Gespräch mit Jack Terry:

„Die Zivilisation ist ein ganz dünner Firnis über der menschlichen Natur”

Dieser Satz aus dem nachfolgenden Gespräch mit Jack Terry verweist unausweichlich auf die Verpflichtung, der sich jede Bildung und Erziehung zu allererst zu stellen hat. Die Sorge, dass Zivilisation gedeihe und gestärkt werde, dass das Barbarische eben nicht aufbreche, steht im Zentrum besonders der politischen Bildung, gerade wenn sie – als Gedenkstättenpädagogik – an den historischen Orten die geschichtliche Realität des Terrors begreifbar machen kann.

Jack Terry, der der historisch-politischen Bildungsarbeit in Bayern sehr verbunden ist, wurde im April 1945 aus dem Konzentrationslager Flossenbürg befreit. Er lebt in New York.

Die Interviews, die dem folgenden Text zu Grunde liegen, hat Thomas Muggenthaler für den Bayerischen Rundfunk geführt.

„Der Tunnel, der von der Wäscherei, wo die Heizung war, zur Küche führte, ist der Platz, an dem ich am 15. April 1945 versteckt wurde. Ich lag auf den heißen Rohren, Rohren mit heißem Wasser und heißem Dampf. Es war unerträglich, dort zwei Tage lang zu liegen. Ich war dort, weil Milos Kucera als Schreiber wusste, dass am nächsten Tag alle Juden auf den Todesmarsch geschickt werden würden.”

Ein Überlebender des Konzentrationslagers Flossenbürg erinnert sich: Jack Terry, damals ein jüdischer Junge, den ältere Häftlinge versteckt hatten, als die SS kurz vor dem Ende des Krieges die Juden aus dem Lager trieb. Jack Terry stammt aus Polen und hieß damals Jakub Szabmacher. Nach der Befreiung siedelte er in die USA über, ließ sich als Psychiater in New York nieder und behandelte über Jahre hinweg auch ehemalige KZ-Häftlinge. Die Erlebnisse im Lager ließen ihn nie los. Bei einem Besuch in Flossenbürg im Juli 2003 besuchte er auch den Tunnel unter dem einstigen Appellplatz, in dem er Jahrzehnte zuvor versteckt worden war – eine Konfrontation mit seinen Ängsten von einst.

„Ich glaube, wenn ich dort noch etwas länger hätte bleiben müssen, wäre ich gestorben. Es war fast unmöglich, es dort auszuhalten. Aber die Angst, entdeckt zu werden, war immer da. Die Angst, mit der wir von Tag zu Tag lebten, war unglaublich, ich glaube, andere Menschen können kaum nachvollziehen, was es bedeutet, wenn man in jedem Augenblick um sein Leben fürchtet.”

Jack Terry überlebte als einziger seiner Familie den Holocaust. Als die U.S. Army in Flossenbürg ankam, war er der jüngste Häftling. Oft kehren seine Gedanken an diesen 23.  April 1945 zurück, den Tag, als der 15-Jährige mit seiner Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit konfrontiert wurde:

„Der 23. April 1945 ist einer der wichtigsten Tage in meinem Leben. Das war der Tag, an dem die Amerikaner das Konzentrationslager Flossenbürg befreiten. Aber für mich war es der traurigste Tag in meinem Leben. Das erste Mal konnte ich darüber nachdenken, wer ich war und was ich verloren hatte. Es war das erste Mal, dass ich nicht darüber nachdenken musste, wo ich das nächste Stück Brot her bekomme.”


