Renate Weggel, Gymnasium bei St. Anna, Augsburg

Exkursion nach Dachau und zum Außenlager Kaufering

Inhalt:

Einleitung: Warum ein Besuch in einer Gedenkstätte? – Warum Dachau? – Warum in Kombination mit einem Außenlager?

Unterrichtspraktische Überlegungen (Vorbereitung)
Vorschlag für einen Rundgang in Dachau mit Texten, die an den einzelnen Stationen vorgelesen werden können
Der regionale Aspekt: Augsburger im KZ Dachau
Vertiefung: Besuch des Außenlagers Kaufering
Schülermeinungen zu den KZ-Besuchen
Technische Hinweise

"Die sich des Vergangenen nicht erinnern, sind dazu verurteilt, es noch einmal zu erleben"
(G. Santayana)

Einleitung:

Warum besuchen Schüler Gedenkstätten wie Dachau?

Im Auftrag der Landeszentralen für politische Bildung von Hessen und Thüringen führte das Institut für Marktanalysen, Sozial- und Mediaforschung GmbH Psydata aus Frankfurt eine Untersuchung durch, bei der Schüler aus Hessen und Thüringen vor, während und nach dem Besuch der Gedenkstätten Breitenau, Hadamar und Buchenwald befragt wurden. Hier möchte ich mich allerdings auf die hessischen Jugendlichen beschränken, da deren soziokultureller Hintergrund eher mit dem von Schülern aus Augsburg und seinem Umland übereinstimmt.

Wir sind in Geschichte momentan beim Nationalsozialismus, und da traf sich das ganz gut. Das hat eigentlich unser Lehrer so bestimmt ... damit wir uns das [Massenverfolgung und Massendiskriminierung] mal ansehen können.

Das ist bei uns in der Schule Tradition. Ich glaube, unsere Schule fährt da schon seit 10 Jahren hin und wir waren halt dieses Jahr dran.

Das war ein glücklicher Zufall. Wir halten in Religion immer verschiedene Referate ... und dann hieß es, wir gehen dahin.

Aus diesen Aussagen ist zu schließen, dass die Schüler den fast immer vom Lehrer kommenden Vorschlag kritiklos hinnehmen, als Bestandteil dessen, was man im Unterricht oder in der betreffenden Schule "halt so macht". Der Ausflugscharakter einer solchen Unternehmung und die "angenehme Abwechslung zur alltäglichen Unterrichtsroutine" werden auch hier betont.

Welche Erwartungen verknüpfen Lehrer mit einem Gedenkstättenbesuch?

Die hessische Untersuchung ergab auch, dass - wenn überhaupt - nur selten direkte, monokausale Zusammenhänge zwischen Einstellungsveränderungen und dem Besuch einer Gedenkstätte feststellbar sind. Dies gilt natürlich in erster Linie für latent oder offen vorhandene rechtsradikale Neigungen, aber auch für die Sensibilisierung gegenüber den Auswirkungen von menschenverachtender Behandlung allgemein. Durch einen Besuch in Dachau werden Schüler auch nicht plötzlich mehr Interesse am Fach Geschichte zeigen als früher. Auch haben manche Schüler Schwierigkeiten oder Hemmungen, ihre persönliche Betroffenheit auch zu artikulieren.
Somit muss die Zielsetzung des Lehrers eher im Bereich Erfahrbarmachung liegen - mit Hilfe der Ausstellung, des Films und der Besichtigung des Lagers Wissen über das KZ allgemein und über das Schicksal der oder - wenn möglich - spezieller Häftlinge z.B. aus lokalen Widerstandsgruppen zu vertiefen.
Man kann auch - und das halte ich für durchaus legitim - affektive Lernziele verfolgen. Berichte von oder über Häftlinge, vor Ort gelesen oder betrachtet, in Verbindung mit visuellen Elementen hinterlassen einen tieferen Eindruck als das Vorlesen und Besprechen im Klassenzimmer. Dazu trägt auch der Gedenkstättencharakter als solcher bei. Selbst wenn die Kirchen oder Kapellen der verschiedenen Konfessionen bei Unterrichtsbesuchen eher selten mit eingeplant werden, deutet ihr Vorhandensein darauf hin, dass doch, und zwar von allen Konfessionen gemeinsam, versucht wird, die Erinnerung an die Gräueltaten der Nationalsozialisten aufrechtzuerhalten, ohne dass dies allzu dick aufgetragen erscheint. Hier Schuldbewusstsein bei den Schülern hervorzurufen, wäre der falsche Weg. Obwohl Schüler Bescheid wissen wollen über den Nationalsozialismus und auch bereit sind, diese Zeit nicht zu verdrängen, ist er für sie doch nur Geschichte, von der sie sich selbst nicht mehr betroffen fühlen.

Welche Erwartungen haben Schüler?

Bei den befragten hessischen Schülern ergibt sich ein äußerst diffuses Bild. Offensichtlich kamen viele mit relativ wenig Vorwissen. Es lässt sich aber feststellen, dass bei manchen eine gewisse Sensationslust vorhanden ist ( man stellt sich ein grausiges Szenario vor mit Gräbern und engen Einzelzellen) und ist vom realen Bild eher enttäuscht. Andere hingegen, vor allem diejenigen, die vorher gar keine Vorstellung von einem KZ hatten, waren eher betroffen.
Genau dies ist in Dachau auch ein gewisses Problem. Besonders bei schönem Wetter sehen die Anlage insgesamt und auch das Innere der nachgebauten Baracken keineswegs schrecklich oder "gefängnismäßig" aus und es bedarf einiger Phantasie, sich beides voll oder überfüllt mit ausgehungerten, entkräfteten und ihrer menschlichen Würde beraubten Häftlingen vorzustellen. Deswegen ist der Film zur Ergänzung unbedingt notwendig; das Vorlesen passender Augenzeugenberichte zumindest hilfreich. (In der Baracke stehen dafür Sitzplätze für Gruppen zur Verfügung.)

Was lässt sich speziell in Dachau vermitteln?

Dachau selbst versteht sich durchaus als Lernort im Sinne der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates aus dem Jahr 1974:
Unter Lernort ist eine im Rahmen des öffentlichen Bildungswesens anerkannte Einrichtung zu verstehen, die Lernangebote organisiert. ... Seine Eigenart gewinnt jeder Lernort aus den ihm eigenen Funktionen im Lernprozeß.
Zwar bezieht sich dieser Begriff überwiegend auf Betriebe und Lehrwerkstätten in Ergänzung zur Schule, doch ist er in einem weiteren Sinne auch auf eine Institution wie die KZ-Gedenkstätte anzuwenden.

Für einen Besuch mit Schulklassen sind alle drei Aspekte von Bedeutung, selbst wenn die Anwendung solcher Lernzieltaxonomien in den Lehrplänen nur noch implizit eine Rolle spielt. Der kognitive Bereich sollte hier allerdings eher zur Vertiefung bereits erarbeiteten Wissens dienen als dem alleinigen Zweck der Information; besonders der historische Kontext sollte den Schülern bekannt sein.
Die affektive Komponente ist für mich persönlich an dieser Stelle sehr wichtig. Gareis und v. Vultejus stellten in ihrer Untersuchung fest, dass man in der Gesamttendenz nicht von einer hohen emotionalen Betroffenheit und einem daraus resultierenden gefühlsmäßigen Bewältigungsbedürfnis bei den meisten Schülern sprechen kann. Ein gewisser Grad von Betroffenheit ist, wie bereits ausgeführt, eigentlich fast immer festzustellen. Damit ist allerdings nicht ausgesagt, wie lange dieser Effekt anhält. Man hört immer wieder Äußerungen wie: "So hätte ich mir das nicht vorgestellt". Der Schritt zum ‚gefühlsmäßigen Bewältigungsbedürfnis’ dürfte für Schüler der jetzigen Generation und auch, wenn sie ganz ehrlich sind, für die Lehrer der Nachkriegsgeneration, nicht im Vordergrund stehen. Die Vermittlung bestimmter Verhaltensnormen braucht in Bezug auf die Schule nicht weiter erörtert zu werden. Diese sind selbstverständliche Erziehungsziele und unter anderem auch in der Bayerischen Verfassung als solche festgeschrieben. Alle 3 Bereiche sollten somit in Dachau zusammenwirken, um der Vorstellung von einem Lernort gerecht zu werden. Nun ist zu fragen, ob das Angebot der Gedenkstätte so gestaltet ist, dass diese Ziele erreicht werden können.

Wie ausreichend ist das Angebot der Gedenkstätte?

Zur Vermittlung von Information dienen in erster Linie die Ausstellung und der Film.
Zur Ausstellung gibt es einen sehr ausführlichen Katalog und eine Kurzfassung davon. Der Katalog ist für den Lehrer ein gutes Hilfsmittel zur Vorbereitung, um gezielt Bereiche oder einzelne Dokumente auswählen zu können, mit denen sich die Schüler näher beschäftigen sollen. Es ist in den meisten Fällen nicht möglich und auch nicht sinnvoll, die ganze Ausstellung ausführlich zu betrachten. Als besonders interessant (und Information und Emotion in idealer Weise verbindend) haben sich dabei vor allem die Bereiche erwiesen, die vom Tagesablauf der Häftlinge und von den medizinischen Experimenten berichten. Der Besuch der Ausstellung und des Films werden in der Regel auch bei bestellten Führungen den Schülern und ihren Lehrern selbst überlassen.
Die Außenanlagen beinhalten eine nachgebaute Baracke, die eher den Eindruck einer Jugendherbergsunterkunft vermittelt. Bei genauerem Hinsehen kann man jedoch große Unterschiede in der Anordnung und ‚Ausstattung’ der Betten gegen Anfang und Ende des Bestehens des Lagers feststellen. Im Rahmen einer Führung wird auch der Krematoriumsbau besichtigt. Der Weg dorthin vermittelt einen recht guten Eindruck von der Größe des Lagers. Auch das Tor mit der zynischen Aufschrift Arbeit macht frei trägt zur insgesamt doch bedrückenden Atmosphäre bei.
Insgesamt betrachtet sind das Informationsmaterial und auch die Konzeption der Ausstellung aus didaktischer und museumspädagogischer Sicht veraltet; die Bilder und Dokumente sind nur Anschauungsobjekte, Arbeitsblätter, gleich welcher Art, gibt es nicht. Gegen den Film kann man vielleicht auch Argumente finden, doch fordern seine visuellen Effekte die emotionale Beschäftigung mit dem Thema KZ in großer Bandbreite geradezu heraus, auch wenn der Begleittext heute eventuell anders (weniger moralisierend) gestaltet werden würde.
Die Vor- und auch die Nachbereitung eines Besuchs in Dachau muss daher sorgfältig erfolgen; der Besuch ersetzt nicht die Besprechung der Ideologie des Nationalsozialismus. Will man als Lehrer bestimmte Gebiete auswählen, z.B. regionalgeschichtliche Aspekte einbringen, so muss man dies immer noch selbst vorbereiten, unter Nutzung von selbst zusammengestelltem Quellenmaterial.

Möglichkeiten und Grenzen des "Erfahrbarmachens"

Auch hier können die hessischen Erfahrungen wieder zum Aufzeigen der Grenzen der in Dachau vermittelbaren Informationen, Emotionen und Wertvorstellungen dienen:
Wenn man das wirklich einmal hautnah gesehen hat, sowas hinterlässt schon einen intensiveren Eindruck, als wenn man so etwas in einem Buch liest.

Diese Brutalität kann man durch Erzählen allen nicht ins richtige Bild umsetzen.

Es war wichtig, etwas darüber zu lernen, was damals passiert ist. ... Es war unmenschlich. Das habe ich verstanden.

Es gibt aber auch Aussagen wie:
Breitenau ist einfach nicht erschreckend genug.

Hier zeigt sich deutlich das Dilemma sowohl für die Verantwortlichen für die Gedenkstätten als auch für Lehrer. Einerseits erwarten die Schüler durch ihr Vorwissen häufig ein Szenario, das Gruseln, Grauen oder Abscheu hervorruft. Dies kann (und soll) natürlich im Außengelände nicht geboten werden. Andererseits soll durch den Gedenkstättenbesuch doch ein Denkprozess angeregt werden mit dem Ziel, mitzuhelfen, dass sich diese Vorgänge nicht wiederholen - getreu dem eingangs zitierten Motto der Gedenkstätte:
Im Moment brauchen wir solche Gedenkstätten, denn mit diesen Asylantenheimen und so, da läuft es doch auch so auf die Reichskristallnacht raus.

Vorher sagen die vielleicht, was habe ich damit zu tun, 50 Jahre später. Und wenn sie dann da waren, hoffen sie, dass sowas nicht mehr passiert.

Wenn man das erst mal gesehen hat, überlegt man sich sicher, wenn man wählt. ... Da würde man nie eine rechtsradikale Partei wählen.

Solche Schlussfolgerungen sind sicher keine Einzelfälle, doch wird so etwas eher spontan bei oder kurz nach dem Besuch geäußert. Es wäre nun wichtig, empirisch zu begründen, ob solche Einstellungen (vollzogener Gesinnungswandel oder Festigung der vorher schon vorhandenen negativen Grundhaltung gegenüber der nationalsozialistischen Ideologie) auch auf längere Sicht hin von Bestand sind. Solche Untersuchungen in Bezug auf Besucher von Gedenkstätten, speziell Schüler, existieren aber leider nicht. Soziologen und Psychologen sind sich aber generell darüber einig, dass ein Neonazi durch einen Besuch in einer Gedenkstätte kaum von seiner ‚Ideologie’ (so weit er über diese überhaupt ein klares Bild hat) abzubringen ist. Der ‚normale’ Schüler wird wohl spontan betroffen sein und ebenso spontan daraus Konsequenzen für seine Einstellung ziehen, aber wenn er danach für längere Zeit nicht mehr mit solchen Problemen konfrontiert ist, werden sich die Erinnerungen und auch gewisse Fakten verwischen, manches wird, wohl unbewusst, verdrängt und einiges sicher auch schlicht vergessen.Zum gleichen Ergebnis kam auch die Forschungsgruppe von Psydata:
Insgesamt bleibt festzustellen, dass im familiären und sozialen Umfeld der Besuch nur kurze Zeit Thema ist. Die Erfahrungen bleiben nur kurz an der Oberfläche. Die Erfahrung des Gedenkstättenbesuchs wird zum abrufbaren, bruchstückhaften Alltagswissen und vervollständigt die Vorstellung vom "Nationalsozialismus".

Warum ein Besuch in Dachau in Verbindung mit einem Außenlager?

Für Schüler aus dem südschwäbischen Raum bietet sich an, im Anschluss an den Besuch der Gedenkstätte Dachau das Außenlager Kaufering einzubeziehen. Hier können sie sehen, zu welcher Arbeit die Häftlinge herangezogen wurden, nämlich zum Bau eines Bunkers (von mehreren) zur Industrieproduktion. Dieser Bunker wird noch heute von der Bundeswehr genutzt und ist auf Anfrage jederzeit zugänglich. Im Wald sind noch die Reste der ‚Wohnbaracken’ erhalten, die ein weit eindrucksvolleres Bild von den Lebensumständen der Häftlinge vermittelt als die Baracke in Dachau. Insofern kann der mehr theoretische, informative Besuch in Dachau durch die noch im Originalzustand existierenden Bauten vertieft werden. Der oft beklagte ‚Museumscharakter’ von Dachau wird in idealer Weise ergänzt. Der regionale Aspekt und die Möglichkeit der Projektarbeit bzw. der Umsetzung der für Kaufering erarbeiteten Aspekte in der eigenen Region spielen ebenfalls eine große Rolle.

 

1. Unterrichtspraktische Überlegungen

Die Schüler sollten Dachau und/oder Kaufering zumindest mit dem Vorwissen besuchen, was man unter einem KZ zu verstehen hat und welche Rolle die KZs im System des Nationalsozialismus spielen. Der Begriff "Außenlager" sollte ebenfalls definiert sein. Dies setzt die Behandlung der NS-Ideologie und die Etappen der Machtergreifung voraus, hat aber den Nachteil, dass dann der Dachau-Besuch in der 9. Klasse in der ‚Wandertags-Hochsaison’ im Juli, und aus schulpraktischen Überlegungen meist nach dem Notenschluss, erfolgen muss, was unter Umständen dem Lerneffekt abträglich sein kann. Das Thema NS-Zeit mit einem Besuch in Dachau einzuleiten, erscheint mir wenig sinnvoll.
Zur Definition von KZ:
Von den Nationalsozialisten wurden die KZ lediglich als "Verwahrungs- und Erziehungslager" bezeichnet. Hier sollten Menschen, "die sich als Schädlinge am deutschen Volkskörper erwiesen haben und deren Sinnesänderung insoweit aussichtslos erscheint" festgehalten werden, um sie – wie es an anderer Stelle hieß – "vorübergehend unschädlich zu machen und sie zu brauchbaren Volksgenossen zu erziehen.
Hilde Kammer, Elisabeth Bartsch: Nationalsozialismus. Begriffe aus der Zeit der Gewaltherrschaft 1933-45. rororo-Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg 1992, S. 111.

Dieser hier zitierte Lexikonartikel beinhaltet neben einer Karte auch die Geschichte der Lager, die Verwaltungsstruktur und die Einteilung der Häftlinge und deren Kennzeichnung mit verschiedenfarbigen Winkeln.

Unter "Außenlager" versteht man die jeweiligen Außenkommandos, d.h. im allgemeinen Industriebetriebe, in denen Häftlinge arbeiten mussten. Je nach Entfernung vom Hauptlager Dachau wurden gesonderte Lager für diese "Arbeiter" angelegt. Diese befanden sich zum Teil in schon vorhandenen Gebäuden (z.B. in Augsburg in einer Kaserne) oder mussten (wie in Kaufering) von den Häftlingen selbst gebaut werden.

Hilfreich für die Vorbereitung eines Besuchs der Gedenkstätte Dachau ist auch das Wissen um den Standort Dachau. Die heutige Einbindung des Lagers in ein Wohn- und Gewerbegebiet täuscht über die damaligen Verhältnisse hinweg:

1916 siedelte sich in Dachau, genauer gesagt auf Fluren der Gemeinden Prittlbach und Ebenhausen, eine Pulver- und Munitionsfabrik an. Damit zog erstmals Industrie in Dachau ein. Aber mit dem Niedergang dieser Fabrik wurde aus dem Markt in den 20er Jahren die "notleidendste Stadt Bayerns" mit der höchsten Arbeitslosenrate im Reich (1926). Das voll erschlossene und hermetisch abgeschlossene Gelände gehörte dem Staat und war Heinrich Himmler bekannt – wohl deshalb wurde dieser Ort für das erste Lager ausgewählt. Der Dachauer Gemeinderat wurde darüber nicht informiert; Dachau selbst war auch keineswegs eine Hochburg der völkischen Bewegung, die NSDAP hatte im Gegensatz zur KPD nicht von der Arbeitslosigkeit profitiert. Der Auf- und Ausbau des Lagers erfolgte weitgehend unabhängig von jedweden Plänen der Gemeinde. Bis 1934 (bis zum Röhm-Putsch) bestanden Kontakte zum Lager, auch die örtliche Presse berichtete darüber. Danach war das Lager weitgehend autark, wenn auch die Lagerleitung sich durchaus bei gesellschaftlichen Anlässen im Ort sehen ließ. Der wirtschaftliche Aufschwung, den man sich erhofft hatte, blieb aus. Bei dem ab 1935 verfolgten Weg, den Fremdenverkehr in die Gemeinde zu holen, störte das Lager nur noch. Es gehörte aber immer noch nicht offiziell zu Dachau, erst 1939 wurden Prittlbach und Ebenhausen und damit auch das KZ-Gelände eingemeindet.

Zusammengefasst nach einem Referat von Sibylle Steinbacher: Stadt und Lager Dachau, gehalten am 15.2.2001


2. Ein Vorschlag für einen Rundgang auf dem Außengelände

Vorbemerkung:
Dieser Rundgang verfolgt das Ziel, das Lagerleben anhand der Aussagen von Betroffenen nachzuvollziehen. Deshalb werden hier zu jeder Station Texte vorgeschlagen, die dort vom Lehrer oder von Schülern vorgelesen werden können. Deren Verfasser beziehen sich nicht immer auf Dachau; die Beschreibungen des KZ-Alltags sind meines Erachtens nicht vom Ort abhängig. Der Führende muss natürlich eine Auswahl treffen, kann die Texte auch kürzen, um die Schüler nicht mit der Fülle von Grausamkeiten zu erschlagen. Dennoch eignet sich diese Form meiner Meinung nach besser als Schülerreferate oder gar das Ausfüllen von Arbeitsblättern, damit die Schüler vor Ort eine Vorstellung davon bekommen, wie man sich den Alltag eines Lagerinsassen vorstellen muss.
Natürlich ist dieser Rundgang kein grundlegend neu entwickelter; selbstverständlich wurden Elemente selbst erlebter Führungen einbezogen. Was mir an diesen aber nicht gefiel, z.B. die Überfrachtung mit Fakten und das lange Stehen, möglichst in der glühenden Juli-Sonne mitten auf dem Appellplatz, um sich all diese Fakten anzuhören, soll durch das Verlesen der Texte vermieden werden. (Siehe auch Einleitung) Fragen der Schüler dazu ergeben sich von selbst, genauso wie das Lesen der Schautafeln vielleicht mehr dazu anregt, nachzuhaken, als lange Lehrerinformationen. Die wichtigsten Aspekte über die Funktion der einzelnen Gebäude sollten jedoch jeweils am Anfang kurz erläutert werden.

Als Ergänzung dazu werden in Punkt 3 die Biographien Augsburger KZ-Häftlinge angeführt. Sie können entweder bei der Vor- oder der Nachbereitung des Gedenkstättenbesuchs eingesetzt werden oder bei einer "Stillphase" in einem der Versammlungsorte auf dem Gelände. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf den "Verbrechen", die diese Personen in den Augen des Regimes begangen hatten. Der biographische Ansatz kann aber eigentlich nur ein ergänzender sein.

Im Anschluss an diesen Rundgang, der nicht länger als 2 Stunden dauern sollte und in der Gesamtgruppe zu absolvieren ist, sollte der Film angesehen werden. Die Beschreibungen aus den Texten werden zum einen dadurch visualisiert und zum anderen sind sie eher auf die Brutalität der Bilder vorbereitet als wenn der Film am Anfang des Besuchs stünde.

So lange die Ausstellung noch nicht neu gestaltet ist, sollten sich die Schüler diese allein ansehen, wobei sie Schwerpunkte setzen sollten. Ein Muss sind die Tafeln mit der Beschreibung der medizinischen Versuche an Menschen.

Station 1 (fakultativ): Das Mahnmal

Als Einstieg in die Thematik der Entwürdigung eines Menschen durch das Lager bietet sich dieses Mahnmal an: Erst bei genauerem Betrachten erschließen sich ausgemergelte Menschengestalten, verstrickt in Stacheldraht, jeglichem Menschsein beraubt.
Wenn man ins Detail gehen möchte bei der Einteilung der Lagerinsassen, kann man den Schülern gegenüber vom Mahnmal die Kennzeichnung durch verschiedenfarbige Winkel erläutern.

Station 2: Der Haupteingang mit "Arbeit macht frei"

Will man hier beginnen, ist ein ähnlicher Einstieg wie am Mahnmal möglich: Was musste jemand empfinden, der diesen Satz las?

Station 3: Der Appellplatz

Hier erscheint mir am wichtigsten, dass die Schüler erkennen, dass das Erscheinen auf dem Appellplatz den Tag nicht nur begann und beendete, sondern auch das Wohl und Wehe des gesamten Lagers bedeutete. "Besondere Vorkommnisse", welcher Art auch immer, waren unbedingt zu vermeiden, um nicht stundenlang auf diesem Platz stehen zu müssen. Auf diese Weise sicherte sich die Lagerleitung das Wohlverhalten der Insassen der einzelnen Baracken durch das Prinzip "mitgefangen, mitgehangen", also einer negativer Solidarität, aus der aber auch durchaus oft eine wirkliche Solidarität der Häftlinge untereinander entstand.

Tagesablauf

Sommer
4.00 Uhr Wecken
5.15 Uhr Zählappell
6.00-12.00 Uhr Arbeitszeit
12.00-13.00 Uhr Mittagessen (einschließlich Ein- und Ausmarsch)
13.00-18.30 Uhr Arbeitszeit
19.00 Uhr Zählappell (Dauer ca. 1 Stunde)
20.45 Uhr "Alles in die Baracken"
21.00 Uhr "Alles in die Betten" – "Licht aus

"Winter 5.00 Uhr Wecken
Arbeitszeit: vom Morgengrauen bis Einbruch der Dunkelheit

Aus: Konzentrationslager Dachau. Broschüre des Lagers von 1974.

Ich bin wieder da

Eines Tages, ein paar Wochen nach unserer Ankunft in Dachau, als ich gerade von einem Arbeitseinsatz zurückkehrte, sah ich auf dem Appellplatz unweit vom Jourhaus einen Häftling in gestreifter Uniform, der regungslos auf einer Art Podest stand. Auf der Brust des Unglücklichen hing ein Schild mit folgender Aufschrift: Ich bin wieder da.
Es war ein entflohener, wieder aufgegriffener und ins Lager zurückgebrachter Häftling. Es war heiß, und die Sonne brannte erbarmungslos auf seinen rasierten Kopf und Nacken. Als wir zwei Stunden später wieder aufbrachen, stand er noch immer auf seinem Sockel, mit fast geschlossenen Augen und mit verschleiertem, angsterfülltem Blick. Auch um fünf Uhr abends stand er noch da. Gebannt schauten wir den Unglücklichen an. Es war ein großer, kräftiger, muskulöser und sehr junger Mann, ein Russe vermutlich, der seinem Drang nach Freiheit freien Lauf gegeben hatte. Ein weniger robuster, nicht so stämmiger Bursche hätte diese Tortur des stundenlangen, regungslosen Strafestehens, ohne Wasser und unter der sengenden Sonne, nicht überstanden, ohne bald zusammenzubrechen. Beim geringsten Anzeichen von Schwäche wäre einer der SS-Männer, die ihn vom Fenster des Jourhauses beobachteten, herbeigeeilt, um ihn mit Stockhieben wieder aufzurichten.
Nachts wurden die wieder eingefangenen Ausreißer in den Bunker gesteckt, ohne Nahrung und ohne Wasser. Wir hatten Grund zur Annahme, dass die zur Wache eingeteilten Häftlinge ihnen gegenüber weder mit Schlägen noch mit Spott sparten. Das waren natürlich keine Politischen, sondern »Schwarze« oder »Grüne«, die das Vertrauen der SS genossen.
Als wir am nächsten Morgen um 7 Uhr nach dem Appell das Lager »verließen«, hatte der Flüchtige wieder seinen Platz eingenommen; er erschien mir abgemagert, und ein unmerkliches Zittern durchlief unaufhörlich seine Beine. Der Kopf war nach vorn gebeugt. Am Abend dieses zweiten Tages, als wir von unserem Einsatz zurückkehrten, sahen wir, wie er der Länge nach langsam in sich zusammensackte und zu Boden sank. Vom Jourhaus kam ein SS-Mann herbeigelaufen, gefolgt von einem Strafgefangenen mit einem Eimer Wasser, den dieser über dem jungen Flüchtling ausgoß, ohne ihn jedoch zur Besinnung bringen zu können. Der SS-Mann ließ daraufhin vier Häftlinge aus der Einsatzgruppe des Lagerkapos holen, die den Bewußtlosen zum Lagergefängnis rechts vom Appellplatz schleppten.
Am Morgen des dritten Tages bekamen die Blockältesten vom Lagerkapo den Befehl, allen Häftlingen, für die sie verantwortlich waren, mitzuteilen, dass das Ausrücken der Arbeitskommandos verzögert sei. Nach dem Appell - zu dem sich alle Blocks auf dem großen Platz versammelten - blieben wir bewegungslos in den Rängen stehen. Da tauchten am Ausgang des Hauptgebäudes, dort, wo sich die Duschen befanden, zehn Häftlinge auf. Sie trugen eine Art Podest, und ihnen folgten vier weitere Gefangene, die ein Gerät schleppten, das einem kleinen Seitpferd ähnelte. Dann erschien ein SS-Mann, gefolgt von vier weiteren Häftlingen, die den Entflohenen halb trugen, halb hinter sich herschleiften. Der Rapportführer, SS-Hauptscharführer Böttcher, der den Innendienst des »Schutzhaft«-Lagers unter sich hatte, ergriff das Wort und gab bekannt, dass der auf der Flucht ergriffene Häftling Anatol Swiridow zu vierzig Stockhieben verurteilt worden sei und danach der Strafkompanie zugeteilt würde.

Aus: Joseph Rovan: Geschichten aus Dachau. Stuttgart 1989, S. 175f.

Station 4: Die Baracke

Es empfiehlt sich, die Schüler zunächst allein durch die Baracke gehen zu lassen und sie dann zu fragen, ob ihnen aufgefallen ist, wie die Größe und Art der Betten sich im Lauf der Zeit verändert hat und wie sie sich dann die "Wohnverhältnisse" vorstellen.

Im Konzentrationslager Sachsenhausen 1938
Wir wurden bald auf Lastkraftwagen geladen und abtransportiert. Niemand wußte, wohin. Nach langer Fahrt über die nördlichen Vororte Berlins landeten wir im Konzentrationslager Sachsenhausen. Als wir in der Dunkelheit vom Wagen springen mußten, wurden wir von SS-Leuten mit Ohrfeigen, Fußtritten und Kolbenstößen empfangen. Dann wurden wir durch ein großes Tor auf den riesigen, durch drei große Scheinwerfer erleuchteten Lagerplatz getrieben. Dort wurden wir geordnet und durch eine Ansprache des Lagerkommandanten begrüßt. Er sagte ungefähr folgendes:
Ihr seid hier als Sühne für die feige Mordtat eures polnischen Rassengenossen Grünspan. Ihr müßt als Geiseln hier bleiben, damit das Weltjudentum nicht weitere Morde unternimmt. Ihr seid hier nicht in einem Sanatorium, sondern in einem Krematorium. Jedem Befehl der SS ist Folge zu leisten. Die SS hat das Recht, auf euch zu schießen, wann sie will. Unsere Jungens treffen verdammt gut. Weglaufen hat also keinen Zweck. Der Stacheldraht um das Lager ist mit Starkstrom geladen. Wer ihn berührt, ist sofort tot. Bei jedem Fluchtversuch wird geschossen. Eure Verpflegung müßt ihr abarbeiten. Wir werden dafür sorgen, dass eure dicken Bäuche verschwinden.
Wir standen die ganze Nacht auf dem riesigen Appellplatz. Austreten war nicht erlaubt. Alle paar Minuten trafen neue Transporte ein. In den frühen Morgenstunden wurden wir in eine Baracke geführt und mußten uns dort vollkommen ausziehen. Geld und Wertsachen wurden uns gegen Quittungen abgenommen. Dann kamen wir nackt in einen Nebenraum, wo uns der Kopf geschoren wurde. In einem dritten Raum wurden wir dann mit leichter Unterwäsche versehen sowie einem blau-weiß gestreiften Drillichanzug. Schließlich wurden wir registriert und wieder zum Appellplatz zurückgeführt. Wir erkannten uns gegenseitig nicht mehr in diesem Aufzug.
Während wir da standen, belustigten sich die SS-Leute damit, uns wahllos zu ohrfeigen oder zu treten. In meiner Nähe stand ein riesengroßer, starker Mann, ein Mathematikprofessor. Als diesem von einem SS-Mann ein Faustschlag versetzt wurde, schlug er zurück, dass der SS-Mann hinpurzelte. Dies sah der Lagerführer und ließ ihn festnehmen. Auf seinen Wink wurde ein Holzbock herangebracht, und der Professor wurde über diesen festgeschnallt. Vier Männer waren dazu nötig, um ihn zu bändigen. Dann mußten wir alle einen großen Kreis bilden, und der Lagerführer verkündete mit lauter Stimme, dass der Jude Itzig zu 25 Stockschlägen verurteilt sei. Und jetzt bot sich mir das menschenunwürdigste Schauspiel, das ich jemals in meinem Leben gesehen hatte. Ein riesiger SS-Mann schlug mit einem Ochsenziemer nach' Kommando 25mal auf den Gefesselten. Dieser schrie und brüllte vor Schmerz, und das Blut spritzte nur so umher. Bei den letzten Schlägen war er wohl schon ohnmächtig, denn er schrie nicht mehr. Dann wurde er abgeschnallt, es wurde Salz und Pfeffer in die Wunden gestreut, und der Bewußtlose wurde fortgeschleppt. Wir haben ihn nie wiedergesehen
Nun kamen wir endlich in eine Baracke, die für 75 Personen berechnet war und in welche 300 Personen hineingepreßt wurden. Das war unsere Schlaf- und Speisestätte. Wir mußten nachts auf dem Fußboden schlafen, so eng aneinandergepreßt, dass wir nur seitlich liegen konnten. Viele Kranke waren unter uns, die genauso hart arbeiten mußten wie alle anderen. Kein Arzt konnte geholt werden, keiner durfte nachts die Baracke verlassen. In den ersten drei Wochen starben etwa 25 Personen unseres Blockes. Wie oft kam es vor, dass nachts der Nachbar röchelte und im Todeskampf lag. Keiner konnte ihm helfen, und am Morgen lag man neben einer Leiche.
Wenn wir morgens um 5 Uhr, noch in völliger Dunkelheit, zur Arbeit zogen, sahen wir jedesmal einige tote Männer im Drillichanzug im Stacheldraht hängen. Sie hatten aus Verzweiflung ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt und zogen einen schnellen Tod dem langsamen, qualvollen Verenden im Lager vor. Man mußte 12 bis 16 Stunden arbeiten (Straßenbau, in der Fabrik oder im Walde) und bekam erst am Abend einen Teller warmes Essen. Am schlimmsten war die Kälte, gegen die man in der dünnen Unterwäsche und den Drillichanzügen nicht geschützt war. Es war ein strenger Winter, und wir hatten bis 20 Grad Kälte. Erfrierungen von Gliedern waren an der Tagesordnung. Die meisten aber starben an Lungenentzündung. Für die kleinste Kleinigkeit wurden grausame Strafen verhängt. Die beliebteste war das Torstehen. Man mußte eine halbe Stunde völlig nackt mit erhobenen Armen vor dem Tor im Schnee stehen. Wer die Arme sinken ließ oder umfiel, wurde solange geprügelt, bis er wieder aufstand oder verendete. Wer es jedoch überstand, hatte mindestens schwere Erfrierungen, meist aber eine tödlich verlaufende Lungenentzündung davongetragen.

Weltlinger, Siegmund: Hast Du es schon vergessen? Erlebnisbericht aus der Zeit der Verfolgung. Frankfurt a. M. 1954; S. 10ff. – abgedruckt in: Wolfgang Scheffler: Judenverfolgung im Dritten Reich. Aus der Reihe: Zur Politik und Zeitgeschichte, hg. v. d. Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Berlin, Berlin 1964.

Station 5: Das ehemalige Barackengelände (Schautafel)

Schon allein das Ablaufen der Lagerstraße gibt einen Eindruck von der Größe des Lagers. Die Schüler sollten erfahren, dass es nicht nur Wohnbaracken gab, sondern z.B. auch das Krankenrevier oder den "Priesterblock".

Stanislav Zámecnik Das Krankenrevier
Stanislav Zámecnik, geboren am 12. November 1922 in Nirnice, Kreis Ungarisch Brod in der Tschechoslowakei, war am 27. Februar 1941 mit der Häftlingsnummer 23947 in Dachau zur ,,Schutzhaft" eingeliefert worden. Der l9jährige arbeitete zuletzt als Pfleger im Krankenrevier. Nach der Befreiung, Ende April 1945, kehrte er in seine Heimat zurück und studierte Geschichte. Er lebt als Historiker in Prag.


Die Zeit der physischen und psychischen Anpassung an das Lager war besonders schwer. Die meisten Häftlinge starben während der ersten drei Monate. Mein Kamerad Zdenek Meloun gelangte zu der Auffassung, dass ihm eine Ruhepause im Lagerhospital vielleicht das Leben retten würde. Er entschloß sich daher, heftige unerträgliche Kopfschmerzen zu simulieren. Bei den Prozeduren, die als "Arztmeldungen" bezeichnet wurden, waren wir täglich Zeugen häßlicher Szenen, die sich mit den angeblichen Simulanten abspielten. Daher versuchten wir, ihm sein Vorhaben auszureden. Er hörte jedoch nicht auf unsere Einwände und wurde erstaunlicherweise sogar im Revier aufgenommen. Nach etlichen Tagen kehrte er jedoch ohne Blinddarm in den Arbeitsblock zurück. Es gab eine ganze Reihe von SS-Ärzten, die sich in Chirurgie spezialisieren wollten und die Operationserfahrung benötigten. Da entsprach der Körper eines neunzehnjährigen Burschen, der noch in einigermaßen guter körperlicher Verfassung war, den Erfordernissen besser als ein Leichnam, der normalerweise solchen Zwecken dient.
Im Lager Dachau breitete sich eine Krätze-Epidemie aus. Bei einer der üblichen Untersuchungen teilte mich der Oberpfleger Zimmermann kurz nach meiner Einlieferung als Kranker ein. Ich hatte eine kleine Eiterblase an der Schulter, die ihm verdächtig zu sein schien. Wir wurden in den Isolierblock Nr.9, den sogenannten Krätzeblock, abgeführt. In einer Stube waren ca. 250 Häftlinge zusammengepfercht, die nur mit ihrer Unterwäsche bekleidet waren. Keinerlei Einrichtungsgegenstände, lediglich Strohsäcke waren vorhanden. Es gab nicht einmal Decken. So hoffte man, die Übertragung der Krätze zu verhindern. Während der Nächte drückten wir uns in großen Knäueln aneinander, um uns, ohne Rücksicht auf die Krätze, auf diese Weise wenigstens etwas zu wärmen. Teil der Anti-Krätzetherapie war eine Diät. Irgend jemand war anscheinend auf die Idee verfallen, dass die Epidemie auf Überfressen zurückzuführen sei. So erhielten die Kranken während der ersten vierzehn Tage lediglich eine Portion Brot. Als ich hinzukam, gab es bereits eine "Krätzediät". Sie bestand aus Wasser mit etwas Grieß oder Graupen, manchmal schwammen auch einige Stärkekügelchen darin herum, die man als künstliches Sago bezeichnete. Dann hörte man auf, diese "Spezialität" zu kochen, und wir erhielten die normale Gefangenensuppe. Das grausame Hungergefühl wurde noch dadurch verstärkt, dass wir pausenlos über das Essen redeten. Wir waren völlig unfähig, an etwas anderes zu denken.
Die Todesrate auf diesem Block war sehr hoch. Die Gefangenen starben an Lungenentzündung. Dauerregen und Frosttage mit Schneeregen wechselten sich ab. Aber ohne Rücksicht auf die Wetterlage mußten wir zweimal täglich in der Unterwäsche vor dem Block zum Appell antreten und einmal wöchentlich eine Badeprozedur absolvieren. In den Baderaum paßte nur ein Teil der Belegschaft gleichzeitig, jedoch wurde der gesamte Block geschlossen hingeführt. Wenn dann schließlich alle gebadet hatten, kehrten wir gemeinsam zurück. Jede Gruppe wurde heiß geduscht einer Kontrolle unterzogen und in Gesunde und Kranke aufgeteilt. Anschließend wurden die Kranken mit einer Teer- bzw. Schwefelsalbe eingerieben. So aufgewärmt, wurden wir dann in die häßliche Vorfrühlingswitterung hinausgejagt. Das Ganze dauerte viele Stunden, bis schließlich alle durchgeschleust waren. Diejenigen, die sich dabei eine Lungenentzündung holten, lagen ohne ärztliche Hilfe und ohne Decke auf den Strohsäcken. Der geschwächte Organismus konnte der Krankheit keinen Widerstand entgegensetzen. So starben sie schnell, häufig ohne das sonst übliche hohe Fieber. Damit war die Heilbehandlung der Krätze in Wirklichkeit eine barbarische Strafe. Jeder Häftling sollte sich bewußt sein, dass es sich nicht auszahlte, die Krätze zu bekommen. Ich hatte Glück, dass ich sie nicht einmal im Krätzeblock bekam, und so wurde ich nach 14 Tagen wieder entlassen.
Dann arbeitete ich in einer Plantage. Es war bereits Frühjahr, doch es war kalt und regnerisch. Häufig fiel Schneeregen. Abends zogen wir unsere nassen Klamotten aus, und morgens mußten wir sie wieder naß anziehen. Obwohl kein Frost mehr herrschte, bildeten sich an meinen Händen und Ohren bösartige Blasen, die sich bald in tiefe Frostwunden verwandelten. Einmal wöchentlich kam ich zum Verbandswechsel in die Ambulanz, wo ich auf die Wunden "Lebertran" erhielt sowie einen Papierverband, der jedoch an den Ohren überhaupt nicht hielt. In den Konzentrationslagern war Unauffälligkeit eine der Voraussetzungen zum Überleben. "Nur nicht auffallen!" legten die Erfahrungen nahe. Ein Kopfverband bedeutete geradezu ein Unglück. Sein Träger kam bei den verschiedenen Schikanen jeweils als erster an die Reihe. "Der Kretiner mit dem Verband" - außer den sadistischen SS-Männern schlugen auch einige der Kapos mit viehischem Vergnügen direkt auf den Verband. Vor allem auf der linken Hand sahen meine Wunden allmählich gefährlich aus. An einem Teil des Handrückens und an den unteren Gliedern zweier Finger waren Sehnen und Knochen freigelegt. Ich fragte den polnischen Pfleger, ob ich denn nicht im Revier Aufnahme finden könnte. Doch dieser warnte mich. Zur Aufnahme sei nur Heiden berechtigt, und es wäre nicht ratsam, ihm meine Hand zu zeigen, sonst würde er mir sicherlich beide Finger, möglicherweise sogar die ganze Hand amputieren. Ich hatte keinen Grund, an dieser Aussage zu zweifeln. War ich doch selbst Zeuge einer solchen Fingeramputation gewesen, die gegen den Willen des Patienten direkt in der Ambulanz vorgenommen worden war. Als dieser aus einer leichten Chloräthylbetäubung wieder zu sich kam und angesichts seiner verstümmelten Hand protestierte, beförderte ihn Heiden mit Fußtritten aus dem Revier. Mein Kapo, ein Sudetendeutscher namens Wamzer, behandelte mich anständig und teilte mich für eine leichtere Arbeit ein. Im Mai wies er mich dem Treibhaus zu. Nach etlichen Monaten verheilten die Wunden.
Zum Herbstbeginn 1941 wurde ich zusammen mit 19 jungen Polen im Alter von 17 bis 20 Jahren als "Schüler" im Revier aufgenommen. Niemand informierte uns darüber, dass wir nach der Schulung nach Auschwitz geschickt werden sollten; das erfuhren wir erst später. Ich wurde der Abteilung der sogenannten gefallenen Engel auf der ersten Stube des Blocks 1 zugeteilt. Dort lagen SS-Männer aus SS-Straflagern. Als Pfleger arbeiteten dort zwei eingedeutschte Polen, die offenkundig heimlich von der SS-Kost ihrer Patienten schmarotzten. Sie gaben mir gleich unmißverständlich zu verstehen, dass ich unerwünscht sei. Die Patienten fingen sogleich an, mir Befehle zu erteilen und mich mit "Du Polacke" zu titulieren. Es gab unter ihnen etliche unangenehme Gesellen.

Quelle: Dachauer Hefte 4 (1988), S. 129-131. Abgedruckt in: Distel/Benz: Das Konzentrationslager Dachau. Geschichte und Bedeutung. Hg. v. d. Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. München 1994.

Arthur Haulot

Ein Glücksfall im Lageralltag
Der Journalist Arthur Haulot, 1913 in Liege (Belgien) geboren, schloß sich nach dem deutschen Einmarsch in Belgien der Widerstandsbewegung an und wurde Ende Dezember 1941 von der Gestapo verhaftet. Im Juli 1942 wurde er ins KZ Mauthausen eingeliefert, vom 8. November 1942 an war er Häftling in Dachau. Nach der Befreiung am 29. April 1945 arbeitete er im Internationalen Gefangenenkomitee, zuletzt als dessen Leiter bis 6. Juni1945. Zurückgekehrt nach Belgien war er bis 1978 Commissaire General du Tourisme. Aus dem Lagertagebuch, das Arthur Haulot von Januar1943 bis Juni 1945 führte:

13. Mai 1943
Heute habe ich mit der Arbeit begonnen. Transport von Brot und Lebensmitteln. Ein harter Tag, aber nur deshalb, weil meine Füße schmerzen. Reichliche Nahrung. Schwere Arbeit. Aber ich bin in bewundernswerter Form und sehr glücklich, meine Muskeln gebrauchen zu können. Nachmittags ein wenig alltäglicher Glücksfall: Fahrt nach Dachau, um Behälter zu transportieren. Das beschert mir einen wunderschönen Ausflug, durch einen Park, einen Tannenwald, die Stadt. Ich komme mit tausend Dingen in Berührung, die ich seit sechs Monaten vergessen habe: Bächen, Fischen, Schwänen, verschiedenen Bäumen (riesigen und grandiosen Eichen, jungfräulichen Birken, vom Harz geschwollenen Tannen, duftenden Linden), süß riechenden Blumen (Flieder, Schneeball, Weiß- und Rotdorn), herausgeputzten Frauen in hübschen Kleidern, Schmetterlingen ähnelnd, Kindern jeden Alters, glücklichen Paaren, die lächelnd vorübergehen, Läden, Restaurants, kurz, dem ganzen realen und pulsierenden Leben! Jede Frau erinnert mich in einem Detail an Louise, jedes Kind an Freddou. Und ich kehre, voll überschwenglicher Freude, mit einer Marguerite zwischen den Lippen, ins Lager zurück.

Quelle: Dachauer Hefte 1(1985), S. 160. Abdruck in Distel/Benz.


Station 6: Das Krematorium

Auch hier sprechen die Gebäude und die Schautafeln weitgehend für sich selbst. Man sollte aber die Schüler auf die Einwurfluke für das Zyklon B aufmerksam machen – sie befindet sich nicht in dem als "Brausebad" titulierten Raum.
Woran stirbt man in Dachau?

Der größte Prozentsatz der im KL Sterbenden stirbt Hungers: entweder direkt an Hungertyphus oder aber an dessen Folgen, an Mangelkrankheiten mit ödematösen und avitaminösen Symptomen. Oedematöse Mangelkrankheiten sind vor allem Oedeme (Wassersucht des Kopfes und der Gliedmassen) und Ascites (Bauchwassersucht); avitaminöse Mangelkrankheiten sind vornehmlich Furunkulose, Skorbut und übelst riechende Phlegmone. Im Bad kann man's so recht sehen, wie sonst nur aus blauer Haut und Knochen bestehende Gefangene einen prall wassergefüllten Abdomen haben: es sind ca. 40 Prozent der Häftlinge. Ascites führt via Atemnot und Herzschwäche - zumindest im KL - meist zum Tode. 30 Prozent der Gefangenen hat Skorbut (Zahnbluten, Zahnausfall, Haarausfall, Blaufärbung der Haut), Furunkulose (oft ist der ganze Körper mit Furunkeln bedeckt) und Phlegmone (eine meist bei den Zehen beginnende übelriechende Fäulnis), die zur Abnahme der Gliedmaßen und -infolge der chirurgischen Unzulänglichkeiten - zum Tode führt.
Die Auspeitschungen sind meist nicht tödlich; doch führen die Nierenschläge oft zu schweren Entzündungen und Verletzungen.
Stirbt ein Häftling Hungers oder an Mißhandlungen, so werden die Angehörigen natürlich nicht von der wahren Todesursache in Kenntnis gesetzt: nicht einmal die Behörden (Standesämter) dürfen sie erfahren. SS-Reichsarzt Dr. Grawitz hat ausdrücklich Befehl erteilt, dass auf den für die Behörden bestimmten Leichenschauscheinen als Todesursache nur "zivile" Krankheiten wie Lungenentzündung, Rippenfellentzündung usw. angegeben werden dürfen. Strengstens verboten wurde die eine Zeitlang üblich gewesene Bezeichnung "Todesursache: Allgemeine Körperschwäche". Die Leichenschauscheine werden oft schon für einige Tage im voraus ausgefüllt und vom Lagerarzt unterschrieben; der Schreiber der Totenkammer, ein langjähriger Häftling, hat dann nur noch Namen und Daten des Gestorbenen einzusetzen. Praktisch geht das so vor sich: Der Lagerarzt betritt die Schreibstube und fragt:
"Schreiber, Sie Arschloch, genug Blanko?" Antwort: "Nein, Herr Sturmbannführer, ich habe nur noch zehn Blanko für Pneumonie (Lungenentzündung), vierzig Häftlinge werden aber heute sterben!" Antwort des Lagerarztes: "Stellen Sie noch 30 Scheine aus auf Pleuritis exsudativa dextra (rechtsseitige Rippenfellentzündung) ! Also, Arschloch, die nächsten 30 krepieren an Pleuritis!"
Als das KL Dachau im September 1939 aus Propagandagründen vorübergehend aufgelöst worden war, sind die Insassen auf die Lager Buchenwald, wo es besser ist als in Dachau, und Flossenbürg und Mauthausen, wo es bedeutend schlechter ist, verteilt worden. Von den am 26. September 1939 nach Mauthausen (oder, wie die Häftlinge sagen: Mordhausen) überführten 1650 Gefangenen waren im Januar 1940 bereits 950 verhungert oder erfroren: sie mußten bei 30 Grad Kälte ohne Mantel, in dünnstem Anzug, zerrissener Wäsche (die erst nach drei Monaten gewechselt wurde) im Steinbruch schaffen, die Brecheisen ohne Handschuhe anfassen usw. und hatten feierabends und sonntags Strafexerzieren. Wer sich zum Arzt meldete, dem befestigte er sofort die Totenmarke an Zehe und Hals, ließ ihn zu den Toten in einen Schuppen werfen, in den es hineinschneite und mit dem nächsten Leichentransport (die Leichen wurden nackt wie geschlachtete Schweine auf einen Wagen geworfen) ins Krematorium gefahren.

Abgedruckt in: Ingeborg Bayer: Ehe alles Legende wird. Der Nationalsozialismus in Deutschland von Weimar bis heute – Berichte und Dokumente. Würzburg 1995, S. 126f.

Vergast wurde in Dachau niemand, eine Tafel in dem als "Brausebad" gekennzeichneten Raum teilt dies mit. Aber es gab andere Orte, an denen Menschen starben. In der sogenannten "Blutrinne" z.B., eine Stelle abseits der Baracken im Wald, bei der die Menschen hinknien mußten und dann durch Genickschuß getötet wurden. "Und dort drüben", Herr M. deutet auf den Platz, an dem heute drei Kirchen stehen, "dort hinten im Wald wurden die russischen Kriegsgefangenen erschossen. Fast jede Woche einmal hörten wir die Schüsse".
Versuche an Menschen gab es auch, Fleckfieber-, Malaria-, Kälteexperimente. Im Museum ist einer dieser Versuche im Bild festgehalten, durch alle Stadien hindurch; das Schlußbild zeigt das Gehirn des Häftlings, an dem festgestellt werden sollte, ob dieser Versuch auch erfolgreich war.
Endstation all dieser Menschen, die hier starben: die Krematorien. Ein zweites wurde gebaut, nachdem das erste nicht mehr ausreichte. Ein Raum mit vier Brennkammern, 1942 gebaut, später im Bundesarchiv finde ich die Baupläne dazu. "Schauen Sie, ich war ja hier, ich weiß, dass diese Baracke - als ,Baracke X’ in den Bauplänen gekennzeichnet - hier stand, obwohl immer wieder behauptet wird, das sei alles erst nach dem Krieg von den Amerikanern gebaut worden. Auch die Leichenstapelräume gab es, die Leichen waren manchmal bis zur Decke gestapelt, wenn man mit dem Verbrennen nicht nachkam. Später, als die Kohlen knapp wurden, hat man sie außerhalb des Lagers vergraben". Cyclon B kennt Herr M. auch. Er hat damit gearbeitet, solange er hier war. Herr M. war Desinfektor. Sein Arbeitsbereich war ein kleiner Raum innerhalb der ,Baracke X’ mit drei dicht verschließbaren Kammern. Hier wurden die Kleider desinfiziert, die aus anderen Lagern kamen, besonders von Auschwitz. "Manche waren von oben bis unten mit Blut verschmiert, gute Anzüge, Mäntel, das Blut war nachher genau noch so drin wie vorher".
Aus einem Bericht von Ingeborg Bayer über eine Führung in Dachau, ebda., S. 194.

Station 7: Der Bunker

Dieser Teil der Gedenkstätte ist relativ neu, deshalb ist seine Konzeption auch moderner. Diese Anlage vermittelt, weil teilweise noch im Originalzustand, am ehesten die Realität des Lagerlebens. Zudem bleiben die hier Inhaftierten nicht unpersönlich, sondern ihre Schicksale können nachgelesen, teilweise auch angehört werden, unter anderem auch das des Hans Beimler.

Im Zuge des Vorgehens gegen die KPD und ihre Abgeordneten nach dem Reichstagsbrand wurde Hans Beimler am 11.4.1933 verhaftet und brutal gefoltert. Am 25.4. wurde er nach Dachau überführt. Als einem der ersten Häftlinge gelang ihm in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1933 die Flucht. Seine Erfahrungen dort veröffentlichte er unter dem Titel Mörderlager Dachau im August 33. Hier einige Eindrücke aus diesem Buch:

Während ich so ... nachdachte, wurde die Tür meiner Zelle aufgestoßen und drei SS-Männer traten ein mit den Worten: ,,Jetzt haben wir dich, Hetzer, du Landesverräter, du Bolschewistensau, du Bonze."
[Er beschreibt dann, wie er Jacke und Hose ausziehen mußte und, auf einer Pritsche liegend, mit einem Ochsenziemer geschlagen wurde]
Nun überreichte [der Lagerverwalter Vogel] mir einen 2 Meter langen Kälberstrick von der Stärke eines Fingers und forderte mich auf denselben am kleinen Wasserleitungshahn aufzuhängen. ... Ich stieg auf die Pritsche und hängte den Strick ... an den Hahn. Nachdem ich wieder heruntergestiegen war, gab er mir folgende Weisung: ,,Wenn in Zukunft wieder jemand die Zelle betritt, haben Sie eine militärische Haltung einzunehmen und zu sagen:
‚Der Schutzhaftgefangene Beimler meldet sich zur Stelle' ,,und - auf den Strick zeigend - ,,sollten Sie irgendwelche Zweifel bekommen, dann steht er ihnen zur Verfügung." Später:
,,Na, Beimler, wie lange gedenkst du denn die Menschheit mit deinem Dasein zu belästigen? Ich habe dir schon einmal gesagt, dass du in der heutigen Gesellschaft, im Nationalsozialistischen Deutschland, ein überflüssiges Subjekt bist."
Als Beimler keine Anstalten machte, Selbstmord zu begehen, wurde ihm eine "Frist" von 2 Stunden gesetzt. Nach einer Stunde erschien einer der SS-Männer und knüpfte die Schlinge:
,,So, jetzt habe ich alles getan, was ich tun konnte, mehr kann ich dir nicht helfen. Also, du brauchst jetzt bloß mehr den Kopf hineinzustecken, das andere Ende in das Fenster hinhängen und alles ist fertig. In zwei Minuten ist alles erledigt. Es ist doch nichts dabei; außerdem kommst du ja doch nicht mehr lebendig aus der Zelle raus. Der Befehl des Herrn Kommandanten muß ausgeführt werden!"

(Siehe auch: 3. Biographien Augsburger Häftlinge in Dachau)

3. Biographien Augsburger Häftlinge in Dachau

Johann (Hans) Adlhoch
* 25.1.1884 in Straubing - am 21.5.1945 im Lazarett gestorben

Adlhoch kam 1919 als Diözesanleiter der Arbeiter- und Arbeiterinnenvereine (der katholischen Kirche) nach Augsburg. Von 1924 bis 1933 war er Stadtrat der BVP (Bayerische Volkspartei; der bayerische "Ableger" der katholischen Zentrumspartei) und zählte zu deren rechtem Flügel. 1933 war er auch kurzfristig Reichstagsabgeordneter.
Allein die Tätigkeit in kirchlichen Organisationen und die Zugehörigkeit zur BVP reichten aus, dass Adlhoch mehrmals verhaftet wurde: zum ersten Mal am 26./27.6.1933, als SPD- und BVP-Stadträte in Schutzhaft genommen wurden. Nach einer "Loyalitätserklärung", freiwillig auf das Mandat zu verzichten, falls dies von der Regierung gewünscht würde, wurden alle am 4.7. wieder auf freien Fuß gesetzt. Als in der Nacht vor den Maifeiern 1934 die von der NSDAP zu diesem Zweck genutzte Sängerhalle im Wittelsbacher Park abbrannte, wurde Adlhoch mit anderen erneut verhaftet zur Sicherung des Maifeiertags .
Von April bis Oktober 1935 musste er im KZ Dachau dafür büßen, dass er im Januar in einer Rede beim Arbeiterverein Hochzoll gesagt hatte, dass er seit der Nationalen Erhebung bereits 5 Mal verhaftet worden sei, was er als eine Ehre empfände. Im Schutzhaftbefehl wurde dies wie folgt kommentiert:
Durch [dieses] Vorbringen ... hat er die Maßnahmen der heutigen Behörden und dadurch des nationalen Staates verhöhnt und lächerlich zu machen versucht.
Ein Mithäftling berichtet über Adlhochs Behandlung dort:
Am ersten Nachmittag mußte er sich in Brennesseln wälzen, wurde immer wieder in die Kiesgrube hinuntergestürzt, in der das Grundwasser stand; keuchend, triefend, mit Schlamm bedeckt, kletterte er mühsam heraus - ein Stoß, wieder hinunter, an die zwanzigmal ...
Danach trat er wiederum bei Arbeitervereinen als Redner auf. Unter anderem rief er die Arbeiter dazu auf, nicht der DAF (Deutsche Arbeitsfront - die NSDAP-"Gewerkschaft") beizutreten.
Mit 56 Jahren wurde er (1940) wieder zum Militärdienst einberufen, kam aber 1941 wieder nach Augsburg zurück.
Am 20.7.1944 (dem Tag des Stauffenberg-Attentats auf Hitler) wurde er erneut von der Gestapo nach Dachau gebracht, kurzfristig wegen seines schlechten Gesundheitszustandes freigelassen und am 19.9.44 endgültig wieder eingeliefert.
Als am 26.4.1945 das Lager wegen der anrückenden Amerikaner evakuiert wurde, sollten die 14.000 Gefangenen, unter ihnen Adlhoch, auf den Marsch ins Tiroler Ötztal geschickt werden. Bei Waakirchen in der Nähe von Bad Tölz endete der Todesmarsch, als die SS-Bewacher am Morgen des 2. Mai plötzlich verschwunden waren. Die Häftlinge schleppten sich nach Waakirchen, wo die Amerikaner einrückten. Sie brachten Adlhoch auch in das Lazarett in München, wo er am 21. Mai vermutlich an Tuberkulose starb.
Am letzten Tag des Marsches wird Adlhoch wie folgt beschrieben:
Mühsam auf einen Stock gestützt ... schleppte sich Adlhoch dahin, immer wieder von starken Hustenanfällen gequält. So kam er immer weiter zurück ans Ende des Elendszuges, wo ein paar besonders rohe SS-Leute die Häftlinge mit dicken Knüppeln nachtrieben. Endlich nachmittags wurde in einem Wald zwischen Reichersbeuren und Waakirchen haltgemacht. Aus mehreren Wunden am Kopf blutend, mit zerschlagenem Rücken, brach Adlhoch zitternd, von Fieberschauern durchschüttelt, zusammen.
Seine Angehörigen wurden von seinem Tod nicht informiert - sie entdeckten schließlich nach wochenlanger Suche sein Grab auf dem Münchner Nordfriedhof.

Hans Beimler
* 2.7.1895 in München - am 1.12.1936 im Spanischen Bürgerkrieg gefallen

Beimler war Mitglied der KPD seit ihrer Gründung 1918. 1928 wurde er von der Partei nach Augsburg geschickt, um den dortigen Unterbezirk im Sinne des stalinistischen Zentralismus neu zu organisieren. Von 1929 bis 1932 war er Stadtrat, 1932 ein paar Monate im Bayerischen Landtag, bis er als Reichstagsabgeordneter zur Freude vieler seiner Genossen Augsburg verließ. Durch sein nicht gerade zimperliches Vorgehen hatte er sich nicht viele Freunde gemacht.
Im Zuge des Vorgehens gegen die KPD und ihre Abgeordneten nach dem Reichstagsbrand wurde Beimler am 11.4.1933 verhaftet und brutal gefoltert. Am 25.4. wurde er nach Dachau überführt. Als einem der ersten Häftlinge gelang ihm in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1933 die Flucht. Seine Erfahrungen dort veröffentlichte er unter dem Titel Mörderlager Dachau im August 33. Hier einige Eindrücke aus diesem Buch:
Während ich so ... nachdachte, wurde die Tür meiner Zelle aufgestoßen und drei SS-Männer ... traten ein mit den Worten: "Jetzt haben wir dich, Hetzer, du Landesverräter, du Bolschewistensau, du Bonze."
[Er beschreibt dann, wie er Jacke und Hose ausziehen musste und, auf einer Pritsche liegend, mit einem Ochsenziemer geschlagen wurde]
Nun überreichte [der Lagerverwalter Vogel] mir einen 2 Meter langen Kälberstrick von der Stärke eines Fingers und forderte mich auf, denselben am kleinen Wasserleitungshahn aufzuhängen. ... Ich stieg auf die Pritsche und hängte den Strick ... an den Hahn. Nachdem ich wieder heruntergestiegen war, gab er mir folgende Weisung: "Wenn in Zukunft wieder jemand die Zelle betritt, haben Sie eine militärische Haltung einzunehmen und zu sagen: ´Der Schutzhaftgefangene Beimler meldet sich zur Stelle` "und - auf den Strick zeigend - "sollten Sie irgendwelche Zweifel bekommen, dann steht er ihnen zur Verfügung."
Später:
"Na, Beimler, wie lange gedenkst du denn die Menschheit mit deinem Dasein zu belästigen? Ich habe dir schon einmal gesagt, dass du in der heutigen Gesellschaft, im Nationalsozialistischen Deutschland, ein überflüssiges Subjekt bist."
Als Beimler keine Anstalten machte, Selbstmord zu begehen, wurde ihm eine "Frist" von 2 Stunden gesetzt. Nach einer Stunde erschien einer der SS-Männer und knüpfte die Schlinge:
"So, jetzt habe ich alles getan, was ich tun konnte, mehr kann ich dir nicht helfen. Also, du brauchst jetzt bloß mehr den Kopf hineinzustecken, das andere Ende in das Fenster hinhängen und alles ist fertig. In zwei Minuten ist alles erledigt. Es ist doch nichts dabei; außerdem kommst du ja doch nicht mehr lebendig aus der Zelle raus. Der Befehl des Herrn Kommandanten muß ausgeführt werden!"

Nach seiner Flucht ging Beimler in die Schweiz, wo er Grenzleitungen zur Betreuung der süddeutschen KPD-Bezirke zusammen mit bayerischen, württembergischen und badischen Funktionären aufbaute.
1936 arbeitete er als Politkommissar der XI. Internationalen Brigade im Spanischen Bürgerkrieg und fand dabei vor Madrid den Tod. Die deutschen Stellen schwiegen sich darüber aus.

Leonhard Hausmann
* 27.2.1902 in Oberhausen - am 17.5.1933 im KZ Dachau erschossen

Der Bauhilfsarbeiter Hausmann übernahm 1932 die Funktion Beimlers als Leiter des KPD- Unterbezirks Augsburg. Für diese Aufgabe war er 1 Jahr lang in der Sowjetunion geschult worden. Als die Übergriffe auf die KPD erfolgten, versteckte er sich bei seinem Genossen Wilhelm Kienzle in der Billerstraße. Als er am 25.3. dessen Haus verließ, wurde er auf offener Straße verhaftet. Am 17.5., so meldete es jedenfalls die linientreue Presse, hätte Hausmann bei Außenarbeiten einen Fluchtversuch unternommen und sei dabei - nach mehrmaligem Anruf durch den Wachposten - erschossen worden. In Wahrheit hatte ihn ein durch seine Grausamkeit bereits vorher aufgefallener SS-Scharführer in eine Fichtenschonung befohlen und hatte ihn dort aus weniger als 30 cm Entfernung erschossen. Seine Frau, die sich zu dem Zeitpunkt ebenfalls in Schutzhaft befand, wurde freigelassen und der SS-Mann wurde des Mordes angeklagt.

 

Clemens Högg
* 20.11.1880 in Wurzach - im KZ Bergen-Belsen im März 1945 an Hungertyphus gestorben

Högg hatte maßgeblichen Anteil am Aufschwung der SPD in Augsburg während er Weimarer Republik. 1922 war er als Leiter des SPD-Unterbezirks in die Stadt gekommen. Im Gegensatz zu Beimler genoss der gelernte Schmied hohes Ansehen und Autorität, und dies nicht nur in seiner eigenen Partei. Mit seine erste Tätigkeit in Augsburg war, einem NSDAP- und SS-Mitglied namens Loritz in höflicher Form klarzumachen, dass er nicht weiter die SPD-Zeitung, die Augsburger Volkszeitung, ausfahren könnte. Dieser Hans Loritz wurde ein Jahr später zur Wachmannschaft nach Dachau abkommandiert. 1936-39 war er dort Lagerkommandant.
Vom 6.3.1933, dem Tag nach der letzten "freien" Reichstagswahl, zu der SPD-Kandidaten nur noch unter großen Schwierigkeiten antreten konnten, ist von ihm dieser Satz überliefert:
Unsere Gesinnung kann uns niemand rauben.
Die Schwäbische Volkszeitung, die dies druckte, erklärte sich auch bereit, von Högg in Auftrag gegebene Flugblätter zu drucken, was postwendend zur Beschlagnahme des Verlagsgebäudes durch die Nationalsozialisten führte (15.3.1933). Högg äußerte sich danach dahingehend, dass eine ehrenvolle Parteiarbeit nur mehr in der Illegalität oder in der Emigration möglich sei. Daraufhin versuchten im Juni 33 SS-Männer in seine Wohnung in der Metzstraße in Pfersee einzudringen und ihn zu erschießen.
Er wurde verhaftet, konnte aber am 13.7. aus dem Gefängnislazarett in seine württembergische Heimat fliehen. Am 10.8. wurde er aber erneut verhaftet und nach Dachau gebracht. Loritz kündigte ihm dort an, dass er sich rächen würde. Im Oktober 1934 kam er wieder frei. Danach betätigt er sich nicht mehr politisch, hielt aber den Kontakt zu seinen Parteigenossen aufrecht, vor allem zu den Revolutionären Sozialisten Bebo Wagers. Dies führte 1939 zu seiner erneuten Verhaftung. Diesmal wurde er ins KZ Sachsenhausen überstellt. Loritz war inzwischen dort Lagerkommandant und konnte seine Rachepläne ausführen. Högg sollte langsam zu Tode gequält werden. In 28 Monaten Einzelhaft in einem Betonbunker, in dem er weder stehen noch liegen konnte, erblindete er langsam, ein Bein musste ihm amputiert werden. Im Februar 1945 wurde er nach Bergen-Belsen verlegt (Sachsenhausen wurde evakuiert). Die genauen Umstände seines Todes sind nicht mehr zu ermitteln: er starb entweder noch dort oder auf einem Weitertransport; die Todesursache dürfte jedoch Hungertyphus gewesen sein.

Josef (Bebo) Wager
* 1905 in Augsburg - hingerichtet am 12.8.1943

Als Mitglied der SPD gründete Wager zusammen mit Freunden nach dem Verbot der Partei 1933 Die "Revolutionären Sozialisten", die es sich zur Aufgabe machten, zunächst die Bevölkerung durch Schriften aufzuklären. Zu diesem Zweck wurden Exilzeitungen der SPD wie die Sozialistische Aktion verteilt und bei SPD-Sympathisanten dafür geworben. Doch gab es einerseits nicht allzu viele dieser Schriften, und andererseits gaben sie nach Wagers Meinung die Zustände in Deutschland zu reißerisch wieder, ohne auf Möglichkeiten hinzuweisen, wie man die Lage verändern könne. Deshalb gründete Wager zusammen mit Eugen Nerdinger eine Art von SPD-Zentrale im Untergrund namens Neu Beginnen. Sie diente auch als illegales Informationszentrum. Doch die Kontakte zu den in ganz Schwaben angeworbenen Gesinnungsgenossen bröckelten langsam ab, teils weil es zu gefährlich wurde, teils aber auch aufgrund einer gewissen Resignation, dass man doch nichts mehr ändern könne. So konzentrierte sich Wager darauf, Lageberichte an die Exil-SPD in Prag zu schicken. Er berichtete unter anderem von den Zuständen an seinem Arbeitsplatz, der MAN:
Die Zustände ähneln in Arbeitsmethoden, Aufsicht und Kontrolle dem Leben und Treiben in einer Kaserne. Und so wie man sich beim Militär der ganzen militärischen Maschinerie nicht als einzelner entgegenstellen kann, so muß man sich auch hier ducken. ... Es gibt [bei den Arbeitern] weder Begeisterungstaumel für das System noch Anhaltspunkte für freiheitliche Regungen. Ein Zustand der Apathie ist eingetreten. Mit dieser Arbeiterschaft können noch viele Experimente gemacht werden. ... So weit noch ehemalige freigewerkschaftliche Funktionäre im Betrieb Arbeit gefunden haben, werden sie von der alten Belegschaft hoch geachtet.
Trotz dieser negativen Einschätzung der Lage konnte Wager auch Widerstandsaktionen von MAN-Arbeitern melden, wie z.B. eine Schmieraktion 1938, als in der Gießerei und in der als besonderer "Unruheherd" bekannten Revolverdreherei Parolen an den Wänden standen wie : Hitler am Galgen - Göring an die Wand - Goebbels gesteinigt - die Parole ins Land.
Während des Krieges versuchte Wager erneut, eine zuverlässige Gruppe aufzubauen, die im Falle eines verlorenen Kriege gleich zur Stelle sein sollte, zur Übernahme der Führung im gegebenen revolutionären Augenblick. (1941 !!) Er rief auch zu Sabotageakten auf, aber seine Mitverschwörer wollten davon nichts wissen.
Die Kontakte zu anderen Gruppen in Süddeutschland und vor allem in Österreich wurden Wager schließlich zum Verhängnis: verhaftete Mitglieder der österreichischen Revolutionären Sozialisten gaben seinen und andere Namen preis. Am 15. April 1942 wurde Wager festgenommen. Bis zu diesem Zeitpunkt war es ihm gelungen, seinen Arbeitsplatz bei der MAN zu behalten. Vom Volksgerichtshof wurde er schließlich zum Tode verurteilt und am 12. August 1943 in München-Stadelheim enthauptet.
In seinem letzten Brief an seine Kinder schrieb er an seinem Todestag:
Dass ich nicht als Verbrecher sterbe, brauche ich nicht zu sagen; dass ich nur Gutes erstrebte.

Familien Nolan und Pröll

Der Werdegang Anna Nolans ist geprägt von ihrer Herkunft aus einer Pferseer Arbeiterfamilie. Vater Karl Nolan war Webmeister in der Spinnerei und Weberei Er engagierte sich im Turnverein und in der KPD. Mutter Rosa arbeitete als Weberin bei Bemberg. Die Familie lebte in einer der SWP-Werkswohnungen.
Als Hitler an die Macht kam, war Anna erst 16 Jahre alt. Trotzdem distanzierte sie sich von Anfang an bewusst gegenüber dem Regime. Zwei Dinge bewogen Sie dazu, aktiv Widerstand zu leisten: zum einen die Erlebnisse ihres Vaters im 1. Weltkrieg, die ihn zum Pazifisten und zum überzeugten Anhänger der KPD machten und zum anderen ihr ausgeprägtes Gefühl für soziale Gerechtigkeit und ihr politisches Bewusstsein. So trat sie 1932 dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) bei.
Als Ende 1932 erst ihr Vater und im März 33 auch ihre Mutter verhaftet wurden, wurde ihr endgültig klar, dass sie die Bevölkerung über die Machenschaften Hitlers aufklären müsste - wenn nötig, sogar unter dem Einsatz ihres Lebens. Zusammen mit anderen Mitgliedern des KJVD klebte sie in Augsburg Plakate an, auf denen die Arbeiter aufgefordert wurden, mit den Kommunisten gegen den Faschismus zu kämpfen. Noch im Jahr 1933 wurde sie verhaftet und bis Januar 34 im Katzenstadel inhaftiert. Im Juni wurde ihr der Prozess gemacht. 9 Monate Einzelhaft in Aichach - so lautete das Urteil. Insgesamt wurden jedoch 21 Monate daraus: drei Monate nach ihrer Entlassung wurde sie erneut eingeliefert mit der Begründung, sie habe noch einer anderen kommunistischen Gruppe angehört, die erst nach ihrer ersten Verhaftung "enttarnt" worden sei. Auch ihrem Vater warf man die Mitgliedschaft in dieser Gruppe vor. Obwohl die Anschuldigung gegen beide falsch war, wurde auch ihr Vater verhaftet und nach Dachau gebracht. Dort wurde er 1937 ermordet.
In Aichach war für Anna Nolan Dunkelarrest angeordnet worden. Die bedeutete, dass die 17-jährige nur jeden 4. Tag ein warmes Essen bekam. Dazwischen gab es nur Wasser und Brot. Nur nachts schob man ihr eine Holzpritsche in die Zelle, aber ohne Decke. Als sie diese Strafe verbüßt hatte, wurde sie ins Frauen-KZ Moringen bei Hannover gebracht. Dort traf sie unter anderem die Frau und die Schwägerin Hans Beimlers, die nach dessen Flucht in Sippenhaft genommen worden waren. Im Juni 1937 durfte sie nach Augsburg zurückkehren. Kurz danach lernte sie Joseph Pröll kennen. Da auch er der KPD angehört hatte und deswegen von 1933-36 im KZ Dachau gewesen war, wurden beide ständig überwacht. 1938 heirateten die beiden. Mit Kriegsbeginn wurde Joseph Pröll erneut verhaftet. Natzweiler im Elsaß, Dachau und Buchenwald waren die weiteren Stationen seines Leidenswegs bis zum Kriegsende. Wenn er von einem KZ zum anderen verlegt wurde, versuchte Anna Pröll, ihn mit ihrem 1939 geborenen Sohn irgendwo unterwegs zu treffen, was ihr auch meist gelang. In dieser Zeit hatte sie nicht immer Arbeit und wurde außerdem häufig von der Gestapo zum Verhör bestellt. Erst nach Beendigung des Krieges war die Familie wieder vereint. Nach 1945 trat Anna Pröll (wieder) in die KPD ein und wurde zur Stadträtin in Augsburg gewählt.

Zusammengestellt nach: Filser/Thieme (Hg.), Hakenkreuz und Zirbelnuß. Augsburg im Dritten Reich. Augsburg 1983, S. 52 und: Gerhard Hetzer, Die Industriestadt Augsburg. Eine Sozialgeschichte der Arbeiteropposition. In: Bayern in der NS-Zeit III, Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt. Hg. v. M. Broszat, E. Fröhlich, A. Grossmann, München 1981, S. 62f, S. 130, S.160, S. 230f., Hans Beimler, Im Mörderlager Dachau, S. 32f., 54, 56f. und Gernot Römer und: Marita Panzer, "Volksmütter". Frauen im Dritten Reich 1933-1945. In: Frauenleben in Bayern von der Jahrhundertwende bis zur Trümmerzeit, München 1993, S. 308.


