach Flossenbürg noch ein Stückchen Brot auf. Ein Erwachsener bemerkte das und fasste den Entschluss, den Jungen für diese kleine Essensration zu töten. "Er setzte sich mit aller Gewalt auf mich. Er versuchte mich umzubringen", schildert Garfein die Geschehnisse. "Ich biss so fest in seinen Oberschenkel, dass er schrie und von mir abließ."

    Die Ankunft in Flossenbürg kann der heute 81-Jährige nur noch vage beschreiben. "Ich erinnere mich an frische Luft und was für eine Befreiung das war, nach dem entsetzlichen Gestank im Viehwaggon." Er habe auch so etwas wie Hoffnung gefühlt, sagt Garfein. "Die zivilisierte Atmosphäre der Gebäude und Straßen gaben mir ein sichereres Gefühl – anders, als wenn wir in einem Lager oder auf einem Feld angekommen wären."

    Doch der Schein trügte, wie der 14-Jährige erkennen musste. Flossenbürg diente Hitler als Materiallieferant für seine mächtigen Bauwerke. Granit für das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und später für die geplante Welthauptstadt Germania. "Ohne Sicherheitsvorkehrungen, schlecht bekleidet und bei jedem Wetter mussten sie Erde abtragen, Granitblöcke absprengen, Loren schieben und Steine schleppen. Unfälle waren an der Tagesordnung. Kälte, harte Arbeit, völlig unzureichende Ernährung und die willkürliche Gewalt von SS-Männern und Kapos führten zum Tod vieler Häftlinge, heißt es in der Dokumentation der Gedenkstätte. Täglich verließen bis 1943 Züge mit dem Granit den Bahnhof. Später wurden die Häftlinge in der Kriegsmaschinerie eingesetzt. Für Messerschmitt bauten sie nahe Flossenbürg das Jagdflugzeuge Me 109. Für Garfein waren in der Oberpfalz die grausamsten Kapos. Am Ende – als über 15000 Menschen unter menschenunwürdigsten Bedingungen in dem Lager untergebracht waren – gab es 3000 Wachposten, darunter 500 Frauen. "Ihre Peitschen waren mit Leder umwickelt und sie schlugen die Menschen ins Gesicht und auf den Kopf."

    Im KZ Flossenbürg und seinen Außenlagern verloren 30000 Menschen ihr Leben. 100000 Menschen wurden inhaftiert. Solange sie als Arbeitskraft dienten, wurden die Gefangenen schikaniert und ausgebeutet, dann getötet. Es habe auch Capos gegeben, die die Jungen im Lager zu homosexuellen Handlungen zwangen, erinnert sich Jack Garfein. "Mein Onkel riet mir, mich krank und schwach zu stellen, um sie abzuschrecken. Ich glaube, das war einer der besten meiner ersten Schauspielversuche", sagt der 81-Jährige, der später mit Stars wie James Dean und Marilyn Monroe arbeitete.

    Irgendwann spürten die Gefangenen in Flossenbürg, dass der Krieg bald zu Ende gehen würde, sagt Garfein. "Die russischen Kriegsgefangenen fürchteten die kommende Befreiung. Sie hatten Angst davor, von der Sowjetunion bestraft zu werden, weil sie kapituliert hatten." Garfein wurde noch vor der Einnahme durch die Amerikaner von Flossenbürg ins Arbeitslager Ohrdruf gebracht und von dort ins KZ Bergen Belsen, wo er am 15. April 1945 von den Briten befreit wurde.

    Der heute in Paris und Los Angeles lebende Garfein, der mit der Schauspielerin Carroll Bakker zwei Kinder hat, verlor durch den Holocaust seine gesamte Familie.

    Mittelbayerische Zeitung, 04.04.2012

     


    Bill Glied

    Zum ersten Mal begegnet Glied den Nazis im Frühjahr 1941, als deutsche Truppen seinen Heimatort Subotica (Serbien) überfallen. Er ist 11 Jahre alt, als die Erniedrigung ihren Anfang nimmt. Weil Glieds Familie jüdisch ist, wird die Mühle seiner Eltern beschlagnahmt, der Vater kommt zeitweise in Haft, die Mutter muss dem kleinen Bill einen gelben Davidstern ans Hemd heften. 'Meine Mutter sagte zu mir und meiner Schwester: Habt Geduld! Das geht alles wieder vorbei', erzählt Glied. Doch es geht nicht vorbei. Es wird schlimmer.

    Im März 1944 deportieren SS und Gendarmerie die Familie Glied nach Auschwitz. Zwei Tage und zwei Nächte dauert die Zugfahrt im überfüllten Viehwaggon. 90 Menschen auf engstem Raum. Ohne Essen. Ohne Wasser. Ohne Toilette. Was Glieds Kinderaugen bei der Ankunft in Auschwitz sehen, schildert er mit den Worten eines damals 13-jährigen Jungen: 'Seltsame Menschen mit lustigen Hüten und blau-grau gestreiften Pyjamas.'

    Bevor ihn die Nazis selbst in Häftlingsklamotten stecken, wird die Familie Glied am Bahnhof getrennt. Mutter und Schwester kommen in die Gaskammer. 'Ich konnte nicht Lebewohl sagen, ich konnte sie nicht umarmen, ich konnte sie nicht küssen', erinnert er sich. 'Ich fragte einen Mithäftling: Wo sind wir? Er sagte: In Auschwitz. Und wo sind meine Mutter und meine Schwester, fragte ich. Da drüben, sagte er und deutete auf ein großes Backsteingebäude, aus dem Rauch aufstieg.'

    Für Bill Glied folgen viele Monate knochenharter Zwangsarbeit im Dachauer KZ-Außenlager Kaufering III, wohin er und sein Vater verschleppt werden. Zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Wer schwächelt, wird aussortiert. Eines Tages trifft es seinen Vater, der an Typhus erkrankt. Die SS bringt Vater und Sohn ins Krankenlager Kaufering IV bei Hurlach. Weil es dort keine medizinische Hilfe gibt, stirbt der Vater im April 1945 - neun Tage vor der Befreiung durch die US-Armee.

    Bill Glied kommt bei Onkel und Tante unter, ehe er 1947 nach Kanada auswandert. 20 Jahre lang schweigt er über das Erlebte - weil er sich schuldig fühlt, überlebt zu haben, während Millionen von Juden starben. Heute lebt er mit seiner Frau, drei Töchtern und vielen Enkeln in Kanada,und hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, als Zeitzeuge Erinnerungsarbeit zu leisten.

    Süddeutsche Zeitung Dachau, 29.01.2013


    Zwi Katz

    Zwi Katz wurde 1927 geboren und wuchs in einer assimilierten jüdischen im litauischen Kaunas auf. Die deutsche Kultur war in seiner Familie fest verankert, das Erlernen der deutschen Sprache galt als wichtig, eine humanistische Bildung wie auf deutschen Gymnasien und ein Studium auf einer deutschsprachigen Universität als erstrebenswert. Auch Zwi Katz

    Bis zum Einmarsch der sowjetischen Truppen im Herbst 1939 verlebte er eine glückliche Kindheit. Hitler und Stalin hatten 1939 weite Teile Osteuropas untereinander aufgeteilt. Das Baltikum mit den drei bislang unabhängigen Staaten Litauen, Lettland sowie Estland geriet in die Einflusssphäre der Sowjetunion. Für die Juden Litauens begann eine schwere Zeit, besonders in wirtschaftlicher Hinsicht. Betriebe und Fabriken wurden verstaatlicht, hebräische Schulen geschlossen, der Sabbat missachtet. Im Juni 1941 wurde der so genannte Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der Sowjetunion durch das "Unternehmen Barbarossa" von deutscher Seite gebrochen. Hitler ließ die Wehrmacht zum Eroberungsfeldzug in den Osten marschieren und Stalins Reich besetzen. Im Baltikum wuchs die Hoffnung auf eine Befreiung vom Joch der Kommunisten. Mit der Besatzung durch die Deutschen setzten sich aber die Zahnräder der Vernichtungsmaschinerie gegen die Juden in Bewegung. Nur wenige ahnten, was auf sie zukommen würde. Auch die Familie von Zwi Katz war hin- und hergerissen. Manche Familienmitglieder konnten sich noch rechtzeitig in Sicherheit bringen, doch der dreizehnjährige Zwi blieb mit seinen Eltern und der Schwester im Land.

    Im Sommer 1941 wurden Juden aus ihren Häusern vertrieben, ermordet oder in Ghettos gebracht. Viele Litauer waren dabei den Nationalsozialisten willige Helfer. Aber auf der anderen Seite gab es auch Menschen, die Juden - wie der Familie Katz - halfen, sie vor gefährlichen Situationen warnten. In seinem Buch "Von den Ufern der Memel...." schildert Zwi Katz nicht nur diese unverhofften Hilfeleistungen, sondern auch die Zeit im Ghetto in Kaunas: Die ständige Angst vor Razzien, die Grausamkeiten der Wachmannschaften, die Ermordung von Ghettoeinwohnern. Als das Ghetto geräumt wird, kommt Katz in ein "Arbeitslager", dass er später als Außenstelle des Konzentrationslagers Dachau identifiziert. Hier waren die jüdischen Häftlinge in die Produktion von Rüstungsgütern eingesetzt. Als die Nazis das Lager im Frühjahr 1945 evakuieren, wird auch Zwi Katz auf einen der Todesmärsche geschickt: "Vor vier Tagen haben wir das KZ Kaufering verlassen und seitdem marschieren wir mit unseren letzten nachlassenden Kräften irgendwohin. Es sind die letzten Tage des Krieges. ... In unseren schäbigen Häftlingskleidern, vor Kälte zitternd, werden wir weiter geschleppt - Haufen des Elends, der immer kleiner wird."

    Tausende Juden werden in den letzten Kriegstagen quer durch die noch nicht befreiten Gebiete Deutschlands getrieben - bei Minustemperaturen durch tiefen Schnee. Viele überleben die Torturen nicht. Zwi Katz führt der Todesmarsch durch Oberbayern, zweimal gelingt ihm die Flucht, er wird aber immer wieder gefasst. Erst als eines Morgens die SS-Wachleute verschwinden, wächst bei den wenigen überlebenden Häftlingen die Hoffnung auf Rettung. Als Zwi Katz schließlich einen US-amerikanischen Panzer sieht, ist auch für ihn die Zeit des Leidens vorbei.

    Jahrzehntelang schwieg Zwi Katz über sein Schicksal im Dritten Reich. Als "Displaced Person" in der Nachkriegszeit führte ihn eine monatelange Odyssee nach Israel, wo er im neu gegründeten Staat eine neue Heimat fand. Er traf die Überlebenden seiner Familie wieder, gründete zudem mit Ester eine eigene Familie und arbeitete als Agronom. Erst in den neunziger Jahren begann er sich an die Tragödie seines Lebens zu erinnern, so dass er die Überlebensgeschichte eines litauischen Juden der Nachwelt niederschrieb. 2002 erschien das Buch. Seit vielen Jahren engagiert sich Zwi Katz aktiv in der Vereinigung der ehemaligen Dachau-Häftlinge, spricht in Schulen und nimmt regelmäßig an den Gedenkveranstaltungen zum sog. "Todesmarsch" in den Würmtal-Gemeinden teil. Auch zum 60. Jahrestag der Befreiung reiste er mit seiner Familie aus Israel an.

    http://www.foerderverein-dachau.de/proj_dachauer.php?m=05

    In seinem Buch "Von den Ufern der Memel ins Ungewisse. Eine Jugend im Schatten des Holocaust" berichtet Zwi Katz, wie es ihm gelang im KZ zu überleben. MEHR

    Lebensgeschichtliches Zeitzeugen-Interview mit Zwi Katz


    Martin Kieselstein

    Martin Kieselstein, einer von fast 60 000 Juden, die allein aus Ungarn nach Deutschland deportiert wurden, kam im Alter von 19 Jahren in das KZ Dachau.

