Dr. Robert Sigel: Holocaust Education — ein neues Unterrichtsfach?

Die Task Force International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance, and Research


Von der öffentlichkeit weitgehend unbemerkt hat die Bundesrepublik Deutschland zu Beginn des Jahres 2000 den Vorsitz in der "Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance, and Research" übernommen, ebenso unbemerkt wie diese Task Force selbst und ihre Tätigkeit in der Bundesrepublik bislang geblieben ist, ganz anders als etwa in den USA oder in Schweden. Diese Task Force wurde im Mai 1998 auf Initiative des schwedischen Ministerpräsidenten Göran Persson gegründet. Ihr gehörten zunächst neben Schweden die USA und Großbritannien an, nach wenigen Wochen wurden auch Israel und die Bundesrepublik Mitglieder. Inzwischen haben sich weitere Staaten angeschlossen, Polen, die Niederlande, Frankreich; weitere werden folgen, die Task Force versteht sich als eine für alle Staaten offene Arbeitsgruppe. Konkret besteht sie aus Vertretern der jeweiligen Regierungen - in der Bundesrepublik aus dem Auswärtigen Amt und der Kultusministerkonferenz - sowie nichtstaatlichen Einrichtungen, etwa der Anne-Frank-Stiftung aus den Niederlanden, Beth Schalom und dem Spiro-Institut (beide Großbritannien) u.a. Selbstverständlich sind auch das United States Holocaust Memorial Museum, Yad Vashem, deutsche und polnische Gedenkstätten beteiligt.


Als eine Art Präambel ihrer Tätigkeit verabschiedete die Task Force am 25. September 1998 folgenden Text, in dem es unter anderem heißt:

"Since the end of the Second World War, the world has struggled to come to terms with the history and legacy of the Holocaust. Many countries have made great strides in this regard, while others are only now taking steps. The recent focus on the long-neglected assets dimension of the Holocaust is serving as a catalyst for countries that have not concentrated as intensely on the Holocaust in a broad context, including their own roles and responses to ist events.
Holocaust education and remembrance will help us recall the importance of fighting intolerance, racism, and other challenges to basic human values. As we enter the new millenium, we should encourage and reinforce work in many nations to strengthen Holocaust education efforts, to create new ones, and to finally begin such efforts where they have been overlooked. Through education and remembrance we shall do all we can to ensure that the crimes of the Holocaust are neither forgotten nor repeated.
It is and will remain the shared responsibility of parents and teachers, as well as of political, religious, and civic leaders, to teach our children that moral choices exist. Countless wrong and evil choices accompanied by mass indifference made the Holocaust possible. Holocaust education efforts undertaken by many countries for a number of years have been encouraging. [...]
The Task Force will work to increase public awareness of the Holocaust. It will focus international cooperation on educational activities, specifically with respect to education in middle and high schools as well as at institutions of higher education. The Task Force will encourage international commemoration of the Holocaust."

 

Folgende aktuelle Aufgaben wurden beschlossen:

1. developing a catalogue of Holocaust education, remembrance and research efforts currently underway.
2. making available existing or new written material for Holocaust education, remembrance and research [...]
3. showcasing the initiative and highlight efforts underway in Holocaust education, remembrance and research at the November Washington Conference on Holocaust-era assets;
4. promoting openess and accessability of public and private archives bearing on the history of the Holocaust including Holocaust-era asset issues;
5. giving further impetus to international efforts in Holocaust education, remembrance and research.

Der öffentlichkeit präsentierte sich die Task Force mit ihren Anliegen und Zielen erstmals auf der Washington Conference on Holocaust-Era Assets" im November/Dezember 1998 in Washington. Seither sind auf einer ganzen Reihe von Treffen die Arbeitsstrukturen festgelegt, die Arbeitsfelder genauer bestimmt, neue Arbeitsbereiche entwickelt und ein finanzieller Fond geschaffen worden. Offizieller Berater der Task Force ist Professor Yehuda Bauer, Direktor des Yad Vashem Instituts in Jerusalem.

Was ist bislang konkret geleistet worden in den drei Bereichen Holocaust Research, Holocaust Remembrance, Holocaust Education?

