Dr. Robert Sigel

Häftlingsgesellschaft

Das Häftlingsregister des Konzentrationslagers Dachau - ein historisches Soziogramm

Auszüge aus dem Referat


A

die Registrierung der Häftlinge im Konzentrationslager -
das Häftlingsregister

[...]

Der letzte Leiter der Lagerschreibstube war der polnische Häftling Jan Domagala; er hatte den Österreicher Emmerich Wenger abgelöst, der am 10. November 1944 in die SS-Division Dirlewanger überstellt worden war. (5) Domagala und den anderen Häftlingen in der Lagerschreibstube gelang es im April 1945, die gesamte Kartei vor der Zerstörung durch die SS zu retten. Nach der Befreiung durch die US-Army wurde in der ehemaligen Lagerschreibstube das sogenannte Camp Office of Dachau eingerichtet, das als International Information Office for the former Concentration Camp of Dachau Büroräume im Oktober 1945 außerhalb des Lagers in Dachau erhielt.(6) Ein Jahr später, im Oktober 1946, wurde es als eigene Abteilung dem UNRRA - Documents and Tracing Office eingegliedert.
Das Büro umfaßte zeitweise 28 Angestellte, seine Aufgaben waren die Verwaltung und Herausgabe der Effekten, die Beantwortung von Suchanfragen, die Ausgabe von Haftbescheinigungen, das Erstellen von Häftlingslisten. So entstanden, zum Teil in Zusammenarbeit mit nationalen Komitees ehemaliger Häftlinge, Listen nationaler Häftlingsgruppen, Totenlisten etwa der ums Leben gekommenen deutschen Häftlinge, Totenlisten polnischer, russischer und Häftlinge anderer Nationalitäten sowie eine Aufstellung über die Anzahl der Toten im Lager überhaupt.
Ein zentraler Schwerpunkt der Arbeit war die Abschrift der geretteten Kartei, wobei diese nicht nur abgeschrieben, sondern auch ergänzt bzw. fortgeführt wurde, soweit der Kenntnisstand dies möglich machte. Dadurch entstand ein Register, das über die Daten der Lagerkartei hinaus zusätzliche Informationen enthält, das z.B. auch mitteilt, wer von den Häftlingen befreit wurde, wo er befreit wurde, ob im Hauptlager oder einem der Außenlager, und wer von den Häftlingen noch nach der Befreiung an den Folgen der KZ-Haft starb.
[...]

Die Zahl der Häftlinge im Konzentrationslager Dachau von seiner Errichtung bis zur Befreiung betrug über 200.000. Eine gänzlich exakte Angabe ist nicht möglich.
[...]

Gesicherte Angaben des International Tracing Service (ITS) in Arolsen vom 14. Mai 1960 nennt Paul Berben in seiner offiziellen Geschichte des Konzentrationslagers Dachau: Demnach existieren 177.447 Karteikarten aus der Lagerschreibstube; dies also ist der Zahl der von der SS-Lagerverwaltung aktenkundig erfassten Häftlinge. Zu dieser Zahl hinzuzuzählen sind 10.911 Juden, die als Opfer der sogenannten Reichskristallnacht nach Dachau verschleppt, dort zwar registriert wurden, im Häftlingsregister jedoch nicht enthalten sind. Aus den in den National Archives enthaltenen Zugangsbüchern des Lagers Dachau ergibt sich eine etwas geringere Zahl: 10.679 sind es, die dieser Quelle zufolge zwischen dem 10. und 18. November 1938 in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert wurden.(10)

Zu dieser Anzahl von 188.126 (bzw. 188.358) Häftlingen müssen zwei weitere Gruppen hinzugerechnet werden:

Da die Registrierung der Häftlinge in den ersten Jahren des Lagers - 1933 bis 1936 - uneinheitlich, unsystematisch, ungenau und unvollständig war, muss aus dieser Zeit eine unbekannte Zahl von Häftlingen hinzugefügt werden. Eine ganze Reihe von Quellen gibt Hinweise auf den tatsächlichen Umfang der Verhafteten und in das Konzentrationslager Dachau überführten Personen.(11) Eine Zahl von ca. 8.000 bis 10.000 dürfte zutreffen.
Für die Schlussphase des Lagers gilt Ähnliches: Als vor allem in den letzten Wochen der Existenz des KZ Dachau aus anderen Konzentrationslagern, die kurz vor der Befreiung standen, immer wieder Häftlingstransporte nach Dachau kamen, ließen die Anzahl der eintreffenden Häftlinge, ihr physischer Zustand und die Verhältnisse im Lager insgesamt eine vollständige Erfassung nicht mehr zu. Von einer Zahl von ca. 6.000 nicht-registrierten Häftlingen in dieser Schlussphase kann ausgegangen werden.(12)

Rovan schreibt in diesem Zusammenhang:
"Während die Schlacht näher rückte, trafen ständig neue Transporte aus anderen Lagern oder Außenkommandos ein, die von der SS angesichts der vorrückenden feindlichen Truppen eilig geräumt wurden. An manchen Tagen war der Appellplatz fast ausschließlich mit Neuankömmlingen besetzt; [...] Die inneren Ordnungskräfte des Lagers waren an die Stelle der SS getreten, die sich im Schutzhaftlager kaum noch sehen ließ, und hatten beschlossen, das Aufnahmeverfahren weiterzuführen. [...] So sehr wir uns auch anstrengten, wir konnten nur einen Bruchteil der eintreffenden Häftlinge registrieren." (13)

[...]

Entscheidend ist immerhin, dass angesichts der vom ITS genannten 177.447 registrierten Karteikarten die 169.569 Namen in der vorliegenden Datenbank einem Satz von über 95% Prozent entsprechen. Geht man von der genannten Gesamtzahl der Häftlinge von 206.206 aus, so bedeuten die 169.519 Häftlingsnamen einen Satz von über 82% Prozent.

Das heißt also: Alle folgenden Angaben, beispielsweise über die Größe einzelner Häftlingsgruppen, über die Anzahl von Häftlingen in Transporten von und nach Dachau, über Todesfälle etc. sind somit immer Angaben, die sich auf die Datenbank beziehen, sind Mindestzahlen. Die tatsächlichen Zahlen werden in aller Regel größer gewesen sein.

Wer eine Darstellung des Konzentrationslagers Dachau oder eines anderen Konzentrationslagers im ganzen oder in einzelnen Aspekten unternimmt, wird sich deshalb vor generalisierenden Aussagen in Acht nehmen; neben den Kontinuitäten sind die Veränderungen zu benennen. Der Struktur- und der Funktionswandel der Konzentrationslager sind erheblich.
So unterscheidet sich das Konzentrationslager Dachau des Jahres 1938 teilweise erheblich vom Lager etwa des Jahres 1943 oder gar des Jahres 1945. Diese Unterschiede betreffen die hygienischen Verhältnisse, die Arbeitsbedingungen, die Ernährung, die Behandlung durch die SS und anderes; Gesichtspunkte also, welche für das Leben und Überleben der Häftlinge von entscheidender Bedeutung waren. Diese Unterschiede betreffen auch die Anzahl der Häftlinge, ihre Zusammensetzung nach Nationalitäten und Häftlingsgruppen.

[...]

B

Kalendarium

Der folgende, zwangsläufig generalisierende Versuch einer Einteilung in verschiedene Phasen ist so der Versuch, diese zeitliche Achse stets im Auge zu behalten und sie bei allen Fragen und den möglichen Antworten zu berücksichtigen.(17)

Folgende Phasen lassen sich bestimmen und kennzeichnen:

[...]

D

Die Häftlingsgruppen

Kennzeichentafel der SS

Die Häftlinge der Konzentrationslager waren gleich und ungleich; sie waren gleich in ihrer Rechtlosigkeit, ihrem Ausgeliefertsein der Willkür der SS und dem nationalsozialistischen Terror, sie waren ungleich insofern sich der Rassismus des NS-Staates auch auf die Lager erstreckte, "arische" Häftlinge galten mehr als jüdische, deutsche mehr als polnische usw. Der Einteilung, Unterscheidung und Diskriminierung diente ein Kategoriensystem, das durch äußerliche Kennzeichnung sichtbar gemacht wurde.

So systematisch die Kategorisierung der Häftlinge auch erscheint, so enthielt sie doch ein großes Maß an Beliebigkeit und Willkür. Verhaftete Sinti und Roma finden sich als Zigeuner aber auch als Asoziale eingestuft, wurden aber auch als Arbeitszwang-Häftlinge geführt; Häftlinge, die als Homosexuelle verhaftet und in ein Konzentrationslager eingeliefert worden waren, wurden dort als solche mit dem rosa Winkel markiert, wegen ihrer Homosexualität Verhaftete finden sich aber auch unter den Häftlingen mit der Bezeichnung Polizeiliche Sicherungsverwahrung. Auch die bewusst als Diffamierung gedachte Markierung eines politischen Häftlings mit dem grünen Winkel des "Berufsverbrechers" soll vorgekommen sein. Zudem gelang es Häftlingen immer wieder, ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe zu verbergen und so statt beispielsweise als Priester oder als Jude in die Kategorie der Politischen Häftlinge eingeteilt zu werden.

Möglicherweise spielten neben der Willkür der Politischen Abteilungen in den Konzentrationslagern auch andere Überlegungen eine Rolle, etwa dass es in manchen Konzentrationslagern zu bestimmten Zeiten eine Art Bedarf oder Nicht-Bedarf an bestimmten Häftlingsgruppen gab. Es gibt Fälle, in denen beim Transport von einem Lager in ein anderes die Häftlinge ihre bisherige Kategorisierung wechselten, aus einem Häftling mit der Bezeichnung Arbeitszwang etwa ein Häftling aus der Gruppe der sogenannten Asozialen wurde.

Der Wechsel von Häftlingskategorien fand sogar innerhalb des Lagers Dachau statt. Das Häftlingsregister enthält eine, allerdings sehr kleine, Zahl von Umwidmungen der Häftlingskategorie; Häftlinge also, die in Dachau nacheinander unter zwei verschiedenen Kategorien geführt wurden. Ludwig Listl etwa wurde am 12. Juli 1940 als Arbeitszwanghäftling in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert und vom 16. Juli 1941 an unter der Kategorie Polizeiliche Sicherungsverwahrung geführt. Ludwig Listl wurde auf einem sogenannten Invalidentransport vom 17. Februar 1942 ermordet. Ähnlich gibt es vereinzelt weitere Fälle, in denen Häftlinge beispielsweise zunächst als Sicherungsverwahrte, ab einem bestimmten Datum als Schutzhäftlinge geführt wurden, oder Häftlinge, die zunächst zur Gruppe der Sicherungsverwahrten gehörten, und bei denen sich die Bemerkung findet "ab 15. 2. 1945 Homosexuell". Auch der Wechsel von der Kategorie der "Emigranten" zu der der "Schutzhäftlinge" findet sich einige wenige Male; im Eintrag des Häftlingsregisters zu Salomon Schönfeld heißt es beispielsweise: "Bis 1. August 1937 Emigrant Jude, ab 2. August 1937 Schutzhäftling Jude". Salomon Schönfeld wurde 1938 vom Lager Dachau ins Konzentrationslager Buchenwald überführt.

I.