    "Es ist wichtig, zu erzählen", sagt er. Besonders schmerzvolle Erinnerungen wolle er aber für sich behalten. "Es nutzt nichts, anderen weh zu tun." Kieselstein wurde 1944 aus Marosvarhely (Siebenbürgen) mit seinem Vater ins Konzentrationslager nach Auschwitz und schließlich nach Dachau ins Außenlager München Allach deportiert.

    Gearbeitet hat er in einer Großküche im Zieglerbräu in Dachau.
    "Zu Weihnachten hat ein Wachmann so viel Wein getrunken, dass er uns abends nicht mehr zurück zum Lager bringen konnte", erzählt Kieselstein, der heute mit seiner Frau Eva in Jerusalem lebt. Die Häftlinge hätten den SS-Mann hinbringen müssen. Fliehen konnte Kieselstein nicht: "Mein Vater war doch im Lager." Gedacht habe er oft daran. In einer Höhle am Karlsberg habe er Essen und Kleidung versteckt.

    An eine Begegnung erinnert er sich besonders. Während er die Straßen in München nach Bombenangriffen aufgeräumt habe, habe ihn ein junger Mann gefragt, was er verbrochen hätte, dass er in ein KZ gesperrt worden sei. "Ich bin Jude", habe er geantwortet. Dies glaubte der nicht: "Du bist kein Jude. Wir haben in der Schule gelernt, dass die ganz anders aussehen." Seine Erfahrungen aus seiner Zeit als Häftling und Zwangsarbeiter in Deutschland verarbeitet der pensionierte Arzt in seinen Kunstwerken. "Meine Augen sind schlecht, ich höre schwer, aber meine Hände sind noch gut", sagt Kieselstein lachend. Seine Skulpturen, oft aus Holz und Glas gefertigt, zeigen Häftlinge, die von SS-Männer bedroht werden, einen Schriftsteller, der sein Werk nie vollenden konnte, oder eine Mutter, die ihr Kind zum letzten Mal wäscht."

    Quelle: Dachauer SZ, 9.11.2006

    Merkur.de, 27.08.2015
    Trauer um einen großen Menschenfreund
    Der Zeitzeuge, Arzt und Künstler Martin Kieselstein ist in Jerusalem gestorben. Seine Bilder über die KZ-Haft in Auschwitz, München-Allach und Dachau haben Menschen in aller Welt beeindruckt.


    Josef Knoll

    Joseph Knoll, M.D., is a distinguished professor and head of the Department of Pharmacology at the Semmelweis University of Medicine in Budapest. He is noted for his research in brain activity. He enjoys an international reputation. He has published many important papers and is a highly respected member of the international scientific community.

    Joseph Knoll, six months after liberation

    There was a resurgence of political anti-Semitism in my country, Hungary, when the Horthy era began in 1920. Horthy's Hungary was the first country in Europe to codify the infamous Numerus Clausus Laws, which set quotas for the number of Jewish students in Universities. This was the first step in mid-Europe—in that long chain of deprivation of civil and human rights which culminated, finally, in the Holocaust. History proves that a system promoted by hatred makes society insane, and anything and everything can happen. Those who set books on fire will necessarily arrive at the stage where they also set fire to the authors of those books. Thus, Hungarian society was not prepared by the Horthy regime to stand against "The Brown Pestilence" emanating from Hitler's Germany.

    I was eight years old in 1933, when Hitler started to translate openly his exactly delineated theory published in Mein Kampf. Nine years later, I was 17, when the "Endlösung," the annihilation of millions of innocents in a never before imaginable form, reached its final formulation at Wannsee. Only two years later, in June, 1944, when I had just completed my nineteenth year, I experienced the consequences of the Wannsee Conference. I was deported to the Death Camp at Auschwitz, with my parents. This was accomplished thanks to the zealous assistance of the Horthy Administration, and the absolute indifference of the overwhelming majority of the population. I lost my parents immediately on arrival. I, myself, had a most unhappy start there. I was selected, as his next victim, by a sadistic Lithuanian SS Guard, who regularly beat inmates to death. Although, I was subjected to the most vicious and inhuman punishment, I, somehow, managed to survive. A Hungarian inmate who had come there earlier, was in a good position to help me recover. He was leader of a group that worked (very hard) in the bread storage. He found a place for me there, and this gave me a new chance for life. Always, good luck was needed for survival. My father's native language was Yiddish; my mother's was German. Thus, I could speak German fluently. Because of this, I was selected to serve as batman [personal servant] to the Chief of the SS Guards.

    I had enough to eat; and I was in good condition when I was sent to Ohrdruf [Germany] in September of 1944. It was a long trip; we passed through many small camps before we arrived. Ohrdruf was a cruel, forced labor camp. We would get our whole day's rations early in the morning. Then, we would have to march to and from the workplace, which required almost two and a half hours. It was a bitter cold winter. We had inadequate clothing; the work was extremely strenuous. The death toll was terrible. It was little short of a miracle (luck again) that I survived.

    Finally, Ohrdruf was evacuated. I cannot recall the exact date when I was brought to Buchenwald. But I recall there was a final, forced march before we got there. Many were killed during this march. In my row I was the only one who somehow (luck again) managed to survive the beatings and the shootings. For me, Buchenwald was a transit station. I was soon placed on a train [the Death Train] for my last, unbelievable trip which ended in Dachau. We never left the wagon during this seemingly interminable journey. I believe we were deprived of food for about three weeks until we arrived in Dachau. The wagon was packed with corpses. I had become a skeleton. I weighed 70 pounds, 37 kg; my normal weight is about 143 [65 kg]. My mind was clear, but there was scarcely a glimmer of life left within me. My hands and feet were frost-bitten. I had to learn to walk again, and I can never forget the fantastic joy I experienced as I began to walk more and more, and better and better each day. But my overall recovery was slow. I ate day and night. Although, by now, I was well over my normal weight, much of it was water. I was badly swollen. I had a persistent pleural edema. It had to be tapped regularly.

    I finally left Dachau for Budapest in September, 1945. But it was another year before I was fully recovered. It was almost four years before my frost-bitten limbs were normal again. In January, 1946,I started my studies in the Medical Faculty of the University of Budapest. I earned my M.D. in 1951. However, I had started to work in research while still a student in 1949, and I have been working in my laboratory ever since.

    Sam Dann (ed.), Dachau 29 April 1945. The Rainbow Liberation Memoirs


    Eduard Kornfeld

     Eduard Kornfeld, geboren 1929 und aufgewachsen in Bratislava, floh im Laufe des Zweiten Weltkriegs nach Ungarn. 1944 wurde er – ebenso wie mehr als 400000 Juden aus Ungarn – nach Auschwitz deportiert. Von dort wurde er zur Zwangsarbeit in den Messerschmitt-Werken nach Kaufering verlegt, einem Nebenlager des KZ Dachau (Bayern). Im einem 2008 aufgezeichneten Video berichtet er, wie er nach der Bombardierung der Flugzeugfabrik auf einem sogenannten Todesmarsch von Kaufering nach Dachau gelangte und Ende April 1945 die Befreiung des Lagers durch US-Soldaten erlebte.

    https://www.youtube.com/watch?v=tryhEkJlR4o


    Alexander Laks - Flossenbürg

    Alexander Laks, ein Flossenbürg-Überlebender, der heute in Brasilien zu Hause ist [schildert] am MZ-Telefon ... den Albtraum, der ihn bis zum Ende seines Lebens begleiten wird. "In Flossenbürg wurde mein Vater ermordet. Ich war 16 Jahre alt und musste mit ansehen, wie er erschlagen und auf einem Scheiterhaufen verbrannt wurde." Flossenbürg beschreibt der 83-Jährige als schlimmstes Konzentrationslager – noch brutaler als Auschwitz, wo seine Mutter vergast wurde. "Es gab fast kein Essen, Schläge und ständig Appelle, Appelle, Appelle."

    Auch Alexander Laks blieb allein zurück. Als Flossenbürg am 16. April von der SS geräumt wurde, wurde er mit anderen Häftlingen in einen Zug Richtung Bodensee gebracht. An Details kann er sich kaum erinnern. Aber er sei sicher gewesen, dass es eine Fahrt in den Tod werden würde. "Ich wog nur noch 28 Kilo. Eigentlich hatte ich mit meinem Leben abgeschlossen", schildert er die letzten Tage vor der Kapitulation. "Ich war ohne Eltern, ohne Freunde, ohne Perspektive, ohne Zukunft." Doch Laks überlebte und hielt das Versprechen an seinen Vater, der Welt von den Verbrechen zu erzählen.

    Mittelbayerische Zeitung, 04.04.2012


    Bela Löwy

    Bela Löwy wurde 1928 in Hajdúhadház, einer Kleinstadt in Ostungarn, als Sohn einer jüdischen Familie geboren. Im Zweiten Weltkrieg war Ungarn mit dem Deutschen Reich verbündet. Der rechtsautoritäre Reichsverweser Miklós Horthy verfolgte zwar eine antisemitische Politik, wobei die ungarische Armee auch vor Gewaltverbrechen gegen Juden nicht zurückschreckte. Zunächst widersetzte sich das Regime aber dem Drängen des deutschen Bündnispartners, jüdische Staatsbürger auszuliefern. Als die Wehrmacht am 19. März 1944 das Land besetzte, um ein Ausscheren Ungarns aus der Allianz mit dem Deutschen Reich zu verhindern, waren die rund 725.000 Juden jedoch unmittelbar von Vernichtung bedroht. Angeleitet von einem 200-köpfigen SS-Sonderkommando übernahmen es ungarische Behörden und die ungarische Gendarmerie ab Mitte April, die jüdische Bevölkerung in Ghettos zusammenzutreiben, und bereits einen Monat später rollten Tag für Tag Deportationszüge nach Auschwitz-Birkenau. Bis Anfang Juli verschleppte die SS insgesamt 438.000 Juden von Ungarn in das Vernichtungslager. Die meisten Deportierten wurden unmittelbar nach der Ankunft durch Gas ermordet, so auch die Eltern und vier Geschwister von Bela Löwy. Rund 100.000 ungarische Juden nahm die SS von den Morden aus, um sie als Zwangsarbeiter für die deutsche Kriegswirtschaft einzusetzen. Unter ihnen war auch der 15-jährige Bela Löwy. Als die SS einen Transport in ein anderes Lager zusammenstellte, meldete er sich freiwillig, um Auschwitz zu entkommen, und in der Hoffnung, selbst ein schweres Arbeitskommando könnte eine Überlebenschance bieten. Im Juni 1944 wurde er nach Dachau überstellt und musste unter anderem in dem OT-Lager Allach-Karlsfeld („Judenlager“) arbeiten. In diesem Teillager des Außenlagers Dachau-Allach mussten über 1.100 KZ-Häftlinge unter Leitung der Organisation Todt, einer staatlichen Bauorganisation, Bunker für BMW errichten. Schließlich befreiten US-Truppen Bela Löwy auf einem der Todesmärsche Richtung Tirol in Mittenwald. Im Januar 1948 emigrierte er nach Kanada, heiratete und gründete eine Familie.

    http://www.liberation-dachau.de/#l%C3%B6wy (Video)

    Max Mannheimer (1920-2016)

    »Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.«
    (Max Mannheimer in einer Diskussion mit Schülern)

    Max Mannheimer nach der Befreiung

    Max MannheimerMax Mannheimer hat gemalt gegen das Grauen: blutig-rot-schwarze Tupfen, schlierige weiße und orangefarbene Ölsträhnen. Das Malen mit Acryl und Öl hat ihm geholfen, den Weg gezeigt aus Schmerz und Depression, wie er es einmal beschrieb. Er hat mehrere Konzentrationslager überlebt, war in Theresienstadt, Auschwitz, Dachau. Heute lebt er bei München und hält seit drei Jahrzehnten mit Vorträgen und Reden die Erinnerung an die Schrecken des Nationalsozialismus wach.