Was die Forschung angeht, so sind es vor allem zwei Aspekte, um die sich die Task Force bemühen möchte und bemüht.
- Wie oben zitiert soll der möglichst ungehinderte und freie Zugang zu allen Archiven und Archivmaterialien durch Einsicht der betroffenen Regierungen und politischen Einfluß erreicht werden. Das Material soll für die wissenschaftliche Forschung aufbereitet und ihr zur Verfügung gestellt werden.
- Eine eigens eingesetzte Kommission soll in den beteiligten Ländern den Stand der akademischen Forschung und Lehre auf diesem Gebiet untersuchen, Defizite feststellen und Verbesserungen anregen. Dabei soll generell besonderes Augenmerk darauf gerichtet werden, wie die Weitergabe und Vermittlung von Forschungsergebnissen in den Bereich der schulischen Bildung verbessert werden kann.

Auch im Bereich Gedenken sind die Vorhaben eindeutig: Ziel der Task Force ist zu erreichen, dass in allen Ländern ein Holocaust-Gedenktag eingerichtet wird. Allerdings wird akzeptiert, dass ein solcher Gedenktag in den einzelnen Staaten zu unterschiedlichen Daten stattfindet. Zwei Zielsetzungen ergeben sich daher:
- Die Task Force soll auf jene Staaten einwirken, die bislang keinen solchen Gedenktag kennen.
- Die Task Force will Material und Erfahrungen dazu sammeln, wie und in welcher Form ein solcher Gedenktag würdig und angemessen begangen werden kann.

In beiden Bereichen, Forschung und Gedenken, ist inzwischen Wesentliches geleistet worden; zahlreiche gedruckte Materialien und die vor allem beim United States Holocaust Memorial Museum angesiedelten Internetadressen stellen die Ergebnisse der Zusammenarbeit allen Interessierten zur Verfügung.

Holocaust Education ist ein relativ neuer Begriff, der sich, ob man ihn schätzt oder nicht, wohl auch in Deutschland als Holocaust Erziehung oder in seiner englischen Version durchsetzen wird. Eine klare Definition und Abgrenzung des Begriffes existiert dabei nicht, die Bandbreite dessen, was darunter zu verstehen ist, ist groß. Das Curriculum des Staates New Jersey etwa zum Thema "Holocaust and Genocide" reicht vom Kindergarten bis zur 12 Jahrgangsstufe. Das Holocaust Human Right Center of Maine hat Unterrichtsmaterialien entwickelt mit dem Titel "Teaching about Diversity, Prejudice, Human Rights and the Holocaust for Grades Kindergarten through Four". Die sind nur Beispiele. Würde man in Deutschland Lehrern oder Eltern den Vorschlag machen, im Kindergarten oder in der Grundschule den Holocaust zu unterrichten, so würde dies sicherlich eine Mehrheit ablehnen. Diese Diskrepanz erklärt sich nur, wenn man den Begriff Holocaust Education genauer betrachtet und in seiner Unscharfe, ja Ungenauigkeit wahrnimmt. Er wird zwar häufig synonym verwendet mit Formulierungen wie „teaching about the Holocaust", „teaching the Holocaust", „studying the Holocaust", learning about the Holocaust" meint aber letztlich anderes. Er beinhaltet in seinem umfassendsten Verständnis sowohl den Geschichtsunterricht über das spezifische historische Geschehen selbst als auch eine Art von systematisierter Werte- und Moralerziehung, die im Kindergarten beginnt, für den gesamten Schulbereich gilt und auch das Studium, und zwar jedes Studium, begleiten kann.

Mehr und mehr US-Bundesstaaten, aber auch Kanada und andere Länder entwickeln dafür eigene Curricula, die den Begriff Holocaust entweder alleine oder gekoppelt mit dem Begriff Genocide als Leitbegriff aufnehmen. Das oben erwähnte Curriculum des Staates New Jersey zeigt , wie ein solcher Lehrplan aufgebaut sein kann:

Grades K-2: Learning How To Be Friends
Goal: People are different, and those differences make each of us special
Objectives: The student should be able to:
1 . understand the many different influences that help to form a person: family, age, gender, race, ethnic background, culture, environment, education, physical characteristics, religion, friends, etc.
2. Compare and contrast self to others.

