Markus Naumann

Außenkommandos des KZ Dachau am Bodensee

Skizze eines Projekts

Durchgeführt am Valentin-Heider-Gymnasium Lindau

mit Schülern der 9. bis 11. Jahrgangsstufe

im Rahmen von Projekttagen am Schuljahresende

Voraussetzung: Alle Schüler haben sich bereits im Rahmen des regulären Unterrichts mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandergesetzt und zum Teil die KZ-Gedenkstätte Dachau besucht.

Denkbar wäre bei einem auf fünf Tage verlängerten Projekt auch ein gemeinsamer Besuch der Projektgruppe in Dachau (am zweiten Tag).

 

Erster Tag: Der allgemeine und lokalgeschichtliche Rahmen

  1. Ausgangsfrage: Warum beschäftigt euch/uns das Thema "KZ-Außenlager am Bodensee"?
  2. Konkretisierung: a) ARD-Sendung "Feindesliebe" vom 15.10.2000, 30 Minuten.

Der im Mittelpunkt der Sendung stehende ehem. polnische KZ-Häftling Z. Kauc war zwar nicht am Bodensee inhaftiert, wird heute jedoch von der Familie eines Lindauer Kollegen, die im Maximilian-Kolbe-Werk engagiert ist, bei seiner Arbeit unterstützt, ehemaligen Mitgefangenen in Osteuropa, die am Existenzminimum leben, durch Hilfslieferungen (Medikamente, Kleidung, Schuhe, Brillen, Hörgeräte usw.) und Kontaktpflege zu helfen.

b) Gespräch mit der Ehefrau des Kollegen (die an einer Stelle der Fernsehsendung über S. Kauc kurz eingeblendet ist) über ihre Erfahrungen bei Hilfstransporten des Maximilian-Kolbe-Werks in Osteuropa.

Nachdem die Schüler für die Aktualität des Themas sensibilisiert sind, erfolgt die Auseinandersetzung mit den historischen Ereignissen.

  1. Allgemeine historische Einführung: Lindau im "Dritten Reich"

1930er: OB Ludwig Siebert [ab 1933 bayerischer Ministerpräsident] und seine Hinwendung zur NSDAP; Antisemitismus am Beispiel des jüdischen Rechtsanwalts Max Nördlinger; kurze Lebensbilder von Lindauer Mitläuferinnen, Widerständlerinnen, Jüdinnen u.a.

[L i t e r a t u r: Karl Schweizer: Der NS-Faschismus in Lindau. Eine Dokumentation, Typoskript, o.J. (1983?); vgl. Gernot Römer: "Wir haben uns gewehrt". Wie Juden aus Schwaben gegen Hitler kämpften und wie Christen Juden halfen, Augsburg 1995, S. 17-21; G. Römer: Der Leidensweg der Juden in Schwaben, Augsburg 1983, S. 88-90; Karl Schweizer: Jüdisches Leben und Leiden in Lindau, Lindau 1989; Karl Schweizer: Lindauer Frauengeschichte(n), Lindau 2000, darin: Lindauerinnen im NS-Faschis-mus, S. 82-99]

  1. Das KZ-System

Entstehung von KZ, Herkunft der Häftlinge usw., KZ als Arbeitslager

  1. KZ-Häftling und Zwangsarbeiter als entscheidender Faktor der Kriegswirtschaft

- Häftlinge und ausländische Zivilarbeiter waren in der Landwirtschaft, im Handwerk und in der Industrie allgegenwärtig (zuletzt über 20% aller Beschäftigten)

- Bedeutung des Rüstungsstandortes Friedrichshafen (war wohl der zehntwichtigste Rüstungsstandort im Deutschen Reich)

Vier große Rüstungsbetriebe (die alle auf Zeppelin zurückgehen, der fast allen Schülern in Lindau präsent ist durch Besuch(e) im eindrucksvollen Zeppelin-Museum in Friedrichshafen):

• Luftschiffbau Zeppelin GmbH (Radaranlagen, Peilanlagen, Fallschirme, Teile für Flugzeug- und Raketenbau)

• Maybach-Motorenbau GmbH (Fertigung aller Motoren für die Kettenfahrzeuge der Wehrmacht [allerdings nicht alle am Standort Friedrichshafen])

• Zahnradfabrik AG (Getriebe für alle schweren Fahrzeuge)

• Dornier-Werke GmbH (Flugzeuge [ca. 6000])

In diesen Betrieben sollen bis zu 14000 ausländische Arbeitskräfte, davon ca. 1000 KZ-Häftlinge, die zum größten Teil in Lagern untergebracht waren, beschäftigt gewesen sein (O. Burger).

- Zwangsarbeiterschicksale

(Akten des Stadtarchivs; Karl Schweizer: Lindauer Frauengeschichte(n), Lindau 2000, S. 97-99)

(Akten aus dem KZ-Archiv Dachau mit Lindau-Bezug wären eine wichtige Ergänzung!)

  1. Besuch des Massengrabs auf dem Lindauer Friedhof im Stadtteil Aeschach

Reflexion über den Standort sowie die Art des Gedenkens

(gepflegt, aber abseits gelegen; nur mit den Namen von 25 KZ- und Zwangsarbeitsopfern versehener kleiner Obelisk mit der knapp über der Erde hinter Blumen angebrachten Zusatzinformation: "Opfer der Jahre 1943-1945")

Weitere Gedenkstätte in Lindau:

Peterskirche auf der Insel. Hier befindet sich eine Gedenktafel mit 14 Namen von Opfern des Nationalsozialismus.

 

 

Zweiter Tag: Die Außenkommandos des KZ Dachau am Bodensee

  1. Das KZ Dachau

Film: Konzentrationslager Dachau (Produktion des BR in Zusammenarbeit mit der BLZ, 1996), 43 Minuten (erhältlich bei der BLZ!)

Diskussion zum Film (Lebens-, Arbeits-, Kommunikationsbedingungen...; Folgen)

  1. KZ-Außenkommandos am Bodensee

(Bei genügend Vorbereitungszeit sollten Akten aus dem Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau herangezogen werden; z.B. das Totenbuch des Dachauer Krankenreviers, das auch Opfer der Außenkommandos registriert [Fotokopie in der Gedenkstätte]!)

  1. Schlachters/Sigmarszell (5. April 1944 bis 7.(?) April 1945)

kleines Außenkommando (6-8 Häftlinge); Unterbringung in einer Holzhütte neben dem Gasthaus Sonne an der B 308 deren Reste erst kürzlich einem Neubau gewichen sind.

Hier, in der Obstbrennerei Nikolodi und in der ehemaligen Edelweiß-Fabrik in Sigmarszell wurden in Dachau begonnene Versuche zur Herstellung eines Blutstillmittels fortgesetzt, wobei die Häftlinge bei der Produktion eingesetzt waren und v.a. als Versuchspersonen herhalten mussten.

Exkurs: Menschenversuche in Dachau

  1. Radolfzell
  1. Friedrichshafen (bis Mai 1944)

ca. 1000 Häftlinge im KZ-Lager

Arbeit in den großen Rüstungsbetrieben Luftschiffbau Zeppelin, Maybach, Zahnradfabrik und Dornier

Nach zahlreichen Bombardements und dem verheerenden Luftangriff vom 28. April 1944 sollten die wichtigsten Friedrichshafener Produktionsstätten dezentralisiert bzw. "bombensicher" unter Tage verlegt werden.

In diesem Rahmen kamen z.B. zusätzlich zum bestehenden Dornier-Werk weitere Einrichtungen der Firma nach Lindau und Umgebung. Für die Untertageproduktion wurden zwei Stollen in Hohenems/Vorarlberg (wo nach dem Krieg die Stollenanlage und ihre Geschichte mittels eines Steinbruchs "entsorgt" wurde, sodass heute nur noch die Reste des Steinbruchs zu sehen sind) und Überlingen gegraben.

  1. Überlingen/Aufkirch (2. September 1944 bis 20. April 1945)

durchschnittlich 700 Häftlinge in einem umzäunten, mit Wachtürmen versehenen Lager;

Arbeit im etwa 1½ km entfernten "Goldbacher Stollen" (bergmännischer Vortrieb einer ca. 4 km umfassenden unterirdischen Stollenanlage, die Friedrichshafener Rüstungsbetriebe aufnehmen und im Mai 1945 fertiggestellt sein sollte)

Auseinandersetzung mit den Erinnerungen des ehemaligen KZ-Häftlings in Überlingen Anton Jez (Textgrundlage: Dachauer Hefte 15 (1999) S. 46-53)

Der Verein "Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen und KZ Aufkirch in Überlingen e.V." (Vorsitz: Oswald Burger) unterhält enge Kontakte zu ehemaligen Häftlingen, die auch zu Besuchen nach Überlingen eingeladen werden. Über den Verein ließen sich auch Gespräche mit Zeitzeugen/ehem. Häftlingen arrangieren!

  1. Fahrradexkursion zum ehemaligen KZ-Außenkommando Schlachters/Sigmarszell (Nachmittag)

 

 

Dritter Tag: Exkursion nach Überlingen

  1. Der Standort des ehemaligen KZ-Außenlagers Überlingen-Aufkirch

(heute Wiese zwischen dem Salem College und einem Parkplatz; Informationstafel und Denkmal!)

evtl. Fußmarsch vom Lagergelände zum Stollen

  1. Führung durch den Goldbacher Stollen an der Oberen Bahnhofstraße

(Führung durch Herrn Oswald Burger)

  1. Besuch des KZ-Friedhofs an der B 31 gegenüber der Wallfahrtskirche Birnau (Informationstafel und Denkmal!)

Eine Tafel mit den Namen der hier bestatteten Häftlinge soll im Sommer 2001 angebracht werden.

 

 

Vierter Tag: Zusammenfassung und Präsentation der Ergebnisse

- Gestaltung einer Wandtafel/Plakat

(Karte des Bodenseegebiets mit Lagerstandorten, Trägerschaft und institutioneller Verankerung der Außenkommandos, Häftlingszahlen, sozialer und nationaler Zusammen-setzung der Häftlingsgruppen, Art der verrichteten Zwangsarbeit, Todeszahlen/Sterb-lichkeitsraten, Einzelschicksalen, Anzahl und Art des Bewachungspersonals, Arbeits- und Organisationsstrukturen, Bildern (Fotos damals - heute ...)

- Präsentation beim Tag der offenen Tür der Schule (Nachmittag)

 

 

Info-Quellen:

      Literatur zu KZ-Außenlagern:

- Wolfgang Benz: Die Allgegenwart des Konzentrationslagers. Außenlager im nationalsozialistischen KZ-System, in: Dachauer Hefte 15 (1999) [Themenheft KZ-Außenlager - Geschichte und Erinnerung], S. 3-16. (erhältlich bei der BLZ!)

- Barbara Distel/Wolfgang Benz: Das Konzentrationslager Dachau 1933 - 1945. Geschichte und Bedeutung, BLZ, München 1994, S. 30-37. (erhältlich bei der BLZ!)

- Ludwig Eiber: Außenlager des Konzentrationslagers Dachau. Bestandsaufnahme - Perspektiven, in: Spuren des Nationalsozialismus. Gedenkstättenarbeit in Bayern, Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 2000, S. 111-121. (erhältlich bei der BLZ!)

- Karin Orth: Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Eine politische Organisationsgeschichte, Hamburg 1999, bes. S. 180-188. 237-243.

Erfassung der Außenlager:

- Gudrun Schwarz: Die nationalsozialistischen Lager, Frankfurt/Main-New York 1990, S. 154 bis 159.

- Internationaler Suchdienst (Hg.): Vorläufiges Verzeichnis der Konzentrationslager und Außenkommandos sowie anderer Haftstätten unter dem Reichsführer-SS in Deutschland und deutsch-besetzten Gebieten (1933 -1945), Arolsen 1969, S. 65-99.

Siehe außerdem die diversen Listen im Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau!

Zur Zwangsarbeit im Dritten Reich:

- Wolfgang Benz: Zwangsarbeit im nationalsozialistischen Staat. Dimensionen - Strukturen - Perspektiven, in: Dachauer Hefte 16 (2000) [Themenheft Zwangsarbeit], S. 3-17. (erhältlich bei der BLZ!)

- Rainer Fröbe: Der Arbeitseinsatz von KZ-Häftlingen und die Perspektive der Industrie, 1943-1945, in: "Deutsche Wirtschaft". Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen für Industrie und Behörden, hg. v. d. Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, Hamburg 1991, S. 33-78.

- Rainer Fröbe: KZ-Häftlinge als Reserve qualifizierter Arbeitskraft. Eine späte Entdeckung der deutschen Industrie und ihre Folgen, in: Ulrich Herbert, Karin Orth, Christoph Dieckmann (Hg.): Die nationalsozialistischen Konzentrationslager - Entwicklung und Struktur, Bd. II, Göttingen 1998, S. 636-681.

- Ulrich Herbert (Hg.): Europa und der "Reichseinsatz". Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in Deutschland 1938-1945, Essen 1991.

- Ulrich Herbert: Fremdarbeiter. Politik und Praxis des "Ausländer-Einsatzes" in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Berlin-Bonn ³1999. (Standardwerk zum Thema ausländische Zivilarbeiter und Kriegsgefangene im Dritten Reich)

- Ulrich Herbert: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge, München 2001, S. 129-189 (zu KZ-Häftlingen und Juden als Zwangsarbeiter S. 167-181).

- Mark Spoerer: Zwangsarbeit im Dritten Reich. Verantwortung und Entschädigung, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 51 (2000) S. 508-527.

- Mark Spoerer: Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1939-1945, Stuttgart-München 2001. (erste Gesamtdarstellung zur Zwangsarbeit insgesamt im Dritten Reich)

- Michael Zimmermann: Arbeit in den Konzentrationslagern. Kommentierende Bemerkungen, in: Ulrich Herbert, Karin Orth, Christoph Dieckmann (Hg.): Die nationalsozialistischen Konzentrationslager - Entwicklung und Struktur, Bd. II, Göttingen 1998, S. 730-751.

Zu Überlingen:

- http://www.topographie.de/gedenkstaettenforum/uebersicht/d_58.htm

- www.lpb.bwue.de/gedenk/gedenk/22.htm

- Oswald Burger: Der Stollen, Überlingen ²1997. (88 Seiten mit Abbildungen; Literaturhinweise)

- Oswald Burger: Zeppelin und die Rüstungsindustrie am Bodensee, in: "1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts", Teil 1 in Heft 1/1987, S. 8-49, Teil 2 in Heft 2/1987, S. 52-87.

- Oswald Burger: Der Stollen. Das Dachauer Außenkommando Überlingen/Aufkirch, in: Dachauer Hefte 15 (1999) S. 38-45.

- Anton Jez: Der Stollen war unser Unglück und unser Glück. Erinnerungen an das KZ-Außenkommando Überlingen/Aufkirch, in: Dachauer Hefte 15 (1999) S. 46-53.

Filme:

- Unter Deutschlands Erde. Ein Video der Medienwerkstatt Freiburg, 1983, Länge: 60 Minu-ten, Produktion und Verleih: Medienwerkstatt Freiburg.

- Wie Dachau an den See kam ... Dokumentation über den Überlinger KZ-Stollen und das Gedenken. Eine Produktion von Querblick, 1995, Länge: 45 Minuten, Produktion und Vertrieb: Querblick. Medien- und Verlagswerkstatt Konstanz.

 

Der Geschichtslehrer (und Kommunalpolitiker) Oswald Burger, auf den die Erforschung des Stollens zurückgeht, steht für Informationen zur Verfügung und vermittelt Führungen außerhalb der regulären öffentlichen Führung an jedem ersten Freitag eines Monats um 17°° Uhr:

Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen und KZ-Aufkirch

Oswald Burger

Seubertweg 12 Informationen auch über die

88662 Überlingen Kur- und Touristen GmbH Überlingen

Tel.: 07551/61964 Tel.: 07551/991122

Zu Friedrichshafen:

- Oswald Burger: Zeppelin und die Rüstungsindustrie am Bodensee, in: "1999. Zeitschrift für Sozialgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts", Teil 1 in Heft 1/1987, S. 8-49, Teil 2 in Heft 2/1987, S. 52-87.

- Adam Puntschart: Die Heimat ist weit ... Erlebnisse im Spanischen Bürgerkrieg, im KZ, auf der Flucht, hg. v. Oswald Burger, Weingarten 1983.

- Ulrike Puvogel, Martin Stankowski, Ursula Graf: Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage, Bonn 1995, S. 35f. (Bundeszentrale für politische Bildung!)

Zu Schlachters/Sigmarszell (Landkreis Lindau):

- Gernot Römer: Für die Vergessenen. KZ-Außenlager in Schwaben - Schwaben in Konzentrationslagern, Augsburg 1984, S. 33-37 (Schicksal des Häftlings Franz Jauk) und S. 177 bis 179.

- Rosmarie Bingger: Sigmarszell 1944/45 - ein Stück Dorfgeschichte, in: Jahrbuch des Landkreises Lindau 2 (1987) S. 93f.