Aufgewachsen ist Jack Terrry in Belzyce, einer kleinen Stadt bei Lublin. Er war eines von vier Kindern einer jüdischen Familie. Der Vater war Kaufmann, die Mutter machte den Haushalt und Jack ging zur Schule. Alles änderte sich schlagartig mit dem Einmarsch der Deutschen im Jahr 1939. Schritt für Schritt wurde das Leben der polnischen Juden zur Hölle, nicht nur, weil sie jetzt den Judenstern tragen mussten:

„Juden war es verboten, Fleisch zu essen. Juden war es verboten, weißes Brot zu essen. Nach dem Ende der dritten Klasse durfte ich nicht mehr zur Schule gehen. Deshalb fing ich an, die Stiefel der deutschen Soldaten zu putzen. Dafür bekam ich ein Eck von dem harten, viereckigen Brot, das die Deutschen aßen. Die Deutschen begannen dann, die jüdischen Läden zu plündern. Sie nahmen alles mit, und ich erinnere mich daran, dass sie einen Zettel hinterließen, auf dem stand: „Die Ware ist mein. Der Zettel ist dein. Wenn der Krieg zu Ende ist, wird alles gut sein.” Das bekam man für die Sachen, die sie mitgenommen hatten.”

Nie vergessen wird Jack Terry den Namen Kurt Engels. Der deutsche Gestapo-Mann kam öfter nach Belzyce und erschoss wahllos Juden. Auch Jack machte im Kindesalter Bekanntschaft mit dem gefürchteten Engels. Als der Junge gerade bei seinem Cousin, einem Friseur, aushalf, wurde er von diesem angesprochen:

„Ich erinnere mich, dass er mich fragte: „Wie heißt du?”, und ich antwortete: „Jakub Szabmacher”. Er sagte: „Wo hast du den deutschen Namen gestohlen?”, und schickte mich dann nach draußen, um sein Auto zu waschen. Alle hatten Angst vor ihm, weil er willkürlich Leute erschoss. Als er aus dem Laden kam, fragte er mich: „Rasiert dein Cousin nur eine Seite?” Ich sagte: „Nein.” „Warum hast du mein Auto dann nur auf einer Seite gewaschen?” Ich dachte, er würde mich erschießen. Ich hatte aber das ganze Auto gewaschen. Solche sadistischen Spiele liebte er.”

Eines Tages wurde Jacks Vater ins Konzentrationslager Majdanek deportiert. Der Junge wollte es zunächst nicht glauben, dass er seinen Vater nicht mehr wiedersehen würde:

„Wir hörten nichts von ihm. Die allgemeine Meinung war, dass niemand dem Lager entkommen könne. Im Nachhinein betrachtet war es sein Todesurteil. Als Kind hoffte ich dennoch, dass ich ihn vielleicht wiedersehen würde, wir kannten ja das Ausmaß der Zerstörung und Vernichtung noch nicht.”

Die traurige Geschichte der polnischen Juden kennt Jack Terry aus seiner persönlichen Erfahrung. Er erinnert sich noch gut daran, wie die Deutschen im Oktober 1942 Juden aus der Stadt trieben.

„Im Oktober 1942 umzingelten sie die ganze Stadt. Sie schrien: „Achtung! Achtung! Alle Juden raus!”

Er selbst war damals schon mit anderen Deportierten auf dem Weg ins Konzentrationslager. Als Jack merkte, dass seine Mutter, die sich in Belzyce versteckt hatte, nicht anwesend war, floh der Junge aus der bewachten Kolonne, die sich auf dem Weg zum Bahnhof befand. Wie er später erfuhr, erreichten die mit ihm Deportierten kein KZ mehr. Sie wurden bereits im Zug ermordet. Über seine Flucht und die Rückkehr nach Belzyce berichtet der nur knapp dem Tod Entkommene:

„Sie schossen auf mich, aber ich lief einfach weiter. Ich lief die ganze Nacht hindurch und gelangte schließlich in unsere Stadt zurück. Dort fand ich meinen Bruder, erschossen mit einer Kugel im Kopf. Meine Mutter und meine Schwestern hatten sich gut verstecken können und so überlebt. Zusammen mit meinen zwei Schwestern begrub ich meinen Bruder. Wir wollten meiner Mutter nicht sagen, dass er umgebracht worden war.”

