Junge Deutsche

Hans Gasparitsch (1918 - 2002)

Hans Gasparitsch an seinem 15. Geburtstag in der Küche der elterlichen Wohnung

Gasparitsch kam schon früh in Berührung mit der Arbeiterbewegung. In der ausgehenden Weimarer Republik hatte er dem KPD-nahen Arbeiterschwimmverein angehört, der 1933 verboten wurde. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten schloss er sich einer kommunistisch beeinflussten Wandergruppe an, die sich zunehmend politisierte. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen verteilten selbst gefertigte Flugblätter, in denen sie über den Unrechtscharakter des Nationalsozialismus aufklärten und für die eigenen politischen Ziele warben.

Am 14. März 1935 schrieb Gasparitsch mit roter Menninge-Farbe die Worte „Rot Front“ an die Sockel der bekannten Rossebändigerstatuen von Ludwig von Hofer im Stuttgarter Schlossgarten. Sein Freund Karl Klenk hielt unterdessen Wache. Als der rote Schriftzug kurze Zeit später bemerkt wurde, leitete die Stuttgarter Polizei unverzüglich eine Fahndung ein. Noch am selben Abend geriet Gasparitsch in eine Polizeikontrolle und wurde entdeckt: Rote Farbspritzer auf seiner Kleidung und der Farbtopf in seiner Tasche überführten ihn. Er wurde inhaftiert und immer wieder verhört. Nach einem Jahr Untersuchungshaft verurteilte ihn das Oberlandesgericht Stuttgart am 25. März 1936 zusammen mit anderen Mitgliedern der so genannten „Gruppe G“ wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Gasparitsch erhielt eine Strafe von zwei Jahren und sechs Monaten – die Untersuchungshaft wurde angerechnet.
Nachdem er die Strafe im Landesgefängnis Ulm verbüßt hatte, nahm ihn die Gestapo 1937 sofort wieder in 'Schutzhaft'. Bis zur Befreiung durch amerikanische Truppen im April 1945 war er in den Konzentrationslagern Welzheim, Dachau, Flossenbürg und Buchenwald inhaftiert.

Quelle: http://www.geschichtsort-hotel-silber.de/virtueller-ort/

Interview mit Hans Gasparitsch über seine Einlieferung in Dachau

Hans Gasparitsch (Wikipedia)

Weitere Informationen über Hans Gasparitsch

 


Jugend-KZ

Im NS-Regime hatte die Geheime Staatspolizei (Gestapo) für Jahre ein Problem: Es gab offenbar Jugendliche, die sich in ihren Einstellungen und ihren Verhaltensweisen jenen Normen widersetzten, die in der nationalsozialistischen Gesellschaft als „gesund“ propagiert wurden. Es gab die „Edelweißpiraten“ im Rheinland und im Ruhrgebiet sowie die „Swing-Jugend“ in vielen Großstädten des Reichs, besonders in Hamburg. Über die Motive dieser Jugendlichen berichtete der 1925 geborene Günter Discher später: „Das ganze Leben war schon bald militärisch durchorganisiert. [...] Und auch bei der HJ exerzierten und marschierten die jungen Leute andauernd zu den Klängen der Marschmusik. [...] Wir jungen Swinger lehnten diese Marschmusik ab. Wir wollten – genau wie viele junge Leute heutzutage – eine andere Musik spielen und hören. Und zwar das, was populär war: Swing-Musik!“

Nicht allein dass diese jungen Leute Gefallen an „undeutscher“ Musik fanden – im NS-Jargon „Niggerjazz“ –, sie provozierten auch durch ein legeres Äußeres, einen „zersetzenden“ Sprachgebrauch („Swing Heil“) und eine nonkonforme Freizeitgestaltung, kurz: durch Individualität. Zur „Klärung“ dieses Problems mussten selbstredend die rassistischen Denkmuster herhalten. Verhielt sich ein Mensch nicht normgerecht, so musste das nach Meinung der Rassisten eine „blutsmäßige“ Ursache haben. Entsprechend hieß es in einem ministeriellen Bericht über die Swing-Jugend vom August 1941: „Es handelt sich hier z.T. um degenerierte und kriminell veranlagte, auch mischblütige Jugendliche, die sich zu Cliquen bzw. musikalischen Gangster-Banden zusammengeschlossen haben und die gesund empfindende Bevölkerung durch die Art ihres Auftretens und die Würdelosigkeit ihrer musikalischen Exzesse terrorisieren.“