    »Ich kann der deutschen Jugend, die nicht schuld ist, ohne Hass und ohne Vorurteile die Gefahr einer Diktatur näherbringen«, ist Mannheimer überzeugt. Geboren wurde er 1920 in Neutitschein im heutigen Tschechien als ältestes von fünf Kindern einer jüdischen Familie. 1938 wurde Nordmähren als Teil des Reichsgaus Sudetenland ans Deutsche Reich angegliedert. Das Städtchen wurde von der Wehrmacht besetzt, die Juden schikaniert und verfolgt, der Vater inhaftiert. Nach dessen Entlassung floh die Familie nach Ungarisch Brod. Mannheimer verdingte sich als Straßenarbeiter, heiratete 1942 Eva Bock. Am 27. Januar 1943 wurden die Familie Mannheimer und Bock in das Ghetto Theresienstadt deportiert und nach Auschwitz gebracht.

    Gegen Mitternacht erreichte der Transport das Konzentrationslager. Die Hölle begann schon bei der Selektion: Mannheimer wurde sofort von seiner Frau getrennt. Weil er Schwielen an den Händen hatte, wurde er nicht sofort vergast, sondern ins Arbeitslager geschickt. »Mir wurde bewusst, dass es hier um Leben und Tod ging«, heißt es in seinen Erinnerungen, die Autorin Marie-Luise von der Leyen in dem Buch »Drei Leben« aufgezeichnet hat. Ihm wurden die Haare abrasiert, sämtliche Wertgegenstände genommen, der Arm mit der Nummer 99728 tätowiert. Mannheimer war verzweifelt. Einzig die Sorge um die Brüder hinderte ihn daran, in den Zaun mit Hochspannungsleitungen zu laufen.

    Im Oktober 1943 kam Mannheimer ins Konzentrationslager Warschau. Dort musste er die Reste des zerstörten Ghettos beseitigen. Im August 1944 folgte ein Transport ins KZ Dachau, von dem aus die Brüder in das Außenlager Karlsfeld zur Zwangsarbeit im Außenkommando Mühldorf verlegt wurden. Max und Edgar Mannheimer befanden sich am 30. Mai 1945 auf einem Todestransport in den Süden, als sie von den Alliierten befreit wurden. Die Eltern, die Ehefrau und die Schwester waren von den Nationalsozialisten getötet worden. Abgemagert bis auf die Knochen, an Typhus erkrankt, verbrachte Mannheimer mehrere Monate im Lazarett, kehrte dann in seinen Heimatort zurück. Nie wieder, schwor er sich, wolle er deutschen Boden betreten. Doch dann verliebte er sich in Elfriede Eiselt, eine deutsche Widerstandskämpferin, mit der er 1946 mit der gemeinsamen Tochter Eva nach München zog. Nach dem Krebstod Eiselts heiratete Mannheimer die Amerikanerin ­Grace Franzen, wenig später wurde Sohn Ernst geboren. Bis zu seinem Ruhestand arbeitete er in München als Kaufmann, zuletzt als Geschäftsführer eines Lederwarenhandels.

    Der evangelische Pfarrer Waldemar Pisarski lud Mannheimer 1986 ein, in der Versöhnungskirche Dachau aus seinem Leben zu berichten. Das war der Beginn von Mannheimers Aktivität als Zeitzeuge. Seither hat er unzählige Male aus seinen Büchern vorgelesen und über die Grauen des NS-Terrors gesprochen. Mit dem Malen hat Mannheimer inzwischen aufgehört. Doch sein Ziel ist bis heute geblieben: Konzentrationslager darf es nie wieder geben.

    Quelle: Sonntagsblatt. 10.02.2016, Erzählen gegen das Vergessen. Der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer wird 95


    VIDEOS

    Max Mannheimer Der Mann, der gegen das Vergessen erzählt (Video von kika für Kinder und Jugendliche)

    Zeitzeugen-Interview mit Max Mannheimer

    Max Mannheimer im alpha-Forum (2011)

    Max Mannheimer im alpha-Forum (2015)

    Max Mannheimer Dachauer Dialoge: Nie wieder  (2016)

    Der weiße Rabe (DVD)

    INTERVIEW

    Interview mit Max Mannheimer 1986 (Transkript)

    BÜCHER

    Max Mannheimer, Spätes Tagebuch: Theresienstadt - Auschwitz - Warschau - Dachau, Piper 2010

    Max Mannheimer, Drei Leben: Erinnerungen, dtv 2012


    Bernard Marks

    Bernard Marks ist gerade sieben Jahre alt, als die deutsche Wehrmacht am 1.September 1939 Polen überfällt. Die Volksdeutschen in seiner Heimatstadt Lodz begrüßen begeistert die Eroberer. Sie waren gut auf die Besetzung vorbereitet, sagt Marks: Innerhalb weniger Stunden werden die polnischen Straßenschilder durch deutsche ersetzt. Lodz heißt jetzt Litzmannsstadt, deren 600 000 Bewohner sind zur Hälfte Juden. Mit seinen Eltern Jozef und Laja und seinem vierjährigen Bruder Abraham Mordechai wird er im Mai 1940 in das Ghetto der Stadt getrieben. Auf einer Fläche von viereinhalb Quadratkilometern pferchen die Deutschen 230 000 Menschen zusammen. Seine Kindheit im Ghetto: 600 Kalorien täglich bei zwölf Stunden Arbeit, Demütigungen, Todesangst und der Anblick von 40 Juden, die am Galgen hängen, darunter seine Lehrerin, umgeben von johlenden SS-Männern. Marks zeigt ein Foto der grausamen Szene, aufgenommen von einem Deutschen. Bis zur Auflösung des Ghettos im Sommer 1944 werden Zehntausende als arbeitsunfähig selektierte Juden in das Vernichtungslager Chelmo deportiert. Sein Vater macht den Sohn drei Jahre älter. Dadurch entgeht er der Vernichtung, die Alten und kleinen Kindern droht.

    'Mein Vater war mein Engel', sagt Marks. Etwa 70 000 Juden leben noch im Ghetto, in das immer wieder Opfer aus ganz Europa verschleppt werden. Am 14. August wird die Familie nach Auschwitz deportiert, wo die Mutter und der Bruder sofort ermordet werden. Er und sein Vater kommen in das Dachauer KZ-Außenlager Hurlach. Der Junge muss in fünf Außenlagern des KZ Dachau bei Kaufering/Landsberg Zwangsarbeit für die deutsche Rüstungsindustrie leisten und erkrankt an Typhus. Am 27.April 1945 werden Vater und Sohn auf dem Todesmarsch von amerikanischen Truppen befreit. Bernard Marks emigriert 1947, sein Vater 1949 in die USA. 13 Jahre alt war der Junge bei seiner Befreiung - seine Kindheit waren 'fünfeinhalb Jahre Leben in der Hölle'.

    Was denken die Schüler, wonach ein 13-jähriger Überlebender im April 1945 zuerst fragte? Marks sagt: 'Wo ist eine Schule?' In den USA wird er Umweltingenieur. Seit 1995 kommt er immer wieder nach Deutschland: 'Wenn ich lebe, kann ich helfen, eine bessere Welt zu machen.' Seine Stiftung, die nach seiner verstorbenen Frau benannt wurde, finanziert Preise für Aufsätze von Jugendlichen über den Holocaust. Denn die Erinnerung ist wichtig. Nach der Befreiung, erzählt er, hatten die Landsberger behauptet, nichts gewusst und gesehen zu haben. Dabei hatten Häftlinge in der Stadt selbst auch arbeiten müssen. Die Deutschen sagten auch, sie hätten immer geholfen und Brot gegeben. 'Wie können sie uns geholfen haben, wenn sie uns nicht gesehen haben?' Marks sagt: 'Ich habe das alte Buch zugemacht.' Aber: 'Ich habe die Bilder immer vor mir.' Die Vergangenheit ist nicht vergangen - jeder fünfte in Deutschland ist antisemitisch eingestellt, zitiert Marks aus einer Studie der Bundesregierung.

    Süddeutsche Zeitung Dachau, 21.02.2012



    Abba Naor

    Abba Naor - jung und alt

    Naor ist in Litauen geboren. In den ersten drei Kriegsmonaten seien von 220000 Juden im Land 140000 umgebracht worden, sagt er, Menschen seien mit den Synagogen verbrannt und im Wald erschossen worden.

    Naor war 13 Jahre alt, als ihn die Nazis mit seiner Familie und 20000 anderen Juden ins Ghetto im litauischen Kaunas steckten. "Angst und Hunger wurden Normalität". Ein Bruder wurde 1941 erschossen, weil er sich nicht an die Regeln hielt. "Er wollte einkaufen."

    Die Juden aus dem kleineren Ghetto in Kaunas – dort lebten 10000 Menschen – seien liquidiert worden. Sie hätten sich entkleiden und zu Gruben laufen müssen, dort seien sie erschossen worden. "Die Gruben haben tagelang gewackelt, weil nicht alle tot waren."

    Naor wurde in ein Vernichtungslager nach Polen deportiert. "Das war die Hölle." Dabei sah das Konzentrationslager von außen schön aus, "mit Blumenkästchen an den Fenstern". Durch einen Zaun erspähte er Mutter und Bruder, als beide gerade weggingen. "Es war das letzte Mal, dass ich sie sah." Nach diesem Satz bleibt der 75-Jährige ein paar Sekunden stumm.

    Naor wurde nach Dachau gebracht, in eines der Außenlager. Der 16-Jährige durfte arbeiten – und deswegen durfte er leben. Einmal, außerhalb des Lagers, sah er eine Schweinezucht. "Die Schweine bekommen Kartoffeln zu essen, warum nicht wir?", dachte er damals. Er griff zu. "Das war lebensgefährlich, aber lebensnotwendig."

    Im Mai 1945 befreiten ihn die Amerikaner – zumindest aus Dachau. "Seelisch bin ich nie befreit worden", sagt Naor.

    Zum Schluss fragt ihn eine Schülerin, ob er in den Lagern jemals an Selbstmord gedacht habe. Naor gibt zwei Antworten. "Es war zu leicht zu sterben, darum musste man sich nicht selbst kümmern." Und: "Das Leben ist schön."

    Quelle: Braunschweiger Zeitung, 17.01.2004

    Lokomotivführer zu werden, davon träumen viele Jungs. Für Abba Naor erfüllte sich der Wunsch unter grauenhaften Umständen. Im Sommer 1944 wurden er und 600 Leidensgefährten im KZ Stutthof bei Danzig in Viehwaggons gepfercht und nach Utting verschleppt. In einem Wald mussten die Häftlinge dort ein Lager errichten - primitive Erdhütten, in denen es kalt und feucht war - und Fertigbetonteile für die Firma Dyckerhoff bauen.

    Die Teile waren für drei riesige Anlagen vorgesehen, die um Landsberg herum entstehen sollten. Dahin wollten die Nazis unter dem Codewort "Projekt Ringeltaube" die Produktion von Jagdfliegern verlagern. Zwischen Türkenfeld und Türkheim, Kaufering und Utting entstanden elf Außenlager des KZ Dachau. Etwa 30 000 Häftlinge schufteten dort unter erbärmlichen Bedingungen, die Hälfte starb.

    "Ich wusste damals gar nicht, wie schön es in Utting am See ist", erzählt Abba Naor.