Schutzhaft (1)

Der Begriff der Schutzhaft war der Rechtstitel, unter dem der überwiegende Teil der Häftlinge in die Konzentrationslager eingeliefert wurde. Die Einrichtung der Schutzhaft existierte bereits vor 1933 als eine Form der von der Polizei vorgenommenen Inhaftnahme einer Person. Diese Schutzhaft konnte von ihrer Begrifflichkeit her sowohl zum Schutz der betroffenen Person, etwa vor dem Zugriff einer Volksmenge oder zum Schutz des Staates vor staatsgefährdendem Verhalten einer Person erfolgen. Sie war inhaltlich und zeitlich eng begrenzt und bedurfte einer richterlichen Genehmigung, die innerhalb einer bestimmten Frist einzuholen war.
Unter der nationalsozialistischen Herrschaft erfuhr die Schutzhaft eine Ausweitung in mehrfacher Hinsicht; diese Ausweitung war kein einmaliger Akt, sondern vollzog sich als Prozess, in dem meist einer gängigen, akzeptierten Praxis die rechtsförmige schriftliche Fixierung folgte.
Diese Ausweitung betraf den Kreis der Personen, über die Schutzhaft verhängt werden konnte, sie betraf die Dauer der Schutzhaft und sie betraf den Kreis der Organe, Staats- und Parteiorgane, die das Recht der Schutzhaftverhängung besaßen. Die Schutzhaft wurde im Verlauf dieser Entwicklung von einem Instrument zur Ausschaltung der politischen Gegner zu einem vielseitigen Werkzeug der Durchsetzung verschiedenster Zielsetzungen wie etwa der Beschaffung und Verfügbarmachung von Arbeitskräften, der Aussonderung sogenannter Gemeinschaftsschädlinge, der vermeintlichen Verbrechensprävention usw.

Das Instrument der Schutzhaft war die Grundlage des Systems der Konzentrationslager und damit eine der Grundlagen des Ausbaus und der Festigung der Machtstellung Himmlers und seiner SS im nationalsozialistischen Staat. Die Verhängung der Schutzhaft, die zunehmend an die Stelle gerichtlich verfügter Haftstrafen trat, bedeutete so auch einen Bedeutungs- und Machtverlust der Justiz, auch der nationalsozialistischen Justiz; der Polizei- und SS-Apparat konnte damit nicht nur seine exekutiven Befugnisse ausweiten, sondern sie zunehmend durch judikative Kompetenzen komplettieren. Dieser Prozess war beim Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes 1945 noch nicht an sein Ende gekommen.

Von den insgesamt 169.569 Häftlingen im Häftlingsregister verzeichneten Personen tragen 145 317 den Vermerk Schutzhäftling. Ausgenommen sind vor allem die sogenannten Arbeitszwang-Häftlinge sowie die sogenannten Sicherungsverwahrten. (Siehe S. xxxx und xxx) Als Grundlage für die Einweisung in die Konzentrationslager dienten in diesen Fällen andere Rechtstitel wie etwa die Fürsorgegesetzgebung oder eben die Verhängung der Sicherungsverwahrung.

I.

Der rote Winkel - die Politischen Häftlinge

Die Anzahl der im Häftlingsregister als Politische Häftlinge vermerkten Gefangenen entspricht nicht annähernd der tatsächlichen Anzahl dieser mit dem roten Winkel markierten Häftlinge. Wie die stichprobenweise Recherche nach prominenten Politischen Häftlingen zeigt, ist der größte Teil der Politischen Häftlinge lediglich mit dem Vermerk Schutzhäftling eingetragen. Diese so wichtige Kategorie, die nicht nur entscheidende Funktionen in der Häftlingsselbstverwaltung ausfüllte, sondern vor allem in den Anfangsjahren die Häftlingsgesellschaft des Lagers wesentlich prägte, eine Prägung die bis zum Ende von Bedeutung blieb, ist damit nur ansatzweise statistisch zu erschließen.

Die Politischen Häftlinge im Häftlingsregister:
Gesamtzahl: 808
[...]
[...]

III.

Die Geistlichen im Konzentrationslager Dachau

Eine der am besten erforschten Häftlingsgruppen im Konzentrationslager Dachau sind die Geistlichen. In mehreren grundlegenden Arbeiten sind die Anzahl der Geistlichen, ihre Verteilung auf die verschiedenen Religionsgemeinschaften, ihre nationale Zuordnung, ihre Herkunftspfarrei bzw. ihre Ordenszugehörigkeit und ihr Schicksal in Dachau detailliert dargestellt. Zu diesen Arbeiten gehört zunächst Jan Domagalas bereits erwähntes frühes Buch "Die durch Dachau gingen (Die Geistlichen in Dachau)" ferner Friedrich Hoffmanns "Und wer euch tötet ... Leben und Leiden der Priester in den Konzentrationslagern" sowie Eugen Weilers "Die Geistlichen in Dachau". Hinzu kommen eine Reihe weiterer Studien.(1)  
Die Anteil der Geistlichen in der Häftlingsgesellschaft des Konzentrationslagers Dachau war groß; Domagala formuliert mit Blick auf die Kirchengeschichte, dass es seit dem ersten Konzil in Jerusalem zwar zahlreiche bedeutende Konzilien, Synoden und andere Versammlungen gegeben habe, "aber eine so zahlreiche Versammlung von Priestern, wie sie in Dachau war, gab es niemals zuvor".(2) [S.XXXVII]
Man kann davon ausgehen, dass im Konzentrationslager Dachau insgesamt 2791 Geistliche (andere Quellen(3) sprechen von 2.720 Geistlichen, von denen 2.579 Katholiken waren) aus mehr als 20 Nationen inhaftiert waren, von denen ca. 95 % katholische Priester waren. Die bei weitem größte Gruppe stellten die 1775 polnischen Geistlichen. Sie waren nicht auf Grund bestimmter Vergehen in die Lager eingeliefert worden, sondern in einer Art kollektiver Schutzhaft. Nach dem Angriff gegen die Sowjetunion hatte Himmler befohlen, dass "sämtliche hetzerischen Pfaffen, deutschfeindlichen Tschechen und Polen, sowie Kommunisten und ähnliches Gesindel grundsätzlich auf längere Zeit einem Konzentrationslager zugeführt werden sollen".(4)