Die Freiheit war jedoch nicht von langer Dauer. Im Alter von 13 Jahren wurde der Junge mit seinen nächsten Angehörigen ins Lager Budzyn deportiert. Dann kam der 8. Mai 1943 – das tragischste Datum im Leben des Jack Terry. Seine älteste Schwester hatte der Familie zuvor versprochen, dass sie die Mutter nicht allein lassen würde. Sie hielt ihr Versprechen – die Konsequenzen waren fürchterlich:

„Am 8. Mai 1943 wurde das Lager umzingelt. Der Unterscharführer Feix, Reinhold Feix, führte Selektionen durch.
Meine Schwester weigerte sich, mitzukommen, und sagte, sie würde nur zusammen mit meiner Mutter gehen. Daraufhin erschoss Feix meine Schwester vor den Augen meiner Mutter, und dann erschoss er meine Mutter.”

Nach den Recherchen von Jack Terry war Reinhold Feix Sudetendeutscher und von Beruf Friseur gewesen, bevor er zur SS ging. Den Sadismus dieses Mannes begreift er bis heute nicht:

„Feix brauchte keinen Grund, um zu schießen. Er erschoss im Lager Budzyn immer jemand, wenn er hereinkam. Aber diese Grausamkeit, ein Kind vor den Augen seiner Mutter zu erschießen, das ist fast unwirklich, aber damals war es Wirklichkeit. Es wühlt mich immer wieder sehr auf, wenn ich mir vorstelle, wie Feix meine Schwester vor den Augen meiner Mutter erschießt. Ich fühle den Schmerz meiner Mutter, denn meine Beziehung zu meiner Mutter war sehr, sehr stark.”

Der jüdische Junge überlebte selbst nur mit Glück. In Budzyn mussten die Häftlinge Flugzeuge für die Firma Heinkel bauen. Als die Rote Armee näher kam, wurden sie zunächst nach Wieliczka gebracht und dort in einer unterirdischen Salzmine wieder in der Flugzeugproduktion eingesetzt. Doch die Sowjets rückten weiter vor, und schließlich hieß für die Häftlinge das Ziel Flossenbürg, ein Konzentrationslager im Oberpfälzer Wald, unmittelbar an der tschechischen Grenze. In Güterwaggons kamen sie Anfang August 1944 dort an:

„Neben dem ständigen Terror und der Angst waren vor allem der Hunger und die erbarmungslose Kälte in Flossenbürg sehr schlimm. Besonders wenn man bei dem kalten Wind nicht richtig angezogen war und kein Fett und keine Muskeln hatte. Ich wog bei der Befreiung 34 Kilo. Wir mussten bei jedem Wetter, bei Kälte, Regen und Schnee, stundenlang auf dem Appellplatz stehen. Die SS war gut angezogen, hatte Stiefel. Wir hatten nichts, keine Mäntel, keine Pullover. Als ich im August ankam, mussten wir im Zugangslager bei extremer Hitze völlig nackt herumlaufen. Als ich meinen Kopf anfasste, war er total geschwollen und ich konnte meine Finger in meine Kopfhaut drücken. Im Lager hatte man große Angst davor, krank oder verletzt zu werden, weil man keine Chance hatte, sich wieder zu erholen. Dann konnte man sich von dieser Welt verabschieden. Das Ziel war, uns zu zerstören.”

Zunächst musste Jack Terry in den gefürchteten Steinbruch:

„Oh, im Steinbruch wäre ich nach noch einer Woche oder zwei Wochen gestorben. Es war unmöglich. Ich war viel zu klein und zu schwach, um die schweren Steine zu schleppen. Ich glaube, ich habe im Steinbruch nur eine Woche gearbeitet. An meinen Fingern war die Haut völlig abgeschürft, ich konnte nichts mehr anfassen. Dann arbeitete ich bei Messerschmitt, wir machten die Oberklappe und die Unterklappe der Flugzeugflügel.”

Die letzten drei Monate wurde er in der Häftlingswäscherei eingesetzt, was sein Los erleichterte. Wie er dorthin kam, kann er nicht sagen, möglicherweise hatten einflussreiche väterliche Freunde wie der tschechische Schreiber Milos Kucera ihre Hand im Spiel. In jedem Falle war Jack Terry über seine neuen Arbeitsbedingungen erfreut:

„Ja, es war ein guter Job. Es war gut, weil da zwei Ungarn waren, ein General und ein Minister, die in der Wäscherei arbeiteten. Sie aßen ihr Essen nicht, sondern gaben es mir und ich gab es meinen Freunden. Deshalb war es dort viel besser.”

Im Lager traf sich Jack Terry häufig mit seinem Freund Harry Zansberg, der genau wie er aus Belzyce stammte und der einzige Überlebende seiner Familie war. Beide gaben einander in der damaligen Situation Halt, der Kontakt ist seither nicht abgerissen. Für Jack ist Harry, der heute ebenfalls in den USA lebt, die einzige Verbindung zu seiner Kindheit und ein Vertrauter, der das Grauen des Konzentrationslagers am eigenen Leib erfahren hat.

1945 wurde Harry eine Zeit lang ins Außenlager Hersbruck geschickt. Als er von dort zurückkehrte, glich er einem „Muselmann”. So hieß im Lagerjargon ein Häftling, der dem Tod schon näher war als dem Leben. In dieser Situation konnte Jack seinem Freund eine große Hilfe sein:

„Er war schon fast wie ein Muselmann und er war in einer besonderen Baracke untergebracht. Ich sah ihn und sagte: „Ich hol dich da raus.” Und ich ging zu Milos Kucera, um ihn um Hilfe zu bitten. Harry war so geschwächt. In der Wäscherei gaben die Prominenten mir ihre Suppe und ich gab sie Harry. Weil ich in der Wäscherei arbeitete, war es mir auch möglich, ihm einen Mantel zu geben, einen Wintermantel, den er auf dem Todesmarsch trug.”

Bei seiner Ankunft in Flossenbürg war Jack Terry 14 Jahre alt gewesen. Er war deshalb im Block 19 untergebracht worden, im so genannten „Jugendblock”, welcher gegründet worden war, um die Jugendlichen vor homosexuellen Übergriffen zu schützen. Diese „Fürsorge” ruft bei Jack heute ein bitteres Lachen hervor:

„Sie wollten uns vor Homosexualität beschützen. Wir waren an diesem fürchterlichen Ort, wo wir jeden Moment ermordet oder ausgelöscht werden konnten, aber wir sollten trotzdem vor Homosexualität beschützt werden. Sie beschützten uns natürlich nicht, sie schlugen uns. Es wäre lächerlich, zu glauben, dass sie uns beschützt haben.”

Hin und wieder mischen sich auch deutsche Wörter in das Englisch von Jack Terry. Er sprach einst fließend Deutsch, nach dem Krieg las er Heine und Goethe im Original. Auch im Lager verstand er die Sprache seiner Peiniger, eine Fähigkeit, die sich als lebensrettend erweisen konnte:

„Ich habe kein Deutsch zu Hause gesprochen, ich habe es im KZ-Lager gelernt. Ob man im Lager Deutsch sprechen konnte, entschied über Leben und Tod. Oft wurden Leute deshalb ermordet, weil sie nicht verstanden, was die SS-Leute zu ihnen sagten.”

Flossenbürg war kein Vernichtungslager, aber ein Menschenleben zählte auch hier nichts. Geplant war das KZ ursprünglich für 5.000 Häftlinge, untergebracht waren dort schließlich 15.000. Die Zustände spotteten aufgrund der Überfüllung jeder Beschreibung. Der Tod sei immer präsent gewesen, so beschreibt Jack Terry die damaligen Lebensumstände im Lager.

„Immer präsent, immer präsent. Wenn man seine Mütze nicht abnahm, wenn ein SS-Mann vorbeiging, konnte das den Tod bedeuten. Man wachte mitten in der Nacht auf und neben einem lag ein Toter. Morgens wurden die Leichen dann rausgetragen.”

Das Krematorium war ständig in Betrieb. Wenn die Kapazität nicht ausreichte, wurden die Leichen auf einem Stapel Holzscheite verbrannt. Der Geruch der verbrannten Leichen lag penetrant über dem Lager.

„Immer. Man konnte es dauernd riechen, es war immer da. Und nicht nur der Geruch, sondern auch die Asche, die an einem haftete. Schwarzer Rauch kam heraus, und es gab daher keine Vögel. Ich konnte keine Vögel entdecken. Als ich hierher zurückkehrte, wunderte ich mich, wie viele Vögel es hier gibt.”

An Weihnachten 1944 wurde Jack Terry Zeuge einer Hinrichtung von sechs russischen Häftlingen. Ein Erlebnis, das sich ihm wie den anderen anwesenden Inhaftierten in die Erinnerung eingebrannt hat:

„Im Dezember 1944 fand eine Hinrichtung statt. Alle mussten auf dem Appellplatz stehen und zuschauen. Vor dem Tor stand ein Christbaum – und auf dem Appellplatz wurden Leute erhängt. Die SS-Leute gingen herum und achteten darauf, dass wir alle zusahen und dass wir nicht traurig schauten. Es war eine furchtbare Situation, aber sie war Teil unserer Existenz. Es war eine komplett andere Welt, in der wir hier waren.”

Als die U.S. Army näher rückte, trieb die SS die Häftlinge aus Flossenbürg nach Süden, in Richtung Dachau. Diese Todesmärsche waren das blutigste Kapitel der Lagergeschichte, etwa 7.000 der zuletzt 15.000 Häftlinge überlebten diese Evakuierung nicht. Zuerst fielen die jüdischen Inhaftierten der Räumung des Lagers zum Opfer. Jack Terry entkam jedoch der SS, weil alte Häftlinge den 15-Jährigen in dem erwähnten unterirdischen Gang versteckten. Der Tunnel existiert heute noch und wurde im vergangenen Juli von dem damals Geretteten besichtigt:

„Die Rückkehr in diesen Tunnel ruft bei mir große Angst hervor. Die Gefühle von damals tauchen wieder auf, besonders wenn ich an die Konsequenzen der Befreiung denke. Als die Amerikaner kamen, da wurde mir das erste Mal bewusst, dass ich ganz alleine auf der Welt war, keine Familie hatte, nichts. Das war zum ersten Mal, dass ich wieder an etwas anderes dachte als daran, wie ich die nächsten Minuten überleben könnte oder etwas zu essen bekommen könnte, etwas, das ich in den Mund stecken könnte. Dieser Ort ruft all diese schrecklichen Gefühle wieder hervor.”

Nach zwei Tagen verließ Jack Terry den Keller. Der größte Teil der SS war abgezogen, doch er war nicht gerettet. Ein ukrainischer Häftling erkannte ihn und bemerkte, dass ein Jude übrig geblieben war. Milos Kucera und dessen Freund Carl Schrade versteckten ihn erneut. Carl Schrade trug den grünen Winkel der privilegierten Lagerältesten.

„Dann kam die SS zurück. Ich wurde im Krankenrevier versteckt, wo mir Carl Schrade, der Chef des Reviers und ein Freund von Milos Kucera, eine neue Identität gab. Einen russischen Namen mit einer russischen Nummer von jemandem, der bereits gestorben war. Mein Name wurde in Vaganov, Wassilji, umgeändert. Ich blieb im Krankenrevier, bis die Amerikaner kamen, und zwar in der Typhus-Abteilung. Hier war die Gefahr, dass die SS hereinkommen würde, sehr gering, da die Krankheit hoch ansteckend war. Aber wir hatten die ganze Zeit Angst, dass die SS wieder zurückkommen und das ganze Gebäude niederbrennen würde. Denn es waren nur noch 1.500 Menschen im Krankenrevier, von denen die meisten todkrank waren und im Sterben lagen.”

Menschen wie Carl Schrade und Milos Kucera standen für einen Rest von Zivilisation in der brutalen Welt des KZ’s. Sie verkörperten für Jack in all dem Grauen Menschlichkeit.

„Ja, natürlich. Ich spreche nur in größter Hochachtung von ihnen. Für mich sind sie zwei symbolische Ikonen für das höchste Maß an Menschlichkeit. Sogar in so einer Zeit waren sie bereit, etwas zu geben und anderen Menschen zu helfen. Sie sind zwei Persönlichkeiten, an die ich mich bis heute täglich erinnere. Ohne sie hätte ich nicht überleben können.”

Mit der Befreiung von Flossenbürg durch die amerikanischen Streitkräfte zwei Wochen vor dem Ende des Krieges in Europa endeten für Jack die Jahre des täglichen Grauens. Ein Colonel der U.S. Army nahm sich des Waisenjungen an und nahm ihn mit in die Vereinigten Staaten.

Bei ihm fand er wieder so etwas wie eine Familie. Als Jack amerikanischen Boden betrat, trug er noch die in seinem Arm eintätowierten Großbuchstaben KL, die ihn als Häftling eines deutschen Konzentrationslagers auswiesen.

„In Wielicka hatten sie mir ein KL auf meinen linken Unterarm tätowiert. Der amerikanische Offizier, der mich nach Amerika brachte, war Hautarzt. Als ich ankam, fragte er mich, ob ich die Tätowierung weg haben wollte. Ich zögerte, und er sagte: „Komm schon”, und entfernte sie mit einer elektrischen Nadel. Man sieht sie nicht mehr. Aber für mich ist sie immer noch da. Auch wenn man sie nicht sehen kann, ist sie immer da.”

In den USA studierte Jack Terry Geologie. Als Soldat wurde er nach seinem Studium in den 50er Jahren in Heidelberg stationiert. Plötzlich durfte er in Deutschland die besten Restaurants besuchen – für ihn eine kleine Genugtuung.

„Nach zehn Jahren war ich kein Drecksack mehr, sondern ein Herr Leutnant. Das war ein kleiner persönlicher Triumph.”

In dieser Zeit besuchte der einstige Häftling auch den Steinbruch von Flossenbürg. Bei diesem Besuch hörte er, wie in der Nachkriegszeit über das KZ gesprochen wurde – und schwieg.

„Ich kam nach Flossenbürg, weil ich damals Geologe war. Das war in der Zeit, bevor ich Arzt wurde. Ich kam mit der „Deutschen Geologischen Gesellschaft”. Damals sprach ich noch fließend Deutsch. Ich hatte Zivilkleidung an, und einer der Ausflüge führte uns hierher in den Steinbruch. Der Führer, der uns begleitete, sagte: „Da war ein KZ-Lager, aber es war nicht so schlimm.”

Der ehemalige Häftling konnte die Lager nicht so schnell vergessen. Grundsätzliche Fragen der menschlichen Psyche beschäftigten ihn mehr und mehr. Den Anstoß, seinen Beruf zu wechseln und Psychiater zu werden, erhielt er, als er im Dschungel von Venezuela als Geologe unterwegs war. Auf dieser Reise wurde er mit einer Szene konfrontiert, die er nicht begreifen konnte, aber begreifen wollte:

„Der Grund, warum ich Psychoanalytiker wurde, war, dass ich herausfinden wollte, warum Menschen das taten, was ich gesehen hatte. Eines der Bilder, die immer wieder in meinem Gedächtnis auftauchten, war der Appellplatz in Flossenbürg. Als ich hier ankam, sah ich Menschen, die aufeinander lagen, und ich verstand nicht, was vor sich ging. Schließlich fand ich heraus, dass ganz unten ein Muselmann lag, der ein Stück Brot in der Hand hatte: Jeder versuchte, dieses Stück Brot zu bekommen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass jemand einem Sterbenden ein Stück Brot wegnehmen würde. Dieses Bild tauchte immer wieder vor meinen Augen auf. Das war der Grund, warum ich Psychiater wurde: Ich wollte herausfinden, warum Menschen tun, was sie tun.”

Zu den Patienten des New Yorker Psychiaters gehörten auch ehemalige KZ-Häftlinge. Seine persönlichen Erfahrungen halfen ihm, sich in ihre Situation einzufühlen. Für die meisten war es ein großes Problem, dass sie keine Zeit gehabt hatten, um ihre Angehörigen zu trauern, weil der Kampf um das eigene Überleben in den Lagern ihre ganze Aufmerksamkeit verlangt hatte.

„Die Menschen leben mit dieser Erfahrung weiter. Es gibt keinen Tag in ihrem Leben, an dem sie nicht an diese Erfahrungen denken oder vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen sich so oder so verhalten. Der Psychiater kann dem Patienten beim Trauerprozess helfen, mit den Depressionen umzugehen, unter denen er unter Umständen leidet. Nicht jeder Überlebende wurde durch diese Erlebnisse unwiderruflich um seine psychische Gesundheit gebracht, aber jeder ist davon geprägt. Das ist ein großer Unterschied.”

Ein anderes Problem, das den Psychiater häufig beschäftigte, war der Schaden, den das Selbstwertgefühl der Häftlinge im Lager genommen hatte:

„Mein Blockältester Gieselmann, Karl Friedrich Alois Gieselmann, nannte jeden von uns Drecksack. Um mich zu schlagen, zog er seine Lederhandschuhe an, damit seine Haut nicht meine Haut berührte. Nach einiger Zeit beginnt man sich dann als Drecksack zu fühlen. Wie kann man sich davon erholen? Wie kann man wieder ein Selbstwertgefühl wie ein normaler Mensch bekommen?”

Bis heute ist für ihn eine derartige Grausamkeit nicht verstehbar. „Die Zivilisation ist ein ganz dünner Firnis über der menschlichen Natur.” Diesen Satz eines seiner Patienten hat er sich zu eigen gemacht. Eine befriedigende Antwort fand er allerdings nie.

„Nein. Ich wünschte, ich könnte es verstehen. Das Einzige, was ich tun kann, ist, William Blake, den englischen Dichter, zu zitieren, der sagte: „Grausamkeit hat ein menschliches Herz.” Nein, ich habe keine Antwort darauf. Ich möchte auch Tadeusz Borowski zitieren, der sagte: „Wir haben nie gelernt, wie man aufhört zu hoffen.” Das habe ich in seinem Buch „This Way to the Gas, Ladies and Gentlemen” gelesen. Er war ein junger polnischer Dichter und als Häftling in Auschwitz. Einige Jahre nach der Befreiung beging er Selbstmord. Nein, es gab keine Hoffnung mehr. Der einzige Gedanke war, wie man von einer Minute zur nächsten überleben konnte. Borowski gibt dafür ein Beispiel. Er beschreibt, wie in Auschwitz Leute vom Bahnhof zur Gaskammer gingen. Ein Mann fiel hin und ein Wachposten sagte zu ihm: „Steh auf oder ich erschieße dich!” Der Mann stand auf und ging die letzten 100 Meter in die Gaskammer. Der Wille, zu überleben, gehört wie ein fast tierischer Trieb zur menschlichen Natur.”

Religiös ist Jack Terry nicht mehr. Er hat drei Kinder. Sie sind nicht religiös aufgewachsen, alle drei haben nichtjüdische Partner. Jack Terry selbst verlor den Glauben an Gott im KZ.

„Ich verlor den Glauben an Gott in Flossenbürg. Er hatte mich zuvor verlassen. Deshalb verließ ich ihn. Nach Flossenbürg war ich überzeugt, dass es keinen Gott gibt. Wie kann es einen Gott geben, wenn so etwas geschehen kann? Wenn sie kleine Kinder nehmen, gegen die Wand werfen und erschießen? Wenn es einen Gott gäbe, wäre das nicht passiert.”

Jack Terry sah selbst mit an, wie deutsche Besatzer ihre Schießübungen mit jüdischen Kindern abhielten. Alle diese Erlebnisse hat er jetzt in einem Buch niedergeschrieben, das zunächst in den USA erscheinen soll. Viele KZ-Häftlinge haben lange geschwiegen, sie wollten nicht erzählen. Bei Jack war es anders. Er wollte berichten, was er erlebt hatte, fühlte sich aber zu oft zurückgewiesen.

„Wir, die Überlebenden des Holocaust, wollten über unsere Erfahrungen sprechen. Als ich in die USA kam, wollte ich meine Geschichte erzählen. Aber wenn ich zu erzählen begann, kam in die Gesichter derer, die zuhörten, ein leidender Ausdruck. Sie versuchten, das Thema zu wechseln und gaben entweder mit ihrer Mimik oder ausdrücklich zu verstehen: „Erzähle bitte nichts. Ich möchte nichts davon hören.”

Im Jahre 1995 kehrten zum 50. Jahrestag der Befreiung des KZ’s erstmals ehemalige Häftlinge zu einem gemeinsamen Treffen nach Flossenbürg zurück. Seither kommt Jack Terry jedes Jahr an diesen Ort, diskutiert mit Jugendlichen und engagiert sich bei der Neugestaltung der Gedenkstätte.

„Es ist ein Ort, den ich immer gehasst habe. Es ist ein Ort, von dem ich wünschte, er hätte nie existiert. Es ist ein Ort, von dem ich wünschte, dass er zerstört werden würde. Aber jetzt komme ich zurück und wünsche mir, dass der Ort erhalten bleibt. Und das ist sehr wichtig – nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa, für die ganze Welt, damit die Leute hierher kommen und daraus lernen.”

Bei seinem Besuch in Flossenbürg im Juli trug Jack Terry oft die Kappe seines New Yorker Rudervereins. Er ist ein drahtiger, sportlicher Typ. Früher lief er Marathon. Nicht ohne Stolz verweist er auf eine Bilanz von 27 Marathonläufen, die alle in einer Zeit unter drei Stunden zurückgelegt wurden. Einmal sei er ausgerechnet am Jahrestag der Befreiung durch Boston gelaufen, wie er amüsiert berichtet:

„Der Boston-Marathon findet jedes Jahr am dritten Montag im April statt. Einmal war es der 23. April. Es war ein wunderschöner Tag, und ich sagte mir: Ist es nicht wundervoll. Ich bin hier, und wer hätte das gedacht, dass ich am 23. April 1980 einen Marathon in Boston laufen würde. Wenn mir das jemand am 23. April 1945 oder 1944 gesagt hätte, hätte ich gedacht, er ist verrückt.”

Interviews gibt Jack Terry ohne langes Zögern. Es gibt Momente emotionaler Erschütterung, aber meist spricht er erstaunlich ruhig. Bei Besuchen in Flossenbürg allerdings wird das Vergangene natürlich wieder aufgewühlt:

„Nach so vielen Jahren, in denen man das Geschehene aufgearbeitet hat, stumpft man mehr oder weniger ab. Aber in bestimmten Situationen brechen die Gefühle wieder auf. Als ich zum 50. Jahrestag der Befreiung nach Flossenbürg zurückkehrte, träumte ich zum Beispiel in der ersten Nacht hier von meinem Vater. Das heißt, das alles begleitet einen immer. Wenn ich deshalb davon spreche, dass das Konzentrationslager Flossenbürg befreit wurde, achte ich sehr darauf, nicht zu sagen, dass ich befreit wurde. Weil ich niemals von den Erfahrungen und den Verlusten befreit werden kann. Sie sind immer gegenwärtig.”

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Redaktion des BLZ-Report 4/2003


Jack Terry und Alicia Nitecki
Jakubs Welt

Die Erinnerungen des Jack Terry
Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 2005, 142 Seiten
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