Grades 3-4: Communities Are People
Goal: Each person is strengthened and enriched by the differences they find and accept in others

Grades 5-6: People Need People
Goal: Prejudice hurts each of us as individuals and weakens the group as a whole

Grades 7-8: Choosing To Make A Better World
Goal: Individual choices and actions influence group attitudes and behaviour;
the group influences the individual's behavior


Zwar taucht der Begriff Holocaust bereits in den Richtlinien zur 3. Jahrgangsstufe zum ersten Mal auf, wenn es heißt : "Give examples of times that prejudice has led to the persecution and killing of groups of people, such as the Holocaust", zwar sollen in der 5. und 6. Jahrgangsstufe Begriffe wie Holocaust und Kristallnacht definiert werden - was besonders bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, dass letzterer Begriff in Deutschland aus falscher political correctness häufig noch vermieden und durch Reichspogromnacht ersetzt wird -ein wirklicher Geschichtsunterricht zum Thema Holocaust aber setzt erst mit der 7. Jahrgangsstufe ein und wird dann bis zur 12. Jahrgangsstufe fortgeführt.

Holocaust Education ist in diesem Sinne eine Art von Moral- und Werteerziehung, in der Erziehung zum Frieden, zur Toleranz, zur Gewaltlosigkeit, der Kampf gegen Vorurteile, das Verständnis für die Wertschätzung von Verschiedenheit und Unterschiedlichkeit ihren Platz haben. Der Geschichtsunterricht spielt dabei eine geringer werdende Rolle, seine Bedeutung schwindet. Der Holocaust selbst hier nurmehr ein Teil, das historische Phänomen, an dem deutlich gemacht, exemplifiziert, erarbeitet wird: Was ist ein Täter, was ein Opfer, was ein Held, was ein Zuschauer? Wie kam es dazu? All dies könnte prinzipiell auch an einem anderen historischen Beispiel, etwa dem Völkermord an den Armeniern, dem Völkermord in Ruanda gezeigt werden.
Holocaust Education ist so eine Aufgabe des Geschichtslehrers allein, sondern kann im Grunde von Lehrern eines jeden Faches übernommen werden.
In der Logik dieser Art von Holocaust Education ist es vorstellbar, dass der Holocaust selbst eines Tages in der Tat gänzlich überflüssig wird. Konferenzen zum Thema Holocaust Education kommen bereits ohne den Holocaust aus. So schreibt in einem Bericht zu einer Holocaust Education Conference in Hamburg Harriet Sepinwall, Professorin am Elation Department des College of Saint Elizabeth in New Jersey:

"The discussions were often quite intense. Some felt that the subject of the Holocaust should not be included at all, but that generalized prejudices reduction kinds of resources and materials should be used and the focus of the curriculum."
(http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/beitrag/TAGBER/k4.htm)

Diese Entwicklung wird nicht nur für den schulischen Unterricht Folgen haben; auch die Gedenkstättenpädagogik ist letztlich davon betroffen. Wenn Werteerziehung und moralische Anleitung an die Stelle der Auseinandersetzung mit dem historischen Geschehen treten, wird auch der historische Ort als Lernort austauschbar. Holocaust Museen, Dokumentationsstätten, Museen der Toleranz etc. können letztlich überall entstehen, die Enthistorisierung macht Holocaust Education überall möglich.
In einer globalisierten Welt, in der Mobilität zur eingeforderten Selbstverständlichkeit wird, in der Familie, soziales Umfeld, Nachbarschaft, Freundschaften sich auflösen, weil niemand irgendwo lange bleibt, in der freiwillige und erzwungene Migration mit all ihren Folgen zunehmen, entwickelt sich Holocaust Education zu einem Unterrichtsfach, das mehr und mehr zu einem Sozialtherapeutikum wird, das die Beschädigungen dieser Entwicklung heilen und lindern soll, wenn möglich ihnen sogar vorbeugen soll. Es enthält letztlich alles, von der ethischen Belehrung über die Gewaltprävention bis zur Mediatorenausbildung.

Dass diese Perspektive nicht aus der Luft gegriffen ist, belegen etwa die "Elements of Guidelines for Holocaust Education", einem britischen Entwurf fur die Task Force, in denen es hierzu heißt:

"Sensitive and appropriate education about the Holocaust has proved extremely effective in schools in, for example, the UK in reducing social and racial tensions and bullying. Schools have described the effect in this area of visits by Holocaust survivors as little short of miraculous. Holocaust education can make a significant contribution to the healing of many kinds of divisions in society."

Dass Holocaust Education, was immer man noch in dieses neue Unterrichtsfach hineinpacken wird, solch weit gesteckte Erwartungen nicht erfüllen kann, ist gewiss. Es ist zu hoffen, dass die Enttäuschung über ausbleibende Erfolge sich nicht kontraproduktiv auswirkt.