Es gelang des Geistlichen in nicht geringem Ausmaß, im Lager ihren religiösen Pflichten weiter nachzukommen; sogar eine Priesterweihe fand statt. Die Jesuiten unter den Häftlingen, ca. 100 an der Zahl, schlossen sich zu einer geheimen Kommunität zusammen, die einen Vorsitzenden bestimmte und regelmäßige Versammlungen abhielt. Immer wieder konnte dabei der Kontakt zu kirchlichen Stellen außerhalb des Lagers hergestellt werden.
Vom Jahre 1941 an genossen die Geistlichen nach einer Vereinbarung des Vatikans mit der nationalsozialistischen Regierung eine Reihe von Vergünstigungen: Im Block 26 wurde eine Kapelle eingerichtet, Geistliche erhielten eine bessere Verpflegung, die sogenannte Plantage, ein der SS gehörender landwirtschaftlicher Betrieb mit dem offiziellen Namen "Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung GmbH", wurde zum Arbeitsplatz der Geistlichen bestimmt.(5) Die polnischen Geistlichen blieben von den Vergünstigungen ausgenommen, bei den Geistlichen aus den übrigen Nationen versuchte die SS in den Lagern immer wieder, die Privilegien zu beseitigen oder in ihr Gegenteil zu verkehren.
Neben der Arbeit auf der Plantage wurden die Geistlichen in vielen Fällen zu Büro- und Schreibarbeiten für die SS eingeteilt; diese Möglichkeit wurde ihnen jedoch wieder genommen, als entdeckt wurde, das diese Tätigkeit benutzt worden war, Briefe aus dem Lager hinauszuschmuggeln. In einem Schreiben der zuständigen Stelle des Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes vom 16. März 1944 wurde
"grundsätzlich verboten, dass Geistliche zu irgendwelchen Schreibarbeiten herangezogen werden.
Ein Einsatz von Geistlichen als Schreibkraft im Schutzhaftlager, bei der Kommandantur oder auf irgendeiner anderen SS-Dienststelle, SS-Betrieben, Besoldungsstelle, Lagerverwaltung, politische Abteilung, Poststelle, Standesamt, Krankenbau, Krematorium usw. darf keinesfalls erfolgen."(6)

Trotz ihrer Vergünstigungen blieben die Geistlichen ein besonderes Ziel der SS und ihrer Schikanen; zahlreiche Schilderungen Überlebender und nicht zuletzt die hohen Todeszahlen zeigen dies. Domagala, der insgesamt von 2720 Geistlichen im Konzentrationslager Dachau ausgeht, nennt folgende Zahlen:
"Befreit: 1240 "
"Gestorben: 1034"
"Entlassen zu Zeit des Bestehens des Lagers: 314"
"In andere Lager überführt und liquidiert: 132"(7)[S.XXXIX]

Das Häftlingsregister zeigt im Fall der Geistlichen erhebliche Lücken, insgesamt enthält es lediglich 1.375 Namen von Geistlichen; eine Erklärung für das Fehlen so vieler Häftlinge dieser Gruppe ist kaum zu finden. Dabei scheint es so zu sein, dass ein großer Teil der Geistlichen zwar im Häftlingsregister enthalten ist, jedoch nicht als Geistliche kategorisiert. Dies zeigen zumindest zahlreiche Stichproben: Georg Schelling, Johannes Womes, Josef Vykoukal, Emmerich Hornich, Alois Ligud (Liqud), Angelo Dalmasso, Paolo Liggeri und viele andere sind zwar im Register mit ihren Daten enthalten, es fehlt jedoch der Vermerk "Priester". Daß es Häftlinge gab, die Priester waren, und die dies vor der SS verbargen, ist bekannt.(8) Doch kann die geringe Zahl solcher Ausnahmen diese Ungenauigkeiten und die Lücken im Häftlingsregister nicht erklären.

Die folgenden Zahlen haben so letztlich eine nur sehr eingeschränkte Aussagefähigkeit, eine Komplettierung mit Hilfe der oben genannten Werke ist vonnöten.

Die Geistlichen im Häftlingsregister:

Gesamtzahl: 1.375

Nationale Zuordnung:

Amerikaner - USA: 1
Belgier: 18
Deutsche: 212
(In dieser Zahl sind enthalten 4 sogenannte Volksdeutsche sowie 2 Häftlinge mit der nationalen Zuordnung "Deutsches Reich auf Widerruf")
Engländer: 1
Franzosen: 57
Holländer: 24
Italiener: 11
Jugoslawen: 10
Serben: 1
Slowenen: 1
Litauen: 2
Luxemburger: 7
Österreicher: 6
Polen: 898
Russen: 3
Spanier: 1
Tschechen: 43
(In dieser Zahl ist enthalten ein sogenannter böhmischer Häftling, dessen Kategorie Nationalität den Vermerk "Böhme" enthält.)
Slowene: 1
Ungarn: 3
(Übrige keine Angabe.)
[...]
[...]

VI.

Die Häftlingsgruppe mit dem schwarzen Winkel(1)

Eine der großen Gruppen der nach Dachau verschleppten Häftlinge waren die mit dem schwarzen Winkel markierten, meist undifferenziert als "Asoziale" bezeichneten Häftlinge. Mit unterschiedlichen Begriffen wurden sie in die Häftlingskartei eingeordnet: Asozial, Arbeits-Erziehungshäftling, Arbeitszwang Reich bzw. Arbeitszwang Gemeinde, Zivilarbeiter.
Auch die Kombination von zweien und mehr Merkmalen findet sich, etwa "Asozial und Jude", "Asozial und Polizeiliche Sicherungsverwahrung", "Arbeitszwang Reich und Zigeuner" - mit 125 Nennungen eine relativ häufige Kombination-, "Asozial, Jude und Schutzhäftling" u.a.
Hinter diesen Begriffen verbarg sich eine äußerst heterogene Gruppe von Menschen, Kleinkriminelle ebenso wie Suchtkranke, Obdachlose und Nichtsesshafte, Prostituierte und Bettler, Unterhaltsverweigerer, sogenannte pflichtvergessene Mütter, Menschen, denen man querulatorische Neigungen zuschrieb, Alkoholiker, Zigeuner, sogenannte asoziale Offentuberkulöse, sexuell Freizügige, Bettler und viele andere.
Die Einordnung eines Menschen als asozial war im Grunde beliebig und die Kategorie der "Asozialen" konnte von den Nationalsozialisten jederzeit erweitert werden. Da die nationalsozialistische Politik gegenüber den als asozial markierten Gruppen variierte, sich von sozialer Disziplinierung, Absonderung, Zwangssterilisation, bis hin zu einer Politik der Vernichtung entwickelte, da zudem seit 1939 der wachsende Bedarf an Arbeitskräften vor allem in der deutschen Rüstungsindustrie ebenfalls ein entscheidender Aspekt der Verfolgungspraxis wurde, waren die Erfassung und Behandlung der "Asozialen" von wachsender Intensität, der Verfolgungsdruck nahm zu, aus der befristeten Inhaftnahme wurde die unbefristete und schließlich die physische Liquidation unter restloser Ausbeutung der Arbeitskraft.

Den Konzentrationslagern kam in diesem Zusammenhang die entscheidende Funktion zu; mit den Konzentrationslagern korrespondierten die Arbeitshäuser bzw. Wanderhöfe sowie die Arbeitserziehungslager. Waren es zunächst vor allem die Arbeitshäuser, in welchen die "Asozialen" zum Zwecke der sozialen Disziplinierung, vor allem der zwangsweisen Eingliederung in den Arbeitsprozess, inhaftiert wurden, so ging man ab 1938 dazu über, unmittelbar in die Konzentrationslager einzuweisen.
Bis dahin war das Konzentrationslager nur in zweiter Linie von Bedeutung, wenn entweder die Arbeitshäuser und Wanderhöfe die Zahl der Eingelieferten nicht mehr fassen konnten - etwa nach der großen Bettlerrazzia 1933 - oder wenn ihre Insassen wegen renitenten Verhaltens bestraft werden sollten. Eine solche Strafeinweisung ins Konzentrationslager war meist befristet, nach Ablauf der Haftzeit wurde der Häftling aus dem Lager entlassen, nicht jedoch in die Freiheit, sondern erneut in den Gewahrsam der Institution -Arbeitshaus, Wanderhof, Arbeitserziehungslager- die ihn überwiesen hatte.
Andererseits wurden "asoziale" Häftlinge aus den Konzentrationslagern, die wegen ihres Alters oder ihrer gesundheitlichen Konstitution nur mehr eingeschränkt arbeitsfähig waren, wenn man sie nicht umbrachte, aus den Konzentrationslagern entlassen, um in Arbeitshäuser überstellt zu werden, wo die Reste ihrer Arbeitskraft genutzt wurden.

Arbeitserziehungslager wurden ab 1940 errichtet; sie dienten weniger dazu, Nicht-Arbeitende zwangsweise in den Arbeitsprozess einzubeziehen, sondern solche Arbeiter zu bestrafen, deren Arbeitshaltung und Arbeitsleistung angeblich oder tatsächlich nicht den Erfordernissen der nationalsozialistischen Rüstungswirtschaft und den Erwartungen des Regimes entsprach.

Das enge Zusammenwirken der verschiedenen Zwangseinrichtungen mit den Konzentrationslagern, von denen sie sich teilweise nur graduell unterschieden, zeigt sich auch darin, dass SS-Leute sowohl in den Konzentrationslagern wie in anderen Einrichtungen eingesetzt wurden;

[...]

Die Gruppen der Arbeitszwang-Häftlinge, der Arbeits-Erziehungshäftlinge, der Zivilarbeiter und der sogenannten asozialen Häftlinge im Häftlingsregister:

Die Kategorie "Schwarzer Winkel" enthält drei Häftlingsgruppen: Die "Arbeitszwang"-Häftlinge, die "Arbeits-Erziehungshäftlinge" sowie eine dritte mit 22 Häftlingen sehr kleine Gruppe, die explizit als "Asoziale" bezeichnet wurden. Alle drei Gruppen werden im folgenden in der Reihenfolge ihrer zahlenmäßigen Stärke dargestellt.

(In den Kriterien "Nationale Zuordnung", "Zugangslager" und "Überführungslager" werden im folgenden nicht sämtliche Einzeldaten aufgeführt; lediglich wenn es sich -im Verhältnis zur Gesamtzahl der jeweiligen Häftlingsgruppe- um eine relevante Anzahl von Häftlingen handelt, wird diese genannt.)

Die "Arbeitszwang"-Häftlinge

Gesamtzahl: 7.944

[...]

Die Arbeits-Erziehungshäftlinge
Gesamtzahl: 1.733

[...]

Die Asozialen
Gesamtzahl: 25

[...]

VI.

Sinti und Roma: Die Zigeuner im Konzentrationslager Dachau

Insgesamt 1.337 Häftlinge in Dachau waren unter der Kategorie "Zigeuner" erfaßt. Es ist denkbar, daß in den verschiedenen Gruppen der sogenannten Asozialen eine weitere Zahl von Sinti und Roma, ohne als solche gekennzeichnet zu sein, enthalten ist, deren Höhe allerdings nicht geschätzt werden kann.
[...]

VIII.

Die Gruppe der Homosexuellen: Die Häftlinge mit dem rosa Winkel(1)

[...]
Gesamtzahl der homosexuellen Häftlinge: 351

Von diesen 346 als homosexuell markierten Häftlingen tragen 142 zusätzlich den Vermerk Schutzhäftling, 82 Häftlinge zusätzlich den Vermerk Polizeiliche Sicherungsverwahrung.

[...]

XIII.

Die jüdischen Häftlinge

Das Schicksal der Juden im Konzentrationslager Dachau, in den Konzentrationslagern überhaupt, ihr zahlenmäßiger Anteil an der Häftlingsgesellschaft, ihre Haftdauer, ihre Entlassungschancen, ihr Einsatz als Arbeitskräfte, ihre Vernichtung durch die Arbeit oder ihre Überstellung in ein anderes Lager war, neben der Abhängigkeit von den spezifischen Bedingungen der einzelnen Konzentrationslager, abhängig von der Entwicklung der nationalsozialistischen Politik gegenüber den Juden.
In dieser Politik kann man grundsätzlich von zwei Phasen ausgehen:
Dem Versuch, die Juden durch ein eskalierendes System von Diskriminierung, Entrechtung, Bedrohung und Verfolgung zur Auswanderung aus Deutschland, möglichst sogar aus Europa, zu zwingen, sie zu vertreiben.

Dem Beschluss der sogenannten Endlösung: die Ermordung der Juden im nationalsozialistischen Herrschaftsbereich

Bis 1938 gab es keine systematische Inschutzhaftnahme von Juden und ihre Überstellung in Konzentrationslager. dennoch gab es seit 1933 jüdische Häftlinge in den Konzentrationslagern. Bei der Verhaftung politischer Gegner, bei der Verhängung von Schutzhaft wegen staatsfeindlicher Umtriebe, wegen staatsfeindlicher Äußerungen, wegen Sabotage, wegen Greuelpropaganda usw. waren Juden besonders betroffen. Zwar wird in den Schutzhaftbefehlen die Tatsache, daß jemand Jude war, nicht als entscheidender Verhaftungsgrund genannt, häufig aber zusätzlich als erschwerend erwähnt. Inwieweit bei diesen Verhaftungen Juden überproportional Opfer wurden, kann auf Grund der fehlenden Daten nicht belegt werden, ist jedoch wahrscheinlich. Man kann dies vor allem bei der Verhaftung sogenannter Volksschädlinge annehmen, da der Vorwurf der "Preistreiberei", des "Wuchers", der "Beunruhigung der Bevölkerung durch künstlich hervorgerufenen Warenmangel" explizit den antisemitischen Vorurteilen in der Bevölkerung entgegenkam.
Max Weinberger etwa wurde am 6. Oktober 1937 mit der Nummer 17533 als Häftling in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert. Die Begründung der Gestapo lautete: "Sabotage des Vierjahresplanes, Anstiftung zur Greuelpropaganda und Beunruhigung der Bevölkerung durch künstlich hervorgerufenen Warenmangel"(1)  
Die Konzentrationslagerhaft war neben Boykottmaßnahmen, Verordnungen und Gesetzen ein wesentlicher Bestandteil der antijüdischen Politik, die in dieser Phase noch darauf abzielte, einzuschüchtern, zu isolieren, zu entrechten und die antisemitische Haltung der Bevölkerung zu aktivieren. Die Behandlung der sogenannten Emigranten (siehe S. ) macht diese Zielsetzung besonders deutlich.
Die Haftdauer der jüdischen Häftlinge unterschied sich nicht wesentlich von der der übrigen Häftlinge, wenngleich es häufiger Entlassungssperren gegen jüdische Häftlinge gab.
Ende des Jahres 1936 befanden sich 58 jüdische Häftlinge im Konzentrationslager Dachau. Nach einer Anordnung Heydrichs, sämtliche jüdischen Konzentrationslagerhäftlinge in das Lager Dachau zu überführen, der Grund dieser Anordnung Heydrichs liegt wohl in einer allgemeinen Neustrukturierung der Konzentrationslager, kamen im folgenden Jahr 225 jüdische Häftlinge dazu.(2) Die Überführung dieser Häftlinge aus den anderen Konzentrationslagern in das Lager Dachau lässt sich an Hand des Häftlingsregisters rekonstruieren. So kam beispielweise am 13. Februar 1937 ein Transport von 26 jüdischen Häftlingen aus Sachsenhausen nach Dachau, unter ihnen Ernst Heilmann und Kurt Eisner Junior. Von ihnen wurden 20 im folgenden Jahr nach Buchenwald deportiert, fast alle (18) am 22. und 23. September 1938. Sechs Häftlinge wurden entlassen, davon vier noch im Jahr 1937, ein Häftling 1939, bei einem der entlassenenen Häftlinge fehlt das Datum der Entlassung. Unter den nach Buchenwald deportierten 20 Häftlingen war auch Ernst Heilmann; der sozialdemokratische Politiker und Reichstagsabgeordnete wurde dort am 3. April 1940 ermordet.

Die erste Gruppenverhaftung von Juden erfolgte in Österreich im Mai und Juni 1938; die Anordnung der Gestapo vom 24. Mai 1938 zeigt, dass es hier nur um Juden ging, dass andere Verhaftungsgründe nicht mehr von Bedeutung waren und auch nicht mehr vorgeschoben wurden:
"Es ist angeordnet worden, unverzüglich unliebsame, insbesondere kriminell vorbelastete Juden festzunehmen und in das Konzentrationslager Dachau zu überführen."(3)

Von den 2.245 jüdischen Häftlingen, die 1938 in das Lager Dachau eingeliefert wurden (die Verhaftungen im Zusammenhang mit der Reichskristallnacht nicht eingerechnet) kamen 1.033 aus Wien, davon, im Zusammenhang mit der oben genannten Anordnung, 916 in den Monaten Mai und Juni.
Bei 2.863 Österreichern, die 1938 als Häftlinge nach Dachau kamen, machen die Juden mit einer Gesamtzahl von 1.491 mehr als die Hälfte aus.