Eine „Lösung“ fand Heinrich Himmler, indem er im Januar 1942 die Anweisung gab: „Alle Rädelsführer, und zwar die Rädelsführer männlicher und weiblicher Art, unter den Lehrern diejenigen, die feindlich eingestellt sind und die Swing-Jugend unterstützen, sind in ein Konzentrationslager einzuweisen. Dort muss die Jugend zunächst einmal Prügel bekommen und dann in schärfster Form exerziert und zur Arbeit angehalten werden. [...] Der Aufenthalt im Konzentrationslager für diese Jugend muss ein längerer, zwei bis drei Jahre, sein.“ Günter Discher kam als einer dieser „Rädelsführer“ in das „Jugendschutzlager Moringen.“

Konzentrationslager für Jugendliche: Im Bundesgesetzblatt Nr. 64/1977 (24. Sept. 1977) wurde eine Liste zu den Konzentrationslagern in der NS-Zeit veröffentlicht. Darin sind 1634 Konzentrationslager benannt. Tatsächlich gab es mehr. In der Liste werden (mit ihren „Außenkommandos“) acht Konzentrationslager für Kinder und Jugendliche aufgeführt. Beschönigend trugen sie die Bezeichnung „Jugendschutzlager“. Im Reichsgebiet gab es ein Lager für Jungen, in Moringen bei Göttingen, mit bis zu 1400 Insassen und ein Lager für Mädchen, mit der Bezeichnung „Uckermark“, nahe dem Frauen-KZ Ravensbrück in Brandenburg, wo bis zu 1200 Gefangene registriert waren. Das Wachpersonal stellte die SS.

Die Gründe, weshalb Jugendliche in eines dieser KZs kamen, widerspiegeln das ganze Spektrum des rassistischen Programms der Nationalsozialisten: wegen Verweigerung des HJ- oder BDM-Dienstes (BDM = Bund Deutscher Mädel) bzw. wegen Ausschlusses aus der HJ oder der SA; wegen „Arbeitsverweigerung“, „Arbeitsbummelei“ oder „Sabotage“; wegen angeblicher „Unerziehbarkeit“, „Renitenz“ oder „Kriminalität“; aufgrund von „Sippenhaft“ im Zusammenhang mit politischer Opposition der Eltern; wegen Homosexualität, aus Gründen der „Rassenhygiene“; aus religiösen Gründen (namentlich Zeugen Jehovas); wegen „artfremden Blutes“ (Sinti und Roma bzw. „Mischlinge“); wegen angeblicher „sittlicher und sexueller Verwahrlosung“; wegen „Rassenschande“ sowie – das betraf unter anderem die „Swinger“ – wegen Opposition und Widerstand.

In den Jugendkonzentrationslagern war auch das „Kriminalbiologische Institut“ des Reichskriminalamtes tätig. Galt es doch, das unterstellte kriminelle Potenzial nach erbbiologischen Gesichtspunkten zu „objektivieren“ und daraus erzieherische Schlussfolgerungen zu ziehen. So wurden aufgrund angeblich wissenschaftlicher Untersuchungen „Untaugliche“, „Störer“, „Dauerversager“, „Gelegenheitsversager“, „fraglich Erziehungsfähige“ oder „Erziehungsfähige“ ermittelt. „Erzieherische“ Praktiken waren Zwangsarbeit, Strafen, Drill und Schikanen. Zu den Folgen der „kriminalbiologischen Untersuchungen“ zählten Zwangssterilisationen, was in Moringen in 22 Fällen nachgewiesen ist. Für das Lager Uckermark wird erwähnt, dass 38 Mädchen bereits bei der Einlieferung sterilisiert gewesen sind. In Moringen sind etwa 100 Jungen umgekommen; für Uckermark ist keine Zahl bekannt.

Der Krieg gegen die Kinder: Die ungeheuerlichen Opferzahlen, mit denen wir als Folge der „rassischen Neuordnung Europas“ durch die NS- Herrschaft konfrontiert sind, verstellen bisweilen den Blick darauf, dass unter den ermordeten Menschen viele Millionen Säuglinge, Kinder und Jugendliche gewesen sind. Die meisten von ihnen starben als Juden, als „Zigeuner“ oder als Angehörige der „rassisch minderwertigen Ostvölker“. Sie starben entkräftet und verhungert in Lagern, in Gettos, auf Transporten und bei Vertreibungen; sie starben als Arbeitssklaven und Geiseln, in Gaskammern und bei Massenerschießungen durch Handfeuerwaffen, als „Menschenmaterial“ bei medizinischen Experimenten und „rassenhygienischen Maßnahmen“; sie starben ungeboren mit ihren Müttern. Das NS-Regime führte einen brutalen, mitleidlosen Krieg gegen Neugeborene, Kinder und Jugendliche.

Quelle: Info aktuell, bpp: 27. Januar - Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus