Dachau 1933

Baracke 1933-37
Baracke im KZ Dachau 1933-37
Die Unterkünfte der Häftlinge befanden sich in Steinbauten, die ursprünglich als Munitionsfüllwerkstätten gedient hatten. Jede 'Kompanie' bewohnte eine der insgesamt zehn Baracken des Gefangenenlagers, die jeweils in fünf 'Stuben' unterteilt waren.

"Gefangene im Drillich kamen in die Baracke, trafen Anordnungen; es waren der Feldwebel, Vizefeldwebel und Korporalschaftsführer. Der Korporal [später: Stubenältester - KZ-Häftling, auf Vorschlag des 'Lagerältesten' vom SS-Blockführer eingesetzt, war für alle Vorgänge in der Stube verantwortlich] mit dem wiegenden Gang eines Matrosen verteilte die Schlafgelegenheiten; die Alten und körperlich Behinderten bekamen die unteren Klappen.

Zwei Gefangene kamen in die Baracke und etablierten die Haarschur, den vorschriftsmäßigen Dachauer Schnitt.

In der Mitte des Raumes befand sich die frischgezimmerte dreistöckige Klappenstellage. Sie reichte fast bis unter das Dach. Eine besondere Zwischendecke war nicht eingezogen. Wenn das Holzgerüst noch mit einem Drahtgeflecht überzogen gewesen wäre, diese Dachauer Schlafgelegenheit hätte einen vollendeten Kaninchenstall abgegeben. Als Mobiliar waren eine primitive Bank und ein Tisch da; das Holz sah aus wie Schwemmholz.

Ein Gefangener war damit beschäftigt, an jeder Klappe eine Anzahl Haken einzuschlagen.

An der Mittelsäule fand sich eine in Zierschrift bemalte Tafel, die mit einem Telle der Lagerorganisation bekannt machte. Die Oberaufsicht über eine Kompanie führte der SS.-Kompanieführer. Die Korporalschaft umfaßte 54 Mann, lauter Gesinnungsfreunde; die meisten waren Arbeiter (Bergleute) aus Penzberg, aus Freising, aus den Münchener Vororten und aus München selbst. Ein junger Mensch war Kommunist; einer aus Norddeutschland Stahlhelmer, dem es im Arbeitsdienstlager nicht gefallen hatte.

Der Korporal kommandierte vier Mann zum Strohsackfassen. Dann bekam jeder Gefangene einen leeren Strohsack und eine Hülle für das Kopfpolster. So ausgerüstet, marschierte die Korporalschaft, am Tor von SS.-Leuten in Empfang genommen, fast durch das ganze Lager hindurch zur großen Halle, in der das Stroh aufgeschüttet lag. Der Strohstaub hüllte sie in eine Wolke, die ihnen fast den Atem nahm. Es war hartes Weizenstroh und nicht einmal ganz distelfrei.

Ein jugendlicher SS. trieb mit: »Los, faule Bande! Schneller, schneller!« zur Eile. Die jüngeren, kräftigeren Gefangenen halfen den älteren, und endlich stand die Korporalschaft, auf dem Rücken die dicken Strohsäcke, die Keilpolster unter dem Arm, wieder abmarschbereit. Firner hatte sich ganz hinten angeschlossen. Vor ihm wackelte der Zug von Strohsäcken, unter denen die Beine der Träger klein wie Käferfüße erschienen.

Die Strohsäcke waren schwer. Ein Hinkender taumelte unter dem Riesensack, blieb etwas zurück. Der Posten jagte ihn mit Kolbenstoßen in die Reihe.

Neuer Befehl: »Bettwäsche fassen!« In langer Reihe standen die Männer in dem engen Gang, der zur Wäschekammer führte. Die Oberaufsicht hatte der lange Kerl, der ihnen beim Einmarsch bereits beunruhigend aufgefallen war; er schimpfte unflätig. Die Ausgabe besorgten Gefangene.

Das Bettenmachen gestaltete sich zu einer zeremoniellen Handlung. Die ehemaligen Soldaten erteilten den Uneingeweihten Anweisung. Damit die zwei Wolldecken im blaukarierten Bezug glatt zu liegen kamen, wurden sie von der Bank aus geschüttelt, dann auf dem Tisch ein- und nachher auf der Klappe wieder ausgerollt. Ueber die Breite des übergeschlagenen Streifens rechts und links vom Klappenbrett entstanden Meinungsverschiedenheiten, da der Korporal bei der Marine gedient hatte, die Landratten aber ihre eigene Tradition verteidigten.

Die Auseinandersetzung bewies, daß der Kommis im Wesen des Deutschen total und nachhaltig verwurzelt war. Der Korporal ging reihum und übte Kritik: »Schaut auf eure Klappen! Die SS. sind scharf dahinter her, und wehe dem, der mit der Klappe auffällt! Einnähen ist verboten!«

Bis sie endlich fertig waren, war es spät geworden. Die übrigen Lagerinsassen hatten schon Essen gefaßt, so daß sie leer ausgingen. Sie betrachteten ihr nagelneues Eßgeschirr.

»Die lassen uns heute Kohldampf schieben«, sagte einer. »Denen ist das glatt zuzutrauen.« Die meisten spürten freilich den Hunger nicht mehr vor Erschöpfung und der Unruhe, die in ihnen war.

Alle Kompanien waren vom Menagefassen zurück. Antritt zum Zählappell. Firner sah hei dieser Gelegenheit zum ersten» mal seinen SS.-Kompanieführer [später: Blockführer - der für einen Block, wie eine Baracke dann genannt wurde, zuständige SS-Mann] und war angenehm überrascht. Er war augenscheinlich kein so gemeiner Typ wie die andern, die er bisher gesehen hatte. Der Zählappell klappte. Der Kompanieführer verabschiedete sich mit einem »Gute Nacht!«

Dafür ging es in den Nachbargassen um so lauter zu. Flüche und lästerliche Beschimpfungen hallten herüber.

Abgehetzt, mit vibrierenden Nerven gingen die Gefangenen noch etwas in der Lagergasse auf und ab. Auf dem großen Appellplatz wanderten die grauen Scharen hinter dem Stacheldrahtzaun in großen Runden oder in der Mitte in kleineren Gruppen, selten einer allein. Sicher hatte jeder der Zweitausendfünfhundert seine persönlichen Sorgen, indessen er schickte sie gerne auf Urlaub und tauchte in das Massenschicksal unter. Vielleicht war es gut, hier ein großes Stück seines Selbst auszuschalten und in dem wogenden Meer nur eine kleine Welle zu sein, so wie beim Zählappell eine x-beliebige Zahl.

Um neun Uhr ertönte das Trompetensignal zum Schlafengehen.

Der Korporal gebot Ruhe. Draußen hallten Tritte durch die Gassen: die Nachtkontrolle, die ein stärkeres Scheinwerferlicht durch die Fenster spielen ließ. Der Mondschein erhellte den Raum. Firner lag ohne Schlaf auf dem harten Strohsack. Einer schnarchte stark. Dieses Geräusch wurde zuweilen von kaum hörbarem Flüstern durchstochen. Die zurückgedrängten Fragen standen im Dunkel. So wie er fand wohl auch seine Frau keinen Schlaf, war voller Ängste. Sicher würden die Kinder neben ihr im Bette des Vaters schlafen. Er versuchte, sich die Dinge zu Hause vorzustellen, aber alles schob sich ineinander. Er war ja mitten aus der Unordnung des Umzuges verhaftet worden und hatte gehofft, bald wieder zu Hause zu sein. Da merkte er, daß auch seine Nachbarn nicht schliefen. Die Luft schien mit Flüchen geladen. Er erhob sich und stieß mit dem Kopf gegen die Bretterwand, wurde so nachdrücklich daran erinnert, daß die Schranken dieses Daseins schmerzhaft eng gezogen waren ... Er hatte kaum Schlaf gefunden, als um fünf Uhr das Signal zum Aufstehen geblasen wurde.

»Wenn der Kerl nur wenigstens richtig blasen könnte!« nörgelte einer im Aufstehen.

»Raus! Klappen bauen!«

Der einzige Tisch zum Deckenrollen war umlagert; die meisten verrichteten diese wichtige Handlung auf dem Steinboden, den sie zuvor notdürftig gekehrt hatten. Jeder hatte es eilig; dabei mußten die Inhaber der zwei unteren Klappenreihen bemüht sein, sich nicht ins Gehege zu kommen. Manche turnten verzweifelt in ihrem Schlafkäfig herum, glätteten und strichen und fluchten dabei lästerlich.*

Nachher ging die Jagd auf die Waschschüsseln los. Für 54 Mann waren acht Schüsseln da; Handtücher gab es noch nicht. Die zwei Wasserhahnen im Waschraum waren genau so belagert wie das Clo und die Zeit war kurz. Jeden Augenblick konnte das Zeichen zum Kaffeefassen gegeben werden.

Um halb sechs Uhr ertönte der langgezogene Trillerpfiff.

»Abzählen!« ... »Rechts schwenkt marsch!«

Das Bild sah ganz und gar nicht militärisch aus, trotzdem die Spitze der Kompanie ein flottes Tempo anschlug. Das Vielerlei der Zivilanzüge erweckte den Eindruck, als marschiere hier eine Abteilung eben eingerückter Rekruten. Diese Vorstellung wurde allerdings wieder zerstört bei dem Anblick der vielen ergrauten Männer und der Hinkenden, im Gehen Behinderten, von denen man augenblicklich nicht sagen konnte, welche erst zu halben Invaliden geschlagen worden waren."

Walter Hornung (alias Julius Zerfaß), Dachau. Eine Chronik, Zürich 1936, S. 52-56.

* Im März 1938 verurteilte der Schutzhaftlagerführer Koegel einen Gefangenen "wegen unsauberem Bettenbau" zu acht Tagen "strengen Arrest", 25 "Stockhieben" und einer Stunde "Pfahlbinden". Näheres siehe unter "STRAFEN"

Dachau im November 1940

"Die Baracken schimmerten grün durch den Stacheldraht. Selbst von weitem sah man, daß alles peinlich sauber gehalten war und nicht das kleinste Stückchen Papier herumlag. Aber über allem hing etwas Unerbittliches, etwas Furchtbares, etwas Eiskaltes. Nie zuvor in meinem Leben habe ich eine Umgebung so bedingungslos gefährlich und feindlich empfunden. Es war war, als sei die Luft voll erstarrter Verzweiflungsschreie. ..."

"Wir waren bei "Block 12" angekommen. Groß prangte die Nummer an der Stirnseite. Meier nickte mir zu:
"Also, mach 's gut. Wir sehen uns ja bald wieder." Dann ging die kleine Gruppe weiter.

BLOCK 12  Ich stand allein vor dem Block. Er lag da, nüchtern und gradlinig. Abweisend und beängstigend wirkte seine harte Schmucklosigkeit. Die kleine Straße davor war ebenso unerbittlich und öd. Ich trat bei der ersten Tür ein und kam in einen kleinen Vorraum, der auch nüchtern und sehr sauber war. Vier Türen starrten mich an. Ich öffnete die zur Rechten. Vor mir lag ein großer Raum, etwa sieben auf zehn Meter. In der Mitte stand ein grüner Kachelofen mit einem langen Tisch davor. Hinter ihm, an den Kachelofen angelehnt, saßen zwei Männer und schauten mich an. "Nur herein", sagte der eine.

Baracke 1938
Wohnraum einer Stube nach dem Neubau des KL Dachau 1938 

Ich wollte eintreten.
"Schuhe aus", schrie der andere.
Ich bückte mich und zog die Schuhe aus. Da sah ich erst, daß der Holzfußboden spiegelblank und auf Hochglanz poliert war wie das Parkett eines Salons.
"Stell die Schuhe vor die Tür!" sagte der eine. Folgsam tat ich, was er mir befahl, trat dann ein und ging auf Strümpfen zum Tisch.
"Ich soll hierher gehen, ich heiße Kupfer."
Die beiden am Tisch sahen sich an und lachten:
"So, du heißt Kupfer und du sollst hierher gehen, damit können wir aber gar nichts anfangen. Wer schickt dich denn?"
"Die Schreibstube. "
"Ah, sicher bist du heute erst zugegangen."
"Ja, ich soll mich beim Blockältesten und beim Blockschreiber melden." "Das sind wir", sagten die beiden und lachten wieder.
Dann meinte der eine:
"Wir können aber keinen Zugang gebrauchen, es ist ja alles bis auf ein Bett besetzt."
Ich sah jetzt, während er sprach, an dem Ärmel seines gestreiften Kittels eine schwarze Binde mit der Aufschrift ,Blockältester 12'. Was er sagte, war wenig ermunternd. Ich antwortete kurz entschlossen:
"Dann geh' ich halt wieder und such mir ein anderes Quartier."
Beide sahen mich verdutzt an, dann lachten sie aus vollem Halse. Der neben dem Blockältesten war von schmächtiger Gestalt, er blickte mich erheitert an:
"Scheinst ja ein lustiger Vogel zu sein, kannst schon bleiben. Komm mal her und gib mir deine Personalien."
Er nahm aus einem kleinen Kartothekkasten, der vor ihm stand, eine Karte und begann seine Fragen und Eintragungen. Wieder eine Kartothek! Ich sagte treu und brav alles her, was ein Europäer über seine Person wissen muß, um den Kartothekhunger der Behörden zufrieden­zustellen. Auch meine Nummer wollten sie wissen, sie schien eine sehr große Rolle zu spielen.
Als das erledigt war, hieß es:
"So, jetzt melde dich beim Stubenältesten."
"Wo ist der denn?"
"Ich denke, er sitzt hinter dir."
Ich schaute mich um. Tatsächlich, hinter mir an einem kleinen Tisch am Fenster saß ein Mann und rechnete. Ein kleiner blühender Blumenstock stand auf seinem Tisch.
Ich ging über den spiegelglatten Boden zu ihm hin:
"Ich soll mich bei Ihnen melden."
Er sah auf. Freundliche Augen blickten mich an.
"Du sollst dich bei mir melden, aber ich heiße nicht ,Sie', hier heißen wir alle ,du', wie du auch."
" Verzeihung. "
"Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, du wirst es schon noch lernen, zu allen ,du' zu sagen. In der ersten Zeit ist es auch mir schwer gefallen." Dann ließ er sich von mir Name, Nummer und Personalien nennen. Auch er hatte eine Kartothek von winzig kleinen Karten. Als er mit den Eintragungen fertig war, stand er auf:
"Ich werde dir jetzt dein Zeug geben."
Er öffnete einen Schrank und entnahm ihm einen Aluminiumteller, eine Aluminiumschüssel, einen Löffel, ein Messer, eine Gabel, einen Aluminiumbecher, ein blaukariertes Handtuch und ein rotweißkariertes Handtuch und ein weißkariertes Geschirrtuch.
"Komm, jetzt zeige ich dir deinen Spind."

Spind in Vorzeigebaracke
Spind 1938

Nun erst sah ich, daß sich an den Wanden entlang dunkel gebeizte, flache Schränke befanden. Sie bildeten sozusagen eine Wandverkleidung. Wie eine Zierde standen auf ihnen, mit den Beinen nach oben, zwei Reihen hölzerner Hocker.
Er öffnete einen dieser Spinde. Helles Naturholz leuchtete mir entgegen, rein, fast weiß, wie frisch gehobelt. Es war ein sehr schmales Schrankinnere, etwa fünfzig Zentimeter breit und ebenso tief. Oben waren zwei und unten ein Fach eingebaut. - Die Höhe dazwischen betrug etwa einen Meter fünfzig.
Der Stubenälteste zeigte mir, wo das Geschirr hingehörte, Teller, Messer, Gabel und Löffel wurden auf Leisten an das Türinnere gesteckt, woran sich schon eine Garnitur befand. Der Schrank war also für zwei Personen berechnet. Auf die beiden oberen Bretter kamen die Schüsseln und der Becher. Auch davon war schon je ein Exemplar vorhanden.
Dann erklärte er mir weiter:
"In dieses Fach kommt das Brot, unten bleibt es frei, da dürfen nur Ziga­retten oder ähnliches hingelegt werden. Das Geschirr immer so hineinstel­len, wie ich das jetzt mache. Hier in diesem kleinen Kasten, der an der Türe hängt, ist die Schuhbürste und die Auftragebürste. Dort liegt die Seife. Das Wischtuch wird unter das Handtuch gehängt. Das Handtuch wird in drei Längsteile gefaltet, es muß immer so in tadellosen Falten hier vom Haken hängen. Kein noch so kleiner Fleck darf an das Holz kommen, denn wenn der Blockführer es sieht, gibt es gleich eine Strafmeldung. Hier neben den Bürsten ist Schmirgelpapier. Sowie du einen Fleck siehst, mußt du ihn gleich entfernen. Sonntags wird der Spind gründlich von oben bis unten geputzt und alles abgeschmirgelt. Das Geschirr muß auch ganz sauber sein. Schau, hier unter den Henkeln mußt du durchfahren. Wenn da ein Tröpflein Wasser zurückbleibt und der Blockführer klopft es heraus, gibt es auch eine Strafmeldung. Immer alles sauber waschen und abtrocknen. Für einen einzigen Tropfen Kaffee, der noch am Geschirr sichtbar ist, kannst du eine Stunde Baum bekommen." "Eine Stunde Baum? Was ist das?"
Vom Kachelofen her ertönte Lachen. Der kleine schlanke Blockschreiber sagte:
"Ein Lager-Genußmittel, eine Delikatesse." Der Stubenälteste sah mich ernst an:
"Es ist eine Lagerstrafe, du wirst noch früh genug davon hören". "Wie kann ein Schrank nur so sauber sein? Ist er neu?"
Der Stubenälteste lächelte:
"Er ist schon Jahre alt. Hier muß alles übersauber sein. Aber komm jetzt in den Schlafraum, damit ich dir dein Bett anweisen kann".
Er öffnete eine Türe.