    Die Häftlinge bekamen morgens einen Becher schwarzen Wassers zu trinken, abends nach bis zu zwölf Stunden Schwerstarbeit in jämmerlicher Häftlingskleidung und Holzschuhen, ohne so etwas wie Arbeitshandschuhe, gab es eine Scheibe Brot und ein bisschen Suppe. Einmal holten er und Kameraden Essen für die SS in Utting und bekamen im Milchladen von einer Frau Nahrung zugesteckt. Einmal klauten sie aus dem Stall neben einer Metzgerei den Schweinen Kartoffeln aus dem Trog.
    Der Junge aus Kowno in Litauen, dessen Mutter und zweijährigen Bruder die Deutschen in Auschwitz ermordeten, wurde in Utting Heizer auf einer kleinen Lokomotive. "Dort war es warm, und ich hatte heißes Wasser zum Waschen. Wir waren alle völlig verlaust." Später wurde er Lokomotivführer auf einer Diesellok. Die SS ließ ihn sogar unbewacht fahren. "Unterwegs stahl ich Kohl von den Feldern."

    Quelle: Fürstenfeldbrucker SZ, 1.02.2006

     

    Seit April 1994 steht an der Ecke Dachauer-/Augsburger Straße das Mahnmal für den Todesmarsch, auf dem die Nationalsozialisten Ende April 1945 Häftlinge von den Außenlagern bei Landsberg ins Konzentrationslager Dachau trieben. An den Gedenkminuten gestern anlässlich des Jahrestages der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee nahm auch Abba Naor aus Israel teil, der den Todesmarsch überlebte.

    Am Donnerstag hatte der 78-Jährige den Schülern der zwölften Klassen der Brucker Fach- und Berufsoberschule (FOS/BOS) über sein Schicksal berichtet. Die fünfköpfige Familie lebte in Kaunas in Litauen, als die Deutschen im Juni 1941 die Sowjetunion überfielen. Wehrmacht, SS und litauische Nachbarn fielen über die Juden her, Tausende wurden erschlagen und erschossen. Von 200 000 Juden in Litauen überlebten vier Prozent, darunter 150 Kinder, berichtete Naor. "Eines davon war ich."
    In Kaunas wurden die Juden ins Ghetto gepfercht, Abba Naor wurde Eilbote, der ältere Bruder erschossen. Am 28. März 1943 holten die Mörder die Alten, Kranken und Kinder ab. "Das war einer der schlimmsten Tage", sagte Naor. Sein kleiner Bruder, zweieinhalb Jahre, entging den Mördern. Die Familie versteckte ihn im Kachelofen der Wohnung.

    Etwa 1000 Juden flüchteten aus dem Ghetto und kämpften als Partisanen gegen die Deutschen. Im Sommer 1944 wurden die Überlebenden aus dem Ghetto ins Konzentrationslager Stutthof bei Danzig deportiert. Bei der Ankunft trennte man Männer und Frauen, zum letzten Mal sah Naor die Mutter und den Bruder, die in Auschwitz starben. Stutthof schilderte Naor als "Schikanierungslager".

    Er wurde mit 600 Häftlingen im Viehwaggon nach Utting am Ammersee transportiert. Dort mussten sie im Wald ein Lager bauen und eine Fabrik für die Firma Dyckerhof, um Betonplatten herzustellen. Im April 1945 meldete Naor sich freiwillig ins Außenlager Landsberg, weil er hoffte, dort seinen Vater wieder zu finden. "In Landsberg musste ich für die Firma Moll den ganzen Tag Zementsäcke schleppen, die schwerer waren als ich." Am 24. April räumte die SS die Kauferinger Lager, der Todesmarsch begann. Unterwegs starben Tausende von Häftlinge. Der 17-jährige Naor aß Gras. "Die Wurzeln schmecken süß", erzählte er den Brucker Schülern. Am Morgen des 2. Mai waren die Wachen verschwunden, die Überlebenden endlich frei.

    Den Vater traf Naor im Displaced-Persons-Camp in Freimann wieder. "Er wollte nach Litauen zurück oder in die USA." Naor wurde wegen Schwarzhandels in München von der US-Militärpolizei verhaftet und in die Wache in der Ettstraße gebracht. Dort erkannte er einen deutschen Polizisten wieder, der als Wachmann im Ghetto Kaunas Juden Flaschen auf die Köpfe gestellt hatte, um sie herunterzuschießen. "Das gab mir den Schubs, Deutschland zu verlassen." Naor schloss sich einer Kibbuz-Gruppe in Landsberg an und emigrierte nach Israel.

    Quelle: Fürstenfeldbrucker SZ, 28.01.2006

    VIDEOS

    Zeitzeugengespräch mit Abba Naor

    Abba Naor im alpha-FORUM

    Befreiung Dachau: Rede des Überlebenden Abba Naor am 03.05.2015

    Abba Naor, Ich sang für die SS: Mein Weg vom Ghetto zum israelischen Geheimdienst, C.H. Beck Verlag 2014

    BÜCHER

    Max Mannheimer, Spätes Tagebuch: Theresienstadt - Auschwitz - Warschau - Dachau, Piper 2010

    Max Mannheimer, Drei Leben: Erinnerungen, dtv 2012



    Istvan Nasser

    Andris und Istvan beim Angeln am PlattenseeAls Istvan "Pista" Nasser seinen Bruder das letzte Mal sieht, liegt er im Sterben: Andris' schönes Gesicht ist zur Fratze verzerrt, der einst durchtrainierte Körper zum Skelett zerfallen, über das sich fahl die Haut spannt. "Vater und ich wollen Dich von oben lächeln sehen. Wir wollen stolz auf Dich sein", hat Andris den Kleinen ermahnt, als er noch sprechen konnte. Jetzt haben ihn Unterernährung und Typhus stumm gemacht. Mit letzter Kraft reicht er Pista die Brotreste, die er unter der Matratze versteckt hat - dann stirbt Andris. Er wird nur 17 Jahre alt.

    Pista Nasser ist heute 80 und an den Ort zurückgekehrt, an dem er die schlimmste Zeit seines Lebens durchleiden musste - nach Bayern. Hier, in Mühldorf am Inn, hatten ihn die Nazis in ein Arbeitslager gesperrt. Hier hat er seinen geliebten Bruder verloren. Doch Stephen Nasser, wie er nun heißt, ist nicht aus Amerika angereist, um Mitleid zu erregen - er möchte sein Buch vorstellen, das er über die Hölle geschrieben und Andris gewidmet hat. Er möchte die Erinnerung an die Gräuel der Vergangenheit wach halten.

    In den letzten Jahren sei es in bestimmten Kreisen populär geworden, den Holocaust zu leugnen, schreibt er im Vorwort von "Die Stimme meines Bruders". "Begeht keine Fehler", warnt der Überlebende. "Der Holocaust ist Geschichte. Ich weiß es. Ich war dabei."

    Pista und Andris wachsen in Budapest auf. Die jüdische Familie betreibt ein Juweliergeschäft, ist gut situiert, beide Söhne besuchen ein Elite- Gymnasium. Innerhalb weniger Monate bricht alles zusammen: Erst stirbt der Vater an einer Lebererkrankung, dann marschieren die Nazis in Ungarn ein. Pista ist 13 Jahre alt, als er im Mai 1944 zusammen mit dem 16-jährigen Andris, seiner Mutter, Onkeln und Tanten deportiert wird.

    Völlig verstört stehen sie am Ende ihrer Reise auf der Rampe von Auschwitz. Noch hoffen sie, dass sie zusammen bleiben können; dass Mütter und Kinder, dass Familien nicht getrennt werden; dass zumindest Tante Bozsi bei ihrem Söhnchen Peter bleiben darf. Der Kleine ist doch erst fünf Monate alt.

    Während sie auf die Selektion warten, gibt Bozsi dem Baby die Brust. Was dann geschieht, brennt sich in Pistas Gedächtnis ein, wird ihn noch nach Jahrzehnten schreiend aus dem Schlaf hochfahren lassen: Ein SS-Mann reißt der stillenden Mutter ihr Kind vom Busen, packt es an den Füßen und zertrümmert den zarten Kopf an einem Wagenrad.

    1,1 Million Menschen ermorden die Nationalsozialisten allein in diesem Konzentrationslager. Den Nasser-Brüdern gelingt die Flucht: Sie schummeln sich in eine Häftlingsgruppe, die zum Arbeitseinsatz nach Mühldorf gebracht wird. Hier befinden sich mehrere Außenlager des KZ Dachau - und zunächst sind die Buben positiv überrascht: Es gibt mehr zu essen als in Auschwitz, jeder Gefangene hat ein eigenes Bett, die Baracken werden sogar beheizt.

    Doch der erste Eindruck trügt. In Mühldorf werden zwar keine Menschen vergast, aber es arbeiten sich tausende zu Tode. Mitten im Wald, gut versteckt vor den Spähern der Alliierten, planen die Nazis eine riesige unterirdische Rüstungsfabrik. Kampfflugzeuge wollen sie hier produzieren und lassen dafür 8000 Zwangsarbeiter ankarren.

    Zu jeder Jahreszeit werden die Männer auf die Baustellen getrieben, um Bäume zu fällen, Steine zu schlagen, Betondächer einzuziehen. Tausende sterben vor Erschöpfung, hunderte bringen Typhus, Fieber und Lungenentzündung um. Dutzende werden tot geprügelt, weil sie vor Krankheit und Hunger nicht mehr aufstehen können. Immer wieder stürzen entkräftete Menschen in den frischen Beton und versinken darin. Einige lassen sich hineinfallen um den Qualen endlich zu entgehen. Die durchschnittliche Überlebensdauer beträgt zwei Monate.

    Der kleine Pista wird von SS-Männern mehrmals brutal zusammengeschlagen. Stets ist es Andris, der ihn pflegt, ihm Mut zuspricht und ihn stützt, wenn er vor Schmerzen nicht laufen kann. Doch es ist Pistas Einfallsreichtum, der die Brüder überleben lässt. Zunächst. Der 13-Jährige schnitzt Figuren und tauscht sie bei einem Wehrmachtssoldaten heimlich gegen zusätzliche Nahrung ein. Er klaut dem Lager-Wachhund das Futter und schmuggelt es in die Baracke. Er bringt von einem Arbeitseinsatz auf dem Feld Kartoffeln mit.

    Manchmal erleben die Buben sogar ein kleines bisschen Menschlichkeit inmitten des täglichen Horrors: Da ist der Koch, der Pista hin und wieder mit einer Extra-Portion versorgt. Und der Bauleiter, der ihn rettet, als ein SS-Mann das Kind in einen Trichter mit rotierenden Stahlklingen werfen will.

    Trotzdem werden die Brüder schwächer. So schwach, dass Andris eines Morgens auf die Krankenstation geschickt wird - sein Todesurteil. Dort gibt es keine Medikamente und kaum etwas zu essen. Der starke Andris hat gegen Nazi- Willkür, Hunger und Typhus keine Chance. Als er stirbt, hält ihn sein kleiner Bruder in den Armen.

    Als die Alliierten in Mühldorf einmarschieren, räumen die Nazis das Lager, um ihre Schandtaten zu verschleiern. Die Häftlinge werden in Viehwaggons gesperrt und abtransportiert. Auch Pista ist jetzt so apathisch, dass ein befreundeter Häftling ihn in den Zug heben muss. Dort verliert er das Bewusstsein, von der Irrfahrt des Zuges kreuz und quer durch Oberbayern bekommt er kaum etwas mit. Dafür sieht er Andris. Im Fieberwahn. Der geliebte Bruder lächelt, Pista will zu ihm. "Jetzt noch nicht", sagt der Große und der kleine Pista wacht langsam wieder auf.
    In diesem Moment stoppt der Zug, die Tür wird aufgerissen. "Oh my god!" hört Pista jemanden rufen und sieht, wie sich die Augen eines US- Soldaten mit Tränen füllen. In Seeshaupt ist die schreckliche Reise der Gefangenen endlich zu Ende. Sie sind frei und werden in Krankenhäusern der Alliierten versorgt.