Der Novemberpogrom, die sogenannte Reichskristallnacht, brachte am 9./10. November 1938 insgesamt 10.911 Juden als Häftlinge in das Konzentrationslager Dachau. Diese sogenannten Aktionsjuden wurden allerdings nicht in die Häftlingskartei aufgenommen. Bis zum August 1939 waren 10.415 der Inhaftierten wieder entlassen.
Das Jahr 1938 markiert einen Einschnitt in der nationalsozialistischen Politik. Dieser manifestiert sich nicht nur im Pogrom vom 9. November, sondern auch in der im Vergleich zu all den Jahren zuvor überaus großen Zahl von Häftlinge und in der Tatsache, dass Inschutzhaftnahmen nun Juden als Gruppe trafen.
Die Vertreibungsaktion gegen die polnischen Juden in Deutschland, die "Verordnung zur Ausschaltung der deutschen Juden aus dem Wirtschaftsleben" sind ebenso weitere Elemente des verschärften Drucks wie die Gründung der Heydrich unterstehenden "Reichszentrale für jüdische Auswanderung" am 24. Januar 1939 nach dem Vorbild einer entsprechenden Einrichtung, die seit dem Sommer 1938 in Wien unter der Leitung Eichmanns bestand.
Seit 1938 nimmt die Zahl der Verordnungen gegen Juden zu, die bei Nichtbeachtung Schutzhaft zur Folge haben: Hamstern von Lebensmitteln, Nichtabgabe von Schreibmaschinen und Fahrrädern, Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel u.a.(4)
In einer Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom Juli 1939 wurde die Gründung der Reichsvereinigung der Juden angeordnet, in der alle deutschen und staatenlosen Juden zusammengeschlossen wurden. Der Paragraph 2 dieser Verordnung bestimmte als Zweck der Vereinigung die Förderung der Auswanderung der Juden.
Nach Kriegsbeginn allerdings wurden die ohnedies beschränkten Möglichkeiten für jüdische Auswanderungswillige immer geringer. Gleichzeitig wurde auch das Überleben in Deutschland weiter erschwert. Ein Erlass Himmlers vom Oktober 1939 ordnete an, dass alle Juden, die Anweisungen nicht nachkamen oder "staatsabträgliches Verhalten" zeigten, sofort in ein Konzentrationslager einzuliefern seien.(5)
1941 begannen für alle noch in Deutschland und im sogenannten Protektorat lebenden Juden die Deportationen nach Osten: Deutschland sollte "judenfrei" werden, während dort, im besetzten Osten die Vernichtung begann.
Als im November 1942 Himmler anordnete, dass sämtliche Konzentrationslager im Reichsgebiet "judenfrei" gemacht und die dort befindlichen jüdischen Häftlinge nach Auschwitz oder Lublin überstellt werden sollten (5), wurden aus Dachau 67 jüdische Häftlinge nach Auschwitz transportiert und 39 mit einem sogenannten Invalidentransport in den Tod geschickt. (7)
Am Jahresende 1942 gab es in Dachau nur noch 166 jüdische Häftlinge.

Der sofortigen Deportation und Vernichtung der jüdischen Häftlinge aber stand der ungeheure Bedarf an Arbeitskräften entgegen; dieser Bedarf war auch der Grund, dass spätestens 1944 wieder jüdische Häftlinge, und zwar in ungeheurer Zahl, in die Konzentrationslager innerhalb des Reichsgebietes, auch nach Dachau, verschleppt wurden. Dabei handelte es sich insbesondere um ungarische, polnische und litauische Juden. Der überwiegende Teil von ihnen wurde in Außenlager, vor allem Kaufering und Mühldorf, Allach überführt, um dort unter besonders erbärmlichen Bedingungen zu arbeiten.

Die jüdischen Häftlinge im Häftlingsregister:

Gesamtzahl: 37.460

Nationale Zuordnung:

[...]

E

Die Nationalitäten

Die nationale Kennzeichnung war ein wesentlicher Bestandteil der Registrierung der Häftlinge. Insgesamt waren Häftlinge aus weit über dreißig Nationalitäten im Konzentrationslager Dachau interniert. Allerdings ist die nationale Kennzeichnung nicht immer zutreffend. Österreichische Häftlinge wurden im Konzentrationslager als Deutsche geführt; das nach der Befreiung angefertigte Häftlingsregister versuchte zwar, österreichische Häftlinge als Österreicher zu notieren, die korrekte nationale Zuordnung gelang nicht immer; die Zahl der aufgeführten Österreicher ist sicherlich zu gering. So wird etwa der prominente österreichische Häftling Herrmann Langbein als Deutscher geführt.

Neben den französischen Häftlingen kannte die nationalsozialistische Führung elsässische und lothringische Häftlinge, neben jugoslawischen Häftlingen gibt es solche serbischer, kroatischer und slowenischer Nationalität.

Neben den Häftlingen, die in ihrer nationalen Zugehörigkeit als Tschechen benannt werden, gibt es auch Häftlinge mit der nationalen Kennzeichnung "Böhme" sowie "Protektorat".

Nicht eindeutig zu bestimmen ist die Zahl der slowenischen sowie die der slowakischen Häftlinge. Das Häftlingsregister benützt in der Regel die Abkürzung "Slow." bzw. "Slov." für Slowene, die Abkürzung "Slok." für Slowake. Allerdings finden sich Abweichungen in diesen Abkürzungen, die eine eindeutige Zuordnung schwer machen und zudem Übertragungsfehler bei der Computerisierung begünstigten.
Einen Anhaltspunkt über das zahlenmäßige Verhältnis der beiden Gruppen stellt die Statistik der Lagerschreibstube über den Nationalitätenstand vom April 1945 dar. Vergleicht man etwa die Anzahl der slowenischen und die der slowakischen Häftlinge am 16. April 1945 miteinander, so zeigt sich folgendes Verhältnis: (1)
slowenische Häftlinge: 1668
slowakische Häftlinge: 231

Häftlinge aus den Ländern der damaligen Sowjetunion wurden in der Regel (Ausnahme baltische Staaten) als russische Häftlinge geführt; in dieser Zahl russischer Häftlinge sind ebenso weißrussische wie ukrainische Häftlinge subsummiert. Allerdings gibt es eine geringe Zahl von Häftlingen, die explizit als ukrainische Häftlinge aufgeführt sind. Keineswegs jedoch gibt diese Zahl also die tatsächliche Zahl der Häftlinge aus der Ukraine wieder.
Was die Zahl der deutschen Häftlinge angeht, so unterscheidet das Häftlingsregister zwischen "Deutschen", "Volksdeutschen", "Reichsdeutschen" sowie der Gruppe mit dem Vermerk "Deutsches Reich auf Widerruf". Hinzu kommt ferner die Gruppe der "Sudetendeutschen". Diese Unterscheidungen wurden beibehalten.
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Amerika - USA

