Junge Holländer

Henk van de Water lag im Sterben – dann kamen die Befreier

Henk van de Water wurde am 29. Januar 1924 im niederländischen Eindhoven geboren. Er arbeitete bei dem Technologieunternehmen Philips, nach dem Krieg machte er sich als Kaufmann selbständig. Von Februar 1945 bis zur Befreiung war van de Water im KZ Dachau inhaftiert.

Schon früh hatte ich meine Mutter und Geschwister verloren. In der neuen Familie meines Vaters war ich nicht willkommen und wurde ins Internat geschickt. Ich war noch zu jung, 16 erst, um unterzutauchen, als ich zum Arbeitsdienst in das Deutsche Reich musste. Ich musste Bahngleise reparieren. Es ging mir ganz gut, nur meinen Vater vermisste ich schrecklich und flüchtete deshalb mehrmals. Einmal nahm ich einen Zug in die Schweiz, der aber in Garmisch-Patenkirchen hielt. Schließlich hieß es: „Van der Wasser, morgen ab nach Dachau.“ Bei meiner Ankunft im KZ am 3. Februar 1945 sagte mir ein Wächter, ich wäre in einer Woche wieder frei, wenn ich mich anständig benehme würde.

Ich verbrachte mehr als drei Monate in Dachau, die meiste Zeit davon auf der Quarantänestation. In der Kälte, nur spärlich bekleidet und hungernd, bekam ich eine schlimme Ohrentzündung. Ein Häftling operierte mich. Danach aber erkrankte ich an Flecktyphus, die Seuche grassierte im Lager. Ein Häftling aus der Küche versorgte mich heimlich mit Essen und hielt mich am Leben. Am 29. April kamen die Alliierten. Sie gaben mir die notwendigen Medikamente. Wären sie einen Tag später gekommen, wäre ich vielleicht nicht mehr da gewesen. Nach der Rückkehr in die Nieder-lande konnte ich endlich meinen Vater wieder in die Arme schließen.

Jeder Tag ist ein Festtag. Das Leben ist so kostbar. Bei meinen Vorträgen in den Schulen sage ich den Schülern: Genießt euer Leben. Denkt an mich. Foto: Das Leben ist kostbar“, sagt Henk van de Water.

Süddeutsche Zeitung, 2015

Maria Johanna Vaders

geboren 1922 in Den Haag/Niederlande.

Die kaum 18jährige Beamtin des Arbeitsamtes Den Haag unterstützte verschiedene Widerstandsbewegungen. Unter dem Decknamen »A.C. contact V.G.« (Beambten contact Freie Gruppe Den Haag) arbeitete die Widerstandsgruppe, der Maria Vaders angehörte: es wurden Ausweise und Kennkarten gefälscht und Kurierdienste ausgeführt.

1944 wird die Gruppe nach dreijähriger Widerstandsarbeit von einem Provokateur verraten. Maria Vaders wird am 20. 6.1944 in das Gefängnis Oranjehotel Scheveningen gebracht, danach in das Konzentrationslager Herzogenbusch, einer Abteilung des S.D. Lagers Vught, deportiert. Am 6. 9. 1944 werden die Häftlinge des Konzentrationslagers Vught im Viehwaggon in das Konzentrationslager Oranienburg, die Frauen in das KZ Ravensbrück verlegt. Die Gruppe von zweihundert holländischen Frauen, der Marie Vaders angehörte, wurde am 13. Oktober 1944 in das Außenkommando Agfa-Kamerawerk des Konzentrationslagers Dachau gebracht. Marie Vaders bekam die Häftlingsnr. 123145. Sie erlebte hier die Befreiung, um dann in die Niederlande zurückzukehren. Heute berichtet sie vom Widerstand gegen die Unmenschlichkeit des Nazisystems, mit dem sich die holländischen Frauen in diesem Außenkommando gegen zu lange Arbeitszeit, Strafappelle und zu schlechte Ernährung zu wehren versuchten. Da man Marie Vaders für verantwortlich für diese Streikaktionen hielt, wurde sie für sieben Wochen im Bunker eingeschlossen. Zwischendurch erkrankte sie und kam für zwei Wochen in die Desinfektionsbaracke, um danach wieder in den Bunker zurückgebracht zu werden.

Später erfuhr sie, daß sie als »NN« (Nacht-und-Nebel-)Gefangene hätte nach Bergen-Belsen gebracht werden sollen, doch dazu kam es nicht mehr. Maria Vaders war eine der wenigen weiblichen Deportierten des Konzentrationslagers Dachau.

Über ihr Gedicht »Bunker Dachau« berichtet sie heute: »Im Bunker habe ich nicht geschrieben, das war zu gefährlich. Ich hatte einen Bleistift in meinen Haaren versteckt und konnte irgendwann eine kurze Notiz auf Toilettenpapier stenografieren. Später habe ich dann alle meine Gedanken aufgeschrieben . . .«
1993 veröffentlichte Marie Vaders ein Lyrikbändchen mit Gedichten über ihre Lagererfahrung.
[siehe Führungshilfe Bunker ]

Mein Schatten in Dachau, Zusammengestellt und kommentiert von Dorothea Heiser, Hrsg. vom Comité International de Dachau, München 1993