    Pista Nasser hat die Hölle überlebt. Nach dem Krieg traf er den Vater des kleinen Peter wieder. Er hat ihm nie erzählt, wie grausam das Baby sterben musste. Er wollte ihn nicht quälen. Erst als der alte Mann nicht mehr war, wagte es Pista, seine Geschichte aufzuschreiben.

    Quelle: Abendzeitung, 26.04.11


    Stephen Nasser und Sherry Rosenthal, Die Stimme meines Bruders. Wie ein ungarischer Junge den Holocaust überlebte: eine wahre Geschichte, edition innsalz, 2. dt. Auflage 2011
    => Ausschnitte aus Stephen Nassers Buch


    „Behalte ein Lächeln“

    Stephen Nasser überlebte Auschwitz und das KZ-Außenlager Mühldorf. Sein 17-jähriger Bruder starb und nahm ihm das Versprechen ab, glücklich zu werden

    Stephen Nasser, 84, entstammt einer angesehenen jüdischen Familie aus Budapest. Mit 13 Jahren wurde er mit Mutter und Bruder nach Auschwitz deportiert. Von dort kam er ins Dachauer KZ-Außenlager Mühldorf. Nach seiner Befreiung emigrierte Nasser in die USA. Unter dem Titel „Die Stimme meines Bruders“ veröffentlichte er 2003 seine Erinnerungen.

    Meine Mutter sah ich am Eingang des KZ Auschwitz zum letzten Mal, mein Vater war schon ein Jahr zuvor gestorben. Bei mir war mein Bruder Andris, er war drei Jahre älter als ich. Nach ein paar Tagen wurden wir nach Mühldorf am Inn gebracht. Dort mussten wir eine unterirdische Rüstungsfabrik bauen. Unsere Aufgabe war es, schwere Zementsäcke eine Rampe hinaufzuschleppen. Am oberen Ende warteten zwei Männer, die die Säcke von unseren Schultern nahmen, sie öffneten und den Inhalt in einen Trichter schütteten, der einen riesigen Mischer mit Zement fütterte. Ein paar Meter weiter gab es noch einen Trichter, ungefähr zwei mal zwei Meter groß. Er hatte einen Rotor, um Kieselsteine zu zerkleinern und sie mit Sand zu vermischen. Es kam vor, dass Häftlinge hineinfielen und zerstückelt wurden. Ich hatte große Angst, auch hineinzufallen.

    Einmal befahl mir ein SS-Mann, einen Stein fortzutragen, aber er war viel zu groß für mich. Der SS-Mann – er hatte mir zuvor bereits die Hand zertrümmert – wurde wütend. Er schlug mir auf die Nase, trat mir in die Rippen. Dann riss er mir die Schaufel aus der Hand, um mich damit zu erschlagen. Ich konnte den Hieb gerade noch abwehren, die Schaufel landete im Trichter und wurde zerschreddert. Dann packte mich der Mann und hob mich hoch. Das Letzte, was ich sah, waren die Messer der Maschine. Als ich später wieder zu mir kam, erfuhr ich, dass ein Ingenieur mich gerettet hatte.

    Mein Bruder Andris und ich hielten immer zusammen. Wir teilten das wenige Essen, das wir hatten, und sprachen uns gegenseitig Mut zu. Ich begann, Tagebuch zu führen. Das war ziemlich ungewöhnlich für jemanden im Konzentrationslager. Ich nahm das Papier leerer Zementsäcke und ritzte die Sätze mit einem geschmuggelten Messer ein. Immer wieder sagte mein Bruder: „Pista“, – das war mein ungarischer Name – „Pista, dein Tagebuch ist deine Waffe. Es ist deine innere Kraft, damit wirst du überleben.“ Er wollte unbedingt, dass ich es nach dem Krieg veröffentliche, damit alle erfahren, was mit unserer Familie geschehen ist. Ich versprach es ihm.

    Kurz vor Ende des Krieges starb mein Bruder in meinen Armen. Davor sagte er noch: „Pista, ich werde dich bald verlassen. Dann bin ich wieder vereint mit meiner Mutter, meinem Vater und den anderen Millionen, die auf uns herunterblicken.“ Und er sagte noch etwas: „Würdest du wollen, dass wir zu dir glücklich hinunterschauen oder unglücklich?“ Damals war ich gerade erst 14 und völlig überfordert. Ich fragte: „Andris, wovon redest du? Was soll ich tun?“ Er schaute mich an und sagte: „Behalte ein Lächeln auf dem Gesicht. Lass dein Herz nicht von Zorn zerfressen. Wir wollen glücklich sein, wenn wir dir zusehen.“ Und das ist der Antrieb meines ganzen Lebens geworden: Alle glücklich zu machen, die mir aus dem Himmel zusehen.

    Als die Alliierten Ende April 1945 Mühldorf erreichten, wurde ich mit den anderen Häftlingen von den Nazis weggebracht, tagelang war unser Zug unterwegs. Die Alliierten beschossen uns aus der Luft, sie wussten ja nicht, dass Häftlinge in dem Güterzug waren. In unserem Waggon war ich der einzige Überlebende. Auch mich hatte eine Kugel getroffen. Die Narbe ist noch heute auf meinem linken Knie zu sehen.

    Nach dem Krieg fragte mich mein Onkel Karl, ob ich wisse, was aus seinem Sohn Peter geworden war; er war erst eins, als er ins KZ gebracht wurde. Ich behauptete immer, ich wüsste es nicht. Erst nachdem er gestorben war, habe ich meine Erinnerungen veröffentlicht. Darin steht, was wirklich passiert ist: Ein SS-Mann hatte den Kleinen genommen und mit dem Kopf voran gegen das Rad des nächsten Viehwaggons geschmettert. Ich habe es nie übers Herz gebracht, meinem Onkel die Wahrheit zu sagen.

    Quelle: Süddeutsche Zeitung, 30.04./01.05.2015

    Moniek Prajs, heute Morris Price

    Morris Price wurde 1927 als Moniek Prajs als jüngstes von sechs Kindern im polnischen Wolbrom geboren. Sein Vater Manela Prajs war Viehhändler, die jüdische Familie zählte zur Mittelschicht der Stadt. Im September 1942 begann die Deportation der jüdischen Bevölkerung Wolbroms, wobei die Familie auseinandergerissen wurde. Morris und seine Brüder Machel und David wurden mit Viehwagons in das „Judenlager“ Prokocim (Julag II) verschleppt, einem Zwangsarbeitslager im Südosten Krakaus. Hier musste Morris Price Gräben für Rohrleitungen ausheben. Am 13. März 1943 liquidierte die SS das Krakauer Ghetto und Morris Price wurde nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Die Selektion überlebte er nur, weil er in einem unbeobachteten Moment vom Lastwagen sprang und sich bei seinen beiden älteren Brüdern einreihte, die als arbeitsfähig eingestuft worden waren. Morris Price musste in 12-Stunden-Schichten Schwerstarbeit im Kanalisationsbau leisten. Selbst als er an Typhus erkrankt war, schleppte er sich noch zu seinem Arbeitskommando, um der Gaskammer zu entgehen. Im Oktober 1944 wurde Morris Price nach Kaufering überstellt. In dem Außenlagerkomplex des KZ Dachau mussten jüdische Häftlinge vor allem aus Polen, Ungarn und Litauen halbunterirdische Großbunker für die Serienproduktion des Düsenflugzeugs Messerschmitt Me 262 hochziehen. „Die Vernichtung durch Arbeit“ war dabei Kalkül, obwohl das Regime den Bau des Jagdflugzeugs als kriegsentscheidend einstufte. So starben Tausende von Häftlingen an Krankheiten, Misshandlungen und den katastrophalen hygienischen Verhältnissen, vor allem aber an der harten körperlichen Arbeit bei vollkommen unzureichenden Essensrationen. In den letzten Apriltagen trieb die SS die Häftlinge auf Todesmärschen Richtung Alpen, wobei Morris Price am 1. Mai 1945 von der US-Armee befreit wurde.
    Während seiner Rückkehr nach Polen erfuhr er, dass seine beiden Schwestern Sabina und Helen und sein Bruder Machel überlebt hatten. Mit seinen Geschwistern ließ sich Morris Price zunächst in München nieder. Im September 1949 emigrierte er in die Vereinigten Staaten. Ein Jahr später wurde er während des Koreakrieges (1950/1951) zum Militärdienst einberufen. Nach seiner Entlassung aus der US-Armee 1952 leitete er zunächst ein Pfandhaus in Portsmouth, Ohio. Seit 1955 lebt er in Kalifornien, wo er nach 26 Jahren Tätigkeit für ein Versandhaus sein eigenes Schmuckgeschäft eröffnete. 1961 heiratete er, das Paar bekam drei Kinder. Morris Price engagiert sich seit zehn Jahren als Zeitzeuge für das Museum of Tolerance in Los Angeles.

    http://www.liberation-dachau.de/#price (Video)

    Jack Repp

    "Ich war 17 und zahnlos"

    Jack Repp, 1923 als Jick Rzepkiecz geboren, wuchs in Radom, Polen, auf. Während der NS-Zeit war er sechs Jahre lang unter anderem in den Konzentrationslagern Auschwitz und Dachau inhaftiert. Er überlebte mehrere Todesmärsche. Nach der Befreiung emigrierte er 1949 in die USA, wo er bis heute in Dallas lebt und regelmäßig als Zeitzeuge von seinen Erfahrungen berichtet.

    Ich erinnere mich gut an den Tag im September 1939 als die Deutschen in mein Dorf kamen. Nur wenig später, ich war 15, wurde ich in das Arbeitslager Radom gebracht. Dort hörte ich auf Jick zu sein, von nun an war ich Häftling Nummer 828. Ich hatte keine Identität, war kein Mensch mehr. Seit diesem Tag habe ich nicht mehr „Mama“ oder „Papa“ sagen können.

    Als die Russen sich dem Lager näherten, trieben uns die Nazis auf einen Todesmarsch, ohne Essen und Trinken, vier oder fünf Tage lang. Viele Menschen starben. Geschwächt und vollkommen ausgehungert erreichten wir Auschwitz-Birkenau. Ein Schulfreund sah bei unserem ersten Appell ein paar Bohnen auf dem Boden liegen. Hungrig aß er sie auf. SS-Offiziere schlitzten seinen Bauch auf und befahlen mir, nach den Bohnen zu suchen. Ich hatte solche Angst. Also wühlte ich mit meinen Händen in dem offenen Bauch. Danach war ich an der Reihe. Wissen Sie, ich hatte eine goldene Krone in einem Backenzahn. Also wurden mir mit einer rostigen Zange alle Zähne gezogen, um an das Gold heranzukommen. Meinen blutigen Mund wusch ich später mit meinem eigenen Urin aus, Wasser gab es nicht. Ich war 17 und zahnlos wie ein alter Mann.