Die amerikanischen Häftlinge im Häftlingsregister:
Gesamtzahl: 32
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Belgien
Die belgischen Häftlinge im Häftlingsregister:
Gesamtzahl: 1.757
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Die bulgarischen Häftlinge im Häftlingsregister:
Gesamtzahl: 108

Deutsches Reich
Die deutschen Häftlinge im Häftlingsregister (in Klammern jeweils die Zahl der sogenannten volksdeutschen Häftlinge):
Gesamtzahl: 22.029 (336)
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Sudetendeutsche
Die sudetendeutschen Häftlinge im Häftlingsregister:
Gesamtzahl: 2.500

Jugoslawien - Serbien - Kroatien - Slowenien
Die jugoslawischen Häftlinge im Häftlingsregister:
Gesamtzahl: 4.358
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Die kroatischen Häftlinge im Häftlingsregister:
Gesamtzahl: 903
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Zuordnung nach Häftlingskategorien (außer der Kennzeichnung als die serbischen Häftlinge im Häftlingsregister:

Gesamtzahl: 721

Z

Die slowenischen Häftlinge im Häftlingsregister:*
(* Siehe zu diesen Zahlen die Ausführungen zu Beginn dieses Kapitels)*
Gesamtzahl: 1.559
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Polen
Die polnischen Häftlinge im Häftlingsregister:
Gesamtzahl: 37.948
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Russland (Sowjetunion) - Ukraine
Die russischen Häftlinge im Häftlingsregister (in Klammern jeweils die Zahl der als Ukrainer geführten Häftlinge):
Gesamtzahl: 24.147 (164)
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Tschechische Republik (Böhmen, Protektorat)
Die tschechischen Häftlinge im Häftlingsregister:
Gesamtzahl: 4.957
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Ungarn
Die ungarischen Häftlinge im Häftlingsregister:
Gesamtzahl: 20.048
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II.

Flucht und Fluchtversuch

Das Häftlingsregister nennt eine Gesamtzahl von 447 Fluchten bzw. Fluchtversuchen aus dem Konzentrationslager Dachau.

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IV.

Die Toten des Konzentrationslagers Dachau

Bei den Zahlenangaben des Häftlingsregisters über die im Konzentrationslager Dachau verstorbenen Häftlinge wird in besonderer Weise deutlich, daß diese Angaben nur Mindestangaben sind, daß unsere Kenntnisse durch Lücken einschränkt sind.
Die unvollständige Erfassung der Häftlinge (siehe Eingangskapitel!) in den Anfangsjahren und in den letzten Wochen des Lagers macht auch die Zahlen über die in Dachau Verstorbenen unvollständig.

In der Zahl der Toten nicht enthalten sind darüber hinaus jene in Dachau erschossenen sowjetischen Soldaten, die, da ihr Tod ohnedies bereits beschlossen war, gar nicht erst als Zugänge in die Häftlingskartei aufgenommen wurden. Allein bis zum 31. Juli 1942 sind mindestens 4000 dieser Gefangenen in Dachau ermordet wurden.(1)

Nicht enthalten ist jene unbekannte Zahl von Personen, die als politische Gegner von der Gestapo zur Liquidation in das Konzentrationslager überstellt und dort hingerichtet wurden.

Nicht vollständig enthalten sind ferner die auf den Todesmärschen von der SS erschossenen oder an Entkräftung und Erschöpfung gestorbenen Häftlinge, deren genaue Zahl unbekannt ist und nur geschätzt werden kann.

Nicht enthalten sind auch jene Häftlinge, die durch die Lebensbedingungen im Lager und durch die Behandlung der SS entkräftet, erkrankt und in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt waren und deshalb als sogenannte Invaliden zur Ermordung abtransportiert wurden. Wie groß neben den zur Ermordung nach Hartheim transportierten die Zahl derer ist, die auf Transporten in andere Konzentrationslager verstarben, deren Tod auf solchem Transporten geplant und einkalkuliert war, ist gleichfalls unbekannt. Im Häftlingsregister erscheinen sie als Häftlinge, die in ein anderes Lager überführt wurden.

Ein Vergleich der Sterblichkeit bestimmter Häftlingskategorien bzw. bestimmter nationaler Häftlingsgruppen ist schwierig: Zwar kann die Anzahl der Todesfälle zur jeweiligen Gesamtzahl der Häftlinge in Beziehung gesetzt werden und so die Mortalität bestimmt werden. Dabei müsste jedoch zum einen die durchschnittliche Haftdauer der jeweiligen Häftlingsgruppen berücksichtigt, zum anderen der Umstand bedacht werden, dass es unter den Transporten in andere Konzentrationslager auch solche Transporte gab, in denen Häftlinge, die zum Tode bestimmt waren, dazu in ein anderes Lager transportiert wurden. Wie groß diese Zahl ist, kann aus den Angaben des Häftlingsregisters kaum erschlossen werden.

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Das Sterben im Lager nahm gegen Ende des Jahre 1944 und in den folgenden Monaten bis zur Befreiung rapide zu; die Statistik zeigt dies deutlich. Der Tod wurde nun zum alltäglichen Begleiter. Was das im Leben der Häftlinge konkret bedeutete, schildert Joseph Rovan in seinen "Geschichten aus Dachau":
"Im Winter stießen wir auf dem Weg zum Waschraum jeden Morgen auf die bereits erstarrten und gefrorenen Leichen von Kameraden, die in der Nacht gestorben waren, damit sie vom Kommando der Leichenträger dort abgeholt werden konnten. Dieser Tod war uns vertraut und blieb uns dennoch fremd, auch wenn wir mit der einen oder anderen dieser armen Gestalten einen Namen verbinden konnten. Die Ernte, die der Tod am Vortage gehalten hatte, sah ich täglich in der Kartei ankommen, Dutzende und Aberdutzende von abgebrochenen Existenzen, die jetzt beendet waren und archiviert werden konnten." (5)

Die Zahlenangaben im Häftlingsregister über die Todesfälle in Dachau:

Gesamtzahl: 29.055
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