Betten 1938
Schlafraum nach dem Neubau des KL 1938

Spiegelnder, dunkelgefärbter Fußboden glänzte uns entgegen. Der Raum stand voller hölzerner Militärbetten, je drei übereinander. Die Größe des Schlafraumes mochte die gleiche sein wie die des Wohnraumes. Die Betten glichen länglichen, weißüberzogenen Kartons. Darauf lagen die Decken in blaukarierten Überzügen und ließen genau eine Handbreit des weißen Tuches rechts und links sehen. Am Kopfende gingen sie in die exakt viereckigen Würfel der Kopfpolster über.
Ich schüttelte den Kopf:
"Und in diesen Betten schlafen Menschen? Das ist doch nicht möglich!" Er sah mich erstaunt an.
"Warum nicht? Es sieht doch schön und sauber aus". Er führte mich zum vordersten Bett:
"Schau einmal über die ganze Reihe hinweg. Siehst du etwas?" "Nein."
"Siehst du, die Kopfpolster sind alle gleich hoch; wenn du durchschaust, siehst du, daß sie haargenau ausgerichtet sind, keines steht auch nur einen halben Zentimeter vor. Und betrachte dir die Karos der Decken: sie verlaufen alle schnurgerade nach unten, keines macht eine krumme Linie. Jedes Bett hat außerdem die gleiche Höhe. Wehe, wenn eines eine kleine Vertiefung zeigt. Das gibt sofort Strafmeldungen. Früher hatten wir Blockführer, die schossen mit der Pistole über die Betten, um zu sehen, ob sie gerade ausgerichtet waren. Siehst du, wie schmal die Gänge dazwischen sind? Oben und unten wird morgens zuerst das Bett ,gebaut', der in der Mitte baut es zuletzt. Eigentlich soll alles nur mit der Hand gemacht werden, aber wir haben Latten, wir nennen sie ,Bettbügel', mit denen streichen wir die Decken gerade. Natürlich müssen wir sie vor der SS verstecken, aber ohne Bettbügel wäre es unmöglich, in den zehn Minuten, die man morgens hat, ein Bett vorschriftsmäßig zu bauen".
Jetzt sah ich ihn entgeistert an:
In zehn Minuten?"
Ja, morgen wirst du auch dein Bett so bauen, komm, ich zeige es dir jetzt, du hast Glück, es ist hinten in einer Ecke, da fällst du nicht so auf.-
Ich schaute ihn zweifelnd an; er sagte freundlich:
"Als ich nach Dachau kam, konnte ich zuerst auch kein Bett bauen, aber es ist nicht so schwer. Alles hier ist nur Bluff und ersonnen, uns zu quälen. Oft kommen sie und reißen die Betten heraus, schmeißen die Decken und Leintücher überall herum. Einer der Herren braucht bloß übler Laune zu sein oder etwas zu viel getrunken zu haben. Findet er irgendein Bett schlecht gemacht, dann wird die Nummer des Betreffenden aufgeschrieben, und er bekommt eine Meldung. Die Strafe dafür ist eine Stunde Baum."

Aber sag mal, hast du die Schuhe schon geputzt und deine Schüssel gewaschen? Nein? Dann mach schnell. Später ist keine Zeit mehr dazu, da heißt es: ,Zimmerdienst', dann muß alles in die Betten und hier und im Waschraum und im Abort wird geputzt. Nimm gleich die Bürste aus dem Spind, aber Achtung, daß du keine Flecken in den Spind machst, sonst ist der Teufel los."
Er stand auf, drückte mir die Bürste in die Hand. Ich klemmte sie unter den Arm, nahm mein Geschirr und ging in den Waschraum. Er war etwa drei bis vier Meter breit und fünf Meter lang. In der Mitte gab es zwei weiße, große, runde Becken mit einem säulenartigen Aufbau. An der linken Wand standen sieben viereckige braune Tonkästen von etwa einem halben Meter Durchmesser auf dem Boden. Über jedem dieser Behälter war ein gewöhnlicher Wasserhahn. Eine Reihe von Männern war damit beschäftigt, unter fließendem Wasser das Geschirr zu waschen, andere ihre Schuhe. Einer putzte seine Zähne, ein anderer wusch sich die Füße, und jemand war damit beschäftigt, sein Taschentuch zu waschen.

Ich sah Karl auf die Tür neben dem Waschraum zusteuern und folgte ihm. Bis dahin hatte ich noch nie so etwas wie einen Gemeinschafts-Abort ge­sehen. Der Raum mochte etwa fünf Meter lang und drei Meter breit sein. An der rechten Wand befanden sich sieben Urinbecken, an der linken standen acht Abortschüsseln. Sie waren alle besetzt. In größter Selbstverständlichkeit thronten Männer darauf. Die Fenster der Hinterwand waren geöffnet."

Auszug aus: Edgar Kupfer-Koberwitz, Die Mächtigen und die Hilflosen. Als Häftling in Dachau, Stuttgart 1957, S.54, S. 68ff.

 

Dachau 1944

"Die Aufnahme der 2500 Männer [aus dem Lager Compiegne] war in Rekordzeit erledigt. Es war noch nicht dunkel, als wir, mit unserem Gepäck versehen, wieder in Fünferreihen aufgestellt und zu einem der großen Massivbauten geführt wurden.

Knapp hundert Meter trennten uns von dem großen Gebäude. Nachdem wir in Formation angetreten waren, schritten Dolmetscher unsere Reihen ab und übermittelten uns die Aufforderung, unser Gepäck abzugeben. Andere Häftlinge banden die Gepäckstücke zusammen und kennzeichneten sie mit unseren Namen. Nur Kleider, Schuhe, Gürtel, Kamm und andere Toilettengegenstände durften wir behalten. Ich konnte mir allerdings noch das Meßbuch, das ich in Fresnes erhalten hatte, in den Schuh schmuggeln. Wir dachten natürlich, von unserem persönlichen Besitz niemals etwas wiederzusehen, aber da unterschätzten wir die peinliche Genauigkeit der Lagerbürokratie. Das Gepäck wurde in der Effektenkammer deponiert, einem riesigen Lager für die unterschiedlichsten Dinge; anschließend erfuhren wir, daß man sich mit entsprechender Genehmigung einen Gegenstand oder ein Dokument von dort holen konnte. Bei der Befreiung sollte man mir wieder meinen Koffer aushändigen, in dem sich einige Kleider zum Wechseln und meine Brieftasche befanden, der man das Geld natürlich entnommen hatte, während sie noch immer meine falsche Lebensmittelkarte enthielt.

Nachdem das Gepäck fortgebracht war, wurde uns befohlen, uns auszukleiden und nur Schuhe, Socken und Gürtel sowie die Toilettensachen zu behalten, die wir auf der Hand tragen sollten. Völlig nackt betraten wir dann das große Gebäude und befanden uns in einem riesigen Duschraum. Aus unzähligen Brauseköpfen an der Decke schoß sehr heißes, dampfendes Wasser hervor. Jeder bekam ein Stück grobe Seife. Wie gut tat diese heiße Dusche nach dem Schweiß und Schmutz der Fahrt und dem Staub der Straße und des Appellplatzes!

Ich hatte mit den »Schreibern« von der Aufnahme ein wenig reden können. Einer von ihnen hatte mir gesagt: Bemühe dich vor allem, nicht wieder auf einen »Transport« zu kommen; Dachau ist im Augenblick von allen Lagern und Kommandos das beste, es ist zu einem regelrechten »Sanatorium« geworden, also im deutschen Sinne des Wortes zu einem Erholungsheim für Privilegierte.

Jeder von uns bekam ein Handtuch aus fadenscheinigem Gewebe, das mehr schlecht als recht abtrocknete. Anschließend mußten wir erneut Gruppen bilden und vor Häftlings-Friseure treten, die mit Haarschneidemaschinen ausgestattet waren. Im Handumdrehen befreiten sie uns von unserem Kopfhaar (Fünf-Millimeter-Schnitt) und von den Schamhaaren, und sie vergaßen auch die Achselhaare nicht. Anschließend bepinselten sie uns die Achselhöhlen und die Schamgegend mit einer sehr übelriechenden Flüssigkeit auf Kresolbasis. Es brannte heftig, aber anscheinend war es sehr wirksam gegen Parasiten.

Vor dem Duschraum fanden wir nicht mehr unsere Kleider wieder, sondern statt dessen Haufen von unförmigen Lumpen. Jeder mußte sich daraus ein Hemd, eine Unterhose, eine Hose, eine Jacke und eine Kopfbedeckung hervorsuchen. Es roch nach Desinfektion. Damit es schnell ging, mußte jeder nehmen, was vor ihm lag; es waren unzusammenhängende Teile von Uniformen der jugoslawischen Armee (aber das erfuhr ich erst später); ich hatte Glück und erwischte Kleider, die mir ungefähr paßten. Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich unser Transport in eine Horde von grotesk aussehenden Landstreichern. Für die ständig wachsende Zahl der Gefangenen gab es nicht genug von der gestreiften Häftlingskleidung, die jetzt den Häftlingen Vorbehalten war, die in Kommandos außerhalb des Lagers arbeiteten. Ebenso fehlte es der Kleiderkammer an Holzschuhen, zu unserem Glück, denn so konnten wir unsere Schuhe und Socken behalten.

Anschließend bildete sich wieder der aus Fünferreihen bestehende Zug. Diesmal blieb unsere Gruppe zusammen, auf zwei aufeinanderfolgende Reihen verteilt. Häftlinge, die offensichtlich Machtfunktionen ausübten, nahmen den Transport in Empfang und teilten ihn auf zwei sogenannte Quarantäneblöcke auf. Es war dunkel geworden, aber wir waren noch immer sehr erregt. Wir betraten eine breite, rechtwinklig von dem großen Platz abzweigende Allee, die sich lang zwischen zwei Barackenreihen hinzog und von großen Pappeln gesäumt war. Ganz am Ende öffnete der Häftling, der uns in Empfang genommen hatte, ein Holztor, durch das wir in einen länglichen Hof traten, der sich zwischen zwei Baracken erstreckte. Wir hatten das Ziel der Fahrt erreicht: Wir waren im »Block« 29 angekommen. Ein Aufseher, der die Funktionen eines Blockältesten versah, befahl uns, uns auf den Boden zu setzen, und begann mit einer Ansprache, die er in einem Deutsch hielt, aus dem ich rasch die polnischen Anklänge heraushörte.

Plötzlich überfiel mich die Müdigkeit. Da die »Neuen« zum größten Teil kein Deutsch verstanden, übertönte bald Geschwätz, Geschrei und Wehklagen die Stimme des Blockältesten. Nachdem er mehrfach »Ruhe!« geschrien hatte, gab er einigen massigen Kerlen, die mit Knüppeln bewaffnet um ihn herumstanden, einen Wink. Auf die Schwätzer hagelten die Schläge nieder, und es trat Ruhe ein, untermalt von Stöhnen und Wehklagen. Ich hatte meinen Nachbarn noch rasch zugeflüstert, daß es gleich etwas setzen würde. Daraufhin schwiegen sie, und so wurde unser Abschnitt verschont.

Als es wieder ruhig war, erklärte der Blockälteste, wir seien in einem »Quarantäneblock« gelandet und würden dort drei Wochen bleiben; anschließend würden wir auf »Arbeitskommandos« verteilt. Während dieser Zeit unterstünden wir seiner Befehlsgewalt und der der Stubenältesten, die von den Stubendiensten unterstützt würden. Jedem würden ein Platz im Schlafraum und ein Spind zugewiesen. Das Wecken sei auf 4 Uhr 30, die Nachtruhe auf 21 Uhr 30 festgesetzt. Die gesunden Männer würden zu Diensten herangezogen und unter der Führung eines Stubenältesten das Essen aus der zentralen Lagerküche holen. Wenn ein Häftling einem SS-Mann begegne, habe er stillzustehen und seine Kopfbedeckung abzunehmen; wenn ein SS-Mann sich einer Stube nähere, habe der erste, der ihn bemerke, »Achtung!« zu rufen.

Tagsüber sei der Aufenthalt im Schlafraum verboten, die Häftlinge hätten entweder in der Stube, dem an den Schlafraum angrenzenden Tagesraum, zu bleiben oder sich im Hof des Blocks aufzuhalten. Es werde auf strengste Reinlichkeit gesehen; beim Betreten des Tagesraums habe der Häftling stets seine Schuhe auszuziehen. Morgens müßten die Betten nach militärischen Vorschriften gemacht werden, und wenn ein SS-Mann bei den Decken auch nur die kleinste verkehrte Falte bemerke, hätten der Stubenälteste und der Verantwortliche mit schweren Strafen zu rechnen.

Es war spät geworden, die Abendbrotzeit war längst vorüber, und so übernahmen die vier Stubenältesten das Kommando und führten uns zu unseren Betten. In den Schlafräumen standen die hölzernen Bettgestelle in drei Etagen übereinander, jedes Bett enthielt einen Strohsack und eine Decke, und das Ganze war von dem penetranten Desinfektionsgeruch durchdrungen, der das gesamte Lager beherrschte. Jeder versuchte sich ein Lager zu verschaffen, wer geschickt und schnell war oder wer Glück hatte, belegte einen Platz in der dritten Etage, wo man sich weniger bedrückt fühlte, und in der Nähe des Fensters. Von einem Bett für jeden konnte keine Rede sein, denn wir waren über zweihundert pro Stube, und es gab vierundachtzig Bettstellen.

Zu jedem Schlafraum gehörte ein Waschraum mit fließendem kalten Wasser und eine Toilette, die zehn Sitze enthielt, die nebeneinander an der Wand angebracht waren. Einige von uns hatten ein dringendes Bedürfnis und stürzten sich dorthin, um sich zu erleichtern; die Toilette war, wie alle sehr schnell begriffen, eine Insel relativen Friedens, wo man vor den Machthabern in Sicherheit war; es gehörte bald zu den merkwürdigsten und zugleich vertrautesten Bildern des Lagerlebens, daß in der Nacht fünf oder sechs Männer nebeneinander auf der Toilette saßen, ihre Bedürfnisse verrichteten und anschließend lange sitzen blieben, um eine Zigarette zu rauchen und ihre Eindrücke und Erinnerungen, ihre Ängste, ihre Hoffnungen und ihre Wut auszutauschen. Diese Augenblicke der Freiheit gewannen dadurch ein besonderes Gewicht, daß man tagsüber den Zwängen von Befehl und Gehorsam ausgeliefert war.

Diesem »letzten Salon, wo man plaudert«, trauerten wir sehr nach, als die kalte Jahreszeit diesen Gesprächen ein Ende setzte, denn die Waschräume waren ungeheizt, ebenso wie die Schlafräume, aber dort sorgten zweihundert Leiber für eine wohlige Temperatur, wenn auch die Luft kaum zum Atmen war."

Auszug aus: Joseph Rovan, Geschichten aus Dachau, München 1992, S. 48-53.

Schlafraum einer Baracke 1945
Schlafraum einer Baracke 1945

 

Belegung der Baracken 1945

Barackenbelegung am 28. April 1945

"Block 9 ist der letzte Block des »normalen« Reviers. Block 1 Operationssaal, fachärztliche Untersuchungsräume, Sekretariatsräume, prunkvolle Räume für die Besuche und Inspektionen; Block 3 Chirurgie; Blöcke 5, 7 und 9 »Innere Krankheiten«; 11 und 13 Schwindsüchtige. Daran schlossen sich normalerweise Wohnblöcke an, von den Tbc-Baracken durch vergitterte Fenster getrennt. Aber jetzt erstreckt sich von Block 15 bis 19 das Reservat der Typhuskranken. Bald wird Block 21 hinzukommen. Drei bis vier Blöcke zu je vier Stuben. In jeder Stube liegen annähernd einhundertfünfzig Typhuskranke. Eine riesige Kaserne, in der zweitausend fiebernde, angegriffene, apathische, unruhige, von Durchfall geplagte, im Krampf erstarrte Körper liegen. Die Blöcke liegen parallel hintereinander, dazwischen die Blockstraßen, jeweils durch Gitter getrennt von der Lagerstraße, der großen Hauptstraße, die regelrecht das Rückgrat des Lagers bildet und von Michelet in »Rue de la Liberte« umgetauft werden sollte. Die Blöcke und die Blockstraßen gehen also im rechten Winkel von der Lagerstraße ab. Zwischen den Blöcken 1 und 9 sind die Blockstraßen unterbrochen durch überdachte Gänge, die zwischen den Waschräumen benachbarter Blöcke verlaufen. Durch diese Anordnung konnte man die Zwischenräume zwischen den Blöcken trockenen Fußes und ohne sich der Kälte auszusetzen durchqueren. Aber ab Block 9 blieben die Revierblöcke der Schwindsüchtigen, die zu strengster Isolierung verdammt waren, und die neuen Revierblöcke der Typhuskranken durch normale, acht Meter breite Blockstraßen voneinander getrennt .... "

Joseph Rovan, Geschichten aus Dachau, München 1992, S.122.

Im Winter 1944/45  wurde das Revier schließlich bis auf Block 29 ausgedehnt, also auf die Hälfte des Häftlingslagers.