    Über Stuttgart kam ich nach Dachau. Ich hatte Typhus, wog 31 Kilogramm, war voller Läuse und so schwach, dass ich beim Appell nicht mehr stehen konnte. Ich habe kaum Erinnerungen an diese Zeit, aber der Geruch von verbranntem Menschenfleisch hat mich bis heute nicht verlassen. Eines Morgens – ich hatte in Dachau jedes Zeitgefühl verloren – fuhren Wagen des Roten Kreuzes in das Lager. Die Fahrer riefen: „You are free!“ Ich verstand kein Englisch und fiel einfach zu Boden. Ich wurde gesäubert, neu eingekleidet und schlief, zum ersten Mal seit Jahren, in einem Bett. Ich erfuhr, dass ich inzwischen 21 Jahre alt war. Wissen Sie, worauf ich in den sechs Jahren neidisch war? Auf die Schmetterlinge. Sie konnten sich im Lager auf unseren Arm setzen und dann, wann immer sie wollten, einfach wegfliegen. Vier Jahre nach dem Krieg flog ich nach Amerika – frei wie ein Schmetterling.

    Quelle: Süddeutsche Zeitung, 30.04./01.05.2015

    Interview mit Jack Repp

    Video: Jack Repp


    Steve Ross

    Ross was born in Poland. At the age of nine, he was swept into the death camps. He survived ten of them between 1940 and 1945 before he was liberated at Dachau at the age of fourteen. He was brought to the United States under the auspices of the U. S. Committee for Orphaned Children. He has led a most useful and productive life. Despite so many painful memories, he recovered his health, acquired an education, and raised a family. Steve Ross earned a doctorate degree at Northeastern University. He is a licensed psychologist for the Board of Registration, Commonwealth of Massachusetts. As senior staff psychologist for the city of Boston's community schools and centers, ross provides guidance and clinical services to inner-city youth and families. He has spent four decades on the streets of Boston in the delinquency prevention field.

    Years later during a visit to the camp museum at KZ Dachau, survivor Steve Ross (left and above left) recognized himself at fourteen in the exhibit photograph above

     

    I was locked up in a quarantine barrack with 1,800 prisoners. The barrack was actually built to hold about a hundred. This area of the Camp was my whole world. We were guarded day and night, so we couldn't get out to the Main Camp. From this quarantined area, the German SS Doctors, Siegmund Rascher, Prof. T. Karner and Dr. Claus Schilling, removed thirty to forty prisoners on a daily basis for experiments. I can still see their faces when they spoke to me.

    Food was becoming very scarce. Occasionally, we got a biscuit, hard as a rock and covered with mold .... Two weeks before the liberation, we got no food at all. Every morning, at dawn, we carried out the dead, numbering eighty to one hundred. We placed the bodies by the electrified fence. Then, they were piled on flat carts and taken to the Crematory.

    One morning, we heard shooting. During this commotion, we were afraid to take out the bodies from the barrack. There was a big wooden door, but we didn't dare open it. Finally, someone on the outside pushed it open. We could see the guard was no longer there. I saw prisoners running to the Main Gate. I was very weak and hardly able to walk, but I had to get to the gate. I walked for a while, but got dizzy and fell down. My brother didn't want me to go, but he followed me. When I fell, he picked me up and walked with me. There were hundreds of dead bodies lying everywhere. We were forced to step on some just to get by. On the way, we saw giant soldiers carrying emaciated victims in their arms. They spoke to us, but we couldn't understand them. As we got closer, we saw many soldiers enter the Camp. There was such confusion and bedlam, the soldiers didn't know what to do first. They immediately gave us food: crackers, canned food, chocolates. They even shared cigarettes. They were called "God's Army". I looked at them and they looked at me. I wanted to be a soldier just like them. I was so overwhelmed with joy and happiness when I saw such strong men who had saved my life. Had they arrived a few days later, I might not have survived.

    So many prisoners were broken and dying. Life was no longer meaningful; there was no way to rekindle their spirits and will to live. I can still hear their cries of anguish when they were begging for their last rites. The American soldiers did absolutely everything in their power to nurse us back to life. For some of us, it was the end of the world, but for others, it was the beginning.

    The horizon, from a distance, was glowing with freedom. It was a time I can remember vividly, of shock, despair and pain. I was concerned with finding food, but even more concerned about finding my mother. I hadn't seen her in five years. I asked my brother to take me to my mother. He had promised me, long ago, that he would find our family after the war. I was completely unaware of the Army Unit that had actually liberated Dachau. I didn't even know that the date was April 29th. I had been isolated in quarantine for experiments since September, 1944. Later, of course, I learned that the courageous men of the 42d and 45th Infantry Divisions of the Seventh U.S. Army, freed us from Dachau. We had been saved from hell on earth. Our Liberators kept us in the Camp for medical and physical reasons.

    After a while, we could leave from Dachau on our own, if we wished, to seek hospitalization. That was the first English word I learned. We traveled in a group of three—my brother, his friend and myself—toward Munich. We had been walking for almost a full day, when we came upon a tank column parked on the side of the road. Soldiers were sitting on top of the tanks, eating and talking. One soldier was eating out of a can with his bayonet. When he saw me, he jumped down and gave me his unfinished can. I removed some of the food with my finger and gave the rest to my brother and his friend. Then, I fell to the ground and cried for the first time since my incarceration. He called out to his fellow soldiers for more rations, which they threw to him as if the cans were balls. He then removed a handkerchief from his pocket and gave it to me. I thought it was to wipe my eyes. And then, he moved off with his unit. Later, I discovered that the handkerchief was a U.S. flag. I have kept it ever since as my most treasured memory of that day.

    I spent six months in a hospital where I was treated for a variety of ailments, including tuberculosis. Then, I went to a displaced camp orphanage in Landsberg, Germany. That kind-hearted American soldier who gave me the flag rekindled my spirit to go on living at a very critical period of my childhood. In 1989, through a TV Program, "Unsolved Mysteries," which is a missing persons program, I got the opportunity to try to find my hero, who has been an important part of my life. Through research done by the Unsolved Mysteries staff, I learned that he could have been a member of the 191st Tank Battalion, which supported the 45th Infantry Division. My deepest appreciation to all American soldiers, and the Allied Forces, too, who liberated us and bore witness to the horrors that existed in the Camp. They provided hope, comfort and compassion to the surviving victims of this unspeakable tragedy. We will always remember G.I. Joe, the Liberator. And to all the sons, daughters and wives of the World War II servicemen, I pledge my most sincere appreciation, especially to those who may have lost a loved one during the most heinous war.

    Sam Dann (ed.), Dachau 29 April 1945. The Rainbow Liberation Memoirs, Texas Tech University Press 1998, pp. 205-209

    Boston Globe, 09.06.2017
    For decades, he never knew the name of the soldier who hugged him at Dachau
    The documentary “Etched in Glass The Legacy of Steve Ross” shows Ross, a Holocaust survivor, at Dachau, one of the Nazis’ concentration camps.> 


    Leonid Rubinstein

    Wie konnte eine Kulturnation so brutal morden?

    Leonid Rubinstein, 87, wurde im weißrussischen Minsk geboren. Es gab nur eine Handvoll Überlebender des Ghettos, Leonid Rubinstein ist einer davon. Als einziger seiner Familie überlebte er nach der Deportation mehrere Konzentrationslager, bis er in Dachau befreit wurde. Er engagiert sich für die Erinnerung und hat ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben.

    Viel später, nach dem Krieg, erschraken die Menschen, wenn sie auf meinen linken Arm blickten. Ein Frauenkopf, ein Herz mit einem Pfeil und: „Auf ewige Erinnerung“. Damals trugen solche Tätowierungen doch nur Diebe, heute ist es ja Mode geworden. Aber ich erzähle Ihnen, was wirklich dahinter steckt. Als meine Mutter im Ghetto ermordet wurde, ließ ich mir 1943, ich war fast besinnungslos vor Hunger, das Tattoo stechen. Ich schwor mir, sie nie zu vergessen. Ein SS-Mann erschoss meinen Vater vor meinen Augen, weil er ihn nicht sah und seine Mütze nicht gezogen hatte. „Nicht gesehen? Jetzt wirst du mich sehen“, schrie er und schoss. Dann ging er lachend weiter. Ich habe meinen Vater begraben, auch meinen Bruder, den ich in einem Haufen Leichen entdeckte.

    70 000 Menschen waren im Ghetto auf zwei Quadratkilometern zusammengepfercht. Es sind Zufälle, die über das Leben eines Menschen bestimmen. Da ich als Jude geboren wurde, hatte mich Hitler-Deutschland zum Tode verurteilt. Aus Zufall verließ ich das Ghetto in dem einzigen Transport aus Minsk im Juli 1943. 2000 Männer. Am Ende lebten nur noch 13 – ich war unter ihnen. Schirokaja, Majdanek, Budin, Radom, Hessental, Natzweiler, Allach und schließlich Dachau.

    Als die Befreier kamen, lag ich nackt in der Typhus-Baracke. Jemand schrie: „Amerikaner!“ Ein Soldat gab mir eine Zigarre. Meine erste im Leben, ich rauchte und bin davon wie betrunken geworden. Ich wog noch 31 Kilo. Ich schwankte hinaus, suchte Essen und fand eine Pistole. Ich hatte keine Ahnung, ob sie funktionierte. Dann ging ich zum Lager hinaus. Vor einem kleinen Haus zielte ich mit der Waffe auf eine junge deutsche Frau. „Kuschat, essen!“ Sie war überhaupt nicht beeindruckt, winkte mich herein und wusch mich. Ich hatte bereits jedes Schamgefühl verloren. Dann kochte sie für mich Kartoffeln und brachte mich ins Bett. Warum? Ich weiß es nicht. Den Amerikanern erklärte sie, sie habe mich gerettet. Vielleicht war sie ein guter Mensch. Man muss gerecht sein. Zurück im Lager sah ich einen Mann aus Minsk. Er saß auf dem Boden und hatte eine Konserve. Ich wollte ihn umarmen, aber er bewarf mich mit kleinen Steinen. „Komm nicht weiter“, schrie er. Der Arme dachte, ich wolle ihm das Essen wegnehmen. In einer Baracke lagen auf dreistöckigen Pritschen Kranke mit blutigem Durchfall, ein schreckliches Bild. Viele starben.

    In Minsk erzählte ich einem deutschen Historiker von der hochschwangeren Frau, der sie im Ghetto mit einem Messer den Bauch aufschlitzten. „Sagen Sie mir bitte, was für eine Erziehung gab es in Deutschland zwischen 1933 bis 1941, die es möglich machte, aus einer Kulturnation Tiere zu machen?“ Er sagte: „Auf diese Frage habe ich leider keine Antwort.“ Ich suche noch heute danach. 1960 bekam ich einen Brief aus den USA. Die Schwester meines Vaters war um 1920 ausgewandert. Ein Schock: Ihre Tochter, meine Cousine Tamara, und ihr Mann waren als Militärärzte der 7. US-Armee unter den Befreiern in Dachau. Ein Zufall, der meinem Leben eine andere Richtung gegeben hätte. Aber ich hatte sie verpasst. Ein Soldat riet mir, nach Amerika oder Palästina zu gehen. „Bloß nicht zurück. Sie werden dich als Verräter verhaften.“ Ich glaubte ihm nicht, aber so kam es. Doch das ist eine andere Geschichte. Ich habe so gut wie kein Foto von meinen Liebsten – aber ich sehe sie. Unzählige Male habe ich den Moment durchlebt, als mein Vater erschossen wurde. Ich sprang zu ihm. Er öffnete noch einmal die Augen und sagte: „Das war’s.“

    Quelle: Süddeutsche Zeitung, 30.04./01.05.2015


    Agnes Sassoon (geb. 1933)


    Agnes Sassoon im Alter von etwa 9 JahrenIm November 1944 wird die elfjährige Agnes (das Foto zeigt sie im Alter von etwa 9 Jahren) aus der jüdischen Schule in Budapest in ein Außenlager des KZ Dachau bei Kaufering deportiert.
    Ohne ein Lebenszeichen von ihrer Familie überlebt sie den Terror der Todeslager - beschützt durch die reine Liebe von Alex Petrushka, einem jungen Mithäftling, der Agnes die Kunst lehrt, auch unter unmenschlichsten Bedingungen nie die Hoffnung zu verlieren.