Noch ein Augsburger in Dachau – der Lagerleiter Hans Loritz:
Am 1. April 1936 wurde der SS-Oberführer Hans Loritz in Dachau Kommandant. Er war 1895 in Augsburg als Sohn eines Kriminalsekretärs geboren und hatte das Bäcker- und Konditorhandwerk erlernt. 1914 ging er als Kriegsfreiwilliger zur Infanterie, geriet später in Kriegsgefangenschaft und kehrte erst 1920 nach Deutschland zurück. Von 1921 bis 1932 war er Polizeibeamter, dann Beamter der Stadtverwaltung in Augsburg (Oberkontrolleur und Einkassierer). Er trat 1930 in die 55 ein und hatte wesentlichen Anteil am Aufbau der Augsburger 55. Vom 1. Juli1934 bis Ende März 1936 war er Kommandant des KL Esterwegen. Loritz blieb Kommandant in Dachau bis zum Juli1939 und wurde anschließend als Führer einer Einheit der Allgemeinen 55 verwendet. Vom 1. April 1940 bis zum 1. September 1942 leitete er das KL Sachsenhausen, dann wurde er zum »Höheren SS- und Polizeiführer Nord« in Norwegen versetzt. Er beging am 31. Januar 1946 in einem Internierungslager in Neumünster Selbstmord.
Höß charakterisiert in seinen hinterlassenen Aufzeichnungen Loritz mit der Bemerkung, für ihn und den Buchenwalder Lagerkommandanten Koch seien die Häftlinge keine Menschen, sondern »Russen« oder »Kanaken« gewesen. Als Kommandant des Lagers Dachau habe man Loritz schließlich abgelöst, weil er zu hart zu den Häftlingen gewesen sei und sich zu wenig um das Lager gekümmert habe; aus gleichen Gründen soll er 1942 seiner Dienststellung im KL Sachsenhausen enthoben worden sein.
In Loritz' Dachauer Amtszeit fällt die offizielle Einführung eines Organisationsschemas, das von der SS allmählich entwickelt worden war und nicht nur in Dachau, sondern auch in den anderen KL Anwendung fand; gleichzeitig wurden die Bezeichnungen Kompanie, Kompanieführer und Gefangenenfeldwebel durch die Ausdrücke Block, Blockführer und Blockältester ersetzt.

Aus: Günther Kimmel: Das Konzentrationslager Dachau. Eine Studie zu den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen. In: Bayern in der NS-Zeit, hg. v. Martin Broszat und Elke Fröhlich, Bd. II. München 1979, S. 369.

 

4. Das Außenlager Kaufering

Zur Vertiefung des in Dachau Gesehenen bietet sich der anschließende Besuch eines Außenlagers in der Nähe des jeweiligen Wohnorts an. Zwar gibt es deren viele (eine Liste ist z.B. dem Katalog zu Dachau zu entnehmen), jedoch sind die wenigsten heute noch erhalten bzw. können besichtigt werden. Das Augsburger Außenlager befand sich z.B. in der Heeres- und Luftnachrichtenkaserne zwischen Pfersee und Stadtbergen, heute besser bekannt unter dem amerikanischen Namen Sheridankaserne. Von dort aus marschierten die Häftlinge z.B. nach Haunstetten zu den Messerschmitt-Flugzeigwerken, aber sie wurden auch in Pferseer Betrieben beschäftigt.

"Lager Kaufering" ist ein etwas irreführender Begriff, denn das, was heute besichtigt werden kann, ist zum einen der Bunker in Landsberg, an der Straße nach Igling gelegen, sowie die Reste einer Wohnbaracke an der Straße nach Erpfting. Auf der B 17 weisen zahlreiche Schilder auf KZ-Friedhöfe oder Gedenkstätten hin, die man bei sehr viel Zeit auch besichtigen kann. Insgesamt gab es 11 solcher einzelner Lager, die unter dem Begriff Kaufering zusammengefasst sind. Sie sind Teil des "Projekts Ringeltaube", der Verlagerung der deutschen Flugzeugproduktion in unterirdische Bunker, die zunächst von den Häftlingen gebaut werden mussten.

Ich möchte hier eher auf die technischen Aspekte der Besichtigung eingehen als auf die inhaltlichen, denn die Führung im Bunker wird von der Bundeswehr übernommen, und die noch vorhandenen Wohnbaracken zeigt und erklärt Frau Barbara Fenner vom Ignaz-Kögel-Gymnasium in Landsberg. Sie hat mit ihren Schülern die im Bunker zu sehende Ausstellung erarbeitet und sie stellt auch Lagepläne und andere Materialien zur Verfügung.

Die Besichtigung des Bunkers ist empfehlenswert, weil allein die Größe dieser Anlage kaum mit Worten zu beschreiben ist. Die Bundeswehr macht sich auch viel Mühe mit den Erklärungen (und wirbt natürlich auch für sich) und ist für Besuche recht aufgeschlossen. (Siehe Punkt 6: Technische Hinweise)
Das Wohnlager in Erpfting wäre sehr beeindruckend, wenn man es von der Nähe sehen könnte. Doch seit einiger Zeit ist das Gelände eingezäunt und der "Konkurrenzverein" in Landsberg in punkto KZ-Außenlager betrachtet das Gelände als sein Eigentum. Die Lage mitten im Wald ist jedoch durchaus eindrucksvoll.
Unbedingt anschließen sollte man einen kurzen Blick in den Friedhof des Landsberger Gefängnisses: Er ist eigentlich der Friedhof der Täter, die alle einheitliche Grabkreuze mit Namen, Geburts- und Sterbetag haben. Dazwischen finden sich dann plötzlich Grabkreuze mit der Aufschrift "ein Jude". Dieser Friedhof befindet sich direkt an der B 17.

5. Schülermeinungen zum Besuch von Dachau und Kaufering

Nach dem Besuch von Dachau und Kaufering habe ich meine Schüler, eine 9. Klasse, nach ihrer Meinung gefragt:
wie sie die Führung in Dachau beurteilen
ob sie den Besuch beider Lager an einem Tag als sinnvoll empfanden.

Ein Schüler hätte sich in Dachau mehr Informationen allgemeiner Art gewünscht, aber alle 26 waren der Ansicht, mit Hilfe der Texte den Lageralltag besser verstanden zu haben. Die Personalisierung, die Thematisierung der Einzelschicksale führte dazu, dass sich die Schüler (so ihre eigenen Worte) ein besseres Bild machen, sich die Zustände besser vorstellen konnten. Auch die Glaubwürdigkeit der Augenzeugen wurde von einer Schülerin hervorgehoben. Einige fanden die Texte (die ich zum Teil ziemlich gekürzt hatte) noch zu lang, einmal kam der Wunsch nach noch mehr Texten. Zwei Schüler bemerkten, dass die Zeit in Dachau (gut 2 ½ Stunden) ohnehin schon sehr lang war und sie deshalb die Texte sehr schätzten, weil sonst die Führung noch länger gedauert hätte.
Generell meinte die Klasse, Dachau müsse man unbedingt gesehen haben; es sei gut, dass ein Besuch dort Pflicht sei.

Bei der zweiten Frage war das Bild wesentlich differenzierter. Man muss vorausschicken, dass diese Klasse die einzige war, die sich überhaupt (und zwar sehr bereitwillig) auf diese ganztägige Exkursion eingelassen hatte. Aber es wurde deutlich, dass die Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit am Nachmittag nachließen, was teils am schönen und warmen Wetter lag, teils aber auch an der ziemlich schlechten Luft und dem künstlichen Licht im Bunker. Ein paar der Schüler fanden die Erklärungen des Bundeswehroffiziers vielleicht deshalb schlicht langweilig.
Wir hatten es diesmal durch die persönlichen Beziehungen eines Schülers geschafft, um den Bundeswehr-Werbefilm herumzukommen, der normalerweise auch zur Führung gehört, aber die Powerpoint-Präsentation der Geschichte des Bunkers ließ doch einiges zu wünschen übrig. Es gab eine Reihe von Schülern, die sagten, der Bunker stehe in keinem Zusammenhang mit Dachau, weil zwar auf den Bau eingegangen wurde, aber nicht auf die Idee der Außenlager. Mir persönlich scheint es wenig sinnvoll, einen Querschnitt des Bunkers mit Häschen auf der Außenhaut zwischen Tannenbäumchen, die dann auch noch von unten ins Bild fahren, zu zeigen. Auf dem Rundgang durch das Bauwerk standen eher technische Aspekte des Baus bzw. der Tornados im Vordergrund, was vor allem die Mädchen veranlasste, festzustellen, dass der Besuch von Dachau ohne Kaufering auch ausreichend gewesen wäre. Einige der Jungen hingegen fanden den Bunker durchaus faszinierend.
Eine Schülerin regte an, zunächst die Erdhütten anzuschauen und danach den Bunker – ein, wie ich meine, sehr überlegenswerter Vorschlag.
In diesem Bunker befindet sich auch die Ausstellung, die Frau Fenner mit einer Klasse gemacht hat. "Wir machen ein KZ sichtbar" ist aber meines Erachtens ziemlich schlecht in einem langen Gang platziert und wird eigentlich nur auf dem Rundgang durch das Bauwerk "eingeschoben". Die umgekehrte Reihenfolge (erst die Geschichte des Lagers und die Lebensumstände der Häftlinge, dann die technischen Detail des Bunkerbaus) fände ich persönlich stimmiger, zumal dann wirklich die Verbindung Dachau –Kaufering deutlich wird.

6. Technische Hinweise

Der Besuch der Gedenkstätte und laut KWMBl Nr. 11/2001 vom 16.5.2001 auch des Außenlagers Kaufering wird von der Landeszentrale bezuschusst, aber nur, wenn der Antrag 3 Wochen vorher gestellt wird, und dies ist mit einem hohen bürokratischen Aufwand verbunden.
Ansprechpartnerin für Kaufering ist Frau OStRin Barbara Fenner, Ignaz-Kögel-Gymnasium, Lechstr. 6, 86899 Landsberg, Tel. 08191/46051, Fax 33682.
Die Bundeswehr muss gesondert und schriftlich um eine Einladung gefragt werden.
Zuständig ist das Luftwaffenversorgungsregiment 3, Iglinger Str. 72/101, 86899 Landsberg. Vom dortigen Presseoffizier erhält man dann einen mehrseitigen "Besuchsbefehl", über dessen Inhalt man sich köstlich amüsieren kann. Die Organisation klappt dann aber auch perfekt. Man kommt aber nicht umhin, sich einen Film über die Aufgaben dieses Regiments ansehen zu müssen. Zwei Stunden Zeit muss man mindestens mitbringen.