    "Mit elf Jahren war ich wohl die jüngste Schülerin. Wir wurden alle in die wartenden Lastwagen getrieben. Ich geriet neben die Frau, die unglücklicherweise zur falschen Zeit den Platz überquert hatte. Als sie sah, dass ich zögerte, in welchen Lastwagen ich einsteigen sollte - die Kinder waren angewiesen, zusammen zu fahren - nahm sie sich meiner an und leitete mich zu dem Wagen, in dem die Erwachsenen waren. .... und sie riet mir, bei den Erwachsenen zu bleiben und mein Alter um vier Jahre heraufzusetzen."

    "Mein Überleben verdankte ich zweifelsohne der Tatsache, dass ich mich für vierzehn ausgegeben hatte. Ich sprach fließend Deutsch und konnte arbeiten ........"  Weiterlesen

    Quelle: Agnes Sassoon, Überlebt. Als Kind in deutschen Konzentrationslagern

    Auszug aus Überlebt. Als Kind in deutschen Konzentrationslagern: Alex Petrushka

     

    Video: Überlebt: Margot & Agnes (Sassoon)

    Video: Agnes Sassoon


    Friedrich Schafranek

    Friedrich Schafranek wurde 1924 in Wien geboren, kam aber schon 1928 nach Frankfurt/Main. Nach der 'Reichskristallnacht' versuchte er mit seinem Bruder auszuwandern, was durch den Kriegsausbruch vereitelt wurde. Schafranek konnte zwar 1941 in Berlin noch sein Abitur ablegen, wurde aber bereits kurz darauf, im Oktober 1941, mit seiner ganzen Familie in das Ghetto Litzmannstadt deportiert. Dort starben sein Vater und sein Bruder. Im August 1944 erfolgte die Deportation nach Auschwitz, wo die Mutter vergast wurde. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch auf dem Transport in das Lager Kaufering wurde Friedrich Schafranek als Melder eingesetzt. Er erkrankte und konnte während der Räumung des Lagers Ende April 1945 fliehen und so wieder die Freiheit erlangen. Nach dem Krieg fand er zur evangelisch-lutherischen Kirche, arbeitete als Pfarrer in Australien und kehrte wieder nach Deutschland zurück. Von den 1195 Deportierten aus dem ersten Transport aus Frankfurt nach Litzmannstadt ist er heute der einzige Überlebende.

    Zeitzeugen-Porträts zum Thema "KZ-Dachau"
    (Videoaufnahmen des Hauses der Bayerischen Geschichte)


    Leslie Schwartz

    Leslie Schwartz wurde 1930 als László in der ungarischen Kleinstadt Baktaloranthaza in eine assimilierte, kulturinteressierte Familie hineingeboren. Später kommt noch seine kleine Schwester Judith hinzu. »Ich war ein glücklicher Junge bis zum Alter von acht Jahren.« Sein um alles geliebter und bewunderter Vater stirbt, und er wollte sich »in sein Grab stürzen«. Mit dem Stiefvater versteht er sich nicht.

    Im Frühjahr 1944 besetzt die deutsche Wehrmacht Ungarn. Eine halbe Million ungarischer Juden wird deportiert. Auch László kommt nach Auschwitz, entscheidet »aus einem Gefühl heraus«, sich von der Mutter zu trennen, steht Doktor Josef Mengele gegenüber, kommt als Nummer 5.730 in die »Kinderbaracke«, schafft es mit der Hilfe eines Freundes ins Arbeitslager Birkenau, kommt nach Dachau, von dort aus nach Mühldorf am Inn.

    Als die Alliierten näher rücken, steckt man die Gefangenen in Züge. In Poing gehen die Türen auf. »Ihr seid frei«, heißt es. Leslie schafft es bis zu einem Bauernhof, bekommt Brot und Milch. Doch dann endet die Freiheit auch schon wieder. Bewaffnete aus einem nahen »Hitlerjugend-Lager« stürmen den Hof, und als Leslie versucht zu fliehen, schießt ihm einer der jungen Männer ein Loch in den Hals. In Tutzing am Starnberger See wird Leslie Schwartz schwer verletzt von den Amerikanern befreit.

    Jüdische Allgemeine, 3.11.2012

    Leslie Schwartz hat den Holocaust überlebt. Er kam als 14-Jähriger in die Konzentrationslager Auschwitz und Dachau und musste harte Zwangsarbeit verrichten. Rückblickend sagt er, dass er immer irgendwie Glück im Leben hatte, auch wenn er zwei schwere Jahre in seiner Jugend durchmachen musste. „Die Angst, die ich manchmal hatte, vergesse ich nie“, sagt Leslie Schwartz, der mittlerweile in New York lebt, aber jedes Jahr einige Wochen in Kinderhaus verbringt, da seine Frau als gebürtige Münsteranerin ihre Heimat immer wieder gerne sieht.

    Gegen Deutschland hegt Schwartz, der in Ungarn geboren wurde, keinen Groll: „Hier wird etwas gegen Rechtsextremismus getan.“ Ganz anders sehe das zurzeit in seinem Heimatland Ungarn aus. „Es macht mich sehr traurig, wenn ich die politische Entwicklung dort verfolge.“

    Leslie Schwartz wuchs in einem kleinen ungarischen Ort auf. „Ich hatte eine sehr schöne Kindheit, besuchte als Jude eine katholische Schule und hatte viele christliche Freunde.“ Er schwärmte für eine Klassenkameradin - das Klassenfoto von damals besitzt Schwartz noch heute. „Wir waren nicht besonders strenggläubig. Ich habe sogar Speck gegessen, weil meine Freunde das auch machten.“

    Doch 1944 wurden alle Juden seines Heimatortes in ein Ghetto gebracht. Die glückliche Kindheit war schlagartig zu Ende. Es folgte die Deportation nach Auschwitz. Dort gab es zwei Schlangen, in denen sich die Juden aufstellen mussten: Eine für Frauen und Kinder sowie eine für Männer. „Ich musste meine Muskeln anspannen und wurde der Männer-Reihe zugeteilt - genau wie mein bester Freund Sandor Grosz.“ Seine Mutter sah er hier zum letzten Mal. Ab sofort war er Häftling Nummer 71253.

    Von Auschwitz wurde Leslie Schwartz nach Dachau gebracht und musste bei BMW in Allach bei München Zwangsarbeit leisten. Nur ein Soldat habe Mitleid mit dem Jungen gehabt und ihn zeitweise als Aufpasser eingesetzt. „So nett waren aber längst nicht alle unsere Bewacher“, sagt der ehemalige Häftling.

    Umso wichtiger war für ihn die Begegnung mit einer Frau, die jeden Tag mit dem Rad am Zwangsarbeiterlager vorbeifuhr. „Ich habe sie gefragt, ob sie etwas zu essen für mich hat.“ „Bub, wir haben selber nichts“, habe sie geantwortet, ihm dann aber doch regelmäßig etwas zugesteckt. Mit Agnes Riesch - so hieß diese Frau - verband Leslie Schwartz eine lange Freundschaft. Zu der Familie hält der US-Amerikaner heute noch Kontakt.

    1945 sollten die jüdischen Zwangsarbeiter vor den einmarschierenden US-Truppen versteckt werden. „Unterwegs hieß es plötzlich, wir seien frei.“ Dann seien wieder andere deutsche Soldaten gekommen, es fielen Schüsse, und Leslie Schwartz wurde im Gesicht schwer verletzt. „Ich war zu naiv und hatte mich nicht wie die anderen versteckt.“

    Nach Ende des Krieges zog der mittlerweile 16-Jährige zu Verwandten in die Vereinigten Staaten. „Sie haben sich liebevoll um mich gekümmert.“ Auch Sandor habe es in die USA verschlagen. In seiner neuen Heimat konnte Leslie Schwartz die Geschehnisse gut verarbeiten. „Nur wenn ich in Deutschland bin, träume ich von meiner alten Heimat Ungarn, und die Geschehnisse von 1944 und 1945 kommen wieder hoch.“

    Leslie Schwartz Lebensgeschichte ist in Dänemark als Buch erschienen. Andere Länder hätten bisher kein Interesse gezeigt. Trotzdem hört der nun 79-Jährige nicht auf, an die Geschichte zu erinnern, „damit so etwas nie wieder passiert“.

    Quelle: IVZ Online, 7.08.2009

    Weitere Informationen:

    Leslie Schwarz, Durch die Hölle von Auschwitz und Dachau: Ein Junge erkämpft sein Überleben, Lit Verlag 2010

    Video auf Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=w17p2WoR_yA


    Magda Simin

    (geb. 1922)
    Die jüdische Sozialistin Magda Simin wurde im September 1941 als Partisanin von ungarischen Faschisten verhaftet, die den Norden Jugoslawiens besetzt hatten.  Über verschiedene ungarische Zwangsarbeiterlager und Gefängnisse wurde sie im November 1944 in das Außenlager Allach des KZ Dachau deportiert. Ende des Monats überstellte man sie in das KZ Bergen-Belsen, von dort in das Lager Fallersleben und schließlich in das Lager Salzwedel. Nach der Befreiung kehrte sie nach Jugoslawien zurück.

    Quelle: Konzentrationslager Dachau 1933 bis 1945. Text und Bilddokumente zur Ausstellung


    Aszer Szafran

    Nach der Besetzung Polens wird der neunjährige Aszer mit seiner Familie in verschiedene Ghettos verbracht, zuletzt ins Ghetto Lodz.

    „Im Sommer 1944 wird das Ghetto Lodz aufgelöst. Aszer wird nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Bei der Selektion wird er von der Tante getrennt. Das ist die letzte Erinnerung, die er an die Tante hat.

    Von Birkenau aus wird Aszer mit anderen Häftlingen etwa einen Monat später nach Kaufering gebracht. Sie werden in Güterwagen, die kein Dach haben, transportiert. „Ich war klein und habe in der Mitte gestanden. Mir war nicht kalt unterwegs", sagt Aszer. Kaufering, in einem der Nebenlager. Die meisten der KZ-Häftlinge werden auf einem nahen Flugplatz (vermutlich Lechfeld) oder bei Bauarbeiten eingesetzt. Er und andere Buben des Lagers, zehn zusammen, werden eingeteilt, einem Bauern beim Kartoffelroden zu helfen. Der Bauer holt die Kinder sogar an seinen Tisch. Nach langer Zeit wird Aszer, werden die anderen Buben wieder satt. Er erinnert sich: „Die haben uns vielleicht besonders viel gegeben, weil sie gesehen haben, wie hungrig wir waren." Einmal sei einer der beiden SS-Männer, die sie bei der Arbeit bewachten, während des Essens von draußen hereingekommen und habe sie angeherrscht: „Was macht Ihr denn da?" Aber die Bäuerin sei auf den Mann losgegangen: „Was haben die Kinder Dir getan? Das ist meine Küche! Mach Dich weg!" Aszer Szafran: „Und wirklich, der SS-Mann schwieg." Aszer kennt nicht den Namen dieser Bauernfamilie. Aber er ist ganz sicher, daß die Mahlzeiten dort ihm die Kraft gegeben haben, das Lager zu überleben, in das er im Winter 1944/45 kommt: Riederloh (wie fälschlicherweise heute allgemein das Steinholz-Lager bei Mauerstetten genannt wird).

    „Es sollte ein Arbeitslager sein, kein Vernichtungslager, aber dort waren Sadisten", sagt Aszer. Wie ein roter Faden ziehen sich durch seine Erinnerungen an Riederloh Hinweise auf die Schläge, die er und seine Mithäftlinge dort bekommen haben:

    Ankunft: Das Lagertor ist so weit geöffnet, daß stets nur ein Häftling eintreten kann. Knüppelhiebe empfangen die Ankömmlinge.
    Verpflegung: schlecht. Schläge hat man bekommen."
    Appelle: „Wir haben oft eine Stunde gestanden. Wir wurden gezählt und geschlagen."

    Der Weg zwischen Lager und der Baustelle, auf der Aszer arbeiten muß: „Unter den Holzpantinen, die wir trugen, bildeten sich oft Eispolster. Wenn einer ausgerutscht und gefallen ist, ist er nicht mehr aufgestanden. Dann haben sie ihn ganz totgeschlagen." Aszer Szafran, der damals Fünfzehnjährige, muß ein- oder zweimal Tote in die Grube schleppen, die für diesen Zweck ausgehoben worden ist. „Wir trugen sie über eine Treppe aus Toten nach unten." Einmal kommt er in eine Baracke, in der Menschen, „bestehend nur noch aus Haut und Knochen, bewegungsunfähig lagen". Nur an den Augen sei zu erkennen gewesen, daß sie noch lebten.

    Aszer schwört, daß er auch mit eigenen Augen gesehen hat, wie ein SS-Mann einen Häftling, der gefallen ist, umbringt, indem er ihm ein Brett über die Kehle legt und mit dem Fuß darauf tritt. Durchgehalten hat Aszer Szafran dies alles und vieles mehr nicht zuletzt, weil er in den Lagern drei Freunde findet. „Wenn einer schwach war, hat der andere ihn gehalten. Wenn einer mehr Brot hatte, hat er es geteilt. Wir sind wie Brüder gewesen", sagt er über das vierblättrige Kleeblatt, in dem er der Jüngste gewesen ist.

    Am Neujahrstag 1945 hört Aszer mit an, wie einer der Lagergewaltigen Wünsche für ein gutes Jahr sinngemäß mit den Worten erwidert, daß er kein gutes Jahr haben könne, solang im Lager noch ein Jude lebendig sei.

    Doch kurz darauf erscheint eine SS-Kommission. Die Häftlinge, dem Tod offenbar näher als dem Leben, werden zurück nach Dachau gebracht und kom­men dort in Quarantäne. Sie brauchen vorübergehend nicht zu arbeiten, müssen sich nicht einmal das Essen selbst holen, bis sie wieder „auf Transport" gehen können. Es ist später Winter oder beginnender Frühling im Jahr 1945. Augsburg, Burgau, Türkheim sind die nächsten Lager - die letzten.

    Auch in Augsburg wird Aszer geschlagen. Im Zug, der ihn wie andere Pferseer Häftlinge täglich zum Messerschmitt-Werk befördert, singt er mit, was zwei SS-Bewacher singen und was auch ihm allein Trost spendet und Hoffnung bedeutet: „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei."

    Der Gewehrkolben, der ihm in den Körper gestoßen wird, erinnert ihn daran, daß seine Leidenszeit noch nicht vorbei ist. In Burgau wird er mit zehn Stockhieben bestraft, weil sich im Kuno-Werk ein von ihm am Flugzeugleitwerk anzubringender Splint wieder gelöst hat. Aus Türkheim ist Aszer vor allem der Evakuierungsmarsch nach Allach Ende April in schrecklicher Erinnerung. Es regnet. Am Straßenrand sieht er Menschen liegen, die nicht mehr weitergekonnt hatten: Gestorben an Erschöpfung, erschossen. Seine Gruppe schleppt die Schwachen mit. Das Brot, das sie in Türkheim bekommen haben, reicht nicht lange. Einmal gibt es unterwegs Verpflegung. Ansonsten essen die Männer und Frauen auf dem etwa einwöchigen Marsch, was sie gerade finden: Verfaulte Mohren, Gras, Schnecken, Rinde von Ästen sogar. In Allach endlich schlägt die Stunde der Befreiung.

    Das ist der Bericht wie ihn Aszer Szafran 1984 in Haifa gibt. In München ist der fünfzehnjährige Pole seinerzeit einem Soldaten der Jüdischen Legion begegnet, der ihm von Palästina erzählt.

    Danach gibt der Bub, der in Polen nur drei Jahre die Schule besuchen konnte, die Absicht auf, in Großbritannien oder in Kanada zu lernen. Er trifft eine andere Lebensentscheidung. Er versucht, in italienischen Kinderheimen Schuljahre nachzuholen und arbeitet bei einer jüdischen Hilfsorganisation mit. 1946 wandert er illegal in Palästina ein.“ 

    Auszug aus: Als Kind in Konzentrationslagern. in: Gernot Römer, Für die Vergessenen. KZ-Außenlager in Schwaben - Schwaben in Konzentrationslagern, Wißner Verlag 1996, 232 Seiten, Euro 10,12


    Jack Terry - Flossenbürg

    Jack Terry überlebte als einziger seiner Familie den Holocaust. Als die U.S. Army in Flossenbürg ankam, war er der jüngste Häftling. Oft kehren seine Gedanken an diesen 23.  April 1945 zurück, den Tag, als der 15-Jährige mit seiner Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit konfrontiert wurde.

     

    Weitere Informationen über Terry finden Sie auf dieser Website unter der folgenden Adresse:
    http://www.gedenkstaettenpaedagogik-bayern.de/flossenbuerg-terry.htm

    Lebensgeschichtliches Zeitzeugen-Interview mit Jack Terry (vormals Jakub Szabmacher)

    Video: Jack Terry - Zwei Leben, Die Geschichte eines Holocaustüberlebenden


    Griechische Jüdinnen

    Eines der unvorhergesehenen Probleme, mit denen wir uns [nach der Befreiung] befassen mußten, war das der Juden von Rhodos. Eines Tages wünschten uns drei junge Mädchen zu sprechen; trotz ihrer notdürftig zusammengenähten Kleider und ihrer abrasierten Haare, die gerade wieder zu wachsen begannen, waren sie ziemlich hübsch. Ich empfing sie in meinem Büro, das neben dem von Michelet lag; in ausgezeichnetem Französisch erklärten sie mir, daß sie der jüdischen Minderheit auf der Insel Rhodos angehörten, die seit dem italienisch-türkischen Krieg von 1912 unter italienischer Verwaltung stand, obwohl der größte Teil der Bevölkerung griechisch war. Sie hatten die Schule der "Alliance israélite" bis zu dem Tag besucht, da die Deutschen - nach der Kapitulation von Badoglio - an die Stelle der Italiener traten und darangingen, die Juden zu deportieren. In Auschwitz wurden die Mädchen beim Selektieren von ihren Eltern getrennt; da sie kräftig waren, kamen sie in eines der "Waldlager" in der Nähe von Landsberg, wo sie beim Bau eines unterirdischen Flugzeugwerkes eingesetzt wurden. Nach der Befreiung hatte es sie nach Dachau verschlagen. Da ihre Eltern tot waren, wünschten sie zu einem Onkel in Rhodesien zu fahren. Ihre Tragödie las sich wie ein Wortspiel: von Rhodos nach Auschwitz und über Dachau nach Rhodesien. Meine Besucherinnen, einstige Schülerinnen einer französischen Einrichtung, baten gewissermaßen um unseren Beistand, und Michelet zögerte keinen Augenblick lang, ihnen diesen zu geben. Sie erhielten eine provisorische Einbürgerungsurkunde und eine anständige Unterkunft in unserem Quartier. Da sich in Dachau alles schnell herumsprach, kamen bald noch mehr Frauen aus derselben jüdischen Gemeinde auf Rhodos sowie weitere Schülerinnen der "Alliance israélite" unter anderem aus Saloniki und baten uns um die gleiche Gunst.

    Joseph Rovan, Geschichten aus Dachau, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1989, S. 291f.


    Ein Wunder inmitten des Horrors

    In einem Außenlager des KZ Dachau kamen zwischen Dezember 1944 und Februar 1945 sieben Kinder zur Welt.

    In Rumänien, in Klausenburg, nannten sie ihn das „Lagerkind“, und als er fünf war, erzählte Georg Legmanns Großmutter dem Jungen, warum. Er war im Konzentrationslager Dachau zur Welt gekommen, am 8. Dezember 1944 im Außenlager Kaufering I. Warum die SS den kleinen Menschen und sechs weitere Babys nicht tötete, die bis zum 27. Februar 1945 auf die Welt kamen, das weiß bis heute keiner. Eine schier unglaubliche Geschichte. Von Juni 1944 an entstanden um Landsberg am Lech elf Außenlager des KZ Dachau. Die Häftlinge sollten drei Bunker für die Produktion des Düsenflugzeugs Me262 bauen, einer von Hitlers „Wunderwaffen“. 30.000 Häftlinge lebten in den Außenlagern; unter ihnen etwa 4200 Frauen und 850 Kinder. Schwangerschaften oder Geburten waren hier undenkbar. Auch Elisabeta Legmann, die in Cluj (Klausenburg) lebte, wollte kein Kind, als sie kurz nach dem Einmarsch der Nazis bemerkte, dass sie schwanger war – doch ihr Frauenarzt war bereits in ein Durchgangslager verschleppt worden. Bei vielen anderen Frauen war durch Deportation und Haft die Menstruation ausgeblieben, so dass Schwangere oft erst bei den ersten Bewegungen des Fötus merkten, dass sie ein Kind erwarteten. So ging es Miriam Rosenthal aus der Südslowakei, die bei Messerschmitt in Augsburg Sklavenarbeit leistete. Als sie im siebenten Monat war, brachten sie zwei SS-Leute nach Kaufering I. "Schwangerenkommando" Dort waren zu ihrer großen Überraschung sechs weitere schwangere Jüdinnen, unter ihnen Elisabeta Legmann. Die sieben Frauen bildeten das „Schwangerenkommando“ und waren in der Wäscherei eingesetzt. Zwischen dem 8. Dezember 1944 und dem 27. Februar 1945 kamen in Kaufering I in Landsberg vier Mädchen und drei Jungen auf die Welt. Das erste Kind war Gyuri (Georg) Legmann, das letzte Laci Rosenthal, die heute in Kanada lebt. Wie viel die Geburt dieser jüdischen Kinder inmitten des Horrors der Lager bedeutete, ist heute nicht mehr zu ermessen. Ganze Jahrgänge jüdischer Kinder waren ausgerottet. An der Ankunft der sieben Kinder in Kaufering I nahm das ganze Lager Anteil. Ibi Ginsburg, eine ungarische Überlebende, erinnert sich: „In Kaufering wurde beim Appell immer angegeben, wie viele Tote es gab. Und eines Tages hieß es: ein Zugang. So wussten wir, dass ein Kind geboren worden war. Es war wirklich etwas Wunderbares.“


    Die Mütter und Kinder hausten in unbeheizten Erdhütten; Fleckfieber und Typhus grassierten. Ende April 1945, bei der Räumung des Lagers, wurden die sieben Frauen mit ihren Kindern in einen Güterwaggon verladen, der in einen alliierten Fliegerangriff geriet. Aber sie erreichten Dachau, wo im letzten Zählappell vom 29.April 1945 die Frauen und ihre Kinder ausdrücklich erwähnt sind.


    Nach Kriegsende fand die Familie Legmann wieder zusammen; 1960 emigrierte sie nach Brasilien, wo Georg Legmann Marketingdirektor bei Sandoz war. Vor zwanzig Jahren kam er nach Lindau, „ein Arbeitskollege hat mir damals angeboten, mit mir nach Landsberg zu fahren. Wir saßen schon im Auto, und ich sagte: Nein“. Jetzt besucht Georg Legmann mit seiner Frau Landsberg und Dachau – wo er geboren und befreit wurde.

    Quelle: SZ vom 30.4.2005

    Geboren im KZ - Leben in einem Konzentrationslager (Video)